Supergrass - Hängen wieder ziemlich eng aufeinander

Supergrass sind zurück. Oder vielmehr: Sie fangen noch einmal von vorne an. Nicht bei null, denn die Vergangenheit spielt jederzeit in Gegenwärtiges und Zukünftiges der Briten mit hinein. Und doch markierte die Best-of-Zusammenstellung "Supergrass Is 10" aus dem letzten Jahr einen Abschluss des ersten Band-Jahrzehnts, ein Zwischenfazit, ein Befreien von starren Erwartungshaltungen - zum einen von denen der Fans, zum anderen aber auch von den eigenen. Mit "Road To Rouen" schreiben die vier Jungs aus Oxford ein neues Kapitel der Supergrass-Story.

Gareth "Gaz" Coombes, Sänger und Gitarrist des Quartetts, klingt erholt durch die Leitung. Der erste Promotion-Termin des Tages, frisch geduscht, im Hintergrund hört man seine kleine Tochter vergnügt plappern. Auch er sieht im aktuellen fünften Album einen Wendepunkt: "Definitiv. Es lag uns viel daran, Wiederholungen zu vermeiden. Kein Ausschlachten von Formeln, von denen wir wussten, dass sie einmal erfolgreich gewesen sind. Weitere Versionen von 'Pumping On Your Stereo' oder 'Grace' braucht niemand." Gemeint sind zwei der zahlreichen Hits, an denen Supergrass seither gemessen werden.

Gaz und Schlagzeuger Danny Goffey starteten als Teenager auf der Wheatley Park Comprehensive School in Oxford ihren musikalischen Werdegang. Bandname: The Jennifers. Als Bassist Mickey Quinn dazukam, nannte sich das Trio erst Theodor Supergrass, doch das Theodor fiel bald weg - und der Erfolg stellte sich ein. Gleich das Debütalbum "I Should Coco" krachte 1995 mit einer bahnbrechenden Vitalität, Originalität und noch jugendlichen Unverblümtheit in die britische Musiklandschaft, dessen Nachbeben noch heute zu spüren sind. "Caught By The Fuzz", "Alright" oder "Strange Ones": Pop mit der Wucht einer Kreissäge. Die nachfolgenden Platten "In It For The Money" (1997), "Supergrass" (1999) und "Life On Other Planets" (2002) beteten das komplette Pop-Alphabet mehr als nur einmal rauf und runter, geschmückt mit so vielen Zitaten: Beatles, The Kinks oder T-Rex schimmerten durch die Arrangements, die jedoch am immer gleichen Songwriting zu ersticken drohten. Erste Lähmungserscheinungen, Panik. Jetzt musste der Lebenserhaltungstrieb als Band Wirkung zeigen. "Wir haben uns im Vorfeld vorgenommen, weniger E-Gitarre und Hammond-Orgel zu verwenden, also Elemente, die bisher jedes Supergrass-Album dominierten", beschreibt Gaz das bewusste Gegenlenken. "Diesmal sollte der Sound mit akustischer Gitarre, Streichern und Klavier interessanter und vielfältiger gestaltet werden. Es hat nun nicht mehr diese punkige Attitüde von 'I Should Coco', aber die musikalische Aufregung ist nach wie vor da."

Der Albumtitel "Road To Rouen" verkörpert den Aspekt der Bewegung, des Unterwegs-Seins, Aufbruch, aber kein zielloser: Es ging für drei Monate in die rustikale Idylle der Normandie - von November 2004 bis Januar 2005. Gaz: "Das kleine Landhaus mit angrenzender Scheune hatten Rob [Coombes, Keyboards] und ich schon länger, so ein Familien-Ding. In den letzten fünf Jahren haben wir die Gebäude dann ausgebaut, bewohnbar gemacht und immer mehr Equipment für ein Studio zusammengekauft." Wohl nicht zu vergleichen mit "MTV Cribs"-Maßstäben, aber sehr zweckdienlich und so ländlich, dass die frisch gelegten Hühnereier gefangen werden konnten, bevor sie auf den Boden aufschlugen. "Während der Aufnahmephase war es ziemlich ungemütlich in der Gegend, richtig kalt und regnerisch. Aber ich denke nicht, dass es Einfluss auf unsere Musik hatte - ich finde sie eher sonnig. Ein Vorteil: Man bleibt konzentriert und ist mit dem Kopf bei den Aufnahmen, statt an Spaziergänge zu denken. In jeweils 10-Tages-Sessions und einigen Tagen Pause bei der Familie haben wir alles durchgezogen. Das hat ganz gut geklappt." Auch dieses Mal hat jeder an den Songs mitgewirkt. Selbst bei den Songtexten wurde versucht, möglichst alle zu involvieren. Angst vor Kompromissen? "Nein, das macht doch erst eine Band aus! Manchmal ist man sich ziemlich sicher mit einer Idee, aber es kommt auch vor, dass gerade der Kompromiss die beste Lösung darstellt."

