Serie „Man singt deutsch“ – Teil 6: Spillsbury

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Spillsbury.

Mit ihrem Album „Raus“ (L'Age d'Or/Rough Trade) ist Spillsbury im vergangenen Jahr ein rasanter Start in die deutsche Poplandschaft geglückt. Ob Titelstory oder Artikel in den großen Musik- und Lifestyle-Magazinen: Alle waren sich darin einig, dass Spillsbury Elektronik-Power-Punk machen, der angenehm frisch und unbelastet den Hörer mitzureißen vermag. Vor kurzem konnte mit „Was wir machen“ bereits die dritte Single aus dem Debütalbum ausgekoppelt werden, was durchaus als Gradmesser für dessen Hitdichte zu werten ist.

One:Thirty hieß die Hamburger Punkrock-Band, in deren Proberaum sich Zoe Meißner (20) und Tobias Asche (26) im Jahr 2000 kennen lernten. Tobias bastelte nebenbei am heimischen PC auch an Elektrotracks mit Oktav-Bässen, Synthesizer-Sirenen und Gitarren-Powerchords, zu denen Zoe ihre markante Stimme ins Spiel brachte. Trotz Beats und Keyboards handelt es sich bei Spillsbury aber um einen Rock-Act: „Wir sind keine Elektronikfrickler oder Künstler, die die ganze Zeit hinter den Reglern stehen. Wir leben das mehr aus“ begründet Tobias die Abgrenzung. Es geht nicht um Feinheiten, sondern um Funktion: Alarmschlagen, Losbolzen, Mitgrölen.

Spillsbury entstammen einer Generation von Musikhörern, die Punk mit intelligenten Texten nicht über DAF oder die Einstürzenden Neubauten kennen gelernt haben, sondern eben über eine Band wie Tocotronic. In Zeilen wie „Jeder kriegt den Scheiß, den er verdient“ oder „Ich will kein' Kaffee, nur noch Bier“ nutzt Zoe provokativ die vorlaute Sprache des Punkrock, auch wenn er mit der Zeichensprache des elektronischen Pop widergegeben wird. Wer einmal Spillsbury live erlebt hat, versteht sofort, was diese Band auch auf der Bühne ausmacht und lässt sich von ihrer Energie mitziehen. Ist die Abiturientin Zoe auch privat ein solcher Derwisch? „Wenn man nur unsere Musik hört, könnte man das vielleicht annehmen, weil ich aggressiv und laut singe. Aber ich möchte und kann mich auch nicht verstellen. Ich bin einfach nicht so. Ich bin eher der ruhige Typ. Diese Rotzgören-Sache entspricht so gar nicht meinem Persönlichkeits-Typ.“ Der Mix aus persönlicher Bescheidenheit und expressiver Bühnen- und Plattenpräsenz ergibt dann letztlich die Energie von Spillsbury: Power für die Jugend, Power für ein unbekanntes Selbstbewusstsein. Henrik Drüner

13.8. Stemwede Open-Air