Avantgarde-Jazz-Trio The Hub im Nachtcafé

 

Kiel – Ein Konzert wie ein Boxkampf. Unnachgiebig, unerbittlich, über zwei lange Runden. Und am Ende gibt es drei strahlende Sieger auf der Bühne und ein Publikum, das angezählt werden muss. The Hub, ein Avantgarde-Jazz-Trio aus New York, zeigen im Nachtcafé, was sie vom Ausreizen musikalischer Extreme verstehen. Schlagzeuger Sean Noonan betritt den Ring im goldenen Bademantel mit eingraviertem Namen auf dem Rücken.

Darunter ein Muskelshirt, ebenso Saxofonist Dan Magay. Sie gehen die Sache eher sportlich als elegant an - nicht nur äußerlich. Intro? Quatsch. Gleich mit dem ersten Takt entwickeln die hungrigen Musiker einen unwahrscheinlichen Druck, wollen sofort Treffer landen, punkten. Und verstören. Bezeichnend der entgeisterte Ausdruck in den Gesichtern der vorbeiziehenden Schloss-Konzert-Besucher mit einem "Ach herrje, sind das noch die Hippies?" auf den Lippen. Nein, keine Hippies. The Hub kommen aus Brooklyn, sind seit 1998 Teil der New Yorker 'Dirty Jazz Scene' und begeistern mit Energie und künstlerischer Offenheit. Einflüsse aus Heavy Metal, Funk und improvisatorischem Jazz werden in einen Topf geworfen und zu einem hochexplosiven Gebräu verrührt.

Jeder der drei hat seine Eigenheiten: Bassist Tim Dahl zelebriert etliche Rockstarposen, wenn er die Stimmung per Fußschalter wechselt und auf das eben noch jazzig gezupfte Instrument mit vier statt nur einem Finger einschlägt – dazu metallisch verzerrt. Noonan verrenkt sich beinahe an den Trommeln, hängt vornüber gebeugt und korrespondiert in verschachtelten Rhythmen trotzdem kongenial mit dem Bass, während das Saxofon in tonal weiter Ferne schwillt. Dessen Ton ist geradezu aufmüpfig und schlägt quer durch alle Hörgewohnheiten, virtuos von melodiös bis atonal. Gemeinsam suchen sie die Extreme, um sie zu vereinen. Instrumente werden abwechselnd gestreichelt und malträtiert, dargeboten mit einer Präzision und technischen Fertigkeit, die einem fast die Sprache verschlägt. Kurios dabei die Notenständer, als stünden die Arrangements in dieser Form auf Papier. Meinen die das alles ernst?

Selbst zu dritt feiern The Hub so ein kakophonisches Spektakel, bei dem Gesang oder ein Harmonieinstrument nur stören würde. Durch repetitive Einlagen des verfremdeten Glockenspiels kommt kurzzeitig die Minimal Music eines Steve Reich in den Sinn, doch das ist nur ein Aufflackern. Schon beim leisesten Verdacht des Einlullens kommt gleich anschließend der Hallo-wach-Effekt: Break, Verzerrer, Attacke.

Von Henrik Drüner

http://www.kn-online.de/news/pdf/?id=1747214