KN-Interview mit dem Jazz-Musiker Roger Cicero: "Bin halt ein großer Ratpack-Fan"

 

Bei Roger Cicero geht es momentan verstärkt um Männersachen, so der Titel seines aktuellen Albums, das in den Charts klettert. Der studierte Soulsänger aus Hamburg schlägt dabei eine neue Stilrichtung ein: eleganter Swing mit deutschen Texten im kräftigen Big Band-Sound. Nicht nur die aktuelle "Single Zieh die Schuh" aus dürfte dabei wohlwollendes Schmunzeln auf allen Seiten des Geschlechterkampfes hervorrufen.

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Was denkst du beim Blick auf die Charts?

Da ist jetzt eine Plattform, die mir so bisher noch nicht geboten wurde. An einen Erfolg hatten wir geglaubt, aber die Art und Weise ist schon verblüffend. Ich will aber die Zeit davor (mit Soulounge oder After Hours, Anm.d.Red.) nicht missen. Das war zwar teilweise sehr anstrengend, vor allem die Arbeit auf Tour, doch es ging immer um die Musik. Insofern beneide ich Leute überhaupt nicht, die das schon in frühen Jahren haben und eine Abkürzung nehmen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

An der Umsetzung waren nur Leute aus meinem direkten Umfeld beteiligt. Die Arrangements kommen von Pianist Lutz Krajenski, die Rhythmusgruppe übernehmen meine langjährigen Kollegen von After Hours. Da steckt viel Know-how hinter! Wir wollten nicht in die große Frank-Sinatra-Kiste gucken, sondern uns stattdessen bewusst von einer reinen Imitation distanzieren – mit einer Ausnahme, der Interpretation von Fly Me To The Moon.

Aber das Swing-Revival kommt dir nicht ungelegen...

Klar kommt mir entgegen, dass Robbie Williams sein Swing When You Are Winning-Album veröffentlichte. Bin halt ein großer Ratpack-Fan, der die Musik schon lange macht und auch privat sehr gern hört. Schön, dass es ein großes Publikum nun zu schätzen weiß - zumindest bei mir war Swing immer aktuell.

Wo siehst du Unterschiede im Songwriting?

Es ist eine enorme Energie, die von einer Bigband ausgeht. Als Sänger hat man weniger Freiheiten, und man muss genau wissen, wann man singen darf. Ansonsten wird man weggeblasen! Mein Gesang entspricht technisch überhaupt nicht einem Swing-Stil, da ich eher vom Jazz und Soul beeinflusst wurde. Ich interpretiere die Songs ja auch nicht als der klassische Crooner à la Michael Bublé.

Du fühlst dich nicht als neue Ratpack-Epigone?

Ne, gar nicht...da fehlten ja ohnehin zwei. Frank Sinatra ist ein großartiger Sänger, den ich erst in meiner Studienzeit richtig kennen lernte, vor allem Sinatra At The Sands von 1966. Soulsänger wie Stevie Wonder, Al Jarreau, George Benson oder Al Green haben mich jedoch eher beeindruckt und stilistisch beeinflusst. Das sind meine Helden.

Ist es ein Problem für dich, keine eigenen Texte wiederzugeben?

Überhaupt nicht. Mit Frank (Ramond, der bereits für Annett Louisan die Texte schrieb, Anm.d.Red.) war es zudem eine ziemlich enge Zusammenarbeit. Frank hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, dass ich schon manches Mal überlegte, wo die Mikrofone in meiner Wohnung versteckt sind.

Ist der Privatmensch Roger Cicero eher Macho oder Softie?

(lacht) Ich glaube, beide Seiten sind in jedem Mann vorhanden. Wir spielen auf der CD mit diesem Geschlechterkampf, übertreiben es auch gerne in beide Richtungen, um das Augenzwinkern umso deutlicher zu machen.

Konzert: 18. August, Fliegende Bauten (HH); eine Tour mit Terminen in Norddeutschland folgt Ende November.


Das Interview führte Henrik Drüner

http://www.kn-online.de/news/pdf/?id=1901857