HipHop mit individueller Note - Rainer von Vielen im Nachtcafé

 

Kiel – Beruht die Zauberkraft auf dem Leitungswasser in Krugzell im Allgäu, dem Heimatort Rainer von Vielens? Es scheint fast so, als gäbe es nichts, was der Sänger und MC nicht mit Zunge, Worten und Atemluft anstellen könnte. Ein Aufziehmännchen, das mit dem ersten Takt seines Konzerts im Nachtcafé loslegt und bis zum Schluss eine fulminante Demonstration seiner herausstechenden Kunstfertigkeiten abliefert. Sein Programm zielt zwar in die HipHop-Richtung, hat aber mit dem typischen HipHop nichts zu tun, da Rainer von Vielen die Plattitüden des Genres ablehnt. Vielmehr reizt es ihn, die Mehrdeutigkeit von Sprache auszuloten und damit zu spielen.

Texte entstehen bei ihm aus dem Fluss der Wörter. Der Reim inspiriert und bestimmt das Thema und in dem Part, der sich nicht reimt, manifestiert sich der Inhalt: ein Aufbegehren, kritisches Hinterfragen der Dinge, kurz: "Die Wahrheit". In seinem Rücken sitzt Niko Lai am Schlagzeug. Vollkommen stoisch in Bewegung und Mimik, selbst beim Ketterauchen. Doch die teils gebrochenen, teils schnurstracks geradeaus gespielten Beats kommen bei ihm unbarmherzig präzise, immer mit einer Schippe Funk im Getriebe. Es ist das frische Live-Moment zu den Konservenbeigaben aus Gitarren, Slap-Bass oder bewusst eingeflochtenen Störgeräuschen. Auch Rainer von Vielen werkelt nicht nur mit dem Stimmorgan als Human-Beat-Box, sondern setzt Akzente an Mundharmonika, Schifferklavier und Keyboard – und mit dem AirFX, einem unscheinbaren Effektgerät, das mit Infrarot funktioniert und durch Handbewegungen den Klang moduliert. Sogar Scratch-Bewegungen können täuschend echt in die entsprechenden Geräusche umgesetzt werden. Ein absoluter Hingucker auf der Bühne!

Zuschauer? Zu wenige, wie so oft. "Manche Leute wachen erst auf, wenn sie einschlafen sind", besingt Rainer von Vielen diese Trägheit und Berührungsangst in einem Song. Doch diejenigen, die gekommen sind, honorieren die außergewöhnliche und außergewöhnlich gute Show. Schon nach kurzer Zeit ist die Zurückhaltung im Publikum einer tanzenden und jubelnden Menge gewichen. Ein Kieler Freestyle-MC holt sich Sonderapplaus für einen spontanen Auftritt. "Ich bin Zivi und betrunken." Beides nicht schlimm, solange er weiterhin so rappt. Rainer von Vielens Trumpfass liegt im Kehlgesang, der an tibetische Mönche erinnert und gleich zu Beginn in den Bann zieht. Obertoniges Flirren und ein Brummen, das auch aus einem Didgeridoo gequollen kommen könnte.

Damit verleiht er den Crossover-Stücken, die beinahe an Rage Against The Machine erinnern, eine angenehme Rauheit und kann zudem Texte in Dialogform vortragen. So, als würde ein DJ sämtliche Regler in beide Extreme drehen, stimuliert er seine Stimmbänder – beziehungsweise das, was von ihnen noch übrig geblieben sein dürfte. Es ist der letzte Tour-Tag, da lässt man gerne eine Rakete starten. "Mir ist, als hätt' ich Ballast abgeworfen, und gestern hing ich selbst noch dran" passt auch hier eine entsprechende Textstelle. Der lautstark geforderte Zugabenblock wird ausgeweitet, in dem Rainer von Vielen noch einmal sämtliche Talente bündelt. Im Publikum werden derweil Pläne für eine Pilgerfahrt nach Krugzell geschmiedet.

Von Henrik Drüner

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