Sechs Jahre Soulfire Hi-Fi – "The Sound Of Kiel City"


Kiel – Sie sind die festen Größen im Kieler Party-Kalender, die Klassiker der städtischen Club-Kultur. Und können mit ihrer speziellen Ausrichtung auf eine treue Fangemeinde bauen. In loser Folge stellen die Kieler Szenen diese Discos vor: die Geschichte, die Konzepte und die Macher.

Diesmal: Soulfire Hi-Fi - The Sound Of Kiel City

"Habt ihr eigentlich einen eigenen Sound?" Eine Frage von Oliver Schrader, Selector bei Silly Walks Movement, die Neuling Mason verdutzte. Zu der Zeit, um 1999, war es in Kiel noch undenkbar, Reggae und Dancehall in der Kombination 'DJ plus MC' zu verwirklichen. Doch es schien die Initialzündung für Soulfire Hi-Fi – The Sound Of Kiel City zu sein. Am 12. November feiert das Soundsystem seinen sechsten Geburtstag im Legienhof, gemeinsam mit den weiteren lokalen Kollektiven Hotta Music, Punchline und Catchy Record.

Aufgelegt hatte der 33-Jährige vorher schon, war mit einem kleinen Plattenköfferchen auf Partys aufgetaucht und hatte sich für eine halbe Stunde "ordentlich zum Kasper gemacht." Erste Kontakte zur Szene wurden dagegen in Hamburg geknüpft. Durch Silly Walks Movement oder Plattenläden wie Selector Records in der Schanze stieg man in die neu entstandene Subkultur ein. "Da hat man sich völlig blind in die Materie gestürzt und 'learning by doing' betrieben", erinnert sich Selector Mason. Neben ihm stellten Shaheen (MC, 32) und Landoman (Singjay, 30) lange Zeit den Kern von Soulfire Hi-Fi. Baz (Selector/Operator, 26) und cai-chi (Selector, 25) sind erst seit diesem Jahr dabei.

Die Konstellation sei ideal, da man sich am DJ-Pult und Mikro abwechseln und spontan eingreifen könne, je nach Laune oder Stilrichtung. Die Folge: Keine Hänger und viel mehr fließende Übergänge. Auch cai-chi, vorher Mitglied von Lovely Vibes, sieht darin einen Vorteil: "Ein Gemeinschaftsding, total. Es geht nicht darum, sein eigenes Ding durchzuziehen, sondern im Kollektiv dem Publikum zu zeigen, dass wir fünf zusammengehören." Monatlich wird der Luna Club beschallt, ebenso regelmäßig der Cave Club auf Westerland. Und es läuft gut – sicherlich begünstigt durch Charts-Erfolge von reggaelastigen Songs und einem insgesamt immer kommerzieller ausgerichteten Genre.

Jede Menge Fachvokabular wird während des Gesprächs in Umlauf gebracht. Ein ganz natürlicher Prozess: Die Soulfire-Jungs verbringen auch privat viel Zeit miteinander, fachsimpeln über Konzerte, neue Veröffentlichungen oder Mixe. Und es schwingt immer Pathos mit: "Die kulturellen Hintergründe beispielsweise erschließen sich erst mit der Zeit. Ohne Reggae gäbe es kein House oder HipHop, ohne Toaster keine Rapper, ohne Dub keine Remixe", gibt Mason zu bedenken. "Immer noch beeindruckend, dass so eine kleine Insel für so viel verantwortlich ist!" Die pure Euphorie des Anfangs ist einem weiterhin idealistischen, aber nicht mehr naiven Denken gewichen. Auf Ablehnung stoßen bei allen beispielsweise die schwulenfeindlichen Texte. Mason: "Den meisten im Publikum fällt das aber gar nicht auf. Wenn der Song gut ist, spielen wir ihn auch." Jamaikanischer Reggae variiert thematisch hauptsächlich zwischen Religion, Sexualität, Politik und Drogenkonsum. Shaheen kam bisher als einziger in den Genuss, direkt vor Ort an seinem Style zu arbeiten. "Ich hab' dort viele Patois-Vokabeln gelernt. Und, klar, massenhaft Platten gekauft. Vorher konnte ich teilweise nur 20 Prozent der Texte verstehen. Das hat anschließend einen großen Schub gegeben!"

Als Singjay ist Landoman vor allem von der Vielseitigkeit im Reggae/Dancehall begeistert, da er wählen könne, ob er lieber rappt oder singt, im Patois spricht oder normales Englisch benutzt. Für Baz' Einstieg war ein anderer Grund entscheidend: "Mir ging das früher auf die Nerven, dass alle mit Reggae immer nur 'Bob Marley' verbunden haben. Ich dachte, dass doch noch mehr dahinter stecken muss." Soulfire Hi-Fi orientieren sich zwar an Vorbildern aus Köln (Pow Pow Movement, Gentleman) oder Hamburg, doch verstecken brauchen sie sich keineswegs. Das beweist auch die aktuelle Mix-CD Conscious Times. Mason: "Wir versuchen, einen gewissen Standard zu erreichen." Baz funkt dazwischen: "Ne, ich will schon der Beste sein!" Der Umgang der Kieler Soundsystems untereinander ist trotz der Konkurrenz jedoch freundschaftlich – die Geburtstagsparty in großer Runde spricht definitiv dafür.

Sonnabend, 24 Uhr, Legienhof: "6 Years Soulfire Hi-Fi", Infos: www.soulfirehifi.com

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 09.11.2005 01:00

http://www.kn-online.de/news/pdf/?id=1745297