The Strokes - Impressionen aus Teufels Küche

 

Vielleicht erscheinen die Dinge auf der Erde wirklich anders, wenn man sie vom Weltall aus betrachten würde: Liebe, Hass und all das im objektiven Blick, verändert durch einen geweiteten Fokus und vergrößerten Radius. Zumindest möchte Strokes-Sänger Julian Casablancas, dass ihr drittes Album "First Impressions Of Earth" mit diesem gedanklichen Hintergrund gehört wird. Der vom Debüt "Is This It" mächtig aufgewirbelte Staub hat sich wieder etwas gelegt, da der Nachfolger "Room On Fire" kommerziell nicht erneut den durchschlagenden Erfolg brachte. Oder: Weil es einfach ein gutes bis sehr gutes Rockalbum im ähnlichen Stil geworden war, mit dem die New Yorker wieder Bodenhaftung und als Band die Chance bekamen, sich in der Folgezeit - nicht nur musikalisch - neu zu verorten.

In den als Lebenszeichen getarnten News-Spalten ließen die "Fab Five" verlauten, dass auch fünf Jahre vergehen können, bis die Songs des nächsten Albums eingespielt sind. Besser nicht festlegen (lassen) nach den Erfahrungen von 2003, als alle Welt einen erneuten Meilenstein erwartete und "Room On Fire" wohl etwas vorschnell nachgelegt wurde. Julian Casablancas, Albert Hammond Jr., Nick Valensi, Nikolai Fraiture und Fabrizio Moretti erlagen seinerzeit dem Druck - und haben daraus gelernt. Der Höreindruck des neuen Albums in einem kleinen Office von RCA Records am Broadway gibt ihnen größtenteils Recht: Nicht nur die Vorab-Single "Juicebox" drängt energisch und mit prägnanter Basslinie nach vorne, bietet Raum für Casablancas' markant nölige Stimme, die zwischen melodiösem Gesang und sich überschlagendem Schreien schwankt. Andere Songs wie "Heart In A Cage" oder "You Only Live Once", die bereits auf der Südamerika-Tour Ende Oktober zum Einsatz kamen, leben ebenfalls von dem treibenden Schlagzeug-Beat und vielschichtigen Arrangements.

Von beinahe sphärischen Zwischenteilen bis zu Hardrock-Parts ist alles dabei, was den Strokes-Fan seit 2001 und der EP "The Modern Age" an die Band gebunden hat. Auffallend sind die zahlreich eingebauten dynamischen Steigerungen in den Songs, mit deren Hilfe besonders die Refrains euphorisch aufgeladen klingen - auch ein Verdienst von Stamm-Produzent Gordon Raphael, der dieses Mal gemeinsam mit David Kahne als Co-Producer in Hell's Kitchen an den Reglern stand. Die Veränderungen, die Gitarrist Hammond Jr. am folgenden Mittag im Interview anspricht, beruhen wohl eher auf ungewöhnlichen Songelementen: "Ask Me Anything" erregt als Gesangs-Mellotron-Duo mit fatalistischen Textzeilen Aufsehen, "Electricityscape" erinnert vom Sound her an frühe Britpop-Tage, während "Vision Of Division" mit einem asiatisch anmutenden Gitarrensolo aufhorchen lässt. Ein angedeuteter stilistischer Befreiungsschlag hin zur Selbstfindung?

Wie an der Schnur gezogen kommen die Jungs, alles sympathische Mittzwanziger, mitsamt Manager und Promoterstab in den Eingangsbereich des extravaganten Hotel On Rivington in der Lower East Side. An meinen Tisch setzt sich Hammond Jr. Fertig, los.

Euer drittes Album und zumindest zum zweiten Mal die Situation, den hohen Erwartungen und Hoffnungen der Fans gerecht werden zu müssen - wie geht ihr damit um?
Es ist sehr aufregend! Ich denke, wir könnten als Band nicht glücklicher sein als im Moment. Musik machen, um die ganze Welt touren und alles sehen, wofür wir vorher keine Zeit hatten - ich kann die nächsten Jahre kaum abwarten.

Wenn du die Umstände vergleichst zwischen "Room On Fire" und "First Impressions Of Earth", wo liegen die Hauptunterschiede?
Wir haben uns verändert. Wir versuchen, keine der Bands zu sein, die sich ständig wiederholt. Bei "Room On Fire" waren wir noch ziemlich unsicher, wohl auch deshalb, weil von außen ein großer Druck auf uns lastete. Dann kam die Tour, auf der wir manchmal vier, fünf Monate am Stück unterwegs waren. Aber bei den Proben im Studio haben wir gemerkt, dass da was geht, sowohl innerhalb der Band als auch beim Songwriting. Das hat uns Selbstsicherheit gegeben.

