Sofa Surfers - Im musikalischen Zwischenreich der Gefühle

 

„Wenn man nur am Computer sitzt und Parts hin- und herschiebt, kommt zu viert keine wirkliche Stimmung auf“, weiß Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers aus Erfahrung. Grund genug für das Wiener Kollektiv, im Vorfeld des neuen Albums besonders einen Wunsch zu hegen: nach dreieinhalb Jahren einfach zusammenkommen, spielen und alle Produktionsschritte gemeinsam durchziehen. Das Ergebnis „Sofa Surfers“ (Klein/Rough Trade) vertont das Live-Feeling einer musikalischen Partnerschaft. Kompakt, transparent und sehr geschmackvoll.

„Wir haben uns gefragt: Was interessiert uns?“, beschreibt Schlögl die Gedanken während des Entstehungsprozesses. „Da wir uns keiner Szene verpflichtet fühlen, hatten wir ohnehin freie Hand. Ein ganz zentraler Punkt war, dass man ein Album mit Gitarre, Bass und Schlagzeug einspielen kann, ohne sich auf reaktionäre Rollenbilder zu beschränken und sich in seiner Entfaltung zu limitieren.“ Es existiert bei Wolfgang Schlögl (Keyboards), Markus Kienzl (Bass), Wolfgang Frisch (Gitarre) und Michael Holzgruber (Schlagzeug) keine Oberhoheit, wer welches Instrument spielt. Ein Austausch untereinander wäre jederzeit möglich. Die Konstellation ist somit nebensächlich, zumal die Musiker in ihrer Kommunikation nach neun Jahren und nun vier Studioalben schon viel weiter sind. „Auch auf Tour gehen wir teilweise mit zwei Schlagzeugen oder zwei Bässen. Bei einem möglichen nächsten Projekt kann es schon wieder ganz anders aussehen“, ergänzt der Anfang Dreißigjährige, der unter seinem Pseudonym I-Wolf gleichzeitig an Herz, Hirn und Hüfte appelliert.

Ins Leben gerufen wurde das Quartett im Herbst 1996, zur Blütezeit des „Vienna Sounds“. Geburtshilfe bekamen die Vier vom damals sehr populären Richard Dorfmeister und dessen „Sofa Rockers“-Remix, einer Singleauskopplung vom Debütalbum. Mit „Transit” (1997) und „Cargo” (1999) schufen die Sofa Surfers noch ein Geflecht aus Downbeat, vernebelten Soundflächen und Delay-Effekten. Nach dem Remix-Album „Constructions” im darauf folgenden Jahr sorgte erst „Encounters“ (2002) für eine Entkräftung des Ambient-Dub-Kontextes, der so oft mit dem Klischee einer Wiener Kaffeehaus-Gemütlichkeit verbunden wird. Sehr Detail verliebt und engmaschig wich die genretypische Entschleunigung einem kraftvollen, düsteren Songwriting. Dafür hatte man sich ein Netzwerk von Sympathisanten und Gleichgesinnten aufgebaut: Verschiedene Studiogäste - vor allem Rapper wie Sensational, MC Santana oder Junior Delgado - unterstützten die neuen und experimentellen HipHop- und Dub-Elemente. Ein Schritt nach außen, der Begegnungen und Konfrontationen willkommen hieß, und sich auch dem Widerstand und damit verbundenen Komplikationen nicht verschließen wollte. Die Sofa Surfers agierten ohne Frontmann und Fixpunkt, traten also als Kollektiv auf und stärkten dadurch die geistige Verwandtschaft zur Konzeption eines Soundsystems.

Nach Solo-Aktivitäten und Baby-Pausen konzentriert sich „Sofa Surfers“ nun auf Reduktion und den immer vorhandenen Band-Charakter. Pure Soundästhetik ohne Firlefanz, kein Überfrachten mit Effekten oder digitaler Bearbeitung. Dank dieser Klarheit rücken die Instrumente nah an den Hörer heran und bewirken eine Transparenz, die auch der schlichte Titel auf feuerwehrrotem Spind-Cover verkörpert. Ihr rotes Album. Schlögl: „Alles begann damit, dass wir uns getroffen und gejamt haben. Es gab allerdings nicht den Vorsatz, ein handgespieltes Album zu machen.“ Anschließend spielte das Quartett die Spuren im Proberaum in den Computer ein und arrangierte sie. Diese Versionen wurden dann noch einmal live einstudiert und zu guter Letzt in einem Studio aufgenommen. Die Gesangsspuren übernahm ausschließlich Mani Obeya, der neben seiner Tätigkeit als Tänzer auch Sänger beim Wiener Jazz-Pop-Projekt Soundhotel ist. Schlögl: „Ich hör mich viel um, was in Wien und Österreich produziert wird. Die hiesige Szene ist ohnehin viel zu überschaubar, als dass Ressentiments oder Vorbehalte angebracht wären. Ein befreundeter HipHop-Produzent nahm mit Mani einige Soul-Songs auf, die mein Interesse geweckt haben. Alle Beteiligten waren dann sofort mit ihm als Sänger einverstanden.“

