Mia. polarisieren derzeit wie kaum eine andere deutsche Band

"Ich schüre Wut auf allen Seiten / ich will, dass sich die Lager spalten" sang Mieze, auf Krawall gebürstete Frontfrau von Mia., einst prophetisch. Seit 2002 und dem Song Verrückt vom Debüt Hieb und Stichfest mündete die Spaltung in ihre Extreme: Die Berliner Konzept-Band polarisierte in diesem Jahr wie kaum eine andere deutsche Musikgruppe und bietet zwischen Begeisterung, Skepsis und totaler Abneigung nur wenig Spielraum.
Doch Konfrontation lässt sich in Popsongs souveräner abhandeln als in der Realität: Bei einem Soli-Konzert für streikende Studenten im Januar kam es zum Eklat, Eier und Tomaten flogen und Mia. mussten den Auftritt nach dem ersten Lied abbrechen.

Grund war das von der Band angekündigte Ziel, den Nationalstolz und "die schwere Bedeutung der deutschen Farben" neu zu beleben. Die sich als politisch links verstehenden Berliner hatten aber die Rechnung ohne die sensible Anhängerschaft gemacht. Nicht nur an Berliner Wänden prangen zahllose "Mia is schlecht"-Aufkleber, einige Veranstalter sagten Konzerte ab. Fakt ist: Sängerin Mieze und ihre Mitstreiter Gunnar (Drums), Robert (Bass), Andi (Gitarre) und Ingo (Gitarre) wissen genau um die Wirkung kontroverser Themen und medialen Aufhorchens. Auf die Interviewfrage, wie sie nicht gesehen werden wollen, kam einmal die clevere Antwort: "Nett!"

Gegründet 1998, stellte sich erst im Frühjahr 2002 durch einen Imagewechsel der große Erfolg ein, für das sich ein Kollektiv aus Label (R.O.T), Designern und Image-Beratern verantwortlich zeigt. Das aktuelle Album Stille Post propagiert erneut ein Lebensgefühl von "Eigentlich sollten wir erwachsen werden", verbreitet aber eine weniger grelle Atmosphäre und tendiert vom Electropunk der Anfangstage mittlerweile eher zum Pop-Songwriting. Die Teilnahme am Grand Prix-Vorentscheid (mit Hungriges Herz) spricht dabei für den Plan, möglichst breite Hörerschichten anzusprechen. Liebe und Aufstand laufen in den polternd gesungenen Texten nicht gegeneinander, sondern sind eins und schüren das Aufbegehren.

Doch wenn Mieze in schwarz-rot-goldener Fahne auftritt und die Nationalfarben mit "Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach / dein roter Mund berührt mich sacht / in diesem Augenblick, es klickt / geht die gelbe Sonne auf" (in Was es ist) liebevoll metaphorisch besingt, zeugt das dann von grenzenloser Naivität oder billiger Provokation? Die Geister, die sie nicht rufen wollten, werden sie zumindest nicht mehr los: Ihre Kampagne wurde schon im NPD-Organ "Deutsche Stimme" lobend erwähnt und zwei Lieder auf einem Aufmarsch Rechtsextremer in Berlin-Lichtenberg gespielt.


Heute, 20 Uhr, MAX (Vorband: Flexevil)

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 07.12.2004 01:00