Pink vor begeisterten Fans in der Ostseehalle



Ein musikalisches Feuerwerk zündete Pink bei ihrem Konzert in der Ostseehalle. Ein relativ kurzes, zugegeben. Doch lieber ein abwechslungsreiches Programm mit Herz als zweistündige Einerlei mit mehreren zähen Zugabeblöcken - zumal es keinesfalls ein Strohfeuer ohne große Nachwirkung blieb. Eigentlich hätte der Popstar aus dem amerikanischen Philadelphia mit "Get the party started", einem ihrer Single-Hits, beginnen müssen.

Das wäre Standard gewesen, passte Alecia Moore aber nicht in die Stimmungslage: Zu Beginn schien sie so gar nicht in Partylaune, nach eigenen Worten vielmehr "pissed off", also stocksauer. Den Magen-Darmvirus gerade auskuriert, plagten die 24-Jährige jetzt Kopfschmerzen. Eine Europa-Tour ermüdet, wenn man vergangene Woche noch auf Island, am Vorabend in Belgien und nun in Kiel Tausende von Fans glücklich stellen soll.

Pink startete stattdessen mit dem Dreierpack "Don't let me get me", "Trouble" und "God is a DJ" in den Abend, den die Vorbands Itchycoo und H-Blockx angeheizt hatten. In zerschlissener Hose, Nietengürtel, einfachem Shirt und glatten, halblangen Haaren entsprach die Protagonistin nicht dem Bild eines Pop-Stars - und doch dem der Pink. Sie macht halt, was sie für richtig empfindet, egal was andere darüber sagen oder denken. Und der Erfolg gibt ihr Recht, auch ohne das sicher leichter zu vermarktende Image einer Britney oder Christina. Sie verkörpert das Punkgirlie des Business, laut, provokant und oftmals gegen den Strom.

Die sechsköpfige Band aus zwei Keyboards, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Background-Gesang lieferte den perfekt abgestimmten Breitwand-Sound, den 4 Non Blondes-Sängerin Linda Perry und Rancid-Sänger Tim Armstrong als Produzenten im Studio geschaffen hatten. Zwischen Rhythm'n'Blues, Soul, Pop und Rock wechselten die Stile, ganz im Sinne von Pink, die als Teenie vormittags im Gospelchor sang und abends in der Punkband. Ab "Save my life" nur noch im engen Oberteil, fand sie wohl allmählich die Freude an ihrem Schaffen wieder, auch unterstützt von den ausgesprochen herzlichen und euphorischen Zuschauern in der höchstens halbvollen Ostseehalle: Nun ging sie immer wieder auf die Knie, robbte über den Bühnenboden, nahm Geschenke aus den ersten Reihen an und verteilte Küsschen an Fans und Bandmitglieder. Und die Dankbarkeit wirkte natürlich und spontan, auch weil es keine Tänzer, keine inszenierte Choreographie oder geplante Ansagen gab.

Pink versprühte diese innere und äußere Ruhe- und Rastlosigkeit, vergleichbar mit dem "Material Girl", das Madonna in den 80ern verkörperte und perfektionierte. Dass sie ein facettenreiches und stimmgewaltiges Organ besitzt, zeigte sie nicht nur bei "What's up", einer Hommage an Produzentin Perry und der Song, der ihre Nachbarn einst dazu veranlasste, wegen Lärmbelästigung die Polizei zu alarmieren. Auch im Janis Joplin-Medley - als Duett mit dem Gitarristen -, der Abgehnummer "Just like a pill" oder in der Ballade "Family Portrait" setzte Alecia Moore vokale Ausrufungszeichen.

Das Publikum war immer zur Stelle, wenn es ums Mitsingen oder -klatschen ging und honorierte den Mut, sich mit problembeladenen Themen wie der eigenen Familie und Kindheit an die Öffentlichkeit zu wenden. Nach 75 Minuten beendete "The last to know" vom aktuellen Album Try This das Konzert. Pink empfand es letztlich als "awesome" in Kiel - also eine ganz saubere Sache.

Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 17.08.2004

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