Serie „Man singt deutsch“ – Teil XII: Von Spar

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Von Spar.

Ein frischer Eintrag im Gästebuch der Band Von Spar bringt es auf den Punkt: „Sehe ich das richtig? Eine deutsche Band, die Lieder mit Texten macht, bei denen jemand den Kopf eingeschaltet hat?“ wundert sich „dave“ und meint damit den musikalisch wie textlich großen Wurf, der auf den kryptischen Titel „Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative“ (L´Age D´Or/Rough Trade) hört. Die Kölner Thomas Mahmoud (Gesang), Philipp Janzen (Schlagzeug) und Christopher Marquez (Bass) transformieren auf ihrem Debütalbum eine gehörige Portion Wut und viel Erfahrung aus anderen Bands in ein schwer zu bändigendes Energiebündel.

Erst im Frühjahr 2003 fanden sich Von Spar zusammen, die mit Sebastian Blume (Keyboard) und Phillip Tielsch (Gitarre) zur Live-Band komplettiert werden - ein Projekt, das nach zwei Vorab-EPs wohl auch von den begeisterten Reaktionen überrascht wurde und eine kontinuierliche Probenarbeit bei The Oliver Twist Band (Mahmoud) und Urlaub In Polen (Janzen) zum Erliegen bringen könnte. Auf dem Album, produziert von Chris und Carol von Rautenkranz, nutzt das Trio das kreative Spiel mit Songstrukturen und dekonstruiert allerlei Referenzen aus den 70/80ern: Stones-Bruchstücke genauso wie das „My Sharona“-Riff von The Knack. Auch bei den Texten gibt es den Wiedererkennungstrick mit „Geschichte wird gemacht“ und „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ als bedeutende Zitate deutschsprachiger Popkultur, ebenso bei den Studiogästen: Peter Hein (Fehlfarben) und Frank Spilker (Die Sterne) sind Teil des inszenierten Wahnsinns. Sänger Mahmoud begründet den Schritt so: „Die Kunst dabei ist es, ein Zitat in einen Kontext zu packen, der es wieder neu klingen lässt oder eine neue Assoziationskette zu bilden, die mit den Teilen davor und danach ineinander greift.“

Rastlos, temporeich und ungestüm vertonen Von Spar ihren Protest. Denn die Endzwanziger sind mit vielem nicht einverstanden: „Wenn amerikanische Bands ein Unbehagen gegenüber ihrer Gesellschaft äußern, ist das völlig legitim“, erklärt Mahmoud. „Merkwürdig ist aber, dass man hier in Deutschland die Amerikaner zum neuen Feindbild erklärt, aber keine Kritik mehr am eigenen Land, an dieser fiesen neoliberalen Politik äußert. Ganz gleich, ob Mia., „Das Wunder Von Bern“ oder diese „Neue Heimat“-Sampler – gegen all das wenden wir uns mit aller Konsequenz.“ Das geschieht dann immer inklusive Überraschungseffekt, ohne aufgespanntes Fallnetz. Von Spar fordern schließlich: „Wir brauchen mehr Dynamit, Regie!“ Henrik Drüner

Von Spar spielen am 6. Oktober im Kölner Gebäude 9