Brauchtet ihr nicht auch einfach die Zeit, um euch darüber Gedanken machen zu können?
Ja, das stimmt. Zeit ist ein ganz wichtiger Faktor, besonders, wenn man in eine neue Richtung vorstoßen will. Bei einigen früheren Songs hat es schon geklappt, dass der Sound genau so war, wie wir ihn wollten. Aber meistens mussten wir die Songs zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen haben. Diesmal konnten wir wesentlich besseres Equipment nutzen und hatten teilweise zwei Monate für einen Song.

Gestern durfte ich in acht Stücke reinhören. Die Promoterin sprach jedoch von insgesamt 14 auf dem Album. Sind die anderen noch nicht fertig?
Doch, doch. Wahrscheinlich gibt es im Vorfeld nur eine Auswahl.

Und wie sind die übrigen geworden?
Großartig.

Klar. Mir fiel auf, dass die Stimmung zwischen den Songs sehr stark wechselt: mal verspielt-fröhlich wie bei "Razor Blade", mal düster und fast kammermusikalisch wie bei der Ballade "Ask Me Anything" mit dem ungewöhnlichen Mellotron. Siehst du das auch so?
[zögerlich] Wir sind an Grenzen gestoßen, an unsere technischen Möglichkeiten. Als Band waren wir wie in einem Raum ohne Fenster. Nur wir und unsere Gefühle, die natürlich sehr unterschiedlich ausfallen können. Es spiegelt das Leben wider - und das verdeutlicht auch "First Impressions Of Earth". Die positiven Phasen überwiegen jedoch.

Kann denn Julian bei der Textzeile "I got nothing to say, I got nothing to do, got no reason to live" [aus "Ask Me Anything"] mit dem lyrischen Ich gleichgesetzt werden?
Schon. Aber ich glaube nicht, dass er das so ernst gemeint hat. Wir sprechen zwar manchmal über die Texte, aber es muss auch immer allgemeingültige Wirkung haben.

Ist euch beim Refrain von "Razor Blade" auch die Nähe zu Barry Manilows "Mandy" aufgefallen?
Julian hat den Manilow-Song bestimmt noch nie gehört. Ich kann aber verstehen, warum man bei dem Song daran denkt. Ich hab mir sogar "Mandy" gekauft - am Ende ist es etwas anders. [singt das Original vor]

In der aktuellen Village-Voice-Ausgabe las ich vom Getuschel und der abschließenden Frage "Where's Drew?", als Fabrizio alleine bei der Spin-Geburtstagsparty auftauchte. Gewöhnt man sich nach vier Jahren an diese Form der Berichterstattung?
Darüber regen wir uns gar nicht mehr auf. Die Leute mögen es halt, so etwas zu lesen.

Es interessiert euch nicht, was geschrieben wird?
Nicht ein bisschen.


Als ich mich später an Julian Casablancas' Tisch setze, redet der Sänger gerade über den Umgang mit Groupies. Er versichert, damit nichts mehr zu tun zu haben: zum einen, weil es ab einer bestimmten Zahl auf Tour langweilig würde, zum anderen gibt es mit der langjährigen Freundin Juliet Joslin anscheinend nur noch eine Frau in seinem Leben. Als stummen Beweis streckt er seine linke Hand entgegen, daran ein goldener Ehering. Und grinst. Doch weitere Fragen zu privaten Themen wiegelt er kategorisch ab. So lässt sich auch nur spekulieren, inwieweit die Stimmungsschwankungen des Frontmanns Auswirkungen auf die wechselnde Atmosphäre der Songs hatten. Über Julians Traurigkeit ist bereits viel geschrieben worden, genährt durch Aussagen wie: "Es ist unheimlich, aber ich fühle, dass ich in meinem Leben oft Schmerz empfunden habe." Vielleicht sollte er den eigenen Ratschlag annehmen und sich alles einmal von oben angucken. Dann würde, was groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.


Favoriten 2005 von Albert Hammond Jr.
1. Shout Out Louds
2. Arcade Fire
3. Kings Of Leon
4. The Bravery
5. Kaiser Chiefs

Autor: Henrik Drüner

http://www.intro.de/musik/magazin/1132066588

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