Mense Reents türmte im Luna wahre Klangmauern auf


Ein wichtiges Utensil im Leben von Mense Reents muss der Terminkalender sein, ohne den der Hamburger wohl heillos im Organisationssumpf untergehen würde. Als gemeinsamer Nenner der Gruppierungen Stella, Egoexpress und den Goldenen Zitronen macht er abwechselnd mal Pop, House oder Polit-Rock. Als Solist unter eigenem Namen führt Reents das Beste dieser Stilwelten zusammen – so geschehen beim Konzert im Luna.

Gleich das Eröffnungsstück zeigte jedoch, dass der Radius seiner Inspirationen noch weiter zu ziehen ist und seine Sympathie für Minimal Music von Steve Reich oder Philip Glass gilt: repetierende Klangschleifen und überlagerte Tonfolgen, die sich in einem Prozess gegeneinander verschieben und sich von einem klar durchlaufenden Puls allmählich abheben. Es schien, als würden die Töne von den kleinen Spiegeln der Discokugel reflektiert, die über den Köpfen der Zuhörer ihre ruhigen Kreise drehte. Im Bühnenhintergrund liefen dazu surreale Videos mit dem Musiker als Protagonisten – es hatte etwas von "Mense im Wunderland".

Aber Reents war nicht nach Kiel gekommen, um dem Publikum ein Lullaby zu spielen. Stattdessen kündigte er an: "Ja, ich spiel' alle Hits!" und musste grinsen angesichts des Repertoires von nur einem Solo-Album Aus freien Stücken. Und wie er dort Rock und Elektronik unter einen Hut bekommt, führte auch das Programm fließend weiter in This Is The Way. Denn Mense Reents ist DJ, kennt von Egoexpress Mittel und Wege, zwei Stücke perfekt zu mischen. So nutzte er die meist instrumentale Wirkung voll aus, variierte, manipulierte und verfremdete den Klang dermaßen, dass dieser sich zu mächtigen "Walls of Sound" auftürmte. Rock-Gitarren wurden am Regler hochgedreht, gesellten sich zur stupiden 4/4-Basslinie in bester Tanzgeschwindigkeit – das im Raum verstreute Publikum wusste, was zu tun ist.

Spätestens ab dem veritablen Hit Dress Like An Albino (mit dem Text von Thies Mynther, einem weiteren All-Star von der Elbe) waren alle im Beat, während Reents mit halb offenem Mund ganz konzentriert und beinahe kontemplativ in der Musik versunken schien. Dazu eine bescheidene Geste: Einsetzenden Applaus nach einem ausklingenden Song unterdrückte er durch erneutes Einspielen der letzten Sequenz und drehte sich verlegen weg. Nach knapp einstündiger Spielzeit ging das Material aus, denn mehr Zeit bleibt neben der anderen Bandaktivität wohl nicht zum Songschreiben. Aber keine Sorge: In irgendeiner Besetzung wird Mense Reents auch zukünftig live zu hören sein.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 20.01.2005 01:00