Mia. zeigten es in der Halle400 allen Zweiflern

Vor knapp einem halben Jahr: Kieler Woche, Halle400, Mia.-Konzert vor ausverkauftem Haus. Jetzt die Clubtour als Headliner: Das Album Stille Post konnte sich in der Zwischenzeit tiefer in den Gehörgängen der Fans festsetzen, Favoriten auserkoren und die Wogen der öffentlichen Entrüstung angesichts der zwiespältigen Kampagne etwas geglättet werden. Im Vergleich dieser beiden Auftritte zeigen sich viele Parallelen, aber auch Entwicklungen - und das Gefühl, immer zwischen Theorie und Praxis differenzieren zu müssen. Das MAX ist sehr gut besucht an diesem Abend, mit einem erstaunlich hohen Frauenanteil. Nimmt man sich Mia.-Sängerin Mieze als Vorbild? Oder liegen Texte und Musik genau dem stimmigen Bereich von "nicht zu hart und doch aufrührerisch genug"? Als Vorband dürfen die Label-Kollegen von Flexevil in der Besetzung DJ, Bass und drei MCs die Luft der großen Bühnen schnuppern. Mit Deutsch-HipHop in uniformiertem Outfit sind sie in diesem Kontext nicht optimal aufgehoben, der Applaus dementsprechend freundlich, aber keineswegs begeistert.

Nach einem dramatischen Intro und weißen Lichtkegeln der Knaller: "Hallo, ihr süßen Kieler Sprotten!" Das sitzt. Denn Mieze als Conférencier meint diese Begrüßung vollkommen ernst und gibt damit gleich den Tenor des Abends vor. Von wegen "nicht nett sein wollen", wie man über die Band liest. Stattdessen soll das Publikum mit einem breiten Grinsen wieder nach Hause gehen, und die Frontfrau bemüht sich im Verlauf nach Kräften, diesen Plan einzuhalten. Mit Ingo und Andi (Gitarre), Robert (Bass) und Gunnar am Schlagzeug entsprechen Mia. auf der Bühne einer eingeschworenen Clique. Der am Knie verletzte Andi bekommt eine Extraportion Mitleid auf den Weg, es wird geschmust und geschäkert. Mieze klimpert mit ihren aufreizend glitzernden Wimpern, lässt das rosa Kleidchen wehen, tanzt und kokettiert.

Und das wirkt: Schon bei Komm mein Mädchen hat das Publikum die Hände oben, den Text auf den Lippen und die Sängerin im Blick. Denn die macht die Gute-Laune-Mieze und hält eine große Portion Liebe im rettenden Hafen bereit. Sie lässt uns teilhaben an ihren Emotionen, schafft so eine Brücke, macht uns zu Verbündeten, sucht Kontakt und wird vor allem in den ersten Reihen fündig. Ihr geheimer Fetisch, das Akkordeon, kommt beim französisch gesungenen M zum Einsatz, Ingos - Waldhorn? - bei Was es ist in der Live-Version ohne das prägnante Klavier. Songs wie Hoffnung oder Komm her zeigen die Berliner von ihrer neuen, verstärkt melodischen Seite, mal mit gepfiffenem Refrain, mal bestechend intoniert.

In den Umkleidepausen gehen die Jungs instrumental schroffer zur Sache, versprühen ohne ihre Sängerin aber auch weniger Charisma. Denn Kreisel, Ökostrom, Pro Test oder Sonne funktionieren vor allem dank Miezes Ausstrahlung im mittlerweile, na ja, mintgrünen Kleid. Das "hungrige Herz" im Bühnenhintergrund pumpt rot im Takt, fördert im pochenden Rhythmus den Lebenssaft durch die durstigen Adern. Die Feuerzeug-Zugabe nach 90 Minuten entzündet alle Zweifel. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 09.12.2004