Schandmaul in der Halle400

 

Barbara und Klaus Mustermann rümpfen die Nase, wenn sie den Bandnamen lesen, die schwarz gewandeten Fans sehen, Songs wie „Teufelsweib“ oder „Tyrann“ hören. Schandmaul hingegen genießen diesen Status. Und die Anhängerschaft hält zusammen „Wie Pech und Schwefel“ - so der Titel der aktuellen CD -, gestärkt durch Nonkonformismus, geeint im Anti-Mustermann-Dasein. Teilweise aus Hannover kommen sie zum Konzert in die Halle400, um ein Aushängeschild der Szene live zu erleben.

Die Mischung aus Fantasy-Spektakel, Mittelalter und Folk zieht - 1100 zahlende Zuschauer sprechen eine deutliche Sprache. Gaukler, Hofdamen, Mascara-Herren, Ritter in Kettenhemden, Rüschenkleider...ein gar lustig’ Völkchen hat sich versammelt! „Sie sind frei wie Vögel, vogelfrei“ heißt es in einem Refrain der bayrischen Formation – und alle können sich damit identifizieren. Die Vorband Julia aus Wien kämpft mit harten Rock-Bandagen, bekommt aber die Vorfreude auf den Hauptact positiv zu spüren. „Beautiful“, der offizielle Titelsong zur Eishockey-WM vor der eigenen Haustür, bringt sie zur Kieler Woche mit den Gleichgesinnten 4Lyn wieder an die Förde. Verzichtbar.

Schandmaul dagegen bauen ihr Songwriting auf traditionellem Liedgut aus folkloristischen Überlieferungen, verpackt in ein Gewand aus Mittelalter-Romantik, Deutsch-Pop und Punkrock. Auch das Instrumentarium setzt sich aus einer Mischung von modern und mittelalterlich zusammen: Martin Duckstein (Gitarre) und Matthias Richter (Bass) thronen erhöht als Pfeiler links und rechts der Bühne, bilden mit Stefan Brunner am Schlagzeug die gewöhnliche und solide spielende Rockbesetzung. Anna Katharina Kränzlein und Birgit Muggenthaler spannen den Bogen zur Historie, bearbeiten virtuos Geige, Drehleier, Flöte, Dudelsack und Schalmei. Zugewinn: eine neue Klangfarbe, ein eingängiges Thema, eine wiederkehrende Melodie, ein frischer Geruch im Schandmaul.

Im Zentrum der Band steht jedoch Zeremonienmeister Thomas Lindner, ein freundlicher Typ mit Akustikgitarre und einer sonoren, Vertrauen erweckenden Singstimme, dem im Kontrast dazu Worte wie „Oh, oh, oh, sie ist des Teufels Weib“ über die Lippen kommen. Die Texte handeln von Drachentötern, Geisterschiffen, Natursphäre und heidnischen Ritualen, schlagen die Brücke von der fiktiven Welt zum Hier und Jetzt. Lindner verkörpert so den Märchenonkel für Erwachsene, für „Herr der Ringe“-Sympathisanten, die bei „Die goldene Kette“ und „Herren der Winde“ mitgrölen und die Halle400 in einen, nun ja, Hexenkessel verwandeln. Auf der Bühne Drehkreisel und höfisches Gebaren, davor Veitstanzende bei „Walpurgisnacht“ oder „Hexentanz“, mit Wasserflaschen vor dem Kollaps bewahrt.

„Letzter Tanz“ thematisiert den finalen Kampf des schwarzen Ritters gegen den Edelmann um die Gunst des Königs liebster Tochter. Der Ritter siegt überlegen, doch er verkörpert den Tod und will die Prinzessin heimholen. Ganz im Sinne von Schandmaul, die triumphal verabschiedet werden.