Tosca: No Hassle (!K7/Al!ve)

Das Ziel von Richard Dorfmeister und Rupert Huber, den beiden Tosca-Köpfen, war klar umschrieben: 'Easy going', also nicht aus der Ruhe bringen lassen, und das ganz bewusst und konsequent auf Albumlänge. Nach „J.A.C.“ und der Remix-Sammlung „Souvenirs“ frönt das Wiener Duo mit „No Hassle“ wieder verstärkt der Selbstbeobachtung, die teilweise zur Nabelschau gerät. Die Basis bilden im Grunde Instrumentalsongs, da die wenigen Vokal-Schnipsel lediglich für ein weiteres Klangelement im Gesamtsound stehen. Akribische Songarrangements und einstige Mikrogäste (Samia Farah, Earl Zinger, Farda P und Stephan „Graf Hadik“ Wildner) weichen moderaten Dubschleifen und perlenden Piano- oder Gitarrentupfern. Eine Klangreise, die einer hochwertigen Fahrstuhlbeschallung gleichkommt, indem sie auf Entspannung mit Stil und Beats in gedrosseltem Tempo setzt. „Elitsa“ und „Mrs. Bongo“ mit ihren kantablen Hauptthemen erinnert umso mehr an Kid Locos 97’er-Blaupause „A Grand Love Story“. So rückt die Tanzfläche in weite Ferne – die Essenz von Tosca dagegen näher.

 

Thunderheist: Thunderheist (Big Dada / Ninja Tune / Rough Trade)

Zuerst war es nur das Soloprojekt von Produzent und Beatschrauber Grahm Zilla. Doch Thunderheist steht für ein weiteres dieser MySpace-Wunder-Dinge: Isis, die bis dahin aus ihrer Stimme nur Soul und Jazz formte, klickte „Add to friends“, später mehrmals „Send a message“, und schon lief die Sache mit den tiefer gelegten Bässen, den Booty-Club-Hits und der ganzen Party-Action. Toronto ist die Homebase, das globale Dorf die brodelnde Tanzfläche. Und was Isis am Mikrofon anstellt, macht nicht nur Electro-Hip-Hop im Stile von Peaches, Chicks On Speed oder Princess Superstar („Sweet 16“) alle Ehre. Nach drei Hits zu Beginn – unter anderem die Single „Jerk It“ – nimmt die Euphorie etwas ab, aber dieses Debütalbum wird uns 2009 sicherlich noch länger begleiten.

 

Black Lips: 200 Million Thousand (Vice / PIAS / Rough Trade)

Die Black Lips sind eine dieser Bands, die so unbeirrt durch ihren Rock’n’Roll-Traum toben, dass man beinahe an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln möchte. Klingt ja auch zu schön: Während der Indien-Tour zieht Gitarrist Cole Alexander auf der Bühne blank, erregt durch weitere eindeutige Aktionen massiv öffentliches Ärgernis, woraufhin das US-Quartett durch den Backstagebereich sowohl Venue als auch Indien fluchtartig verlässt und in Berlin Unterschlupf findet. Würde man gerne als Zeitraffer-Aufnahme sehen. Und passt auch wunderbar zur neuen Platte, die in den 15 Nostalgiekatalysatoren klingt, als könne die Zeit seit den frühen Stones, den Stooges und Velvet Underground auf einen gierigen Bierzug gekürzt werden. Das Schlagzeug scheppert, der kehlige Gesang leiert, die Fuzz-Gitarren jaulen und in der Garage ist die Hölle los. Wenn The Black Keys oder The Dirtbombs nicht ungefähr so ein Zeug produzieren würden – man würde dieses Ausmaß an Authentizität nicht für möglich halten.

 

Mongrel: Better Than Heavy (Wall Of Sound / PIAS)

Dieser Musiker-Bastard trägt sein Emblem vollkommen zu Recht. Supergroup. Hat zwar stets einen leichten Beigeschmack von Größenwahnsinn, aber in diesem Fall: Supergroup! Eigentlich wollte Jon McClure, Sänger von Reverend and the Makers, im vergangenen Jahr dem Musikgeschäft Lebewohl sagen. Die Aussicht, ein Album mit dem Venezuelanischen Präsidenten Hugo Chávez aufzunehmen, reaktivierte jedoch seine Kräfte. Tatsächlich zählen Andy Nicholson (Ex-Bassist Arctic Monkeys), Schlagzeuger Matt Helders (Arctic Monkeys), Babyshambles-Bassist Drew McConnell, Joe Moskow (Reverend and the Makers) und Rapper Lowkey (Poisonous Poets) zu den Mitstreitern bei Mongrel. Das Ziel von „Better Than Heavy“: nicht weniger als Public Enemys musikalisch-politische Sprengkraft zu „It Takes A Nation…“-Zeiten. Entsprechend ambitioniert geht Lowkey in den Texten zur Sache, eindrucksvoll auch sein Word-Flow in „Act Like That“. Und sehr offensichtlich schielen Mongrel mit Songs wie „Lies“ oder „Menace“ auf die Nachfolge der Gorillaz, wenn sie abgehangene Dub-Beats und Melodienreichtum mit dem Stoff mischen, aus dem Pophits entstehen. Erst im letzten Song geben Gitarren und Indierock-Gesang einen Hinweis auf die sonstige Ausrichtung der Protagonisten. Wie meine Oma sagen würde: „Die Jungs haben Pep!“

 

Beirut: March Of The Zapotec (Pompeji Records / Indigo)

Hat Zach Condon schon wieder frische Gypsie-Hits für Indiekids gezaubert? Nur zum Teil. Also kein vollwertiges drittes Album, aber eine absolut vollwertige Doppel-EP. „March Of The Zapotec” setzt sich aus zwei EPs zusammen, die sein Schaffen des vergangenen Jahres wiedergeben – und das Ergebnis ist heterogener als vermutet. Die eine Hälfte gehört Beirut, dieser Ein-Mann-Band, die zuletzt auf „The Flying Club Cup“ klang wie eine ausschweifend musizierende Emir-Kusturica-Filmcrew. Man schloss den jungen Condon in sein kosmopolitisches Herz, auch jetzt, wo er sich im mexikanischen Teotitlan del Valle mit Hilfe einer lokalen 19-köpfigen Begräbnis-Combo, The Jimenez Band, an krachlederne Folk-Musik macht. Ein Bläser-Rumtata-Gesangs-Spaß, aber es fehlt etwas der Überraschungseffekt. Dann zwei Minuten Stille, ein Hauch von Nichts. Ab da regiert sein anderes Alter Ego Realpeople mit Schlafzimmer-Electro-Pop. Hinein ins 80er-Jahre-Synthie-Glück, bei dem „Venice“ pluckert wie Boards Of Canada und klagender, teilweise mehrstimmiger Gesang die Sinne vernebelt. „No Dice“ frönt gar einer frühen House-Ästhetik. Und: Es ist überraschend gut. Vor allem verdeutlicht es die kreative Spannweite von Zach Condon. Nur kann er sich nicht so recht entscheiden, wie er es mit den Frauen halten soll: „My Wife“, „My Night With A Prostitute From Marseille“, „My Wife, Lost In The Wild“ und „The Concubine“ heißt eine relevante Auswahl an Songtiteln.

 

Aidan Moffat & The Best-Ofs: How To Get To Heaven From Scotland (Chemikal Underground / Rough Trade)

Der sympathische Kauz Aidan John Moffat hat sich mit drei Musikern zu Aidan Moffat & The Best-Ofs zusammengefunden, um die existenzielle Frage zu klären, wie man von Schottland aus in den Himmel kommt. Es ist für ihn ein Album des Herzens, im Gegensatz zur Solowerk „I Can Hear Your Heart“, das lediglich das Herz im Titel führte, aber im Grunde deftige Kurzgeschichten zwischen Suff und der Zigarette danach beinhaltete. Diesmal gibt es Happy Ends, Gute-Nacht-Lieder für ungeborenes Leben und andere wärmende Themen. Ein Vergleich zu seinem ehemaligen Arab-Strap-Partner Malcolm Middleton drängt sich auf – zu nah standen sich die beiden über ein Jahrzehnt. Doch während Middleton in seinen Songs eher entschlackte und schwermütige Gitarrenklänge bevorzugt, setzt Moffat bei „Oh Men!“ auf Quetschkommode und grölendes Pubvolk, auf fidele Mandoline, Schellenkränze und Harmonika. Alles wirkt auf gewisse Art spontan und befreit, wie zufällig und doch in sich schlüssig. Wenn bei „Big Blonde“ die Country-Gitarre attackiert und Moffats Vollbart galant am Mikro kratzt, dann scheint das Rätsel des Albumtitels gelöst.

 

Moke: Shorland (Universal)

Paul Weller urteilte über die Songs des Moke-Albums: „Fucking Smashing Tunes“. Begehrtes Lob vom Modfather, das die fünf Jungs prompt als roten Aufkleber aufs Cover pappten, als „Shorland“ vor anderthalb Jahre in den Niederlanden veröffentlicht wurde. Moke kommen aus Amsterdam und sind auf nationaler Ebene mittlerweile ein echter Kassenschlager inklusive „Uitverkoopt“-Schildern an allen Venue-Türen. Und dazu auch noch der Titel „Best Dressed Band“ (gekürt von irgendeinem Modemagazin) dank Karl Lagerfelds Garderobe – was kann für eine Rockband denn jetzt noch kommen? Auf beinahe unangenehme Weise perfekt klingt ihre Mischpoke aus Britpop-Versatzstücken mit etlichen Rück- und Querverweisen. Unmissverständlich auf Hymne getrimmt, hochgradig melodiös, ohne Beanstandungen bei „Last Chance“. Alles schon einmal gehört, alles schon einmal durchgewunken. Einzig interessanter Punkt könnte die irische Herkunft von Sänger und Gitarrist Felix Maginn darstellen. Seine Texte gewähren einen Blick in die Gemütslage eines im katholischen Belfast aufgewachsenen Jungen, der die IRA als Schutzmacht empfand. Eines Jungen, der in „Here Comes The Summer“ unter ein Auto flüchtet, um vor den abgefeuerten Schüssen protestantischer Extremisten in Deckung zu gehen. Aber, mal ehrlich: Welcher Moke-Fan fragt schon nach politischen Inhalten?

 

Congregation: Congregation (Bronzerat / Soulfood Music)

Man stelle sich eine versiffte Spelunke vor, in der man nicht genau sagen kann, wo die Bühne aufhört und der Tresen anfängt. Dazu ein ungleiches, einander aber doch vertraut wirkendes Pärchen, das aussieht wie ein Gangster-Duo aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise (nein, die andere von 1929 ist gemeint). Er beugt sich über die Slide-Gitarre oder beackert reinstes Blues-Schema, sie sehnt sich singend nach Küssen des Liebsten. Victoria Yeulet und Benjamin Prosser alias Congregation sind die neue Weißbrot-Rhythm&Blues-Hoffnung aus London. Der minimalistische Charakter der transparenten Songs lässt nicht nur aufgrund der Besetzung an The White Stripes denken, ebenso an Holly Golighty & The Brokeoffs, aber Congregation sind weniger Rock’n’Roll. Ihr Trumpf ist Stimmung – und Stimme: ungehobelt, aufreizend und verführerisch gleiten Yeulets Silben über die Noten und beklagen im Song „Dose of Hell”: „The doctor says, he can’t do me no good / I wish he could do me like you could / His pills make me ill, your kisses make me well / Too bad your loving was like a dose of hell”. Auf Albumlänge mag dieser Trumpf zu einer gewissen Übersättigung führen, aber wenn eine Platte den Glauben an ein Genre wiederaufleben lässt, warum dann nicht auf diese stilvolle Art und Weise?

