Tomte hinterließen im MAX viele glückliche Gesichter


Kiel – Tomte haben es geschafft. Wenn jemand wie Wiglaf Droste öffentlich stänkert, dass die Band so musikalisch sei wie ein Ikea-Regal, dann kann das wohl auch als Auszeichnung verstanden werden. Zwischen Anspruch und Anschauung der frühen Fans und dem Hörverhalten der neu gewonnenen Anhänger liegen zwar mittlerweile Welten, doch an diesem Abend im MAX ist sie noch zu spüren: die Schönheit der Chance.

Im Vorprogramm machen Pale klar, warum The Get Up Kids und Liquido nicht dasselbe sind. Fünf Jungs aus Köln und Aachen auf der Bühne, EmoRock in Reinform mit Druck und Melodien, ein teilweise unnötiges Keyboard und überaus wohlwollende Reaktionen des bereits dicht gedrängten Publikums. Doch erst bei Tomte bricht die sonnige Nacht an. Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann trägt eine schwarze Lederjacke, eng geschnitten, Marlon Brando-Style. "Eine Lederjacke kann eine Waffe sein", haut Uhlmann im Laufe des Konzerts raus. Und meint damit: "Besser als ein Batik-Shirt von Grateful Dead." Vor zu viel Hippie-Einschlag scheint er sich ohnehin schützen zu wollen. Selbst die Fotografen dürfen länger bleiben, damit Uhlmann nicht mit Akustikgitarre abgelichtet wird.

Um ihn herum stehen Olli Koch (Bass), Dennis "Flummi" Becker (Gitarre), Max Schröder (Keyboard, Teilzeit-Gitarre) sowie Timo Bodenstein (Schlagzeug) und zelebrieren IndieRock aus vollem Herzen und mit entwaffnender Ehrlichkeit als Trumpfkarte. Tomte spielen und singen – (noch) frei von ironischer Abgebrühtheit – Songs aus der Realität, in der es zwischen Scheitern, Glück und einem einfachen Lächeln so viele Gemütszustände gibt. Für viele im Publikum sind es Vier-Minuten-Soundtracks ihres Lebens. So voller Liebe und Empathie, dass es manchmal weh tut. Auch New York steht Kopf – zumindest die Skyline auf dem Bühnenhintergrund. Es ist die Stadt mit dem Loch, die Tomte auf ihrem aktuellen Album "Buchstaben über der Stadt" thematisieren. Erst Frank Sinatra, dann Udo Jürgens, jetzt also Tomte.

Die Songs pendeln sich in einem beinahe stereotypen Dynamikverhalten ein: Midtempo mit wenigen Ausreißern, euphorische Refrains und jede Menge Gitarre. "The Rick McPhail Song", "Korn & Sprite" oder "Wilhelm, das war nichts" führen zurück zu den Anfängen vor acht Jahren, und man spürt die im Text beschriebene Liebe zur Musik, die Liebe zu den Tönen. Auch wenn Tomte als Band gerade oben sind, wissen sie, wo sie sich bedanken müssen: "Ohne die Alte Meierei würden wir heute hier nicht spielen". Das Problem ist, dass die überwältigende Mehrheit der Zuschauer den Kieler Laden noch nie von innen gesehen haben wird. Auch nicht das Mädchen aus der Gruppe von etwa 14-Jährigen, die zwischen zwei Songs fordert: "Jetzt will ich aber mal'n Lied, das ich kenne." Sie wird wahrscheinlich die Single "Ich sang die ganze Zeit von Dir" meinen, die auch auf der neuen "Bravo Hits" ihren ungewohnten Platz gefunden hat. So stehen die Musiker für eine Attitüde, die viele ihrer jungen Anhänger schwerlich nachvollziehen können.

Nach einer langen Tour ist Kiel vorletzte Station, also prasselt es noch einmal Hits. "Von Gott verbrüht" oder "Schreit den Namen meiner Mutter" lässt die Masse springen und skandieren. Im Zugabenblock trägt "Indie-Sido" Uhlmann eine Spongebob-Maske, klampft solo auf der Sheryl-Crow-Gitarre, holt seine Mitmusiker aus dem Off, will ausgeklatscht werden. Wenn Droste sagt, der Mann könne nicht singen, die Band nicht spielen, und das Publikum fühle ebenfalls nichts, dann ist er im Unrecht. So viele glückliche Gesichter.

Von Henrik Drüner

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