Friedliche Teufelsaustreibung: Reverend Vince Anderson predigte in der Schaubude


"Satan has left the building", ruft Reverend Vince Anderson erleichtert. Hebt die Arme gen Himmel, das Hemd hängt seitlich aus der Hose. Die Arbeit im Auftrag des Herrn ist schweißtreibend wie der Rhythmus, den der New Yorker anschlägt. Ein Mann, seine Stimme und ein Keyboard. In der Schaubude reicht das aus, um ein Konzert in einen Gottesdienst der besonderen Art zu verwandeln.

Für einen Montagabend und "Dirty Gospel"-Programm ist die Gemeinde sehr zahlreich erschienen. Vielleicht liegt es am Zusatz des Verwegenen, des Dreckigen und dadurch irgendwie Interessanten, weil anders als normal. Vielleicht liegt es aber auch an der "Punkrock-City" Kiel selbst, weil an der Förde besonders viel Bedarf an Seelenreinigung besteht. Alles Spekulation. Gleich im Opener "My Way" zeigt Vince Anderson seine ganze Klasse, steigert sich in seinen himmlischen Vortrag mit irdischem Enthusiasmus hinein. Das Textbuch liegt bereit für die Stichworte seiner (Moral-)Predigt, doch bis auf einige flüchtige Blicke zieht er die Sache frei Hand durch. Im Gegensatz zu all den TV-Predigern in den USA will Anderson auch niemanden bekehren. "Ich möchte, dass die Leute sich einen Moment lang verlieren, dass sie etwas erfahren, das größer ist als sie selbst."

Gedrungen wirkt er, mit Anzug und Schlips, mit Bart und schmalem Zopf. Je nach Genre lotet seine Stimme die Extreme aus: Bei ruhiger Klavierbegleitung hat sie etwas von Joe Cocker, bei wuchtigen Orgel-Akkorden jedoch kommt der Reverend dem viel zitierten Vergleich zu Tom Waits sehr nahe. Wenn er nicht singt, geht er ein Stück vom Mikro weg, beugt sich nach vorne und schlägt mit dem Kopf beinahe auf die Tasten, die er mit seinen fleischigen Fingern elegant bearbeitet. Und er kann spielen, richtig gut. Ob Rhythm & Blues, Soul oder Rock – das Klavierstudium in der Vita scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Der glockige Klang des Keyboards bringt ein feierliches und pathetisches Moment, das der Sache durchaus angemessen ist.

Voller Inbrunst schreit er "Satan hates me!", bindet die Zuschauer mit ein, die sich animierfreudig zeigen: Wohlwollend bis frenetisch wird mitgesungen, geklatscht, lauthals kommentiert. Eine friedliche Teufelsaustreibung, mit der beruhigenden Erkenntnis, dass Satan anscheinend auch Kiel hasst. Zwischen den Songs erzählt Anderson so manche Anekdote, die er – wie im klassischen Rezitativ – mit Akkorden unterfüttert: von dem kühlen Bad in der "East Sea" am Vortag und seiner Angst vor Quallen, der scheinheiligen Religiosität des amerikanischen Präsidenten oder dem Wunsch, zum nächsten Papst gewählt zu werden. Derart unterhalten, vermisst man auch nicht seine Backing Band "Love Choir", die in Brooklyn geblieben ist.

Beinahe zwei Stunden bleibt der Reverend auf der imaginären Kanzel, mischt Entertainment und Religion, Eigenkompositionen und Coverversionen von Bob Dylan ("Gotta Serve Somebody" und "A Hard Rain Is Gonna Fall") oder ABBA ("Dancing Queen"). Skurril und auch für Atheisten ein musikalischer Spaß. Es reicht ein Reverend mit dem festen Glauben, dass die Erlösung ein Konzert lang im Rhythmus der Wirklichkeit liegt.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 03.08.2005 01:00