 

Angil & The Hidd[e]ntracks: Oulipo Saliva (Chemikal Underground / Rough Trade)

Da ist Mickael Mottet ganz konsequent. Schnaps ist Schnaps und Plan ist Plan. Beim Primavera Festival beschlossen der Angil-Mastermind aus dem französischen St. Etienne und Altsaxofonist Francis Bourganel von The Hiddentracks, das kommende Album auf der klanglichen Grundlage von Blech- und Holzblasinstrumenten zu komponieren. Außerdem bat Bourganel darum, komplett auf E-Dur-Akkorde zu verzichten, weil das auf der Kanne immer zu Komplikationen führe. So weit, so plausibel. Mottet reizte die Vorgabe schließlich so weit aus, nicht nur auf der ganzen Platte auf das E – sowohl als Ton und Akkord als auch in den Songtexten – zu verzichten, sondern der Begleitband auf dem Cover sogar den einen Buchstaben zu schwärzen. Nach „Teaser For: Matter“ von 2004 deckt „Oulipo Saliva” noch stärker die extremen Stile ab und reicht von symphonischem Folk bis hin zu verschlepptem Hip-Hop und angedeuteten Jazz-Anleihen. Mit Robert Wyatt-Timbre und dem zwölfköpfigen Ensemble im Rücken sprechsingt sich Mottet durch intelligente, charmante und annähernd einzigartige Preziosen. „Took No Drugs, Had No Drink (It All Was in Our Minds)“ klingt so, wie es der Titel andeutet, „In Purdah“ möchte man mit auf die Insel nehmen.

 

Los Campesinos!: We Are Beautiful, We Are Doomed (Wichita / Cooperative Music / Universal)

Alles muss raus. Lebensfreude, Energie, Songideen. Noch ist das durchaus ereignisreiche Jahr 2008 nicht rum, und schon hauen die walisischen Bauern ein weiteres Album raus. Etwaigen Nörglern wird vorsichtshalber der Wind aus den Segeln genommen, indem das siebenköpfige Spaßmobil betont, dass keine Überbleibsel der letzten Aufnahmen beziehungsweise Songs verwendet wurden, die es qualitativ nicht auf „Hold On Now, Youngster…“ geschafft haben. Alles neu, alles frisch. Mit Seattle-Produzent John Goodmanson, der zwischen Blonde Redhead und Wu Tang schon die passende Spannbreite an Bands bei sich im Studio beherbergte, ging es in Klausur. Eine Konstante bei Los Campesinos! sind der ungestüme Indiepop-Lärm und das beschwingte Naturell, das zum einen in der Indiepoesie der Songtitel, zum anderen in den verspielten Arrangements deutlich wird. Gareth singt wie toll, Aleksandra unterstützt ihn nach Kräften, Harriets Geige lädt zum Tanze (wir erinnern uns: „You! Me! Dancing!“) und mit „Ways To Make It Through The Wall“ geht es im Opener gleich einmal durch besagte Wand. Der Sound ist weiterhin originell, vielleicht etwas geordneter als beim bewusst dilettantischen Debüt. Und auch das Songwriting wirkt verbessert, weil schlicht die Akzente jeweils besser gesetzt wurden. Beispiele gefällig? „Miserabilia“, „We Are Beautiful, We Are Doomed“, „You’ll Need Those Fingers For Crossing“ oder das quirlige „It’s Never That Easy Though, Is It? (Song For The Other Kurt)“. Insofern eine definitive Entwicklung. Wenn „We Are Beautiful, We Are Doomed“ die Richtung vorgibt, dann darf man sich auf Neuigkeiten von den lustigen Bauern freuen. Lange kann es nicht dauern.

 

Skeletons: Money (Tomlab / Indigo)

Möglicherweise liegt es an der magischen Formel, die sich hinter allem verbirgt: „There is a simple way to get trough the day, if you like magic tricks”. Und was man nicht einordnen soll, was man nicht fassen kann, muss beschrieben werden. Die komplette Kreuzung Ecke 4th/Atlantic Avenue, quillt über vor gelber Taxen. Ein vielstimmiger Chor von Autohupen füllt den Raum, der den Namen „Fill My Pockets Full“ trägt. Zu zwei wechselnden Klavierakkorden sitzt Matthew „Matt” Mehlan tagträumend am Fenster und sinniert: „Maybe if I pray, the sun will shine for me…but I don’t have the time“. Keine Zeit, keine Zeit. Für Songs wie „Unrelentinglessness” braucht der Hörer viel Zeit, noch mehr Muße und einen gut sortieren Apothekenschrank. Denn das Album „Money“, Skeletons fünftes und die Premiere auf Tomlab, strapaziert konventionelle Hörerfahrungen. Gesangswirrwarr, Bläserangriff, Rumpelschlagzeug und andere Klangutensilien sorgen in ihrem Mix für Teilzeitirritation. Bei „Ripper a.k.a. The Pillows“ befinden sich übersteuerte Trompeten auf Nashornjagd, im Hintergrund scheppern unzählige Aufnahmespuren, um Klarheit zu verhindern. Die New Yorker Band wird wissen, was sie sich dabei gedacht hat. Früher firmierten sie unter Skeletons and the Girl-Faced Boys oder Skeletons and the Kings of All Cities. Der Bandname wurde eingedampft, das abseitige Musizieren ist geblieben. Ausnehmend schön: „The Things“, ebenso „The Masks“. Dranbleiben.

 

Gang Gang Dance: Saint Dymphna (Warp Records / Rough Trade)

Einer der vielen Gründe, warum Gang Gang Dance so faszinierend klingen – einmal ganz davon abgesehen, dass es eine Band zu sein scheint, die rastlos experimentelle und visionäre Wege verfolgt: Liz Bougatsos unbezähmbares, hell leuchtendes Organ als Epizentrum des New Yorker Quartetts. Wie ein Schwert zieht es durch die Wogen von Becken und Tremolo-Rauschen, hüllt ihre Umgebung in ein gewaltiges, melodisches Tirilieren und Wehklagen. Gang Gang Dance sind eine dieser heißspornigen Brooklyn-Bands, die anscheinend neben Animal Collective oder Yeasayer für aufrichtige Huldigungen auserkoren wurden. Bereits ihr letztes Album „God’s Money” von 2005 deutete die Tiefe und Wunderlichkeiten in dem akribisch gewebten und organischen Sound an. Ein verstörender Klangteppich aus transzendenter Percussion und seelenvoller Pop-Abstraktion. Mit glühendem Eifer such(t)en sie die Annäherung an kunstbeflissene Tribal Riddims, geben sich exzentrisch in den polyrhythmischen Refrains und öffnen sich verwandten Electronica-Genres: Bei „Princes“ macht UK-Grime-Spezi Tinchy Stryder, der bereits mit The Streets und Craig David kollaborierte, am Mikro eine sehr gute Figur. Mit Gang Gang Dance unterstreicht das Warp-Label die Wandlungsfähigkeit seiner musikalischen Ausrichtung. Man kann nur gratulieren.

 

Kaiser Chiefs: Off With Their Heads (Universal)



Um es klar festzuhalten: "Off With Their Heads" ist ein Rock-Album. Kein buntes Stil-Kaleidoskop, kein kommerzielles Harakiri - dafür steht bei einer Band wie Kaiser Chiefs schlicht zu viel auf dem Spiel. Insofern wird das dritte Album die bisherigen Fans nicht verschrecken.
Und dennoch scheint es Wunsch der Musiker gewesen zu sein, mal außerhalb des Stadions und von "Oh-oh-oh"-Refrains zu entdecken, was noch alles möglich ist. Also nicht nur bedienen, sondern auch mal fordern. Sonst endet alles so, wie es die Single "Never Miss A Beat" vormacht: Mit einer Frage/Antwort-Strophe, die das unausweichliche Gespräch mit den Erziehungsberechtigten abends bei Tisch protokollieren könnte: "What did you do today? I did nothing / What did you learn today? I learnt nothing / What did you learn at school? I didn't go / Why didn't you go to school? I don't know / It's cool to know nothing." Dass aber Produzenten-Tausendsassa Mark Ronson vieles richtig gemacht hat, zeigt sich in den kleinen Details, mit denen die Songs geschmückt sind. Bei "I Like It Too Much" kommt sogar ein wenig "Sgt. Pepper's"-Stimmung auf, wenn in gedrosseltem Tempo Klavier, Streicher und großes Pop-Einmaleins aufeinanderprallen. Ohnehin geht in zahlreichen Refrains die Sonne auf. "Remember You're A Girl" lässt den Gesang ganz nah ans Mikro, während die Finger über den Gitarrenhals gleiten und dieses Seufzen der Saiten erzeugen. Schöne Momente. Die Jungs lassen es auch krachen wie in "You Want History" - ein "Ruby"-Nachfolger ist nach drei Hördurchgängen aber nicht auszumachen. Gut so.

 

Metronomy: Nights Out (Warner)


So könnte sie aussehen, die Popmusik der Zukunft. Metronomys "Nights Out" ist eine unglaublich experimentierfreudige Ausgeburt, die endgültige Revitalisierung von Disco in Form einer schöpferischen Fusion von Electrobeats und Popmelodie. Geschaffen hat diesen Entwurf vorrangig Joseph Mount, der bislang als Remixer (Goldfrapp, Sebastien Tellier, Klaxons, Franz Ferdinand, Gorillaz oder Kate Nash) in Erscheinung trat und jetzt mit Gabriel Stebbing und Oscar Cash gemeinsame Sache macht. "Dance & Romance" prangt über dem Album, das die Leichtigkeit und die treibende Dynamik des Pop verströmt, gleichzeitig aber auch höchst eigenwillige Sounds bereithält: fernöstliches Gebimmel, Atari-Gepiepse und fahriges Melodica-Gedrücke, das ganze Programm. Als prägnantes Beispiel dient die erste Single "Heartbreaker", bei der sich präzise Synthesizer-Sounds und Gitarrenlicks harmonisch mit der fragil-melancholischen Gesangsmelodie verbinden. Ein Fest, auf dem auch Freunde von Hot Chip, LCD Soundsystem oder Hercules And Love Affair ihren Spaß haben. Ebenso bei "Radio Ladio" mit seinem hormonell gesteuerten Songtext-Slogan ("Hey young girl, you've taken my breath away / So, what's your name? You've taken my breath away"), der gebetsmühlenartig wiederholt wird und sich immer stärker ins Gehör gräbt. Auf dem Weg: Was macht eigentlich Taylor Savvy? Metronomy feiern in jedem Song ihre bewusste Ablehnung von konformen Strukturen und gängigen Klangelementen. Aber fragen wir doch mal bei Joseph Mount nach.

Stellen Pop-Süße und zerstörende Sounds bei euch zwei Seiten einer Medaille dar?
Alle unsere Lieblings-Pop-Platten haben diese gewissen störenden Ecken an sich. Ganz egal, ob ein Song darauf herzzerreißende Themen behandelt oder total fremdartig ist wie zum Beispiel Laurie Andersons "O Superman" [1981, #2 der britischen Singlecharts]. Ich glaube, dass es gerade diese schrägen Feinheiten sind, die einen Song so attraktiv für den Hörer machen.

