Eine Tanz-in-den-Mai-Tour durch die Kieler Clubs


Okay, die Bayern sind Meister. Aber lassen wir uns deswegen das Feiern vermiesen? Eben. Schließlich gilt es bei sieben "Tanz in den Mai"-Veranstaltungen zu erkunden, wie die Kieler den besonderen Monatsumbruch begehen. Die Chronologie der Ereignisse.

22.30 Uhr, Norwegenkai. Erfahrungsgemäß ist in dem Terminal am Ostufer schon zu früher Stunde beste Schwof-Stimmung. Dank der Top40-Band Tin Lizzy und den DJs Leidi und T.K. bleibt kein Tanzbein ungeschwungen, so dass Immergrüns wie der YMCA Song oder Love Is In The Air wohlwollend angenommen werden. Mann und Frau haben sich rausgeputzt, die irritierten Blicke zu den stilistischen Ausbrechern von der Presse entsprechend zahlreich. Selbst an eine Single-Ecke für die einsamen Herzen unter den etwa 1000 Maifeiernden wurde gedacht – hier soll niemand unaufgefordert bleiben.

Zurück aufs Westufer. In der Hansastraße 48 spielen sich Zone B quer durch die Musikgeschichte: She Hates Me (Puddle Of Mudd), Israelites (Desmond Dekker & the Aces) und Suzie Q (Creedence Clearwater Revival) hintereinander weg. Ohne Pardon, mit viel Humor. Das Trio Boris, Benno und Björn – adrett im Anzug – macht selbst vor Textzeilen wie "Oh, Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen, wie der gefährlich in den Knien federn kann /die Frauen fürchten sich und fangen an zu weinen, doch Schleicher Schmidtchen schleicht sich immer wieder an" nicht Halt. Das Publikum tastet sich allmählich an die Bühne und einen möglichen Partyhöhepunkt heran.

Der scheint beim Dog Nobler-Konzert in der Schaubude in weite Ferne gerückt. Trotz vier absolut versierter Musiker an Gitarre, Schlagzeug, Trompete und Sampler bleibt eine Mai-Euphorie aus. Eine entscheidende Funktion nimmt der Roland MC-909 ein, bringt er doch das Elektronik-Moment in den 70's-Fusion-Sound. Viel experimentelles Stückwerk jedes einzelnen, jedoch mit Lichtblicken: Um Mitternacht bildet das Quartett eine symbiotische Einheit, interagiert perfekt, so dass selbst die Musiker sich angrinsen müssen.

Ortswechsel, Eggerstedtstraße. Der "Chics Kitchen Club" im Vinyl zieht gerade einmal fünf Neugierige an. "Groove In May" mit DJ Taucher und Azzido Da Bass startet – wenn überhaupt – erst später durch. Im Nachtcafé soll es gar nicht erst hoch hergehen: dezente Bar-Musik umspült die Gespräche bei Tisch. Auf dem Absatz kehrt, ab ins MAX. Das Fetenklassiker-Set mit Summer Of ´69, Westerland, Irgendwie, irgendwo, irgendwann und Nordisch By Nature könnte nicht abgelutschter sein – doch es funktioniert: Natascha und Serina tanzen ausgelassen auf der Bühne, singen die Refrains lauthals mit. Werden uns die Lieder ein Leben lang begleiten?

Wesentlich aktuelleren Bezug hat dagegen "On 4 Decks in den Mai" mit Frank Martiniq und Till von Sein in der Pumpe. Die beiden DJs kennen sich aus Neumünsteraner Tagen, agieren an den Plattentellern wie zwei Seelenverwandte. Martiniq konnte sich mittlerweile in Köln einen Namen als Produzent und Remixer machen – und dem wird er gerecht: ein Fluss aus meist düsteren Electro-Tracks, melodiearm, aber ungeheuer dynamikreich. Immer wieder johlt die Menge, wenn die nächste Basslinie einsetzt. Bonus: Die großartigen Visuals von Rekorder, der es versteht, die musikalische Atmosphäre visuell kongenial zu unterstützen. Ein schöner Abschluss. Der Mai kann kommen. Von Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 02.05.2005