Man singt deutsch II – Mia.

Vor über 20 Jahren rollte schon einmal eine Neue Deutsche Welle (kurz: NDW) übers Land und spülte Nena, Trio, Spliff, Ideal, Markus oder Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile scheint es eine Entwicklung zu geben, dass sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache ausdrücken und mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vorstoßen. „Die Glocke“ stellt sie in dieser Reihe vor.

„Ich will, dass sich die Lager spalten“ sang Mieze auf dem Debüt „Hieb Und Stichfest“ noch locker. Gesagt, getan: Die Konzept-Band Mia. polarisiert zur Zeit wie kaum eine andere deutsche Musikgruppe und bietet zwischen Fantum und totaler Ablehnung nur wenig Spielraum. Doch Konfrontation lässt sich in Popsongs souveräner abhandeln als in der Realität: Bei einem Solidaritätskonzert für streikende Studenten kam es zum Eklat, es flogen Eier und Tomaten auf die Bühne und Mia. mussten den Auftritt bereits nach dem ersten Stück abbrechen.
Grund für den Aufruhr ist das von der Band angekündigte Ziel, den Nationalstolz in Deutschland neu zu belegen. Die sich als politisch links verstehenden Berliner hatten dabei allerdings die Rechnung ohne die in dieser Frage sehr sensible Anhängerschaft gemacht. Fakt ist: Frontfrau Mieze und ihre Mitstreiter Gunnar (Schlagzeug), Robert (Bass), Andi (Gitarre) und Ingo (Gitarre) wissen genau um die Wirkung von kontroversen Themen und dem anschließenden medialen Aufhorchen. Auf die Interviewfrage, wie sie nicht gesehen werden wollen, kam die bewusst durchdachte Antwort: nett.

Gegründet 1998, stellte sich erst im Frühjahr 2002 durch einen Imagewechsel der große Erfolg ein, für das sich ein Kollektiv aus Label (R.O.T), Visuals und Design verantwortlich. zeigte. Das aktuelle Album „Stille Post“ propagiert erneut ein Lebensgefühl von „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“, verbreiten aber eine weniger grelle Atmosphäre und tendiert vom Electropunk der Anfangstage in Richtung Pop-Songwriting. Die Teilnahme am Grand Prix-Vorentscheid (mit „Hungriges Herz“) spricht für den Plan, möglichst breite Hörerschichten anzusprechen. Liebe und Aufstand laufen in den polternd gesungenen Texten nicht gegeneinander, sondern sind eins und schüren das Aufbegehren. Doch wenn Mieze in schwarz-rot-goldener Fahne auftritt und die Nationalfarben mit „Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach. Dein roter Mund berührt mich sacht. In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf“ (in „Was es ist“) liebevoll metaphorisch besingt, zeugt das dann von grenzenloser Naivität, Mut oder billiger Provokations- Plattitüde?
Henrik Drüner