Die Sterne in der Pumpe

Gewohnheit kann so schön sein

 

Eigentlich heißt es, der Mensch sei für zwei einander ganz entgegengesetzte Dinge gleich sehr eingenommen: für die Gewohnheit und das Neue. Beim „Die Sterne“-Konzert in der fast ausverkauften Pumpe zeigte sich, dass die Hamburger vor allem wegen ihrer gewohnten Faktoren gefeiert wurden. Ohne spektakuläre Innovationen, aber mit der souveränen Lässigkeit, einen Auftritt wie diesen aus dem Ärmel zu schütteln und damit alle glücklich zu stimmen.

Die Vorband NMFarner hatte es da wesentlich schwerer. Das Debütalbum des Berliner Trios ist noch frisch, zu unbekannt dessen Songs. So gab es für den Ersthörer wohl zu wenig Gründe, um mehr als höflichen Schlussapplaus zu spenden. Doch die schroffen und druckvollen Lieder mit Texten über Städte, junge Männer und Tischtennis, die Sänger Norman Nitzsche fordernd ins Mikro rief, haben eine zweite Chance verdient. Die Sterne dagegen konnten auf ein weitaus größeres Repertoire aus 13 Jahren Bandgeschichte zurückgreifen: Start mit „Wir rühren uns nicht vom Fleck“ als ein Mantra des Widerstands, immer und immer wiederholt, unterlegt mit orientalischen Klängen. Richard von der Schulenburg hockte in seiner Tastenburg aus Synthie, Orgel sowie E-Piano und wirkte anfangs leicht verschreckt. Bassist Thomas Wenzel wog mit neuem Bart im tieftönenden Rhythmus, während Christoph Leich als verwegen-muskulöser Beau im Feinrippunterhemd trommelte.

Im Mittelpunkt aber stand Sänger und Gitarrist Frank Spilker, der auf der Bühne mit den Armen eines Basketballers ruderte und beim Clavinet-Funk von „Es möchte echt sein“ zum Tanzen ins Publikum sprang. Mit der Ansage „Wir geben morgen um 11 Uhr Autogramme aufm Wilhelmplatz“ gab Spilker ein eindeutiges Zeichen gegen den Aufmarsch der NPD-Demonstranten. Und das schweißte zusammen, auch, weil sicher acht von zehn Zuschauern bei der Gegendemonstration am nächsten Mittag dabei sein wollten. Doch der Hüne heischte nicht um die Gunst des Publikums, unterließ überflüssige Animationen und blieb trotz der politischen Positionierung wie gewohnt rätselhaft und ironisch. Ab „Universal Tellerwäscher“ - dem lange gereiften Sterne-Erkennungshit - hatte sich das Quartett vollkommen freigespielt und entfachte das Feuer, mit dem es seit sieben Alben und großartigen Live-Momenten begeistert. „Was hat dich bloß so ruiniert“, „Trümmer“ mit Shuffle Disco-Beats oder „Musikbiographie“ provozierten einträchtig skandierte Gesänge, leuchtende Augen und vereinzelte Crowd-Surfer.

Als eine von ungefähr 283 Zugaben bewies „Kaltfront“ den Sterne-Bonus: Aus einem ruhigen Beginn entwickelte sich ein rauschender Refrain mit textlichem Nachdruck, der vordergründig eine meteorologische Situation beschreibt, zwischen den Zeilen aber weit mehr als das. Gewohnheit kann so schön sein. Wahr ist, was wahr ist, dass das, was war, immer noch da ist. Man muss nicht immer überrascht werden.