Wie sieht es mit der Musikszene in Brighton aus? Gibt es ein Netzwerk, oder hilft nur die Flucht nach London?
Hier in Brighton ist es ziemlich isoliert, wie auf einer Insel. London dagegen ist wesentlich akzeptierter, wenn es um neue und interessante Sounds und Bands geht. Aber um ehrlich zu sein: Es ist im Grunde total egal, wo du lebst. Letztendlich hast du eh Kontakt zu den gleichen Musikern.

Der NME bejubelt eurer Album als "The best dance album of 2008" und verwendet dabei Adjektive wie "frenetic, clever and very awesome". Seid ihr bereit für den großen Durchbruch?
Ich bin bereit, aber ich fürchte, da wird nichts draus. Ich glaube, dass wir ein bisschen zu sehr mit dem Konzept brechen, das bislang große Bands hervorgebracht hat. Aber die nette Geste vom NME ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Unser Trumpf: Auf der Bühne haben wir manchmal noch Sparkle Motion dabei, eine Tanzgruppe, bestehend aus Oscars Freundin und ihren Freundinnen. Sie sind viel besser als wir und haben eine tolle Choreografie und alles.


John Q Irritated: Five Days Of Flat Water (Hazelwood/Indigo)

Auf rohen Grooves von Blas- und Schlagwerkinstrumenten reitet die krachlederne Stimme von Gitarrist Dirk Hess in den Sonnenuntergang. Es gleicht einem Parforceritt, wenn die New-Orleans-Grooves aus Nürnberg selbstironisch, urwüchsig und ungeschliffen durch das Album ziehen. John Q Irritated formten sich im Zuge des Mardi Gras.bb-Debüts „Alligatorsoup“ – insofern passt die kleine große Band mit drei Festmitgliedern wie maßgeschneidert zum Hazelwood-Label. Eine zündende Mixtur aus Jazz und Delta-Blues, die den Big-Easy-Sud tief eingeatmet hat. Dirk Hess positioniert seine Combo inmitten des French Quarters und anderer Second Line Big Bands, lässt den Swing entfesselt swingen und den Boogaloo launig köcheln. Gemeinsam mit Gerhard Gschlößl am Sousaphon, Drummer Matthias Rosenbauer sowie der Gästeschar an den Blechbläsern und Pedal Steel Guitar scheren sich John Q Irritated herzlich wenig um Trends und Tradition. Über allem steht freigeistige Rebellion. Wenn die so erfrischend klingt wie bei „Travels“ oder „Stars 4 Breakfast“, ist sie hochwillkommen.

 

Halma: Broad Peak (Sunday Service/Indigo)

Die Musik von Halma ist Faszination. Ein bedächtiges Gleiten entlang grob verputzter Wände. Beinahe wirkt es so, als agiere die Hamburger Band auch auf ihrem vierten Album unabhängig von der lästigen Zeitdimension. Im weiten Feld zwischen Postrock, Dub und einer ganz eigenen Ambient-Atmosphäre haben sich Halma eingerichtet und ziehen in zähfließenden Bewegungen von Song zu Song. Keiner von ihnen ist dabei hervorzuheben, „Broad Peak“ schweißt die einzelnen Kettenglieder untrennbar aneinander. Ein Album als Album. Im Zusammenspiel der Ideen und Instrumente entstehen die Stücke, die bewusst auf geographische Extreme vom San-Andreas-Graben bis rauf zum 8000er-Gipfel zurückgreifen, um das Kopfkino zu befeuern. Organisches Wachstum, das sich schleppend, dunkel und – bis auf eine Ausnahme – instrumental bahn bricht. Wahrlich Slowcore. Auf dem Wege gibt es immer wieder Wegmarken und Leuchtfeuer, wenn Thorsten Carstens oder Andreas Voß an den Gitarren Themen herausschälen („San Andreas Fault“, „The Observers At Mount Wilson“) oder „Montreux“ eine Live-Situation simuliert. Ähnlich verblüffend, wenn bei „Formed In A Vacuum“ plötzlich sonores Raunen von Anna Bertermann und Carstens einsetzt. Der Text, geliehen bei New Orders „Your Silent Face“, könnte treffender nicht sein: „Sound formed in a vacuum / May seem a waste of time / It’s always been just the same / No hearing or breathing / No movement no lyrics / Just nothing“.

 


So Weiss: Happiness For A Moment (Traumton/Indigo)

Der Titelsong beginnt als entschlacktes Bass/Gesangs-Duo, beinahe kammermusikalisch.
Kristiina Tuomis angenehm samtene, auch in höheren Lagen nicht versiegende Stimme, durchwandert poetische Labyrinthe. Das Gleichgewicht zwischen Text und Musik, das So Weiss ohnehin als außergewöhnliche Band markiert, verschiebt sich auf dem zweiten Album stellenweise sogar in Richtung einer sprachlichen Fokussierung. Instrumente dienen der Untermalung der poetischen Botschaft: Susanne Folk, die auch die Texte schreibt, schwebt mit Saxofon und klangfülliger Klarinette über den feinsinnigen Kompositionen. Dazu setzt Roland Fidezius’ Kontrabass eine bedächtige, dunkle Gegenstimme. Im Dialog mit Tuomis fragilem Timbre entstehen dichte Passagen, aber auch Freiräume mit improvisatorischem Gehalt, exemplarisch bei „After All This” voll charmantem Rhythmus und anklagenden Worten an den (fiktiven) Ex. Fremdmaterial kommt von Sir Thomas Wyatt aus dem Spätmittelalter („I Find No Peace“) oder Robert Frost aus dem letzten Jahrhundert („My November Guest“). Im Grunde geht es darum, glücklich zu sein. Selbst wenn dieses Gefühl nur einen kurzen Augenblick andauert.

 

Sam Sparro: Sam Sparro (Island/Universal)

Eine Modernität im Sinne von Zurück-in-die-Zukunft liegt dem Album von Sam Sparro zugrunde. Denn zu der Zeit, als Prince und George Clinton ihre Hochphasen durchliefen, war der gebürtige Australier noch Quark im Schaufenster. Aber 2008 verkauft sich sein Mix aus Soul, Funk und eklektischem Pop bestens, vor allem in der 2.0-Gemeinde: Einzig und alleine mit Downloads schaffte es Sparro, seine Sommerhit-Single „Black And Gold” in die UK-Charts zu hieven. Alles nahm seinen Anfang, als er bei einem Gospelkonzert von Chaka Khan mit den viel zitierten Worten bedacht wurde: „Verdammt, der weiße Junge kann ja singen“. Seitdem lebt der Mitte Zwanzigjährige abwechselnd in London und Los Angeles und versucht, diese Vorschusslorbeeren als Sänger, Produzent und Songschreiber zu rechtfertigen. Ein treibender Beat, flächige Keyboards und eine weiße Soul-Stimme schließen sich auf dem Debütalbum zu einem luftig-sonnigen Sound zusammen. „21st Century Life“ gleicht einer einzigen großen Discokugel, der Bass wie frisch von Bernard Edwards eingespielt. Und was würde der Artist Formerly Known As wohl zu „Hot Mess” oder „Recycle It!” sagen? Wahrscheinlich: „Yeah, recyle it!“ Wenn Sam Sparro auf Albumlänge nicht so penetrant nach After Work Partys oder Großraumdiscos vor den Toren der Stadt klingen würde, dann…egal, ich geh tanzen!


Black Affair: Pleasure Pressure Point (V2/Cooperative Music/Universal)

Black Affair heißt es also, das neue Projekt des enigmatischen Steve Mason, der sich als Sänger und Gitarrist der Beta Band einen gebührenden Platz im Plattenregal verdient hat. Inspiriert vom Clubsound der späten 80er, einem heterogenen Mix aus Electro, Hip-Hop und R&B, wandelt Mason mittlerweile auf Solopfaden. Obacht, nicht ganz solo. Neben diversen Gastauftritten (unter anderem MC Miss Odd Kid im Stile von Lady Sovereign) ist es vor allem Detroit-Kid Jimmy Edgar, der an seiner Seite mixt und rührt und macht und tut. Edgar unterschrieb nicht nur einen exklusiven Plattenvertrag beim exklusiven Warp-Label, sondern legte bereits im nonchalanten Alter von 15 Jahren mit Techno-Legenden wie Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson auf. Gemeinsam verarbeiten die beiden genialischen Frickler auf „Pleasure Pressure Point“ angeblich eine vergangene und zerstörerische Beziehung Masons. Wie das klingt? Wie Weißbrot-Synthie-Pop, stellvertretend durch Yazoo, Human League oder Soft Cell, bloß in richtig stark! Dank der eingängigen Disco-Melodien, unterlegt mit sophisticated Beats („Just Keep Walking“) und einem sinistren, beinahe unheilsvollen Unterton („Japanese Happening“). Eine solche Verbindung kannte man bisher eher von Chromeo, The Junior Boys oder Zoot Woman. Über diesem Electro-Funk schwebt Masons leicht heiseres, angenehm arrogant wirkendes Timbre.

 

Death Cab For Cutie: Narrow Stairs (Warner)

Die Suche nach struktureller Freiheit dringt durch jede Pore des aktuellen DCFC-Albums. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Hörgewohnheiten von „Transatlanticism“ oder „Plans“ zu erfüllen, den Ruf als „O.C., California“-Band zu stärken und ein geschmeidiges Werk inklusive Hit-Single abzuliefern. Doch der Reiz dieser Platte stützt sich auf elf Songs als Ganzes, als widerborstige Einheit. Die Mannen um Sänger Benjamin 'Ben' Gibbard beweisen Mut zur Komplexität, wenn sie in ausufernden Instrumentalparts schwelgen, harsche Gitarrenriffs mit einer Effekt-Batterie belegen und die ausgesprochen harmonische Stimme Ben Gibbards ganz gezielt einsetzen („I Will Possess Your Heart“). Auch das Themenfeld verschiebt sich, zeugt von grüblerischer Reflexion über die großen Dinge. Symptomatisch der Abschluss-Song: „The Ice Is Getting Thinner”.

 

Joan As Police Woman: To Survive (PIAS/Rough Trade)

„Real Life“, das Solodebüt von Joan Wasser alias Joan As Police Woman, gehörte zweifelsohne zu den schönsten Veröffentlichungen des Jahres 2006. Intelligent verschachteltes Songwriting, dynamische Arrangements und beseelte Tiefe bietet nun auch der Nachfolger. Es ist vor allem die leicht somnambule Altstimme, mit der Joan Wasser die verschiedenen Perspektiven von Einsamkeit ausmisst. Als klassisch ausgebildete Violinistin und Sängerin, die schon mit Nick Cave, Lou Reed und Adam Green Aufnahmen machte, hat sie die Klasse und nach Jahren auch die nötigen Kontakte. Rufus Wainwright dient als Duettpartner beim pathetischen Anklagelied „To America“, ansonsten mäandert Wasser zwischen düsterem Soul, in Streicher gebetteten Pianoballaden und luftigeren Pop-Songs („Furious“). Harte Konkurrenz für Leslie Feist.

