Splatterdandy - Nach der Krone des schlechten Geschmacks geschielt


Ein als Leichenwäscher und Drogenkurier finanziertes Philosophiestudium hat Splatterdandy mit einer Arbeit über "das Nichts" abgeschlossen – so das Gerücht. Es würde zumindest perfekt zur polarisierenden Performance des Berliners passen, der bei seinem Konzert in der Schaubude das Publikum in zwei Lager spaltet: Befürworter und absolut Verständnislose.

Gleich zu Beginn setzt Robert Defcon alias Splatterdandy ein erstes Zeichen, indem er sich von Gitarrist Dave Bennett im Rollstuhl auf die Bühne fahren lässt und fortan darin hin- und herwackelt – ohne auch nur einen Tag seines Lebens unter einer Behinderung gelitten zu haben. Was will er hervorrufen, wenn die wenigsten im Publikum wissen, dass es sich hier lediglich um ein Requisit, einen Teil seiner Show handelt? Mitleid wäre nahe liegend, würde aber nicht zur Zielsetzung passen. Denn Defcon möchte Alternativen anbieten, Unentschiedenheit stiften, Denken provozieren und "alltägliche Selbstgewissheiten in Frage stellen".

Eine kleine philosophische Provokationszelle mit Sonnenbrille, Headset und Ketten behangen. Das Credo seiner Songs auf der aktuellen Platte Terrorista lautet: "Der Skandal ist die Sprache, in der man mit euch reden muss". Dementsprechend drehen sich die Texte um Pornografisches (Sado-Seminar z.B.), Kokspartien mit Ronald Schill oder den Terror-Wahn, vorgetragen im Sprechgesang, der bisweilen in Geschrei ausbricht und sich zu überschlagen scheint.

Das Pseudonym Robert Defcon beruht eigentlich auf dem Armeekürzel für Verteidigungszustand, "Defence Condition". Doch hier ist Angriff! Das Duo schlägt verbal um sich und verschont dabei weder Politiker, Prominente noch Rechtsstaat. Splatterdandy geizt zwar mit Melodienreichtum, nicht aber mit Absichten. Er schielt nach der Krone des schlechten Geschmacks, bekommt sie aber nicht überreicht; dafür geben sich beide in den Ansagen und im anschließenden Gespräch viel zu sympathisch, beinahe handzahm. Bennett – adrett im dunklen Anzug – beschränkt sich an der Gitarre auf Rock-Riffs und Funk-Licks, zumal sämtliche weiteren Spuren aus der Konserve kommen. Die Songs sprengen die Muster geordneter Musikeinheiten, nehmen Dub/Ragga-Anleihen bei Tiefste Stufe oder Kühnen3000 in Anspruch oder minimale HipHop/Electro-Beats bei Kokain ("Jetzt ein Lied über jemanden, der für seinen Erfolg über Leichen geht – mich!"). Splatterdandy nimmt sich diese Freiheit heraus. So gaga, so gut. Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 17.01.2005 07:47