Freestyle auf die kubanische Art - Das Trio Piranya Colada im Jazz Cafe


Kiel – Kuba, Kuba, und kein Ende. Selbst im Jazz Cafe am Germaniahafen geht es zu wie in einer Bodega in Havanna. Die vom Gewitter gereinigte Luft ist erfüllt von angeregten Tischgesprächen, leichte Blusen und Röcke dominieren bei den Damen, die Herren tragen das Hemd weit aufgeknöpft. Das Trio Piranya Colada füllt den Raum mit kubanischen Klängen und Latin Jazz, so vertraut und exotisch zugleich.

Die nächste Generation des Buena Vista Social Club? Nein, die Formation mit dem unglücklich gewählten Bandnamen agiert eigenständiger, vielseitiger. Bei der italienischen Jazz-Sängerin Marinella Damiani erschöpft sich die musikalische Auseinandersetzung nicht im Herunterbeten sattsam bekannter Salsa-Seligkeit. Hier trifft afrokubanische Rhythmik auf spanische Liedtradition, werden Herkunftswege der populären Grooves erforscht und neu aufbereitet. Damiani lebt, ebenso wie Arturo Martínez Cabrera, in Barcelona und kommt für Konzerte und Workshops nach Deutschland. Cabrera, Sänger und Perkussionist, gewann mit seinem Album La Rumba Soy Yo bereits einen Latin-Grammy; er trägt das Programm mit weichem Basstimbre sowie ansteckend lebendiger Performance. Am Kontrabass legt Henry Altmann das dezente, aber wirkungsvolle Fundament der Arrangements. Im Zusammenspiel bündeln sich Erfahrung, Spiel- und Improvisationsfreude zum perfekten Sommerabend-Soundtrack.

Der Klassiker "Fever" steht beispielhaft für das Konzept von Piranya Colada: Zuerst gesittet in originalgetreuer Interpretation, bricht der Song im Verlauf in eine Latin-Version aus, die dem Rhythm'n'Blues-Sänger Little Willie John als Urheber eine Freudenträne ins Auge treiben würde. Damianis Stimme hat den nötigen Druck, um mehr Aufmerksamkeit seitens des Publikums einzufordern.

Das Fußpedal, das gewöhnlich eine Bassdrum bedient, endet bei Cabrera an einer rhythmisch und wirkungsvoll getretenen Kuhglocke. Angenehm, dass sich ohne Schlagzeug der ursprüngliche Sound, die Stimmen und Stimmung ungehindert ausbreiten können. Und das ohne geplanten Ausgang: Schon in der Pause hatte Altmann erzählt, dass man beim Sänger nie wisse, wie lang er die Stücke ausdehne. Da die Texte meist spontan verändert oder gereimt würden, schlussfolgert er, dass HipHop auf Kuba erfunden worden sein müsse. HipHop, Salsa, Jazz – bei Piranya Colada kommen alle Stile zusammen, versetzt mit dem Melancholie-Faktor, der gegen Ende des Konzerts noch ansteigt, je mehr das Tempo herausgenommen wird.

Von Henrik Drüner

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