 

The Shortwave Set: Replica Sun Machine (Wall of Sound / PIAS)

Danger Mouse, Hip-Hop-Produzent und eine Hälfte von Gnarls Barkley, erklärte The Shortwave Set zu seiner Lieblingsband. Das war 2005, zu Zeiten von „The Debt Collection”. Doch das Album litt unter Kassengift – bis auf einige faszinierte Kritiker und sonstige Freaks interessierte sich niemand so recht für das Trio Andrew Pettitt, Ulrika Bjorsne und David Farrell aus dem Londoner Süden. Diesmal wollte Danger Mouse anscheinend nichts dem Zufall überlassen und übernahm kurzerhand die Produktion von „Replica Sun Machine“. Van Dyke Parks steuerte Streicher- und Orchesterarrangements bei, John Cale (The Velvet Underground) weitere Songkniffe. Heraus kommt ein wunderschönes Vintage-Pop-Abenteuer. Mit Songs. Mit Atmosphäre. Mit Charme. Teilweise psychedelisch verhangen, kreuzen „Glitches’n’Bugs” oder „Replica“ zwischen Flaming Lips, Stereolab oder Metric - je nachdem, ob Pettitt oder Bjorsne so feinsinnig-humorvolle Zeilen singen wie im 60’s-Lounge-Groove von „No Social”: „And they look down their nose at these so-and-so’s / Because everyone knows that a dog dressed in clothes is still a dog”. Definitiv eines der Pop-Highlights in diesem Jahr.


Hadouken!: Music For An Accelerated Culture (Warner)

Live brechen alle Dämme. Kürzlich auf der Melt! Klub Tour wurde im Deichkind-Stil die Bühne geentert, mit den Neonleuchtstäbchen zwischen den Zähnen. Bei diesem Bastard aus The Streets, Prodigy und Linkin Park – um nur die Besten zu nennen – bleibt auch keine andere Wahl als ein wenig Randale anzuzetteln. „Declaration Of War” heißt nicht von ungefähr die erste Single des britischen Quintetts, benannt nach einer Spezialbewegung aus dem Computerspiel „Street Figher“. Eine konsequente „Wir-kapitulieren-nicht“-Haltung durchzieht das Album, die Produktion auf Anschlag, immer auf der Überholspur. Sänger James Smith hat einen schweren Stand in diesem Gerangel, strapaziert seine Stimmbänder beinahe wie Bill Kaulitz. Man weiß ja, wie das endet. Wabernde Keyboardflächen und ein subsonischer Bass füllen den Hintergrund, davor konkurrieren stachelige Synthie-Melodien und Bratz-Gitarren um die Pole. Apropos: Warum nicht besser gleich Bratze hören? Linus Volkmann kennt sich damit aus. Aber dieser Testosteron-Electroclash von Hadouken! macht mich zu Hause erst Fürchten, dann Gähnen. Selbst eine positive Ausnahme wie „Driving Nowhere“ durchbricht nur kurzzeitig den einfältigen Alarmzustand.


Infadels: Universe In Reverse (Wall of Sound / PIAS)

Als Infadels noch unter dem Namen Balboa firmierten, beschallten sie halbherzig Modeschauen und ähnliche zwiespältig-interdisziplinäre Veranstaltungen. Aber eigentlich wollten sie doch rocken, auf die Stadionbühnen jedes Kontinents! So kam die Neuverortung zustande, die uns vor zwei Jahren das Debüt „We Are Not The Infadels“ und nun den Nachfolger beschert. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die Floskel 'catchy Refrains' eigens für oder von Infadels erschaffen wurde. Die Folge liegt nahe: „Universe In Reverse” verblüfft mit maximaler Eingängigkeit. Ob das jetzt Indie-Electropop ist oder nicht, ob die Songs Tiefgang aufweisen oder lediglich an der Oberfläche kratzen – geschenkt. Ich sehe glückliche Festivalbesucher (der Kategorie RaR und RiP), sehe gefüllte Indiedisco-Tanzflächen, sehe nicht weniger als zehn potenzielle Single-Auskopplungen. Selbst an die eine Ballade („Don’t Look Behind You“) haben die fünf Londoner gedacht. Alles erstrahlt in Euphorie. Mission erfüllt.

 

The Death Set: Worldwide (Counter Records / Rough Trade)

Sensationell, mit welcher Beharrlichkeit The Death Set auf Instrumente und Hörer einprügeln. 18 Songs in 26 Minuten - das sind Zahlen mit unerschütterlicher Aussagekraft. Ein doppelköpfiger Tiger auf dem Cover faucht Bandname und Titel des Debütalbums in Sägezahn-Schrift, bereit zum Sprung, so richtig auf Krawall gebürstet. Johnny Siera, Beau Velasco und Peter O’Connell, die ursprünglich aus Sydney stammen und über Brooklyn schließlich in Baltimore landeten, geben auf „Worldwide“ von allem reichlich: reichlich Tempo, reichlich Lo-Fi und reichlich Punk. „Devo fürs 21. Jahrhundert“ nennen das findige Schablonenschneider, weil deren New-Wave-Sound bei The Death Set in doppelter Geschwindigkeit und mit hochgepitchten Stimmen zum schmerzbefreiten Elektro-Punk avanciert. „Negative Thinking“ und „Intermission“, die beiden EP-Songs, hätten uns eine Warnung sein können – aber wir wollten ja nicht hören. Und so stapeln Gitarre, Gesang und Casio einen Koloss aus wilden Strophen, Chaosrefrains und stoischen Dancefloor-Beats, legendäre Liveshows inklusive. Plump, vor allem aber schnurstracks geradeaus und nichts für schwache Nerven. You Say Party? We Say Death Set!


¡Forward, Russia!: Life Processes (Cooking Vinyl / Indigo)

Von dem ausgemachten Unsinn, die Songs in der Reihenfolge ihrer Entstehung durchzunummerieren, haben ¡Forward, Russia! inzwischen Abstand genommen. Was soll das denn auch: „Seven“ kam beim Debütalbum „Give Me A Wall“ an neunter Position, „Nine“ dagegen auf der Vier und so zog es sich konsequent durch die Platte. Konzeptkunst, my ass! Auf solche Schrullen ist die Experimental-Indie-Combo aus Leeds - in aller Munde dank Kaiser Chiefs, Cribs, Duels oder Long Blondes - gar nicht angewiesen, beweist sie doch mit „Life Processes“ ihre musikalische Klasse. Abstrakte Rhythmen wie bei „Don’t Reinvent What You Don’t Understand“ und der pathetische Gesang verleiten zu dem Trugschluss, es handele sich um muckerhaften ProgRock. Doch da ist mehr: Tom Woodheads Stimme mäandert zwischen den Lagen und jeweiligen Charakteristika, gliedert sich in feierlich-opulent („Some Buildings“ mit dem biblischen Refraintext „Ashes to ashes, dust to dust, Jesus Christ and Lazerus“), fragil flehendes Falsett („Fosbury In Discontent“), peitschende Rockröhre und enthemmten Schreihals. Stellenweise klingt das schon fast manisch, zumindest offenbart gleich der Opener „Welcome To The Moment“ die vorhandene kriminelle Energie: „I hope that you’ll hurry, we’ve murdered a child / We’re dumping his body off the side of a bridge“. Zwar verfolgten At The Drive-In oder aktuell noch Les Savy Fav einen ähnlichen Weg, doch von unkonventionellem Songwriting kann es nicht genug geben.


Metric: Grow Up And Blow Away (Grönland Records/Cargo)

Irrungen und Wirrungen des Musikbusiness, Folge 37. Mit „Grow Up And Blow Away“ erscheint nun ein drittes Metric-Album, das eigentlich das Debüt ist. Klingt komisch, beruht im Grunde aber auf einem durchaus gängigen Procedere im Tauziehen zwischen großen und kleinen Plattenfirmen, ohnmächtigen Bands und sonstigen unvorgesehenen Veränderungen. Als Sängerin Emily Haines und Gitarrist Jimmy Shaw das Album 2001, damals noch als Duo, einspielten, waren sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Die Aufnahmen verschwanden daher in dunklen Kellern von Reckless Records, bevor die Firma kurze Zeit später von Rykodisc übernommen wurde. Und die „Grow Up And Blow Away“-Songs? Futsch. Zudem ging man zwei Jahre später auf Seiten der Band davon aus, dass die neu eingeschlagene Richtung im Bandsound nicht mehr mit den Erstaufnahmen d’accord ginge. Folglich veröffentlichte die nun zum Quartett angewachsene Band aus Toronto „Old World Underground, Where Are You Now?“ und schaffte den internationalen Durchbruch. „Grow Up And Blow Away“ bietet nun Einblick in die rohe und ursprüngliche Metric-Handschrift: Beatleske Melodien bei „Soft Rock Star“ mit eindringlich hoher Refrainstimme, überwiegend tanzbare Songs mit Keyboard- oder Gitarrendominanz, charmante kleine Hits wie der Albumtitel, „Raw Sugar“ oder „Hardwire“, über denen Haines beherztes Timbre schwebt. Daneben fallen Songs mit geringerem Tempo und melancholischen Zeilen wie in „London Halflife” auf: „Oh watch out, you’re better off with half your life, otherwise wasted.“ Aber der Zeitstrahl geht auch auf normalem Weg weiter: Metric stehen kurz davor, ihr neues, viertes Album fertig zu stellen.

 

The Raveonettes: Lust Lust Lust (Fierce Panda/Cargo)

Greif zu „Lust Lust Lust“, wenn dich der Vintage-Jieper packt! Genau, Lust und Verlangen auf psychedelischen Sound, auf 60s-Beat und Twang-Surf-Rock von uralten Fender-Gitarren. Aber kein schnöder Schokoriegel, sondern ein vollmundiges Psychocandy, das My Bloody Valentine oder eben The Jesus and Mary Chain bereits 1985 lutschten. The Raveonettes, das dänische Duo bestehend aus Sänger und Gitarrist Sune Rose Wagner sowie Sängerin und Bassistin Sharin Foo, legt nach. Mit einfachen Mitteln und ohne den großen produktionstechnischen Firlefanz im Studio wie noch beim Vorgänger „Pretty in Black“ gestalten sie eine neue Welt, zumindest für diejenigen, die glaubten, sie würden The Raveonettes bereits kennen. Gitarrenthemen mit prägnanten Melodien, gesponnen aus luziden Einzeltönen, vermischen sich mit unerbittlichen Rückkopplungen. Verträumt, aber gleichzeitig durchtränkt von perfider Zerstörungswut. Der stoische Beat bei „Aly, Walk With Me“ unterstützt den lakonischen Gesang, der im weiteren Verlauf dank der Zweistimmigkeit die Spannung hält. „Hallucinations“ treten dann auf, wenn die minimierten Mitten einen verblüffenden Effekt ergeben, so als sei die Hand am Equalizer abgerutscht. Die Songs mit rasantem Twang-Sound wurden pikanterweise „Dead Sound“ und „Blitzed“ betitelt. Aber du weißt es doch auch: „You Want The Candy“.

