Bei Xenons und Till von Seins "Sweat!" im Luna ist der Name Programm

 

Sie sind die festen Größen im Kieler Party-Kalender, die Klassiker der städtischen Club-Kultur. Und können mit ihrer speziellen Ausrichtung auf eine treue Fangemeinde bauen. In loser Folge stellen die Kieler Szenen diese Discos vor: die Geschichte, die Konzepte und die Macher.

„Club-Musik wird generell dunkler, minimaler, extremer, härter. Das scheint ein Zeitgeist-Phänomen zu sein. Bei uns wollen die Leute stundenlang durchtanzen und am nächsten Tag Muskelkater haben. Mit unserer Song-Auswahl fördern wir dies sicherlich.“ Till von Sein weiß um die Wirkung der Musik: Das Sweat!-Programm, das der 28-jährige DJ mit Stefan Senz alias Xenon seit zwei Jahren freitags im Luna Club durchzieht, steht für Tanzschweiß - und kann dank des Ausrufezeichens auch imperativisch gelesen werden.

Den Anfang machte ein Tape. Stefan steckte es Till zu. Darauf eigene Raps unter seinem Künstlernamen Xenon. Und die Hoffnung, mit dem drei Jahre älteren MC gemeinsame Sache machen zu können. Der fand die Aufnahmen cool. 1998 begann so eine Zusammenarbeit, die Till mittlerweile als 'best friends' bezeichnet. Anderthalb Jahre bastelten die beiden fortan im Studio von Jan und Ralf Schmidt in Neumünster an Rap-Songs. Trotz vieler guter Ideen verlief die Entwicklung eher schleppend.

Stefan, 25, erinnert sich: „Da zogen nicht alle an einem Strang. Ich war zudem noch recht jung, auch von meinen Vorstellungen her“. Till bestätigt: „Gedanklich war ich eigentlich schon raus aus dem Genre“, denn zeitgleich begann er mit dem Deejaying, das sehr bald Priorität genoss. Zuerst hauptsächlich der Mix aus Rap und French House, dann immer tanzbarer. Auch Stefan zeigte sich interessiert, ließ zu Hause Vinyl mit TripHop, Downbeat und NuJazz kreisen. Wieder Mix-Tapes an Till. Im Juni 2001 die Live-Premiere: Xenon durfte mit zittrigen Fingern an den Plattentellern des AJZ Neumünster mitmischen. Sein Namen ergab sich übrigens beim Blick ins Chemiebuch, unter den Edelgasen. Erst war es nur der Klang, der ihm gefiel, heute auch die griechische Bedeutung des Fremden und etwas Schrägen.

Sehr unprofessionell und unverkrampft ging es bei den ersten regelmäßigen Party-Reihen „Straight = Broken”, später „Lickin On Pop“ zur Sache: „Im Grunde haben wir uns gegenseitig Platten vorgespielt und diese abgefeiert“, erzählt Xenon grinsend. Er bedient(e) verstärkt Nischengenres, Till eher einen Massengeschmack. „Ich habe in den letzten zwölf Monaten gemerkt, dass DJing auch immer ein Entertainer-Ding ist, vor allem durch Leute, die sehr kommerziell auf großen Veranstaltungen auflegen“, erzählt Till. „Mich fasziniert so ein Blockparty-Spirit, wenn von Disco bis Electro alles geht. Klar, kein Ü30-Niveau. Ich gehe aber auch gerne zu Pralines & Cream oder dem King Kong Club.“

Ein Sweat!-Flyer würde zumindest nie ausschließlich Techno, Electro oder House ansagen. Stefan: „Das wäre sogar falsch. Die Freestyle-Abende waren früher musikalisch meistens wunderbar, doch die Leute wollen ein Trademark, wollen vorher wissen, was gespielt wird. Auch bei uns hat die Spezialisierung des Publikums eingesetzt, obwohl wir in unserem Korsett recht flexibel sind.“ Einige Stammgäste der ersten Stunde blieben bei diesem Prozess auf der Strecke. „Ganz normal: Es ist unmöglich, mit 200 Leuten fünf Jahre lang zu feiern. Das entwickelt sich, verändert sich. Dennoch sprechen wir immer mehr Leute an, glücklicherweise auch einen gesunden Altersdurchschnitt.“

Dass die Flyer gut aussehen, dafür sorgt das Graphiker-Team Vicky Arndt und Thomas Judisch alias Imago. Der 24-jährige Student der Freien Kunst konzipiert auch die T-Shirts, Buttons und Aufkleber. Mit Luna-Betreiber Kai Hellebrandt werden die nächsten Gäste abgesprochen und dann entweder in den Club oder in die Pumpe eingeladen. Wichtig ist, dass es passt: zum einen menschlich, zum anderen aufgrund der Produktionen, eigenen Erfahrungen oder Mundpropaganda. Es gehe den beiden nicht darum, dicke Asche nach Hause zu bringen, sondern Spaß zu haben. Till, der schon in Berlin oder Paris auflegte, sieht es so: „Wir sind schon noch Underground. Wenn du in dem Bereich richtig rumkommen willst, musst du früher oder später deine eigenen Veröffentlichungen haben. Die Zeiten, in denen sich ein DJ so hochspielt, dass er überall gebucht wird, sind vorbei. Selbst Moonbootica hätten es ohne die vielen Remixe und Platten nicht geschafft, innerhalb von zwei Jahren ganz nach vorne zu kommen.“ Ein Anfang ist für Till mit der „Treeex“-EP gemacht, die er zusammen mit Ralf Schmidt alias AeraElleph produzierte.

Auffällig: Privat hören beide komplett andere Stile. Bei Till laufen „Sweat!“-Scheiben nur, um Mixe zu analysieren; ansonsten allgemein 'schwarze' Musik (R&B, HipHop, Funk, Jazz), bei Xenon sogar hauptsächlich Indierock. Die Platten werden im Internet bestellt. Als Besitzer von „SEIN“, einem Streetwear-Laden in Neumünster, hätte Till auch gar nicht die Zeit, um in Hamburg nach neuem Vinyl zu stöbern. Durch den ungefähren Wortlaut „Heiligabend fahre ich dann zu Till von Sein“ in den Kieler Nachrichten Ende 1999 kam er an sein Alter Ego. „Wir haben uns totgelacht, und dann den Namen einfach genommen. Ich hab mir da auch nie groß Gedanken darüber gemacht.“ Als Jan-Till Lüdtke kennen ihn seither nur sehr wenige.
Auf die Highlights aus zwei Jahren „Sweat!“ angesprochen, gibt es keine zwei Meinungen: Ada, beide Termine. Da habe es menschlich und musikalisch perfekt gepasst. Ganz wie bei Xenon und Till von Sein.

Freitag, 23 Uhr, Luna Club: 2 Jahre Sweat!-BirthdayParty (Upperfloor: Esperanza)

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