Serie „Man singt deutsch“ – Teil 11: Virginia Jetzt!

 

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Virginia Jetzt!.

Schwelgerische Melodien und hymnische Refrains - das sind die herausstechenden Merkmale im Sound von Virginia Jetzt!. Mit dem aktuellen Album „Anfänger“ (Motor/Universal) rücken die vier Wahl-Berliner dem selbst gesteckten Ziel des perfektionierten Gitarren-Pop-Songs wieder ein Stück näher und treffen damit - wie auf ihren Konzerten jederzeit anschaulich nachzuvollziehen - vor allem den Nerv junger Mädchen.

Der skizzierte Werdegang: Im April 1999 gründen sich Virginia Jetzt! im brandenburgischen Provinznest Elsterwerda. Eine erste EP wird selbstgebrannt verteilt und findet mit dem besten Song „Deine Welt“ - die weiblichen Gesangspart übernahm übrigens Mieze von Mia - selbst im Tagesprogramm von Berliner Sender Radio Fritz seine treuen Fans. Über das Musik-Fanzine Knaartz, an dem zwei Bandmitglieder maßgeblich beteiligt waren, knüpft die Band Kontakte zu anderen Musikern, von denen VJ! auch heute noch profitieren. Im Sommer 2003 erscheint ihr erstes Album „Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!“ und spannt den Rahmen um Schrammel-Gitarren und Texte über Liebe und Sehnsüchte, eigene Befindlichkeiten und Beziehungserfahrungen: mal melancholisch, mal begeisternd, aber immer Wohlfühlmusik, die beinahe naive Lebenslust versprüht („Wenn du bleibst, morgens deine Augen reibst / und die Spuren im Sand und die Schatten an der Wand / All das soll immer mein sein / denn ich will nie mehr allein sein“ oder „Wir sind von guten Eltern / wir haben alles schon gesehen / wir haben keine Sorgen / wir haben nicht mal ein Problem“).

Eine Besonderheit bei VJ! ist die Tatsache, dass Gitarrist Thomas Dörschel die Songs schreibt und damit auch die Texte, die Nino Skrotzki als Sänger wiedergibt. Doch das Quartett (zusätzlich noch Mathias Hielscher am Bass sowie Schlagzeuger Angelo Gräbs) hat sich damit arrangiert und in Jem einen Produzenten gefunden, der trotz seiner Arbeit bei Miles und Angelika Express einen eigenständigen VJ!-Sound kreierte. „Wir wollen uns mit unserer Musik beweisen, wollten textlich etwas eindeutiger werden“ beschreibt Hielscher die bandinterne Entwicklung.
Im September geht es als Vertreter deutsches Liedgutes vom Goethe-Institut aus nach Russland, danach in deutsche Hallen und Clubs auf große Tournee (beispielsweise am 22.10. in Bielefeld). Vielleicht ist es mit VJ! wie mit ihrer aktuellen Single „Ein ganzer Sommer“: Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner und am Ende scheint die Sonne. Henrik Drüner