Silvestertour durch Kiel

Zwischen Böllerzischeln und Drum'n'Bass: Moin 2006!



Kiel – Ob am Alten Markt, in der Pumpe, im Nachtcafé oder im Ostseekai-Terminal, ob in der Schaubude oder im Luna Club: In fast allen Kieler Bars, Discos und noch vielen anderen Räumlichkeiten wurde in der Silvesternacht abgefeiert. Die Szenen haben sich ins Getümmel gestürzt, einigen Partys einen Besuch abgestattet – und bis zum Ende des Energieakkus Eindrücke gesammelt. Drei...zwei...eins...nein, nicht nur meins: Unser aller neues Jahr ist soeben angebrochen.

Sektkorken knallen mit Raketen und Böllern um die Wette, man liegt sich in den Armen, die Schiffshörner setzen auf der Förde das akustische Signal: Tschüs 2005, moin 2006! Unglücklich, dass der Feiertag auf den Sonntag fällt und somit sehr arbeitgeberfreundlich am Montag der Wecker zur gewohnten Zeit klingelt. So bleibt nur wenig Zeit, um den Dröhnkopf zu kurieren – doch daran denken sicher nur sehr wenige in diesem Moment. Kiel verwandelt sich am Silvesterabend in eine große Partymeile. In nahezu jeder Bar, Disco oder sonstigen Räumlichkeit kann entsprechend ins neue Jahr gerutscht und abgefeiert werden. Die Szenen haben sich ins Getümmel gestürzt und einigen der Veranstaltungen einen Besuch abgestattet.

Richtiges Schmuddelwetter herrscht zur Jahreswende. Aus Schnee wird Regen, aus der Radstrecke durch die gesamte Holtenauer Straße eine Spießrutenfahrt, wenn Böller bedrohlich nahe links und rechts zischeln, Lunte fressen – und explodieren. Fluchend kommt der Gedanke an Walter Kempowskis Buchtitel "Uns geht's ja noch gold", denn das Geld sitzt scheinbar noch locker für diesen lauten und im Grunde zweifelhaften Spaß. Egal, überlebt.

Pünktlich um zwölf Uhr lässt Barry Künzel an der Straße eine Rakete in den Kieler Nachthimmel steigen. Leuchtend rot ergießt sie sich über dem Musiker, der sich bereits überregional einen Namen in der Soul/Funk/HipHop-Szene gemacht hat. Der Schlagzeuger verbindet mit dem Jahr 2006 vor allem die Veröffentlichung seines nächsten Albums – und die Hoffnung auf gute Resonanz. Fotograf und Schreiber machen sich auf den Weg zur ersten Station, dem Prinz Willy. Uns empfängt ein Schild: "Liebe Gäste, wir wünschen Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr." Wir sagen brav "Dankeschön", stehen aber vor verschlossener Tür.

Also gleich weiter zum Alten Markt. Henning "Der Gastronomische" Franz erzählt, dass man um Mitternacht nur die Glocken der St. Nikolai-Kirche gehört habe: "Alles war total vernebelt von den Knallern. Eine super Party!" Jetzt, kurz nach ein Uhr, spielt der Diskjockey "Lambada" oder Gipsy Kings' Volare. Einige Paare schwofen über die Fläche, andere stützen sich gegenseitig, aber die ganz große Sause ist hier schon vorbei.

Ganz anders in der Pumpe, drei bis vier Böllerwürfe weiter: Nach dem Motto "Wir holen den Sommer in den Winter" rocken im Saal Tequila & the Sunrise Gang im Zeichen der Palme. Gleich neun Musiker wirbeln auf der Bühne und treffen mit ihrem Mix aus Reggae, Ska und Punkrock anscheinend genau den Nerv; sozusagen die richtige Band am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Das teilweise recht junge Publikum singt lauthals die Texte von René Unger mit, springt im Pulk auf und ab – und der Alkoholpegel tut sein Übriges, so dass hier beinahe alle Dämme brechen. Übrigens: Auch die Kieler Band war im Studio, um demnächst ihr erstes Album unters Volk zu bringen. Im Untergeschoss, dem roten Salon, versucht DJ Greq die wenigen Tänzer mit Techno und House bei Laune zu halten. Doch die Stimmung ist vergleichsweise nüchtern.

