Moneybrother in der Pumpe

 

Kiel – Er spiele eigentlich nur Liebeslieder. Langsame Liebeslieder, schnelle Liebeslieder, und ja, auch für 'midtempo-lovesongs' sei gesorgt. Moneybrother und deren Kopf Anders Wendin säen beim Konzert in der proppevollen Pumpe jegliche Facetten vom herzzerreißenden Sinnieren über Einsamkeit und Liebeskummer. Die Zuschauer suhlen sich im hymnischen Pathos, wenn der „Prince Charming“ inbrünstig nach Hinneigung fleht - und sie ihm aus vollem Herzen zugeflogen kommt.

Ganz selbstverständlich hat sich Wendin vom Sänger der Ska-Punk-Band Monster zum Indiesoulbrother gemausert. Innerhalb von drei Alben, angefeuert durch Charlotte Roche, die sein Debüt „Blood Panic“ 2004 endlos als Platte jedes Monats kürte, und Sarah Kuttner, die sich beim Nachfolger „To Die Alone“ mit Lobesreden überschlug. Wendin ist gewiss ein Frauenschwarm, der die Pumpe auch mit der Rezitation serbokroatischer Gedichte füllen würde, aber (noch) kein Superstar – sonst könnte er nicht unerkannt durch die Wartenden vor der Pumpe huschen.

Beim Tourabschluss zelebriert der Schwede mit seiner fünfköpfigen Band ekstatischen Soulpop mit Gitarrenklatsche und großen Gesten, wie ihn eben nur Anders Wendin zu einem großen Bombastknäuel zusammenstecken kann. Zuvor geben Radiopilot als Vorband ihre Visitenkarte ab. Darauf steht: Junge Berliner mit Major-Deal, deutschsprachigem Rock/Pop und ambitioniertem Songwriting suchen Zielgruppe. Sie können rockig bei „Foto von dir“, schlageresk bei „Schmetterling“, und so schnell, wie sie da sind, sind sie auch schon wieder von der Bühne, bevor eine aufreizend lange Umbaupause die Nerven strapaziert.

Die neue Moneybrother-Platte „Mount Pleasure“ ist mehr Rock’n’Roll als früher, genährt durch ein halbes Jahr, das Anders Wendin in L.A. verbrachte. Zu Beginn fegen „Just Another Summer” und „Guess Who’s Gonna Get Some Tonight” mit Breitbandsound über die Köpfe der Fans. Referenzen an Joe Strummer von The Clash, aber auch Madness und Bruce Springsteen sind nicht zu leugnen. Man hört die Bar, man hört den Schnaps, die lässige Abgebrühtheit ohne einen Funken Aufgesetztheit. Hits ohne Schablonen.

Wendin zeigt wie immer viel Brust, darüber ein glitzerndes Amulett. Er beendet die Songs mit einem Luftsprung, erklimmt einmal sogar die Bassdrum von Lars Skoglund. Doch dann ziehen Moneybrother das Tempo heraus und ersetzen es durch Soul-Intensität. Zwei Songs, drei Songs, schließlich eine Dreiviertelstunde lang. Patrik Kolar lässt die Hammond-Orgel zwitschern und das Piano perlen, Skoglund betupft die Becken, mindestens drei Kehlen erzeugen vokale Inbrunst, teilweise ins Falsett rutschend bei „Keep The Hurt At Bay“. Anders Wendin verkörpert diese ungeschliffene Unruhe, besonders im leidenschaftlichen Gesang, der immer etwas daneben liegt.

Erst „They’re Building Walls Around Us“ und „My `Lil Girl’s Straight From Heaven“ beleben mit Dynamik und Saxofon (Rockabilly Gustav Bendt) die mittlerweile erschlafften, aber beseelten Körper. „Reconsider Me” darf nicht fehlen, ebenso wenig der ausgedehnte Zugabenblock mit den Schmachthymnen „It’s Been Hurting All The Way With You, Joanna” und „Blow Him Back Into My Arms”. Hymnen, die den angenehmen Nebeneffekt ausüben, lebenslänglich im Hirn umher zu geistern.