Listening In-Porträt: Tanzen ist nicht Pflicht


Kiel – Sie sind die festen Größen im Kieler Party-Kalender, Klassiker der städtischen Club-Kultur. Und können mit ihrer speziellen Ausrichtung auf eine treue Fangemeinde bauen. In loser Folge stellen die Kieler Szenen diese Discos vor: die Geschichte, die Konzepte und die Macher.

Wenn die nordirische Punkband The Undertones wüsste, dass es einer ihrer Songs von 1979 in Kiel zu einem so vitalen Eigenleben gebracht hat: "Listening In" steht seit zweieinhalb Jahren für allerfeinsten Indie-Pop. Und zwar in allen Facetten, von England bis Skandinavien. Die Köpfe dahinter sind Cord Altes (alias Brushhead), Peter Alwitz (La CordeNoire) und Ulrich Tasch (Bulta), die als DJ-Kombinat "North by Northwest" jeden ersten und dritten Dienstag im Monat im Luna in die Plattenkiste greifen.

"Am Anfang war es noch ganz bescheiden, aber bereits im regelmäßigen Turnus", blickt Ulrich zurück. Luna-Chef Kai Hellebrandt suchte im Zuge der neuen Programmgestaltung DJs für einen Abend im Indie/Alternative-Stil – und wurde bei seinen Freunden Cord und Ulrich aus gemeinsamen Schultagen sowie Peter fündig. Ulrich brachte bereits DJ-Erfahrung mit ins Dreigespann, sowohl aus dem damaligen Index in der Bergstraße als auch aus der Pumpe. Ein Grundsatz hat sich seit 2003 nicht verändert: "Wir haben immer noch den Anspruch, nicht an eine bestimmte Trackliste gebunden zu sein, wie es beispielsweise beim King Kong Club der Fall ist", zieht Ulrich den Vergleich zur Konkurrenz im Vinyl. "Wir wollen uns die Freiheit bewahren, das zu spielen, worauf wir in dem Moment Lust haben. Auch auf die Gefahr hin, dass dazu keiner tanzt."

Oft bestimmen Gitarrenbands das Set, unterbrochen von Stilrichtungen, die jeder zusätzlich einbringt: Cord ist für Electro-Songs zuständig, Peter legt teilweise düsteren Gothic auf, während Ulrich auch Abseitiges spielt – entweder auf Vinyl (Ulrich) oder auf CD (Cord, Peter). Über die Schubladenetiketten können sie auch nur lachen: BritPop, ScandicPop, UrbanMelancholy, Shoegazer, AntiFolk, Indie-Rock, Lo-Fi oder Electro-Clash schreit sich das, was im stetigen Wechsel von zehn Songs aufgelegt wird. Cord sammelt Veröffentlichungen von obskursten schwedischen Bands, während Peter am ehesten die Wünsche der Gäste ("also nicht nur Rammstein und Grönemeyer, sondern auch richtige Sachen!") erfüllen kann, indem er vorher Mix-CDs mit Klassikern und aktuellen Hits zusammenstellt.

Dank der Popularität von Bands wie Kettcar oder Tomte und einem Revival von Gitarrenrock steigt die Zahl des Publikums stetig. Ulrich: "Durch die Internetseite bekommen wir auch immer mehr Feedback von Plattenfirmen und Anfragen von Bands, die gerne bei unserer Veranstaltung auftreten wollten. Insofern ist {sbquo}Listening In' auch ein Forum für Live-Musik im Luna." Nach den Konzerten wird ein Stimmungsloch verhindert, indem das Publikum musikalisch sofort aufgefangen wird und nicht unvermittelt nach Hause geht. Eines der besten Beispiele dafür war die TempEau-Aftershowparty im September, als noch bis in die Morgenstunden gefeiert wurde. Doch Tanzen ist nicht Pflicht – der programmatische Name steht für ein bewusstes Zuhören. "Mir wäre am liebsten, wenn es den Lounge-Charakter behalten würde", gesteht Ulrich und verscheucht Expansionspläne.

Auch bei den Sympathen gibt's nicht immer Konsens – und das ist gut so. Beispiel Franz Ferdinand: Peter findet die Schotten extrem überschätzt ("Da kann man mich mit jagen!"), während Ulrich und Cord durchaus Gefallen daran finden. Ansonsten steht Spaß im Vordergrund, ohne finanziellen Hintergedanken. Ein Ende ist nicht abzusehen – und The Undertones können sehr froh sein über das nächste Leben ihres "Listening In".

Heute, 21 Uhr, live: Tenfold Loadstar (Hamburg), weitere Infos: www.listening-in.de

Von Henrik Drüner

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