Miss Claudia & Pornorama zurück im Nachtcafé

 

Sie hat das gewisse Etwas. Eine besondere Ausstrahlung, wenn sie den Raum betritt und eine unsichtbare Aura flimmernd den Körper umgibt: Claudia von Fürstenberg, wohnhaft in Monaco, Sängerin. Im Nachtcafé dreht sie als Miss Claudia mit ihrer Band Pornorama das Rad zurück, teilweise zurück bis in die Swinging Sixties, wie geschaffen für Soullounge- und Beat-Liebhaber.

Männer wollen sie, und Frauen wollen so sein wie sie. Ein optischer Genuss, ein Fest für die Sinne. Dadurch trägt Miss C. auch etwas Divenhaftes an sich, denn eine Diva weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Doch die übrigen Attribute der Unnahbarkeit und Zickigkeit finden bei ihr keine Entsprechung – dafür macht sie einen viel zu sympathischen Eindruck, strahlen die Augen mit den weißen Zähnen zu sehr um die Wette. Unter Gejohle stolziert sie über den Laufsteg Nachtcafé, scheint zu schweben, nachdem die vier Pornoramas Dr. Koch (E-Piano, Orgel), Razz Mohammed (Saxophon, Querflöte, Percussion), Thomas Bon de Gaard (Bass) und Anders "El Rubio" Holm (Schlagzeug) den instrumentalen Auftakt "Polo Pony" bereiteten. Es ist eine formidable Begleitband aus Kopenhagen, die das verruchte Sujet bereits im Namen trägt und mit "Erotico", "Kama Sutra" und "Tango Pornographie" bewusst aus dem Brunnen der Sexualität schöpft. Alles soll Funken schlagen! Außerhalb des Publikumsfokus spielt es sich bequem, labt sich der volle Konzertraum am Groove Jazz mit hohem Easy Listening-Faktor.

Die vier Musiker nutzen vor allem in den Umkleidepausen der Frontfrau die Gelegenheit, ihre spielerischen und solistischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen: Mohammed glänzt am Saxofon mit einem exzellenten Ton und eingängigen, wenn auch nicht verschlissenen Phrasen; am Schlagzeug zeigt sich Holm unkonventionell, produziert vielfältige Beats zwischen Shuffle-Beat und jazzigem Freistil, während das Fender Rhodes mit schmatzend wabernden Akkorden den Sound auffüllt. Auch ein Verdienst des Mischers, der allen Instrumenten den nötigen Klang- und Freiraum ermöglicht. Die Cover-Version "Il Profeta" von Armando Trovajoli gerät etwas schwülstig, doch "At The Plaza", "Telephone Call" mit leichtfüßigem Cha Cha-Part, "Bon Voyage" oder "Maserati" werden zu umjubelten Ohrschmeichlern, die live wesentlich mehr Druck und Intensität als noch auf der aktuellen Platte Airport vermitteln.

Zur Pause muss die Fensterfront geschlossen werden. Warum auch immer, denn zu laut war es definitiv nicht, doch die Ordnungshüter kennen kein Pardon. So besingt Miss Claudia mit lasziver Stimme im mittlerweile vierten Outfit (bis dahin: Abendrobe, 70's Stewardess-Dress, kurzes Schwarzes) "Saint Tropez" und ihr "Marimba Heart", während vor der Bühne das Thermometer klettert. Doch ihre Drei-Wetter-Taft-Frisur hält.

Wie beim Konzert im letzten Jahr an gleicher Stelle leidet das Duett mit Tastenmann Dr. Koch unter seinen Gesangsqualitäten – er sollte es schlicht bleiben lassen. Bei "Tango Pornographie" zieht Miss Claudia ihren Drink durch den Strohhalm, während sich Razz Mohammed die Seele aus dem Leib saxt. Sind es vier, fünf oder gar sechs Minuten, in denen er sämtliche Skalen und die restlichen Sauerstoffmoleküle im Nachtcafé durch die Klappen seines Instruments gedrückt hat? Die frenetischen Zuschauer singen den Yeah Yeah Yeah-Refrain noch weiter, als die Musiker längst in den Katakomben verschwunden sind. Miss Claudia & Pornorama haben es wieder einmal geschafft, Kiel um den Finger zu wickeln.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 27.08.2005 01:00