Neue Arrangements für euphorische Fans: Laith Al-Deen im MAX


Kiel – Bei "Jetzt, hier, immer" verliert Laith Al-Deen die Kontrolle. Kein Einfluss. Keine Chance. Der Konzertablauf gleitet ihm aus den Händen, und eine nicht zu stoppende Eigendynamik setzt im Publikum ein. Es singt einfach weiter, auch wenn Al-Deen bereits mit dem nächsten Song beginnen möchte. Ein inbrünstiger Gesang aus 1000 Kehlen, die den Sänger im MAX durch sein Konzert führen – und auch noch viel weiter gehen würden. Oft gleicht sich das Szenario: Intro von Gitarre oder Keyboard, Al-Deen setzt ein, Aufschreie.

Alle wollen seine Stimme aufsaugen, die sämtliche Songs trägt, ihnen äußerlich Form und innerlich Charakter verleiht. Sein weibliches Pendant, die 24-jährige Bremerin Lea Finn, gibt im Vorprogramm ihre Visitenkarte ab. Deutschsprachiger Pop in abgespeckter Akustik-Version, der nicht weh- und der Stimmung darüber hinaus ausgesprochen gut tut. Blonde Engelslocken fallen über ihre Schultern, lassen die Sängerin so unschuldig wirken im harmonischen Wohlklang. Sie begleitet die komplette Tour, das Album folgt im Februar. Ihren Namen werden wir noch öfter zu hören bekommen: Es ist bei einer Vorband schließlich nicht selbstverständlich, dass – wie bei "Hollywood" – bereits lautstark mitgesungen wird.

Der Auftakt zu den Al-Deen-Festspielen. Hälse werden gereckt angesichts der prallen Enge im MAX, auf der oberen Ebene Bierkisten und Barhocker waghalsig bestiegen, um einen Blick zu erhaschen. Ganz in schwarz gekleidet (ein Shopping-Erfolg vor kurzem), ignoriert der Mannheimer die umjubelten "Ausziehn!"-Wünsche aus dem größtenteils weiblichen Teil des Publikums.

Eine vierköpfige Begleitband umgibt ihn, die den Sound druckvoller als auf CD spielt und manches Original mit ungewohnten Arrangements aufpeppt. Zwischen Soul-Ballade (Sag mir, dass Du es bist), in Bombastrock gleitenden Ambient-Pop (Mit mir), und Disco-Funk (Noch lange nicht genug) ist alles dabei.

Selbst persische Gesangselementen aus der Konserve werden bei Damit ich wieder schlafen kann untergemischt, verstärkt durch Projektionen auf der Leinwand hinter der Bühne. Aber das reicht nicht: Die Leute wollen mehr. Mitsingen ist in manchen Momenten nicht nur ein tönender Beweis der Textkenntnis. Es scheint, als fühlten sich alle erhört, als wollten sie bei "Dein Lied" herausrufen, was der Songtext vorgibt: "Ich hoffe, du hörst mich, wenn's dich irgendwo gibt / ich hoffe, du weißt es, wenn man's irgendwo spielt: Dies ist dein Lied".

Getränkt mit Melodieseligkeit, laben sich die meisten Texte am schier unersättlichen Fundus der Liebe. Zwar schrillen da oft die Pathossirenen, doch Laith Al-Deen rechtfertigt dieses Charakteristikum, wenn es mit Überzeugung vorgetragen wird – nur wenige vor der Bühne werden ihm das nicht zugestehen. Vier Zugaben erklatscht sich die euphorisierte Masse, den Partner dicht im Arm, den Pullover um die Taille gebunden. Bilder von Dir überdauern bis in alle Zeit, bis in die Ewigkeit.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 01.11.2005 01:00

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