Tocotronic polarisierten die Publikumsmeinung im fast ausverkauften MAX


Tocotronic. Bei dem Namen bekommt die eine Hälfte eine Gänsehaut. Und die andere Hälfte auch. Nicht nur der Werdegang der Hamburger Band polarisiert, sondern auch jedes einzelne Album und jede Textzeile von Sänger Dirk von Lowtzow. Dementsprechend spaltete sich die Beurteilung des Konzerts im fast ausverkauften MAX in zwei extreme Lager: die einen vermissten Druck, bemängelten Sound und Attitüde, die anderen feierten eine 90-minütige Werkschau und trotteten schweißgebadet zum Ausgang. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo dazwischen.

Selbst bei der Vorband La Grande Illusion war sich das Publikum uneins. Die zweiköpfige Formation spielte gefälligen Gitarrenpop mit einer berührenden Qualität, wirkte aber auch exaltiert wie der Projektname – mit einem bestimmten Maß an Distanz. Mastermind Heiko Badje (Gesang, akustische Gitarre) sowie Christina Castillon (Gesang, Keyboard, Percussion) konnten vor allem zweistimmig glänzen, abgesichert durch die unsichtbare Restband: Klavier, elektronische Beats und dezente Synthie-Flächen wie in bester Air-Manier.

Unter klassischen Klängen inszenierten die 'Tocos' Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Neuzugang Rick McPhail ihren Gang auf die Bühne: Ich habe Stimmen gehört vom aktuellen Album Pure Vernunft darf niemals siegen, getragen-geheimnisvoll intoniert. Die zweite Gitarre von McPhail schaffte neue Möglichkeiten, indem sie neben dem Schrammel-Moment durch ein Thema oder eine Melodie die Songs plastischer macht, so auch bei Mein Prinz, Gegen den Strich oder Alles in allem. Doch der Wegfall der filigranen Arrangements wurde auch deutlich, besonders bei Stücken der vielfältigen Tocotronic-Platte: Ihr Sound konnte nicht auf der Bühne reproduziert werden und blieb im Vergleich blass. Es fehlte in diesen Passagen das Einnehmende, Packende, Elektrisierende. Dass Tocotronic zum ersten Mal in Kiel auftraten erstaunt, da die Band doch seit zwölf Jahren in Hamburg älter geworden ist. Oder mag von Lowtzow mit der Single Aber hier leben, nein danke Kiel gemeint haben? Bestimmt nicht.

Die Jungs waren höflich, verbeugten sich oft; sie waren sympathisch, bedankten sich artig nach jedem Song und betonten lediglich die Hauswand-tauglichen Refrainzeilen "Pure Vernunft darf niemals siegen" oder "Das Unglück muss zurückgewiesen werden"; sie waren keineswegs prätentiös oder verkopft, wie es ihnen vorgeworfen wird. Ganz im Gegenteil: Im ersten Zugabenblock ohne McPhail konnte die punkrockige Frühphase mit Freiburg, Drei Schritte vom Abgrund entfernt, Ich muss reden, auch wenn ich schweigen kann abgefeiert werden. In den vorderen Reihen bei den zahlreichen Tocotronic-Lookalikes waren Arme und Beine in Bewegung, kamen Textzeilen von Herzen. Weiter hinten herrschte nach wie vor Skepsis und Biernachschub. Ein kalkuliertes Inferno zum Abschluss von Neues vom Trickser beendete das Konzert einer Aufsehen erregenden Band. Tocotronic – die Wahl der Gänsehaut, bitte!

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 16.03.2005 01:00