Man singt deutsch – Folge 5: Tomte


Vor über 20 Jahren rollte schon einmal eine Neue Deutsche Welle (kurz: NDW) übers Land und spülte Nena, Trio, Spliff, Ideal, Markus oder Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile scheint es eine Entwicklung zu geben, dass sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache ausdrücken und mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vorstoßen. „Die Glocke“ stellt sie in dieser Reihe vor. Heute: Tomte.

Eigentlich passen die Hamburger nicht so richtig in diese Serie mit kurzfristig aufstrebenden Bands, einem eventuellen Trendphänomen und Kommerzdenken. Warum? Sänger Thees Uhlmann formuliert es so: „Ich mein, ich bin da mitten drin, aber ich hab da nichts mit zu tun. Ich mache Tomte schon seit acht Jahren und auch in einer Form, wo ich auch eine Stringenz erkennen kann. Ich hab diese Musik schon gemacht, als Tocotronic am berühmtesten waren, und mache genau dasselbe, jetzt, wo Wir sind Helden populär sind. Deswegen hab ich damit emotional nichts zu tun. Die Medienwahrnehmung ist natürlich eine andere, das ist mir schon klar. Jetzt ist das irgendwie so’n Modetrend. Da muss ich ja Angst haben, dass ich in zwei Jahren nicht mehr den Erfolg habe wie heute, weil der Trend dann zu Ende ist.“

Doch in ihrem Umgang mit der Muttersprache gebührt Tomte ein Ehrenplatz, ohne sie allein auf ihre Texte zu reduzieren. Thees (Gesang und Gitarre), Olli Koch (Bass), Dennis Becker (Gitarre) und Timo Bodenstein (Schlagzeug) zelebrieren Indierock aus vollem Herze und mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit als Trumpfkarte. Sie spielen und singen - frei von ironischer Abgebrühtheit - Songs aus dem wirklichen Leben, in dem es zwischen Scheitern, Glück und einem einfachen Lächeln so viele Gemütszustände gibt. Es sind Vier-Minuten-Soundtracks deines Lebens, so voller Liebe und Empathie, dass es manchmal weh tut. Thees: „Ich singe deshalb Deutsch, weil ich mich da besser ausdrücken kann und weil ich härtere Aussagen treffen kann. Die Leute haben einen Bezug dazu. Wenn das Wort 'Krebs' gesungen wird, dann wissen die genau, was Sache ist. Wenn ich auf Englisch 'cancer' singen würde, dann wirkt es halt abstrakt, aber wenn Du 'Krebs' singst, dann ist das etwas Konkretes und sofort ist der gesamte Erlebnishorizont des Wortes präsent.“

Das aktuelle, dritte Album „Hinter all diesen Fenstern“ veröffentlichten Tomte beim eigenen Label „Grand Hotel van Cleef“, das Thees gemeinsam mit Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff (von Kettcar) vor zwei Jahren ins Leben rief und das seitdem eine unglaubliche Erfolgsgeschichte (Death Cab For Cutie, Marr, Kettcar, Olli Schulz oder Bernd Begemann) schreibt. Der Bandname, der auf Astrid Lindgrens „Tomte Tummetott“ zurückgeht, steht letztendlich stellvertretend für den Slogan: Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen. Henrik Drüner

15.08. Bielefeld Ringlokschuppen (mit Ash)