Wilwarin-Festival 2008: Veitstanz in der Staubwolke


Ellerdorf – Alles japst nach Flüssigem: Flora, Fauna, Homo Wilwarinus. Die elfte Auflage des Wilwarin Festivals stand ganz im Zeichen der anhaltenden Hitzeperiode und des würdigen Headliners Danko Jones, noch überstrahlt von der übergreifenden Zwanglosigkeit aller Beteiligten.

Wohl wieder sind 3000 Besucher nach Ellerdorf unweit der Autobahnabfahrt Warder gepilgert, wo normalerweise sattes Grün dominiert. Doch auf den Zufahrtswegen zum Festivalgelände ziehen dichte Staubwolken auf, offenes Feuer ist wegen der akuten Waldbrandgefahr ohnehin nur mit bereitgestelltem Löschwasser gestattet. Kein Problem für die eingefleischten Wilwarin-Fans: Ein Teil des Publikums campiert schon seit dem Vorabend auf dem Gelände. Zum Akklimatisieren. Entweder im Zelt oder Bus, je nachdem, wie komfortabel man sich das Wochenende machen möchte. Hauptsache, das Bier zischt.

(alle Fotos: HD)

Als am Freitagabend die Sonne gegenüber der Hauptbühne, liebevoll „Pain Area“ genannt, untergeht und alles in goldenes Licht taucht, wuchten gerade Escapado ihr Hardcore-Programm durch die Boxen. „Eigentlich würde jetzt Reggae besser passen“, meint auch Sänger Helge Jensen, doch die Flensburger bleiben ihrer Linie treu. Sie sehen unscheinbar wie eine Nachwuchsband aus, aber sie rocken ähnlich wie Refused oder Gorilla Biscuits so unnachgiebig, als wollten sie die Sonne für immer verdunkeln.

Auf der Zeltbühne, dem „Second Ground“, setzen Jim Pansen im Anschluss eine Kontrastmarke. Gute-Laune-Hip-Hop. Florian Sump, ehemaliger Schlagzeuger der Teenie-Band Echt, rappt mit Kumpels unter diesem Pseudonym und versucht eine Neuverortung nach dem Auf und Ab im Popbusiness. Die meist jugendlichen Fans zelebrieren trotz der ungewohnten Umgebung eine ausgelassene Party, grölen die deutschsprachigen, selbstironischen Texte mit, die beispielsweise mit "MPU" dem Idiotentest ein eigenes Lied widmen, wenn von Cannabis-Konsum im Straßenverkehr die Rede ist. Und immer präsent: Staub, Staub, Staub. Naseschnäuzen bringt Spektakuläres ans Tageslicht. Micha, Gitarrist der Typhoon Motor Dudes, hat erst am zweiten Tag seinen Auftritt, ebenso wie Jingo de Lunch, Boxhamsters oder The Flatliners. Doch für ihn sei Wilwarin jedes Jahr Familienurlaub, wenn er mit Frau und drei Kindern eine dreitätige Auszeit vom Alltag nimmt. Sagt's und sucht grinsend bei der Hüpfburg weiter nach zwei verschollenen Juniorrockern.

Das Wahlberliner Trio El*Ke, bestehend aus Peter Blomer (Gesang, Bass, Gitarre), Martin „Mücke“ Krüssel (Gesang, Gitarre, Bass) und Hubert „Hubi“ Deters (Schlagzeug), zieht seinen strammen Deutschrock schnurstracks durch. Folgerichtig die Songtitel: "Adrenalin (180 im Stehen)" oder "Verboten scheißegal". Sehr ambitioniert, im positiven wie negativen Sinne.

Selbiges gilt auch für Bubonix, die seit 1994 dem Hardcore-Punk frönen und sich DIY auf den Fahnen geschrieben haben, also alles selber machen, selber buchen, selber veröffentlichen. Das riecht nach alten Idealen und Ideen, vor allem, wenn die Texte vor dem Konzert auf Flugblättern verteilt werden. Recht ungewöhnlich, aber umso eindrucksvoller, wie sich aggressive Riffs und brutales Geschrei von Thorsten Polomski und Sarah De Castro mit luftig-melodischen Parts abwechseln. Die Menge tobt.

Sprechchöre begleiten bereits den Soundcheck von Danko Jones. Alle warten gespannt auf die Band um den gleichnamigen Sänger und Gitarristen, die sich nicht zu schade ist, einen Tag vor dem Rock am Ring-Auftritt noch beim Wilwarin vorbei zu schauen. Der glatzköpfige Kanadier macht mit Bassist John Calabrese und Schlagzeuger Dan Cornelius dem aktuellen Albumtitel alle Ehre: "Never Too Loud". Stilistisch eine Mischung aus Hardrock, Blues und Punk, ähnelt das Konzept solchen Bands wie Kiss, AC/DC oder Thin Lizzy. Und das kommt bekanntlich auf Festivals besonders gut an.

Veitstanz vor der Bühne, Stage-Diving, Crowd-Surfen – die Security hat alle Hände voll zu tun, um die Büffelherde unter Kontrolle zu halten. "Still In High School" frohlockt Jones, unterlegt mit abgehackten Gitarrenakkorden und einprägsamen Melodielinien. Ein würdiger Headliner mit Charisma, der Attitüde eines unbeugsamen Rebellen und jeder Menge Rock-Gesten.

Großes Lob gebührt der großen Schar an freiwilligen Organisationshelfern: Wilwarin ist dank ihnen ein entspanntes und familiäres Festival. Besonders in diesem Jahr.


(alle Fotos: HD)

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