[re:jazz]

 

Es sah alles nach einem einmaligen Projekt aus: Anlässlich der 100. Veröffentlichung planten die beiden INFRACom!-Köpfe Jan Hagenkötter und Namé Leonhard-Vaughn vor zwei Jahren, einige der elektronischen Favoriten aus dem Label-Katalog als Jazzversionen zu erneuern. [re:jazz] war geboren, Matthias Vogt zum hauptverantwortlichen Arrangeur auserkoren. Doch das ursprüngliche Konzept hat sich mittlerweile verselbstständigt – zu groß die Auswirkungen des Debüts und des anschließenden (re:mix)-Albums, zu enthusiastisch die Reaktionen von Kritikern, Hörern und Musikern. So darf mit „Point Of View“ (INFRACom!/Sony) ein weiteres Kapitel der [re:jazz]-Erfolgsstory geschrieben werden.

„Zu Beginn hatte es noch einen starken Projekt-Charakter“ bestätigt auch Pianist, DJ und Produzent Matthias Vogt die Vermutung. „Ich war von einem Album und ein oder zwei Live-Gigs ausgegangen. Mittlerweile bin ich jedoch mit Herz und Seele dabei, zumal es uns auch als Band zusammengeschweißt hat.“ Die Band, das sind zum einen Andreas Manns (Bass) und Volker Schmidt (Schlagzeug), die sich als Matthias Vogt Trio bereits seit 1998 aus Studiumstagen kennen und eine kongeniale Einheit bilden. Für Konzerte wird [re:jazz] mit Gesang (Inga Lühning), Saxofon (Oliver Leicht), Gitarre (Hanno Busch) sowie Percussion (Heiko Himmighoffen) aber noch zu einer siebenköpfigen Band erweitert. Eine kontinuierliche Arbeitssituation gerät somit zu einem organisatorischen Schwerstakt: „Die Musiker kommen aus völlig verschiedenen Städten und Regionen, so dass eine Probe oft erst kurz vor dem Auftritt möglich ist.“

Steht das Matthias Vogt Trio also gleichbedeutend mit [re:jazz]? „Ein klares Jein! Einerseits ist das Trio die Keimzelle des Ganzen. Erst hab ich eine lose Idee bei mir im Kopf, die ich dann am Klavier umsetze. In der Triobesetzung siebt ein Filtersystem die Ideen, woraufhin die Arrangements entstehen. Wir sind somit die Essenz. Andererseits wird [re:jazz] aber erst durch die vielen anderen Musiker zu dem, was es ist.“ 23 sind es insgesamt, die sich im Frankfurter „Art of June“-Studio an „Point Of View“ beteiligten: neben den Gastsängerinnen Lisa Bassenge, Ultra Naté, Viktoria Tolstoy oder Jhelisa Anderson auch weitere illustre Herrschaften wie Nils Petter Molvaer, Nils Wogram oder Thomas Siffling. Sie alle tragen dazu bei, dass die Clubhits auf dem zweiten Album außerordentlich geschmackvoll, raffiniert und doch unverkrampft in die Welt des akustischen Jazz transportiert werden.

Während beim Debütalbum zum Jubiläum noch ausschließlich der labeleigene Katalog geplündert wurde, weitete sich der Kreis potenzieller Kandidaten diesmal erheblich aus. Beim Blick über den Tellerrand - mal näher bei befreundeten Plattenfirmen wie Compost (Trüby Trio) oder Stereo Deluxe (Mo’ Horizons), mal weiter bei den Interpretationen von Soul II Soul oder Goldie – gab es die entsprechend vielfältigen Diskussionen. „Die Liste der möglichen Songs haben Jan, Namé und ich gemeinsam erstellt. INFRACom! übernimmt viele Entscheidungen bei der Entstehung und Durchführung und fungiert auch als 'Executive Producer'– da hat jeder seine eigene Meinung ins Spiel gebracht“ erinnert sich der 34-jährige Vogt, der eine abgeschlossene Ausbildung als Kirchenmusiker vorweisen kann. Doch dieses Feld liegt - begünstigt durch eine Glaubenskrise - seit 16 Jahren brach: „Mit 18 fing ich an, intensiv als DJ aufzulegen. Da musste ich mich entscheiden, ob ich Samstag nachts in Clubs oder Sonntag morgens in der Kirche spielen wollte.“ Schmunzeln in der Leitung – zumal der Frankfurter alleine in Anbetracht von [re:jazz] absolut die richtige Wahl getroffen hat.

Mit dem Gespür für einen warmen Ton und eine ausgewogene Instrumentierung glänzen die 13 Lieblingslieder von so unterschiedlichen Interpreten wie Air („All I Need“), Ultra Naté („Twisted“) oder Jazzanova („That Night“) in einem neuen Licht, einem eigenen Blickwinkel, wie es auch der Albumtitel vorgibt. Die Melodie des Originals kann mitgesungen werden, doch es ist bei jedem der Songs mehr als nur eine Cover-Version. Vielmehr zollt [re:jazz] höchsten Tribut bei gleichzeitiger Respektlosigkeit vor gewagten Eingriffen. Ein guter Song bleibt ein guter Song, egal, wie oft man ihn schon gehört hat. Diesen Standpunkt unterstreicht besonders „Push Push“: der Souljazz-Groove mit Saxofon und dem beseelten Gesang von Onejiru (u.a. Turtle Bay Country Club) macht den Elektro-Dub von Rockers Hifi vergessen.

Das Vorgehen im Studio? „Wir haben es zwei Wochen gemietet und alles kompakt bei Heinz Hess aufgenommen. Anschließend kam beinahe Wehmut auf, wenn man daran dachte, welche Wunschgaststars sich die Klinke in die Hand gegeben haben. Bei mehreren Songs pro Tag rauchte anschließend schon der Kopf! Zum Glück gab es im Vorfeld bereits Probeaufnahmen für erste Absprachen bezüglich des Arrangements – auch wenn es in manchen Fällen dann doch spontan umgestellt wurde. Jeden Tag eine Begegnung mit jemandem, den man schon immer kennen lernen wollte: eine harte, aber gleichzeitig auch spannende und kreative Zeit.“ Nach dem tragischen Tod von Namé Leonhard-Vaughn im April dieses Jahres gilt die Widmung dem Motor, wenn nicht sogar Miterfinder von [re:jazz]. Matthias Vogt: „Ich wünschte, er könnte das Album noch hören, denn ich glaube, es würde ihm richtig gut gefallen.“ Ganz bestimmt sogar. Henrik Drüner