Nomaden am Lagerfeuer: Micatone

 

„Micatone liegt mir schon sehr am Herzen.“ Kurze Pause. „Vielleicht auch, weil ich mich da am meisten einbringen kann.“ Lisa Bassenge, Sängerin der größtenteils Berliner Band, kennt das Musizieren in verschiedenen Konstellationen und Stilrichtungen: neben Micatone auch als Namensgeberin ihres Trios, bei dem Jazzklassiker eigenständig und raffiniert interpretiert werden sowie als Mitglied des Chanson-Projekts Nylon. Jeweils mit Paul Kleber am Kontrabass: „Ohne Paul kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, Musik zu machen. Wahrscheinlich würde ich mit einem anderen Bassisten total schlecht singen.“ Ein liebes Kompliment, aber welch ein Understatement!

Das Quintett ist zu einer Einheit gewachsen, das mit dem dritten Album „Nomad Songs“ (Sonar Kollektiv/Rough Trade) beweist, wie sich Wandlungsfähigkeit positiv auf eine Produktion auswirken kann. Bassenge: „Diesmal ist es wirklich ein gemeinsames Ding. Selbst ich als Sängerin war viel öfter als sonst im Studio und hab meinen Senf zu den anderen Arrangements abgegeben. Hat richtig viel Spaß gemacht, die Platte aufzunehmen!“

Nach den Veröffentlichungen „Ninesongs“ (2001) und „Is You Is“ (2003) orientierten sich Micatone diesmal stark am 'New Acoustic Movement', also einer aufs Wesentliche reduzierten Produktion. Ähnlich wie bei den Labelkollegen Jazzanova und deren Compilation „Secret Love“ geht es vielleicht auch um das Abstreifen eines 90er-Feelings; ein intellektueller Prozess innerhalb der Band, der organische Wärme in das reife Songwriting brachte: „Es geht darum, den Kern herauszuschälen. Man könnte die Songs zumindest am Lagerfeuer spielen“, schlägt Bassenge vor und führt das Gespräch zum Albumtitel „Nomad Songs“: „Als Halb-Iranerin habe ich eine Affinität zum Nomadentum, auch, weil ich als Kind in Afghanistan eine längere Zeit mit Nomaden verbracht habe. Die Sehnsucht, einfach weiterzuziehen, kennt ja wohl jeder.“ Songs wie „Out Of The Game“, die Single „Yeah, Yeah, Yeah (That’s The Way It Goes)“ mit Gastposaunist Johannes Enders oder der Reggae-Track „Trouble Boy“ (am Mikro Demba Nabé von Seeed) drängen auf die Tanzfläche, wirken aber auch auf dem Sofa und vor allem live auf der Bühne.

Henrik Drüner