Voltaire im Nachtcafé

 

„Hätten wir einen Hit - ich glaube, das wäre er!“ Roland Meyer de Voltaire gibt sich in der Ansage zu „Flut“ selbstbewusst. Und betreibt gleichzeitig Understatement, in dem Wissen, dass meist nicht vorhersehbar ist, wann welche Faktoren zusammenkommen müssen, um mit einem Song durchzustarten. Eine Flut ist bekanntlich kein Monsun - besonders in diesen Tagen ein großer Unterschied. Wenn Voltaire im nächsten Jahr den Durchbruch schaffen sollten, dann haben sie es sich auch durch das Konzert im Nachtcafé redlich verdient.

Meyer de Voltaire ist Namensgeber, Sänger und Gitarrist der Bonner Band, die bereits im vergangenen Jahr in Kiel spielte, diesmal aber bereits Songmaterial vom kommenden Album vorstellen kann. Mit der EP „Flut“ entwickelten und lebten Voltaire eine eigene Vision von deutschsprachiger Musik, angelehnt an Elemente britischer Bands. Man verlangt Vergleiche? Hier sind Vergleiche: Die lang gezogenen Töne mit der Kopfstimme erinnern an Thom Yorke von Radiohead, ebenso die sphärischen Momente und die Experimentierfreude, während die laut-leise-Passagen auch bei Muse wunderbar funktionieren. Der eventuelle Vorwurf des Plagiats prallt jedoch an ihnen ab - zu eigenständig klingt das, was Meyer de Voltaire, Marian Menge (Gitarre), Hedayet Djeddikar (Keyboards), Rudolf M. Frauenberger (Bass) und David Schlechtriemen (Schlagzeug) im zweigeteilten Set fabrizieren.

Die zwei Gitarren ermöglichen interessante Harmoniearbeit, lassen unkonventionelle Ideen entstehen und verwirklichen. Djeddikar verschanzt sich in der Tastenburg, schießt friedfertig mit druckvollen Keyboard-Achteln oder elegisch getupften Akkorden aus den Boxen. Im Mittelpunkt steht jedoch der charismatische Sänger, dem die Strähnen - ganz Rock’n’Roll - ins Gesicht hängen. Doch die Songs stehen eher für melancholischen Shoegazer-Pop, der streckenweise ausbricht, um den süßen Duft der Freiheit zu atmen. Meyer de Voltaire trägt das Herz auf der Zunge, springt mit der Stimme zwischen den Lagen und wechselt dadurch auch jeweils die Atmosphäre von romantisch-klagend zu kraftvoll-wütend. Wenn in einem Songtext der Himmel von grauen Wolken verhangen erscheint, dann malen Voltaire mit ihren Liedern ganz bestimmte Bilder, steigern sich zu hymnischen Höhenflügen.

Vor der Pause teilweise noch zu glatt („Zu schön“), errichten die Fünf im weiteren Verlauf immer höhere Wände, gebaut aus Dynamik, Klang und Krach. „Kaputt“ ist so ein Rocksong, der schroff und unbequem die Hörgewohnheiten aufraut - und das Publikum zu Verbündeten macht. Als ein Einsatz gründlich daneben geht, lachen sich die Musiker an, finden rhythmisch wieder zueinander und spielen einfach weiter. Zum Glück brauchen Voltaire noch keinen perfekten und abgebrühten Eindruck hinterlassen. Noch nicht.

 

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