 

Bat For Lashes: Fur And Gold (Capitol/EMI)

Es ist, als würde beim Opener „Horse And I“ ein Gefecht ausgetragen. Das hämmernde Cembalo und ein unerbittlicher Marschrhythmus gegen die ätherischen Streicher und den wunderschönen Gesang. Beide Seiten geben sich siegessicher, vertrauen jeweils auf die eigenen Stärken. And the winner is: der Song, das Album „Fur And Gold“, die Band Bat For Lashes um die Songwriterin und Multi-Instrumentalistin Natasha Khan. Was die frühere Studentin der Musik- und Filmwissenschaften aus Brightons Szene-Schmelztiegel in ihr Debüt an episch-schwelgerische Pop-Großtaten packt, ist in seiner homogenen Dichte beachtlich – und spottet vor allem den Stimmen, die in Khan seit der UK-Veröffentlichung 2006 nur eine britische Björk sehen wollen. Zugegeben, wer von vornherein nur geringe Affinität zur Isländerin und generell esoterischen Song-Exkursen aufbringen kann, wird auch mit Bat For Lashes schwerlich warm werden. Doch das Quartett - live ergänzt durch Ginger Lee, Abi Fry und Lizzie Carey - gibt einem alles zurück, jeden Funken an Zutrauen inmitten singender Sägen, anmutiger Melodien im dunklen Gewand und der brüchigen Stimmung, die trotzdem soviel Inbrunst ausstrahlt. Das Video zur Single „What’s A Girl To Do“ (Regie: Dougal Wilson) passt insofern perfekt ins Bild: Es ist ein unheimliches und surreales Werk, das in seiner Ästhetik nicht von ungefähr an „Donnie Darko“ und dessen psychisch labilen Protagonisten erinnert. Khan radelt dort auf einer einsamen Landstraße durch die Nacht, begleitet von bis zu sechs tiermaskierten Begleitern auf BMX-Rädern. Die 27-Jährige besingt hauchend das Abkühlen der Gefühle („We walked arm in arm, but I didn’t feel his touch“), in einem anderen Vers stellt sie mit Bestimmtheit fest: „You are the chosen one, there’s no turning back!“ Nicht nur ihre sanfte und gleichzeitig raue Stimme nimmt gefangen. Die für ihre Extravaganz bekannte Künstlerin fasziniert vor allem mit den musikalischen Ideen, seien es die Handclaps, Bläser und das rotierende Tastenkarussell bei „Prescilla“ oder die majestätischen Streicher-Achtelnoten bei „The Bat’s Mouth“. „Trophy“ und „Sad Eyes“ wirken wie fragile Nachtschattengewächse, gezüchtet aus graziler Mehrstimmigkeit, geerdet vom Piano.

 

BMX Bandits: Bee Stings (Stickman/Indigo)

„Es berührt mein Herz, wenn ich in einem Raum mit Rachel bin und sie singt. Dieses Gefühl möchte ich für die Aufnahmen und die Hörer einfangen. Ich möchte Rachels Augen in den Songs einfangen.” Duglas T Stewart, Sänger der BMX Bandits aus Glasgow, scheint es richtig erwischt zu haben. Ohnehin sei Liebe für ihn das wichtigste Thema in Musik, Kunst und Literatur, denn „wir können zu Mond fliegen oder Krankheiten heilen, aber wir werden nie vollständig das Mysterium und Wunder der Liebe verstehen.“ Benannt hatte sich die Band nach dem gleichnamigen australischen Abenteuerfilm aus dem Jahr 1983, in dem unter anderem Nicole Kidman eine der Hauptrollen spielt. Doch Stewart hat weder den Film gesehen noch jemals auf einem Fahrrad gesessen. Nachdem die schottische Jangle-Pop-Institution bereits 20 Jahre zwischen Kummer und Romantik pendelte und an die Kraft der Melodie glaubte, wird mit „Bee Stings“ und der neuen Sängerin Rachel Mackenzie (Ex-The Attic Lights) ein neues Harmonie-Kapitel aufgeschlagen. Was wohl die fünf Bandkollegen denken, wenn ihr Bandleader betont, dass er sich erst jetzt vollständig und absolut lebendig fühle: „Es ist der Traum eines jeden Künstlers, jemanden zu finden, der einen beim Singen immer wieder inspiriert.“ Und es kommt noch dicker: „Wenn ich Rachel sehe oder höre, könnte ich Drachen erschlagen, wunderschöne Sinfonien komponieren und die Welt erobern.“ Doch selbst die BMX Bandits können nicht die kleinen Stichen des Lebens verhindern, bereits stellvertretend verpackt im Songtitel „The Road Of Love Is Paved With Banana Skins” vom 2003er-Album „Down at the Hop”. Stewart stellt sich beim Songwriting die Stimme der jeweiligen Partnerin vor, lässt sie im Kopf kreisen, um deren Atmosphäre und Essenz wiedergeben zu können. So schwebt feiner, teilweise zweistimmiger Gesang durch die Midtempo-Stücke „Take Me To Heaven”, „Elegant Lines“ oder „After I Made Love To You”. Apropos, noch einmal der umnebelte Stewart: „Wenn Sex schön ist, ist er der absolute ungehemmte und wahre Ausdruck von Liebe. Zu lieben kann nichts überbieten – nicht einmal die BMX Bandits.“

 

Nada Surf: Lucky (City Slang/Universal)

Es ist zu hoffen, dass „Lucky“ die gleiche Wendung nimmt, die aus dem „Let Go“-Album das „Let Go“-Meisterwerk werden ließ. Zu Beginn als mediokres Popalbum abgetan, strahlten dessen Songs, anstatt irgendwann abzuschlaffen, immer heller, makelloser und unfassbarer. Beim fünften Album vertrauen Nada Surf weiterhin ihrer Stärke, aus gewöhnlichen Song-Elementen ungemein Größeres zu schöpfen. Ganz gleich, ob bei Arrangements, Harmonien oder Texten - Sänger und Gitarrist Matthew Caws, Bassist Daniel Lorca, der es im Gegensatz zum Bandchef hartnäckig verhindert, als Sympathieträger zu gelten sowie Schlagzeuger Ira Elliot verstehen es, sich identifikationsstiftend zwischen Americana, Pop und Indie zu verorten. Der Arbeitstitel hörte noch auf den Namen „Time For Plan A”, doch letztendlich überwog doch Plan B „Lucky“, für das Gäste wie Ben Gibbard, Ed Harcourt, Juliana Hatfield und weitere namhafte Kollegen gewonnen werden konnten. Ein famoser Doppelpack läutet das Album ein: „Weightless“ und die orgelgeschwängerte Single „Whose Authority“ mit der ominösen Zeile „There’s a feeling I get when I look to the west“, die schon Robert Plant bei Led Zeppelins „Stairway To Heaven” verkündete. Doch ab „Beautiful Beat” kommt eine Phase mit eben jener schönen, netten, aber etwas seichten Wirkung. Die Referenzen zu Tom Petty und Eliott Smith schmälern nicht den Höreindruck, doch Nada Surf können und wollen mehr. „The Fox“, getragen von düsteren, schweren Streichern, führt wieder in experimentelleres Fahrwasser und „See These Bones“ ist möglicherweise einer der Anwärter auf „Bester Albumsausklang der Popgeschichte“. Es ist nicht zu leugnen: Eine andere Band würde selbst aus den „Lucky“-Songs eine ganze Karriere basteln.

 

Neon Neon: Stainless Style (Lex Records/Rough Trade)

Als wäre ihm das stilbunte Songwriting bei den Super Furry Animals nicht bunt genug, veröffentlicht deren Sänger Gruff Rhys nun ein ungleich grelleres Album mit dem Projekt Neon Neon. An der Seite von Boom Bip alias Bryan Hollon, seines Zeichens Produzent aus L.A., dreht sich „Stainless Style“ um das Leben von Sportwagenhersteller John DeLorean. Dieser gelangte in den 80ern zu Ruhm, als er das futuristisch anmutende Coupé DMC-12, besser bekannt als „Der DeLorean“, entwarf. Genau, die Zeitmaschine von Marty McFly und Emmett L. „Doc“ Brown aus der Film-Trilogie „Zurück in die Zukunft”. Entsprechend dem ausschweifenden Lebensstandard des Herrn DeLorean geben Songtitel wie „I Lust U“, „Sweat Shop“ oder die Single „Raquel” – inspiriert durch sein amouröses Verhältnis zu Raquel Welch – die Richtung an. Rostfreien Stil verkörpert der Refrain von „I Told Her On Alderaan“ dank 80s-Pop und Melodieseligkeit, mit Abstrichen auch „Steel Your Girl“. Sämtliche Hörerwartungen werden jedoch gegen die Wand gefahren, wenn Rhys und Boom Bip die überwiegend verwendeten Kirmes-Techno-Sounds auch noch durch überflüssige Rap-Beiträge von Gast-MCs (Spank Rock, Yo Majesty oder Fat Lip) veredeln lassen. Und selbst der Background-Gesang von drei der vier Magic-Numbers-Mitglieder im Titelsong kann das Album nicht vor seiner Belanglosigkeit bewahren. Neon Neon wollten klingen wie Rick Springfield oder Cyndi Lauper, um dazu in der anonymen Zelle eines Autos lauthals mitsingen zu können. Der Plan ist nicht aufgegangen.

 

Malcolm Middleton: Sleight Of Heart (Full Time Hobby/Pias/Rough Trade)

Der Stachel der Arab-Strap-Trennung steckt noch, doch Malcolm Middletons Drang nach Output ist Balsam auf die klaffenden Wunden, die im Herbst 2006 gerissen wurden. Sein ehemaliger Kollege Aidan Moffat wartet seinerseits mit dem Soloalbum „I Can Hear Your Heart“ auf, während „Sleight Of Heart“ bereits das dritte Middleton-Werk in der Post-Arab-Strap-Ära darstellt. Anfangs als eine reine Akustik-Version geplant, wurde das Album im Verlauf der Studioproduktion auf ein halbstündiges Lebenszeichen mit neun komplett arrangierten Songs erweitert. In Mogwais Barry Burns (Tasten), Schlagzeuger Paul Savage (Ex-Delgados) und Bassist Stevie Jones fand Malcolm Middleton die passenden Musiker für die akkurate Umsetzung. Einen seiner Lieblingssongs, Madonnas „Stay“ von 1984, interpretiert er mit herrlich schottischem Akzent. Die zwei weiteren Cover-Versionen sind eine wunderschöne Version von Jackson C. Franks „Just Like Anything“ sowie „Marguerita Red“ von King Creosote. Die entschlackte Basis der Stücke verdeutlichen die ruhigen Gitarrenklänge, dezent unterstützt von Schlagzeug oder Piano. Nach dem vergleichsweise überschwänglichen Opener „Week Off“, bei dem Violinistin Jenny Reeve (auch Backgroundsängerin) den fidelen Charakter ausmacht, kommt im Anschluss die schwermütige Grundstimmung des Singer/Songwriters zum Tragen. Die eher gesprochenen als gesungenen Verse, vorgetragen von einer kräftigen und doch verwundbaren Stimme, dazu die transparente Instrumentierung – das geht nicht nur bei „Follow Robin Down“ nahe und entspricht genau dem, was Middletons eigenständiges Schaffen ausmacht.