Obwohl im Vergleich zu „Encounters“ die Zahl der Studiogäste drastisch gekürzt wurde, reichte die Aufnahmephase vom vergangenen Dezember bis in den Frühsommer hinein. „Wir wollten keine Featuring-Gäste, sondern mit einer Person, die vor Ort ist, alles erarbeiten. Dadurch mussten wir uns im Proberaum mit nur einem zusätzlichen Musiker auseinandersetzen, was Mani nicht nur dadurch für dieses Album unersetzbar macht. Wenn man eine Band hierarchisch sieht - vorne der Sänger, hinten die Kapelle - wäre er sogar noch wichtiger, aber bei uns geht es mehr um ein kollektives Spielen.“ Gleich der Opener „White Noise“ stellt die Vorteile dieses neuen Soundgefüges heraus: klare Strukturen und kompakte Song-Bausteine, die ineinander haken und Halt geben. Der Gesang bringt soulige, beinahe schüchterne Wärme, die sich an der übrigen Besetzung reibt. Wunderschöne Refrainmelodien prägen die ruhigeren Songs „Love As A Theory“ oder „Never Go Back“, während eine wabernde Orgel und der sublime, repetitive Beat bei „Believer“ eine hypnotische Stimmung verbreiten. Doch die Sofa Surfers können auch anders: „Notes Of A Prodigal“, „Say Something“ oder „One Direction” überraschen mit Rockriffs und straightem Schlagzeug. Mit der Chillout-Attitüde ihres Bandnamens haben die Sofa Surfers in diesen Momenten nur noch wenige Verknüpfungspunkte. Auch „Good Day To Die“, bei dem Feedback-Gitarren eine fatalistische Todessehnsucht vertonen, spricht eine konträre Sprache.

Ohne große Vorgaben konnte sich Obeya sowohl bei den Melodien als auch bei den Texten frei entfalten, zumal Band und Sänger schnell auf einen gemeinsamen Nenner kamen. „One Direction“ entstand sogar komplett im Proberaum, um noch mehr unbehandelte Natürlichkeit zu bewahren. Besonders in diesem Song kommt es zur Reibung von rockigen Versatzstücken, Postrock-Strukturen und der Soul-Färbung durch Mani Obeyas weiches Timbre. Auch ein Verdienst von Tontechniker Dietmar „Dietz“ Tinhof, der nicht die Aufgabe eines Produzenten, sondern die der technischen Umsetzung innehatte; zwar mit einem puristischen, klassischen Ansatz, der sich aber mit Blick auf das ganze Album nicht konservativ lesen lässt. Wolfgang Schlögl beteiligte sich ebenfalls an der interessanten Mischung der Klangfarben: „Auf der rechten Seite hört man Gitarren, auf der linken eher Sounds, die ich aus Steinzeitelektronik gebastelt habe; bearbeitet mit Filtern oder einem Chaos Pad ergeben sich so immer verschiedene Anschläge, die dann manchmal auch wie Gitarren klingen.“

Anbiedern war nie das Ding der Sofa Surfers, umso mehr das Anecken und der damit verbundene Erhalt ihrer musikalischen Eigenständigkeit. Dass sie damit teilweise zwischen den Stühlen platziert werden, ist ihnen bewusst. „Es gibt Nachholbedarf bei der Einbettung von Live-Acts in den Club-Kontext“, beschwert sich Schlögl. „Vor allem im Deutschland habe ich in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass viele Veranstalter auf Nummer sicher gehen und nur einen DJ buchen, statt beide Formen miteinander zu mischen und einen Spannungsbogen aufzubauen.“ Denn von der Belanglosigkeit gewisser Lounge- und Downtempo-Produktionen sind die Sofa Surfers mittlerweile weit entfernt, und das aktuelle Album vermittelt eine starke Energie von durchaus subversiver Natur. Angelangt im musikalischen Zwischenreich der Gefühle, geben sie intime Einblicke in eine spannende klangliche Umgebung. Die Musik ist aus - und ist immer noch da.

Henrik Drüner