Vanilla Ninja in der Halle400

 

Lenna, Katrin, Maarja und Piret ist der geringste Vorwurf zu machen. Sie sind nur das öffentlichkeitswirksame Quartett, das als Marionette an den Fäden von Produzent David Brandes hängt. Sie repräsentieren lediglich Vanilla Ninja, spielen bei der Illusion so gut wie möglich mit, weil sie den Traum vom Popstar-Dasein leben wollen. Mit Verve gehen sie den Tourstart in der halb gefüllten Halle400 an - und machen gute Miene zum bösen Spiel.

Schwarze und chromglänzende Aufbauten bestimmen das Bühnenbild. So sollen Rockklischees bedient werden. Vorne die vier Popgören aus Tallin, dahinter die Backing Band mit zwei Gitarren, zwei Schlagzeugen und Keyboard. Das volle Brett. Mit einem Sound, der die Zeiten von Europe und deren „Final Countdown“ wieder auferstehen lässt, den Heavy Rock des frühen Bon Jovi oder Dio. Das Schlimme daran: Die Attitüde verkommt zur Pose, zur Farce. Es ist geradezu lächerlich, mit welcher Inbrunst und Affektiertheit versucht wird, den Vanilla Ninjas ein rockiges Image zu verpassen. Die Jeans von Lenna Kuurmaa, Katrin Siska, Maarja Kivi und Piret Järvis sind zerschlissen, die verwegenen Gesten komplett für die „Blue Tattoo“-Tour einstudiert. Alle vier bedienen Instrumente, also Gitarren, Bass und Keyboard, die aber wohl nicht mehr als heiße Luft produzieren. Warum sollten sonst die eingekauften Profimucker im Hintergrund alles doppeln? Die Mädels sollen singen, süß sein, Identifikationsfiguren darstellen für die zahlreichen Teenies im Publikum. Für viele wird es das erste Konzert sein, die Eltern im Schlepptau. Was für ein Einstand! Bei „Hellracer“ sind die Hände oben, einzelne Transparente mit Liebes- und Sympathiebekundungen werden stolz hochgehalten.

Individuelle Stimmqualitäten sind anfangs nicht auszumachen, dafür singen die Vanilla Ninjas zu oft mehrstimmig und sind zudem mit Hall zugekleistert. Stattdessen dominiert ein dicker Keyboard-Teppich mit 80’s-Synthie-Sounds, simpel gehaltene Rockbeats und Gitarrenriffs vom Reißbrett. „Cool Vibes“, „Puzzle My Dreams“, „Traces Of Sadness“ - immer wieder, bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Dazu Gitarrensoli mit einem zur Grimasse mutierten Gesichtsausdruck oder kraftstrotzende Drum-Einlagen. Was darf nicht fehlen? Richtig: die Power-Ballade mit Feuerzeuggarantie und allem Tamtam. Die Stimmung vor der Bühne ist dennoch - oder gerade deswegen - gut bis ausgelassen. Ein positiver Ausreißer bildet „I Don’t Care At All“ zur Akustischen, weil hier vier Stimmen von vier attraktiven Sängerinnen zu hören sind. Ebenso bei der Single „I Know“ und „Undercover Girl“, wenn kleine Mädchen im Publikum euphorisch im Takt hüpfen und mit Textsicherheit glänzen. In zehn Jahren werden sie wahrscheinlich über diesen schlechten Aprilscherz lachen können – die Vier von Vanilla Ninja hoffentlich auch.