 

Be Your Own Pet: Get Awkward (XL Recordings/Beggars Group/Indigo)

Wenn man noch nicht zwanzig Jahre alt ist, dann ist die Geschichte des Rock’n’Roll ein schier endlos weites Feld und eine voll gestopfte Fundgrube, in der es sich fabelhaft stöbern lässt. Zumindest versucht man als Vertreter der Ü30-Fraktion, sich diese Illusion im Zuge verblassender Erinnerungen vorzugaukeln. Be Your Own Pet aus Nashville, durch das Debüt zur Teen-Punk-Sensation auserkoren, setzen mit „Get Awkward“ im Grunde an der Stelle an, wo „Be Your Own Pet“ endete. Neben jeder Menge mitreißendem Lärm finden sich auch auf dem Nachfolger fulminante Songideen, mit denen den Yeah Yeah Yeahs und Blood Brothers dieser Welt Paroli geboten wird. Früher wäre ein solches Album bei Crypt Records veröffentlicht worden: Scharfkantige Breaks, Heavy Metal-Riffs und räudige SST-Punk-Attitüde sorgen in den oftmals skizzenhaft angerissenen Songs für den brodelnden Unterbau. Darüber wütet Sängerin Jemina Pearl Abegg, ein keineswegs affektiert wirkendes Riot-Grrrl mit dem Look einer jungen Debbie Harry und dem Bühnengestus der Marke Beth Ditto, Karen O. oder Juliette Lewis. Bezeichnend der Titel „Blow Yr Mind”: 42 Sekunden voll in die Fresse. Der Verhoeven-Klassiker „RoboCop“ diente als Inspirationsquelle für „Bitches Leave”, insbesondere die Szene, in der Kurtwood Smith ein Kokain-Kränzchen abrupt beendet, indem er mit vorgehaltener Pistole die nackten Frauen mit eben jenen Worten unverblümt zum Verlassen der Party drängt. „The Kelly Affair” bringt die unverwüstlichen Sonics auf den Plan, während der rare Melodiegesang bei „Becky” an Little Evas „The Loco-Motion“ erinnert. Nach 35 Minuten geballter, wild scheppernder Kraftmeierei sollte man wieder unbeschadet vom Kronleuchter runterkommen. An die frische Luft. Am besten in den Streichelzoo.

 

Múm: Go Go Smear The Poison Ivy (Fat Cat/PIAS/Rough Trade)

Man wollte bei der Rezension am liebsten nur noch flüstern oder ganz leise in die Tastatur tippen – so fragil erschien das Gerüst, mit dem das Múm-Songwriting noch auf dem letzten Album „Summer Make Good“ gestützt wurde. Zwar entwickelte sich die isländische Band innerhalb der vergangenen drei Jahre zu keiner Testosteron versprühenden NuMetal-Combo, doch der Anteil gehauchter Wehmutsepen im Stile von Sigur Rós wurde deutlich verringert. Das mag am Ausstieg von Sängerin Kristín Vlatýsdóttir liegen, die es ihrer Zwillingsschwester Gyda gleichtat und 2006 der Band den Rücken kehrte. So reduziert sich Múm auf das Gründerduo Gunnar Örn Tynes und Örvar Dóreyjarson Smárason, ist aber mit fünf weiteren, auch live beteiligten Musikern so zahlreich wie nie. Reduce to the max! Tonale Einöde und fröstelige Atmosphäre sind auf „Go Go Smear The Poison Ivy” nicht anzutreffen, stattdessen klingt der Neustart beinahe farbenfroh und vergleichsweise sonnig. Der Opener „Blessed Brambles“ oder auch „Dancing Behind My Eyelids“ geben die Richtung vor: Es klimpert und rasselt hinter dem mehrstimmigen Gesang wie toll, wenn verspulte Mädchenchöre auf wuselige Ameisenhaufen-Arrangements („They Made Frogs Smoke ‘Til They Exploded“ und ähnliche kindliche Tierquälereien) treffen. Garanten für unkonventionelles Instrumentarium sind dabei Akkordeon oder Glockenspiel („I Lille Bit, Sometimes“), im Gegensatz zum milden Klavier-Tranquilizer „Moon Pulls“. Múm eggten und säten auf dem weiten Experimental-Pop-Feld – und fahren jetzt, um im Bild zu bleiben, die reiche Ernte ein.

 

Elektrons: Red Light, Don’t Stop (Wall Of Sound/PIAS/Rough Trade)

Luke Cowdrey und Justin Crawford kommen von ganz unten. Im Keller eines vor Schweiß und verschütteten Longdrinks mittlerweile völlig klebrigen Clubs in Manchester veranstalteten sie als The Unabombers ihre regelmäßige Electric Chair-Nacht. Sie wissen also, wie eine Crowd zu rocken ist. Diese Erkenntnisse setzten sie nun auch unter dem Elektrons-Alter Ego um, indem sie demonstrieren, was Studio-Bastler aus vergangenen Dancefloor-Dekaden zaubern können. Von Stilpurismus keine Spur. Eher ein Schmelztiegel, in dem diverse britische Soundeinflüsse – von East End MCs über nordenglischen Soul bis hin zur futuristischen Disco – in der Tradition von Soul II Soul, The Wild Bunch oder Bugz In The Attic zu einem hedonistischen Amalgam vermengt werden. In den 90ern versuchten sich auch Apollo 440 oder Propellerheads mit mehr oder weniger Erfolg an diesem euphorischen Mix, doch „Red Light, Don’t Stop“ markiert nun das überfällige Update im Sounddreieck von Basement Jaxx, Lady Sovereign und Jamie Lidell. Ob das zwingend innovativ ist, sei dahin gestellt. Doch allein die Gästeliste, bestehend aus Pete Simpson, Rapperin Tor, Jurassic 5-Member Soup oder Eska als UK-Missy, sorgt auf dem Debütalbum für den individuellen Touch zwischen Aretha Franklin-Soul („Don’t Give Up”), Grime und „Get Up“ als Bläser-BigBeat-Hit.

 

Dúné: We Are In There, You Are Out Here (Columbia/SonyBMG)

Kaum einer denkt beim Stichwort „Dänemark“ sofort an Musik. Eher kommen einem dabei attraktive Menschen beiderlei Geschlechts, Arne Jacobsen-Architektur, Hot Dogs, der letzte verregnete Campingurlaub oder die exzessive Abi-Fahrt zum Ringkøbing Fjord, bei der sämtliche angemieteten Ferienhäuser komplett zerlegt wurden, in den Sinn. Vielleicht könnte dieses Manko durch Dúné behoben werden, ein dänisches Septett, das unsere nördlichen Nachbarn bereits in Verzücken versetzt. Durchschnittsalter der Musiker: 18 Jahre. Durchschnittsalter der Fans: wohl eher darunter. Gleich vier Gitarren treiben die Songs nach vorne und setzen Melodie-Widerhaken, der beharrliche Achtel-Bass und ein Synthesizer-Teppich runden ab, was Sänger Mattias Kolstrup in seinen engen Jeans aus der Stimme rausholt. Ungebremst und äußerst dynamisch ziehen die eingängigen Songs durchs Album, das laut Info unbeschwert Elemente aus „60’s Rock, 70’s Punk, 80’s Pop und 90’s Indierock“ vermischt. Gekürt wurde dieser stilistische Husarenstreich mit einer eigenen, noch nie da gewesenen Genrebezeichnung: Indielectrock. Doch irgendwie wird man den ersten Eindruck nicht los, dass hier ein perfektes Marketingprodukt seinen Weg geht. Ein Hörreflex, den man nicht unterdrücken kann. So bleibt kein Song ohne Verweise an The Killers, Billy Talent und allem, was das vereinte Königreich in den letzten Jahren so hervorbrachte. Doch Dúné sind jung, kleine Mädchen finden sie süß und sie wollen den Erfolg. Also: Here we go!

 

Mob: Polygon (Quartermain/Broken Silence)

Da waren sie wieder, die zwei Charakteristika des dänischen Quartetts Mob: Sie glauben an die Schönheit von Krach und an das moralische Dilemma, das das Streben nach Veränderung bei gleichzeitigem Bedürfnis von Stetigkeit mit sich bringt. Drei Alben haben die Kopenhagener seit 1999 veröffentlicht, zuletzt vor zwei Jahren „We All Repeat the Past“, und unnachahmlich erkunden sie die feinen Unterschiede zwischen musikalischen Stimmungen, erleuchten die Grauzonen von Atmosphäre und Emotionen. „Polygon“ ist nur eine EP, vier Stücke, 20 Minuten. Doch jeder dieser vier Songs hilft eifrig mit beim Bau einer glühenden Distortion-Wand. Stein auf Stein. Durch die Wechsel in Dynamik und Harmonien entstehen Sounds voll bleischwerer Nebelschwaden, aus denen Wortfetzen dringen. Einzelne luftige Zwischenspiele wirken wie Schmetterlinge, die plötzlich von einem 10-Tonner mitgerissen werden. Das kennen und lieben wir auch bei Mogwai, bei der Intensität von Motorpsycho oder frühen Helmet-Platten, wenn alle Instrumente in dieselbe Richtung drücken. Sänger und Gitarrist Morten Haaber reibt sich am Refrain von „Wait For Me“ auf, wiederholt die Zeile Herz zerreißend oft und unterzieht seine Stimmbänder einer Zerreißprobe. Am Ende verglühen die Feedbackorgien im Off. Zurück bleiben offene Münder.

 

Tiny Vipers: Hands Across The Void (Sub Pop/Cargo)

Es gibt Platten, die einen gewissen Nerv beim Hörer treffen. Es gibt Stimmen, die den Hörer berühren und verzaubern. Man fühlt sich auf direktestem Wege angesprochen von dieser Musik, von den Worten und Tönen, an Stellen, wo die Sonne nie scheint. Beim letzten Mal spürte ich diese unheimliche Kraft auf der Fahrt nach St. Peter-Ording an der Nordsee. Johnny Cash raunte „I See a Darkness“ aus dem Autolautsprechern und zwang mich kurzzeitig an den Seitenstreifen. Möglicherweise hat Jesy Fortino aus Seattle auch so eine Gabe. Ihr Debütalbum auf SubPop verkörpert die vollkommene Reduktion des Songwritings: Lediglich die gezupften Akkorde der Akustikgitarre unterlegen die teilweise übereinander geschichteten Gesangsspuren, mit einem Timbre, das an Sarah Assbring alias El Perro del Mar oder Chan Marshall alias Cat Power erinnert. Getragen, feierlich, anmutig. „Hands Across The Void“ umfasst sieben Songs – die sind jedoch gesegnet mit einer Ausdruckskraft, für die andere Bands töten würden und deren Gehalt durch kein Doppel-Album der Welt annähernd aufgewogen werden kann. Nur ein wunderschönes Beispiel: „On This Side“. Aber auch „Forest On Fire“ birst förmlich vor Intensität, wenn sich Fortino im Namen ihres Alter Egos einen minutenlangen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner liefert. Das Feedback-Gewitter vertont dabei die stählernen Funken, die sich auf der Haut einbrennen. Welch schöner Schmerz.

 

The Death Set: Worldwide (Counter Records/Rough Trade)

Sensationell, mit welcher Beharrlichkeit The Death Set auf Instrumente und Hörer einprügeln. 18 Songs in 26 Minuten - das sind Zahlen mit unerschütterlicher Aussagekraft. Ein doppelköpfiger Tiger auf dem Cover faucht Bandname und Titel des Debütalbums in Sägezahn-Schrift, bereit zum Sprung, so richtig auf Krawall gebürstet. Johnny Siera, Beau Velasco und Peter O’Connell, die ursprünglich aus Sydney stammen und über Brooklyn schließlich in Baltimore landeten, geben auf „Worldwide“ von allem reichlich: reichlich Tempo, reichlich Lo-Fi und reichlich Punk. „Devo fürs 21. Jahrhundert“ nennen das findige Schablonenschneider, weil deren New-Wave-Sound bei The Death Set in doppelter Geschwindigkeit und mit hochgepitchten Stimmen zum schmerzbefreiten Elektro-Punk avanciert. „Negative Thinking“ und „Intermission“, die beiden EP-Songs, hätten uns eine Warnung sein können – aber wir wollten ja nicht hören. Und so stapeln Gitarre, Gesang und Casio einen Koloss aus wilden Strophen, Chaosrefrains und stoischen Dancefloor-Beats, legendäre Liveshows inklusive. Plump, vor allem aber schnurstracks geradeaus und nichts für schwache Nerven. You Say Party? We Say Death Set!