Um 1.30 Uhr ziehen wir weiter zum Nachtcafé in der Eggerstedtstraße. Chef Lutz Lueck legt höchstpersönlich Hand an die Platten, beschallt die Tanzfläche mit Seeed: Aufstehn und Bob Marleys Jamming, Funky Cold Medina oder Kiss. Bewährte Klassiker, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlen. Oli sitzt derweil am Tresen, etwas unschlüssig. Eigentlich wollte er ins Kasino, doch das hat heute geschlossen. In feinster Garderobe sucht er im Kieler Express nach einer passenden Feieralternative. Nicht auffallen würde er im Norwegenterminal, wo der Silvesterball mit der Live-Band Albatross seine Formvollendung findet. Aber nein, eher nicht.

Um zwei Uhr bewegen wir uns zu Fuß in Richtung Ostseekai-Terminal. Vielleicht etwas zu früh, wie die Schlange beweist, die sich uns beim Ausgang entgegenschlängelt, als wir wieder gehen wollen. "BassBus - Silvester Bash" spricht die Nachtschwärmer an, die im weitläufigen Terminal gleichzeitig zu knüppelhartem Drum'n'Bass und Reggae-Dancehall vom Catchy Record Soundsystem tanzen können. Eine liebevolle Deko und kunstvolle Videoprojektionen beleben das eher kühle Interieur einer Schiffsreisen-Abfertigungshalle. Überhaupt fällt auf, dass viele Veranstalter mehrere Stilrichtungen im Angebot haben, um ein weiter gestreutes Publikum zu locken. Plausibel – und in den meisten Fällen auch erfolgreich.

So eine Vielfalt kann sich die Schaubude angesichts ihrer Größe nicht erlauben. Hase hat stattdessen in der "Funky Garage" aufgeräumt und so manch schöne Platte zum Vorschein geholt. Die Stimmung ist top, die Bude voll, Sandra rotiert hinterm Tresen. Es gibt sogar Augenzeugen, die Buden-König Hatto Reimer bei einem Lächeln erwischt haben – Silvester ist nichts unmöglich.

Als letzten Anlaufpunkt in dieser Nacht hat der Luna Club das "Limit 2005" gesetzt. Auf zwei Ebenen bekommen die Partyhungrigen hier die Extraportion DJ-Kultur verabreicht: oben SouLutzion und Phonosofa von Soulfood mit ihrer "New Years Eve Edition", unten "Happy New Sweat!" mit Till von Sein und Xenon plus den gern gesehenen Gästen P.toile und Reynold aus Berlin. Während das Soulfood-Duo sich und uns in sonnigem Rare Groove, Latin oder Funky Beats badet, drückt ein Stockwerk tiefer der ElectroTechHouse die Bässe in den Keller. Die vier DJs legen in heftiger Rotation frisches Vinyl auf, also nur ein Song pro Nase. Claudia Marquardt alias P.toile schafft es sogar, jeweils zwischen Tanzfläche und DJ-Pult zu wechseln: Ausdruck ihrer Partylaune und zusätzlich ein 'Chapeau' für die Kollegen.

Um 4.30 Uhr gehen dem Schreiber die Lichter aus. Nicht promillebedingt. Der Energieakku ist leer. Doch das Resümee fällt positiv aus, zumal wir unterwegs auf viele Passanten treffen, die uns unbekümmert (bierselig?) ein "Frohes Neues" wünschen. Auch die Sheriffs, die uns versehentlich ohne Licht am Rad erwischen, belassen es bei einer Ermahnung und der Bitte, auf dem Gehweg weiterzufahren. Ein guter Start in das noch junge und hoffentlich ereignisreiche Jahr 2006!

Von Henrik Drüner

Kieler Nachrichten vom 02.01.2006

http://www.kn-online.de/news/archiv/?id=1776045