Sam Ragga Band ließ das Pulikum im MAX im Reggae-Rhythmus schunkeln



Zuerst sah alles nach einem "Stell dir vor, die Sam Ragga Band spielt in Kiel, und kaum einer geht hin"-Abend aus. Einige Dutzend lungerten im hinteren Bar-Bereich des MAX herum, beinahe peinlich verlegen, sich für das Konzert der Hamburger Dancehall-Popper entschieden zu haben. Doch letztendlich kam alles wieder ganz anders, so dass keiner der Anwesenden sein Kommen bereuen musste - im Gegenteil. Dem Yalla Yalla Movement oblag zuvor noch die ungeliebte Aufgabe des Anheizers. Mit eingängigen Songs aus dem Reggae/Dub/Dancehall-Repertoire versuchte das dreiköpfige Soundsystem aus Oldenburg, wenigstens einige wenige vor die Bühne zu locken - vergebens. Auch den souverän freestylenden Aufforderungen des MCs wurde nicht Folge geleistet, bis sich beim letzten Song plötzlich die Tanzfläche füllte.

Wohlwollend nahm die Sam Ragga Band anschließend die Stimmungssteigerung auf - wahrscheinlich ohne das Wissen, dass ein Großteil der Zuschauer mittlerweile per Handy überzeugt worden war, bei diesem tollen Konzert doch dabei sein zu müssen. Trotz des Tour-Auftakts zeigten die Hamburger bereits ein fast beängstigend professionelles Zusammenspiel, begünstigt durch einen ausgewogenen Sound, der trotz der großen Zahl an Musikern auf der Bühne überhaupt nicht breiig aus den Boxen rollte.

Marc Wilkes (Gitarre), Alexander Busse (Bass), Oliver Kusterer (Keyboard), Hartmut Karez (Schlagzeug) und Detlef von Boetticher (Perkussion) hielten ihre Positionen im Koordinatensystem der Band und bewiesen, dass sie trotz der Emanzipation als eigenständige Formation auch weiterhin perfekt zusammenspielen können. Nutznießer waren die Vokalisten: Sowohl Seanie T., Jessica McIntyre als auch Esther Cowens begeisterten solo, im Duett und als Harmoniestütze im Background. Letztere bestach mit einer kräftigen, beseelten Stimme bei In The Maze oder Dry Your Eyes, McIntyre eher mit zarteren Nuancen und einer fantastischen Version des Dawn Penn-Klassikers You Don't Love Me (No, No, No). Seanie T. markierte den sympathischen Entertainer, der auch inmitten der tanzenden Zuschauer sang und "love, peace & unity", die drei Pfeiler im Reggae-Kosmos, propagierte.

Von Boettichers Percussion-Schläge lockerten zusätzlich das unaufgeregt gespielte, aber ungemein präzise Spiel von Hartmut Karez auf, geerdet vom antreibenden Tieftöner. Sam Ragga Band steht schließlich für akzentuierten Schunkel-Rhythmus und entspanntes Popo-Wackeln. Zugaben? Na klar. Im Fluss aus Percussion-Solo und Zuschauerklatschen erwuchs Get Up, Stand Up in einer improvisierten Fassung. Man wünscht der Band eine erfolgreiche Tour und immer guten Handy-Empfang.

Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 09.10.2004

http://www.kn-online.de/news/archiv/?id=1506947