¡Forward, Russia!: Life Processes (Cooking Vinyl/Indigo)

Von dem ausgemachten Unsinn, die Songs in der Reihenfolge ihrer Entstehung durchzunummerieren, haben ¡Forward, Russia! inzwischen Abstand genommen. Was soll das denn auch: „Seven“ kam beim Debütalbum „Give Me A Wall“ an neunter Position, „Nine“ dagegen auf der Vier und so zog es sich konsequent durch die Platte. Konzeptkunst, my ass! Auf solche Schrullen ist die Experimental-Indie-Combo aus Leeds - in aller Munde dank Kaiser Chiefs, Cribs, Duels oder Long Blondes - gar nicht angewiesen, beweist sie doch mit „Life Processes“ ihre musikalische Klasse. Abstrakte Rhythmen wie bei „Don’t Reinvent What You Don’t Understand“ und der pathetische Gesang verleiten zu dem Trugschluss, es handele sich um muckerhaften ProgRock. Doch da ist mehr: Tom Woodheads Stimme mäandert zwischen den Lagen und jeweiligen Charakteristika, gliedert sich in feierlich-opulent („Some Buildings“ mit dem biblischen Refraintext „Ashes to ashes, dust to dust, Jesus Christ and Lazerus“), fragil flehendes Falsett („Fosbury In Discontent“), peitschende Rockröhre und enthemmten Schreihals. Stellenweise klingt das schon fast manisch, zumindest offenbart gleich der Opener „Welcome To The Moment“ die vorhandene kriminelle Energie: „I hope that you’ll hurry, we’ve murdered a child / We’re dumping his body off the side of a bridge“. Zwar verfolgten At The Drive-In oder aktuell noch Les Savy Fav einen ähnlichen Weg, doch von unkonventionellem Songwriting kann es nicht genug geben.

 

The Rapture: Pieces Of The People We Love (Universal)

„We are still intellectual. But we are more sexual.“ Eine klare Ansage, die The Rapture im Vergleich mit dem Vorgänger „Echoes” treffen. Nach drei Jahren fordert das New Yorker Quartett den Rock erneut beherzt zum Tanz auf, mischt dabei das Beste an Stilen und Einflüssen zusammen, was mehrere Dekaden Musikgeschichte hergeben. Im Grunde plump, aber sehr effektiv. Was ein trocken hüpfender Bass, Disco-Snare, Hand-Claps ("Don Gon Do It") oder Cow-Bells ("Get Myself Into It") auf dem Tanzflur für Auswirkungen haben, kann man sich denken. Muss man auch hören. Gleich drei Produzenten (Paul Epworth, Ewan Pearson, Danger Mouse) wurden mit den ambivalenten Songideen bedacht, aber trotzdem homogen auf Albumlänge kombiniert. „The Devil” gibt sich melodiös, und bei „Live In Sunshine” wird’s geradezu psychedelisch. Zu viel Pink Floyd gehört?

 


Bonnie 'Prince' Billy: The Letting Go (Domino/Rough Trade)

Umzug. Neue Wohnung, neue Geräusche, neue Perspektiven der grauen Stadt. Provisorisch werden Bett, Schreibtisch und Anlage aufgestellt. Der dringende Wunsch nach Heimeligkeit zwischen all den Kartons und Bananenkisten. Will Oldham alias Bonnie 'Prince' Billy demonstriert dazu, wie man loslässt, alle Körperfunktionen runter fährt und sich ganz der Musik widmet. Ihn verschlug es nach Reykjavik, wo er im Anschluss an die Kooperationen mit Matt Sweeney und Tortoise sein aktuelles Werk einspielte. Eine dezente Studiobandbegleitung lässt viel Raum zum Atmen, die isländischen Streicher geben den ohnehin ausgeruhten Arrangements noch eine Spur mehr Pathos. Über dem bedächtig grummelnden Prinzen schwebt Dawn McCarthys Sopran, in perfekter Zweisamkeit bei „Cursed Sleep“ oder „No Bad News“. Mal Folk, mal Indiepop, immer ausdrucksstark.

 

Eagle*Seagull: Eagle*Seagull (Lado/SPV)

Ein Spektakel, definitiv. Dabei scheint es, als könnten Eagle*Seagull, die Band aus Lincoln im US-Bundesstaat Nebraska, nur lange, epische Songs schreiben. Geradezu Charts-feindlich bleiben sie selten unter der Fünf-Minuten-Marke und geben ihre Geheimnisse auch erst nach und nach preis. Aber was die Sechs (fünf Herren plus Dame) in dieser Zeit an kniffligen, überwältigenden Arrangements in die Welt hinausträgt, spottet jeder Beschreibung und jedem Vergleich. Ein eklektischer Widerspruch in Pop und Rock. Gleich der verzagte Opener „Lock and Key“ bricht gegen Ende in Gitarren-Feedbacks und fiepende Störgeräusche aus. Die entgegengesetzte Richtung schlägt das frenetisch-wütende „Photograph“ ein, bei dem ein dunkel gefärbter Bremsschirm geworfen wird: „So what if I carry your photo around with me everywhere I go / it’s not such a bad thing to do / and so I’ve tried to do what you’ve told me to do / I’ve tried to forget about you, oh I’ve tried”. Country/Folk-Einschlag bekommt das Album bei „Hello, Never“, mit einer dieser schönen und schaurig schönen Melodien von Sänger und Songwriter Eli Mardock, der teilweise an Win Butler von The Arcade Fire erinnert. Auch er beherrscht dieses gepresste Ächzen in der Stimme, bei der man immer befürchten muss, dass sie jeden Moment umkippt. Aber was für eine Vielfalt: „Holy“, getragen von Carrie Butlers Piano-Schwere und reichlich Text-Pathos („Everything is holy, everyone is holy, everyone’s an angel”) mündet in das zappelige „Your Beauty Is A Knife I Turn On My Throat”. Ein Höhepunkt, geprägt durch unnachgiebig hämmernde Piano-Achtel. Überhaupt viel Klavier, aber so vielfältig in den Bandsound (Gitarren, Banjo, Geige) eingewoben, dass dieses sperrige, anspruchsvolle Etwas bisher nicht bekannte Konturen gewinnt. Es geht immer weiter: „It Was A Lovely Parade” steht für neunzig Sekunden totale Entschleunigung. Butlers rechte Hand in klirrenden Klangregionen, die linke in dröhnenden Tiefen - und in der Mitte hängt die Stirn auf den rissigen Tasten. Zwei sich bearbeitende Gitarren (J.J. Idt und Austin Skiles) durchziehen „It’s So Sexy“, ein stampfendes Klagelied mit Mardocks Bekenntnis: „When your makeup runs down your cheeks / You look so hot” - das ist sexy! Die vorweggenommene Coda „Last Song“ verströmt die brüchige Eleganz von Joan As Police Woman, ebenso der dringliche Gesang von „Ballet Or Art”. Majestätisch kreist der Adler mit wenigen, kräftigen Schwüngen, im luftigen Spiel vereint mit der quirligen Seemöwe. Zwischen ihnen leuchtet ein funkelnder Stern.

Intro-Review #142


The Fine Arts Showcase: Radiola (Stickman/Indigo)

Denison Witmer: Are You A Dreamer? (Bad Taste/Soulfood)

Christian’s little brother just discovered Pop’n’Folk. Bei den Kjellvanders ging es schon immer sehr musikalisch zu, die Nachbarn erinnern sich. Akustikgitarren und Jünglingsgesang bis tief in die Nacht. Doch während Christian unter seinem Namen neben Kristofer Aström die Fahne des melancholischen Schweden hochhält, muss sich Gustaf erst noch beweisen. Dabei veröffentlichte er bei der Band Sideshow Bob bereits zwei Alben, und gemeinsam mit dem großen Bruder als Songs Of Soil auch eine Singer/Songwriter-Platte. Vielleicht ist jetzt seine Zeit gekommen: „Radiola“ unter dem Namen The Fine Arts Showcase kommt einem Mix-Tape gleich, das zeitlos schöne, sehnsüchtige Popstücke aneinanderreiht. So abwechslungsreich, dass die Spannung bleibt, so kontinuierlich, dass keine Brüche entstehen. Alles vorgetragen in perfektem Englisch, bedingt durch zehn Jahre Seattle-Sozialisation als Kind und dem aktuellen Wohnort London. „Chemical Girl“ zeigt sich großzügig schwelgerisch, „Brother In Black“ grummelt in düsteren Tiefen (Tocotronics „Neues vom Trickser” umgemodelt?), „Frida And I“ erinnert mit gehämmerten Klavier-Achteln an Pulp, „Laughter“ an den leichten Folk-Einschlag eines Leonard Cohen. Dazu starrt ein blässlicher Mittzwanziger dem Hörer vom Cover direkt in die Augen, als wolle er zusätzlich die Aussagekraft der Songs verstärken, deren Intensität verdeutlichen.
Im Vergleich dazu klingt „Are You A Dreamer?” von Denison Witmer unaufdringlich - gleichwohl von besten Songwriter-Qualitäten beschenkt. Einzelne Songs sind schwer hervorzuheben, da Philadelphia-Boy Witmer sie alle recht ähnlich intoniert. Es ist ein stetig fließender Strom an Sentimentalität und Introvertiertheit, der den gefühlvollen, spartanisch arrangierten Folksongs den Weg bahnt. Da steckt im positiven Sinne kein Druck hinter. Alles unglaublich nett und entspannt. Träume inspirierten womöglich das Album, bleiben aber letztlich nur ein Aufhänger für Texte und Grundstimmung. Banjo-Töne von Unser-aller-Liebling Sufjan Stevens durchziehen den Opener „Little Flowers“, unterlegt von Karen Peris’ Backgroundgesang. „Ringing of the Bell Tower“ bekommt etwas rhythmischen Halt durch das Schlagzeug, und auch der Titelsong holt aus allen Beteiligten das Beste, sicher nicht das Letzte, heraus. Wenn Witmer auf der Suche gewesen sein sollte, dann ist er angekommen.