Schon der dreiteilige Opener "Tales Of Endurance (Parts 4, 5 & 6)" steht beispielhaft für den neuen Sound, vereint er doch alle neuen Elemente in fünfeinhalb Minuten. "Es ist für mich der prägendste Song des Albums: Er beginnt akustisch, dann kommen die majestätischen Orchesterhörner, und schließlich endet er in diesem 70s-Rock'n'Roll im Stile Led Zeppelins. Das ist die Kombination, die wir mit Supergrass momentan verkörpern wollen", begründet Gaz die Wahl seines persönlichen Favoriten, der spielerisch die Opulenz von Sebastien Tellier und den instrumentalen Nachdruck von Motorpsycho in Einklang bringt. Stellt der Zusatz "Parts 4, 5 & 6" eine Anspielung auf George Lucas und die "Stars Wars"-Trilogie dar? "In gewisser Hinsicht schon. Ein kleiner ironischer Spaß, da wir 'Parts 1, 2 & 3' zu ernst empfunden hätten." Und ergänzt lachend: "Die veröffentlichen wir dann in 20 Jahren - aufgemotzt mit Digitaleffekten!" Die Textaussage dagegen strahlt eine gewisse Ernsthaftigkeit aus, wenn Gaz singt: "Don't look back, it's far to fall / Count the hours, face the fears." Es spiegelt die extremen Ups & Downs wider, mit denen man sich konfrontiert sah. Gaz bekam eine Tochter, verlor jedoch kurze Zeit später zusammen mit Bruder Rob die Mutter, während Danny für einige Monate die Band verließ. "Es war eine verrückte Zeit nach 'Life On Other Planets'. Wenn es mal schlecht läuft im Leben, braucht man eine Form von Trost. Ich bekomme diese Stütze durch Musik. Es geht nicht nur darum, Probleme in Texte umzusetzen und sich vor den Leuten zu entblößen. Oft reicht es, wenn die Stimmungen in ein Album kriechen und ein aufrichtiges Gefühl erzeugen."

Aufrichtigkeit ist ohnehin das Leitmotiv des Albums. Unter dem Deckmantel "Road To Rouen" machen prätentiöser 70s-Pop bei "Sad Girl", Britpop bei "Kick In The Teeth" oder "Coffee In The Pot" mit neu interpretiertem Jazz-Sample die Sache rund, ohne dass jedoch Ecken und Kanten abgeschliffen werden mussten. Denn auch Gaz schlussfolgert: "Die Leute sollen wissen, dass wir weiterhin eine Rock'n'Roll-Band sind, die laut und schnell spielt, aber auch Seiten in sich trägt, die bisher eher im Verborgenen geblieben sind."

 

Quartett
…Oft werden Supergrass in den Medien nur als Trio dargestellt, doch Rob Coombes, der Keyboarder und ältere Bruder des Frontmanns, ist seit Jahr und Tag an den Aufnahmen beteiligt und begleitete die Band auch auf ihren Tourneen. Er ist mittlerweile vollwertiges Mitglied von Supergrass. Mickey, Rob und Gaz leben in Oxford, nur Danny ist kürzlich weggezogen. Gaz: „Wir hängen wieder ziemlich eng aufeinander. Die Zeit und das Haus in Brighton vermisse ich zwar, aber hier habe ich meine Freunde - und das ist gut so.“


Normandie
…das heißt Sonne und Meer, feiner Sand und wilde Klippen, mondäne Welt und malerische Fischerdörfer. Die Region im Nordwesten Frankreichs zwischen Picardie und Bretagne bekam ihren Namen durch die Nordmänner - also Wikinger -, die im 9./10. Jh. das Gebiet plünderten und sich schließlich niederließen. In der Normandie leben 3,2 Millionen Menschen, die meisten davon in Rouen (385.000 Einwohner), Le Havre (247.000) und Caen (200.000). Früher war Rouen die Hauptstadt der ganzen Provinz, heute ist sie Zentrum der Haute-Normandie.

Autor: Henrik Drüner

 

Online-Artikel aus Intro #131