Roger Cicero & Band schufen die perfekte Untermalung für einen Sommerabend

 

Ein Sommerabend wie aus dem Bilderbuch: Mann und Frau haben es sich bequem gemacht, das mitgebrachte Sitzkissen polstert die harten Betonstufen, ein lauer Seewind streift über die Südspitze der Hörn. Was noch? Genau, die musikalische Untermalung. Soulsänger Roger Cicero war aus Hamburg gekommen, im Schlepptau seine erlesen rekrutierte Band. Mit teilweise neu arrangierten Versionen bewährter Songklassiker ließ er im zweiteiligen Programm auf der Wasserbühne keine Zweifel an seiner Sangeskunst aufkommen.

Denn Cicero ist nicht das männliche Pendant zu all den Wundersängerinnen, die in der letzten Zeit aus dem Boden schießen: Als Sohn des bekannten Jazzpianisten Eugen Cicero wuchs er mit Musik auf, absolvierte das Studium in den Fächern Jazzgesang und Klavier und ist seit längerem mit der Formation Soulounge in der Erfolgsspur.

Auch in diesem Quintett dominiert sauber gespielter Soul-Funk, brillant in der Klangfarbe, professionell in der Umsetzung. Auf dem satten Unterbau der eingeschworenen Rhythmusabteilung mit Schlagzeuger Bela Brauckmann und Arnd Geise am Bass konnten sich die Melodiker Roland Cabezas (Gitarre) und Simon Grey (E-Piano, Keyboard) sowohl rhythmisch als auch solistisch austoben. Sie bildeten den musikalischen Rahmen für Sänger Roger Cicero, der scheinbar mühelos die Zuhörer mit seinem beeindruckenden Stimmumfang begeisterte.

Vom klaren und außergewöhnlichen Falsett-Gesang bis zum warmen, tiefen Timbre kostete er den Soul voll aus. Symptomatisch für das Programm wirkte Bill Withers "Kissing My Love": Cicero ist ebenfalls ein Weißbrot, das nicht nur als ausdrucksstarker Soul-Man, sondern auch als hingebungsvoller Balladensänger und mitreißender Scatter eine gute Figur macht – ausdrucksstark und dennoch spielerisch.

Klar, Abstriche waren zu machen, wenn manchmal das verzweiflungsvolle Moment fehlte, um die Seele des Soul wirklich auszuleben. Dafür schien der Sound zu geglättet und die Laune zu gut: Alle fünf hatten sichtlich Spaß an der Sache, vor allem Brauckmann grinste während des vollen Spielzeit übers ganze Gesicht. Darüber beschweren? Nein. Bei "How Sweet It Is (To Be Loved By You)" von Marvin Gaye wagte sich Roger Cicero an die Koryphäe des Genres heran – und bestand den Test. Besonders die Passagen, in denen er seine Falsettstimme mit Nachdruck belegte, entwickelte sich ein sehr intensives, eindringliches Timbre.

Die Paare im Publikum kuschelten sich trotz der milden Temperaturen noch enger aneinander, wippten mit den Füßen, den Refrain auf den Lippen. Jazziges, südamerikanisches Flair brachte die Vokal-Fassung von Chick Coreas "Spain". Während Cabezas stilvoll auf der Akustischen zupfte, vermochte es der Sänger, die Instrumente vokal zu vertonen, wand sich in allen Nuancen des Scat-Gesangs. Verspielte, ausgedehnte Versionen, in denen die Songs Zeit zum Atmen fanden. Wie geschaffen für einen Sommerabend wie aus dem Bilderbuch.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 23.08.2005 01:00