Intro-Review #142

 

The Sleepy Jackson: Personality (One Was A Spider One Was A Bird) (Virgin/Emi)

Wildes Zitat-Rodeo, ironisch bis zum letzten Takt und doch hinreißend: „Personality (One Was A Spider One Was A Bird)” ist ein Pop-Album in all seinen schillernden Facetten geworden. Das überrascht nicht angesichts des wunderbar versponnenen Debüts „Lovers“, bei dem die Kritiker beinahe über ihre eigene Begeisterung stolperten. Jedoch gut zu wissen, dass der durchgeknallte Pop-Maestro Luke Steele seinem Stil treu geblieben ist, keinem Stil treu zu bleiben. Der Sänger verkörpert den kreativen Motor von The Sleepy Jackson, ist Protagonist der quasi Ein-Mann-Band. Nur Schlagzeuger Malcolm Clark blieb bisher von den Entlassungsorgien des Chefs verschont. Gemeinsam mit Produzent Scott Horscroft ging es in Sydney an die Breitwand-Sounds, bei denen Sixties-Pop und Avantgarde, Rock und Kinderchöre, Country und Psychedelia beinahe symphonisch aufeinander prallen. „Devil Was In My Yard“ treibt mit Ulalala-Gesang im Hintergrund - wahrscheinlich von einem Chor mit glitzernden Engelsflügeln - den Kitschfaktor nach oben, der bereits durch das Cover-Artwork seine Krönung erfährt. Geigen-Gaga zeichnet „Dream On” aus, sonst gibt es singende Gitarren, Bee-Gees-Disco („Play A Little Bit For Love“) und einen Geist von David Bowie, der bei „Don’t Say” im Studio vorbeigeschaut haben muss. Selbst ein zurückhaltender Song wie „Miles Away“ strahlt eine erstaunliche Unbeschwertheit aus. The Sleepy Jackson (sprich: Luke Steele) schafft es, den Bogen noch einmal weiter zu spannen. Komplett überkandidelt und artifiziell, aber in gleichem Maße ausgereift.

Intro-Review #142


The Say Highs: The Bark Is The Song Of The Dog (Staatsakt/Indigo)

Sich in der Heimat von Kraftwerk und Rammstein für den weichen Fluss von Folk und Country zu entscheiden, sei kein Trotz, sondern eine Karl-May’sche Sehnsucht nach einem nie erfahrenen Amerika. So die Aussage von Ramin Bijan, Gitarrist bei The Say Highs. Deren Debütalbum verkörpert eine Hinwendung zu klassisch produzierten Songs mit Akustik- und Slidegitarren, mehrstimmigem Gesang und folglich eine Abkehr vom grellen und überdrehten Songwriting, wie es für eine Berliner Band charakteristisch wäre. Keine Härte, keine Kühle, kein Lärmen. Gänzlich unaufgeregt ziehen Dylan-eske Songs („Takeover Girl“) und intime Liebeslieder („Telling You“) vorbei, gestützt von Mandoline, Tasten und der heimeligen Stimme David McGintys, die „Days Of Blue“ zu einem der Höhepunkte macht. Omnipräsentes Thema: Liebe. Das Staatsakt-Label, Heimat von Die Türen und den Cockbirds, überrascht erneut mit einer sehr homogenen, geschmackvollen Veröffentlichung. 4/5

 

 

Jazzanova: Scrambled + Mashed (Blue Note/Emi)

Damit Jazz-Musik nicht anfängt zu riechen, wie es Frank Zappa einst formulierte, gehen die Plattenfirmen neue Wege, um diesem Genre und Lebensphilosophie eine Frischzellenkur zu verpassen - ohne dabei die Vergangenheit zu missachten. Blue Note macht dabei seinem Ruf als experimentierfreudiges Label mit seiner „Blue Note Trip“-Reihe alle Ehre: Auf „Scrambled + Mashed” mixt das Berliner DJ-Kollektiv Jazzanova teilweise obskure und längst vergessene Stücke aus dem Blue-Note-Archiv zu einem facettenreichen Querschnitt durch Jahrzehnte der Musikgeschichte. Dabei mussten die sechs Plattenfetischisten nicht einmal auf die Originalbänder zurückgreifen, sondern konnten sich allein auf ihre überbordende Vinylsammlung verlassen. Jazzgrößen wie Horace Silver, Grant Green, Gary Bartz und Andrew Hill und kombinierten sie mit den modernen Klängen von Raul Midón, David Bowie & Pat Metheny, Madlib und den Funkmeistern Medeski, Martin & Wood. 4/5

 

 

Benni Hemm Hemm: Benni Hemm Hemm (Sound Of A Handshake/Indigo)

Wenn ein Isländer eine Reise macht, dann kann er anscheinend noch mehr erzählen als normalerweise üblich. Benni verschlug es jüngst nach Italien, um dort seine teilweise grotesken Songideen in ein Debütalbum umzusetzen. Verbeulter Blechbläser-Pop steht in dicken Lettern darüber, voller Charme und Verschrobenheit. Im vergangenen Jahr wurde „Benni Hemm Hemm“ bei den Icelandic Music Awards als bestes Album des
Inselstaates ausgezeichnet, Benni zudem als bester Newcomer. Es übt die gleiche Attraktion aus wie schon Sebastien Telliers „Politics“-Album: Auch hier erstrahlen beinahe zappa-eske Klangkompositionen, hymnisch aufgeladen durch Glockenspiele, Bläsersätze und den Exoten-Bonus isländischer Songtexte. „Beginning End“ klammert als instrumentales Intro und Outro die zehn Pop-Schräglagen, die alle den Wunsch zum Ungehorsam hegen. Wie eine volltrunkene Marschkapelle rumpelt „Sweaty In The Sunshine“, „Sumarnótt“ strotz vor Energie, steigert sich mit Gitarrensolo, mehrstimmigem Gesang und Bläserarrangements in einen Rausch. Es bleibt alles im tonalen Bereich, mit lieblichen Harmonien und gewohnten Kadenzgängen, aber durch jeden Ton schimmert der Schalk des 26-Jährigen. „I can love you in a wheelchair baby / I can love you anyway you want / I can love you anywhere you want me to / I can do it anytime” flötet Benni bei „I Can Love You In A Wheelchair Baby“, gebettet in unscheinbaren Gitarrenfolk. Und auch „Beygja Og Beygja“ empfiehlt sich für Mix-Tapes jeglicher Couleur, beispielsweise als besserer Ersatz für The Broken Beats, Badly Drawn Boy oder Spookey Ruben. Sounds Of A Handshake, das Morr Music-Sublabel, hat mit Benni Hemm Hemm ein glückliches Händchen bewiesen.

Intro-Review #141


Blood On The Wall: Awesomer (Fat Cat/Pias/Rough Trade)

Ein Sonic Youth-Tribut? Der erste Höreindruck nährt beinahe den Verdacht. Der Sänger klingt wie Thurston Moore, die Sängerin wie Kim Gordon, die Songs wie aus deren Frühphase. Aber keine Sorge: Blood On The Wall aus Brooklyn, N.Y., leben auf „Awesomer“ lediglich ihre Vorliebe für Indierock der Neunziger aus, also die Schiene mit Pavement, The Pixies und eben Sonic Youth. Da kommen Erinnerungen hoch, und zwar die guten. Sperrig und kantig zieht das Geschwisterpaar Courtney (Bass) und Brad Shanks (Gitarre) gemeinsam mit Schlagzeuger Miggy Littleton durch die krachende Songwucht, immer versehen mit einem feinen Gespür für Refrains, Melodien und Hitpotenzial. Courtney und Brad wechseln sich am Mikro ab, geben sich mal genüsslich einer schwerfällig walzenden Velvet Underground-Lethargie hin („I'd Like to Take You Out Tonight“), mal ungestümen Noise-Attacken („Hey, Hey” oder „Get The Fuck Off My Cloud”). Dazwischen immer wieder überaus großartige Rockentwürfe wie „Reunite On Ice” oder „Right To Lite Tonight“, denen Produzent Nicolas Vernhes (Fiery Furnaces, Black Dice) den richtigen Schliff gab. Ein verblüffend uneigenständiges, verblüffend gutes Album.

Intro-Review #141


The Radio Dept.: Pet Grief (Labrador/Broken Silence)

Im vergangenen Herbst verwarfen The Radio Dept. ein quasi fertiges Album. Es habe ihrer Ansicht nach zu elektronisch geklungen, zu sehr dem Pop-Entwurf anderer Bands entsprochen. Schwerer Fehler. Als Freund von Tagträumereien in Bus & Bahn kann man nie genug neuen Stoff bekommen, der einem die immergleichen Fahrten versüßt. Keine Fokussierung oder Konzentration des Blicks auf ein bestimmtes Ziel, sondern nur optisches weißes Rauschen. Mit „Pet Grief“, dem zweiten Album von The Radio Dept. aus Malmö, ist für Nachschub gesorgt. Sehr gute Ware vom geschmackssicheren Stockholmer Labrador-Label. Während beim Debüt „Lesser Matters“ noch eine Shoegazer-Tendenz mit Lofi-Sounds auszumachen war, dominiert jetzt melancholischer Indiepop. Zwar erinnert einer der eingängigsten Songs, „Every Time”, stark an Slowdive oder My Bloody Valentine, doch schimmernde Streicher helfen, die Verschlafenheit der Arrangements abzufedern. Es sind schlichte Songstrukturen ohne sonderlich große Herausforderungen, überraschungsarm, beinahe atmosphärisches Geschwurbel. Warum das Album von Songwriter Johan Duncanson und den beiden Kollegen Martin Larsson und Daniel Tjäder trotzdem so überzeugen kann, liegt an der generierten Stimmung: Verspielte Gitarren, seichte Dancefloor-Beats und gewichtige Klavierakkorde und Duncansons verträumter Gesang bilden ein dichtes Netz, vergleichbar mit Turner („It’s Personal“), aber auch mit Electronic („The Worst Taste In Music“), den Pet Shop Boys oder The Postal Service. Schöne Traurigkeit, perfekt in Szene gesetzt.

Intro-Review #141


The Russian Futurists: Me, Myself & Rye (Cooperative Music/V2/Rough Trade)

Matthew Adam Hart alias The Russian Futurists soll alle Songs im Bett liegend geschrieben haben. Vielleicht war es der schönste Ort einer menschlichen Behausung, der sich so positiv auf dieses Ein-Mann-Orchester ausgewirkt hat. Von Brian Wilson lernte er außerdem, dass Pop durchaus hörbar und experimentell zugleich sein kann. In der Summe aus Bett und Beach Boys ergibt sich moderner Pop, der majestätisch, teilweise etwas verspielt den direkten Weg zum Gute-Laune-Zentrum nimmt. „Me, Myself & Rye“ stellt 13 Songs von Harts ersten drei Alben („Method Of Modern Love“, „Let’s Get Ready To Crumble“ und „Our Thickness“) zusammen, die außerhalb von Nordamerika bislang noch unveröffentlicht waren. „Precious Metals” steht exemplarisch für diesen blöde grinsenden Mix aus Keyboard, elektronischen Beats und Lofi-Produktion. Unter diesem Homemade-Aspekt leidet Harts hoher Gesang, der sich nicht gegen die übrigen Spuren auf dem Laptop durchsetzen kann und dadurch etwas an Intensität einbüßt. Textzeilen wie „It’s not really cold when it snows / Unless you’re underdressed” klingen auf Platte jedoch ebenso sympathisch wie geschrieben. Die pompösen Streicher bei „Telegram From The Future“, der ausgelassene „Still Life”-Rhythmus oder die Melodie von „Science Of The Seasons“ machen „Me, Myself & Rye“ zu einem wunderbar entspannten Sommer-Album.


Sonic Youth: Rather Ripped (Geffen/Universal)

Sonic Youth, die Verkörperung des Independent-Gedankens im Musikbusiness, zeigen sich ein Vierteljahrhundert nach Gründung lebendiger denn je. Das Fehlen des Teilzeit-Mitglieds Jim O’Rourke macht sich insofern bemerkbar, als die Songs sehr geradlinig klingen, weniger experimentell, umso melodiöser. Bassistin Kim Gordon und Gitarrist Thurston Moore teilen sich noch immer die Gesangsparts und reizen den typischen Wechsel von harmonischen und lärmenden Passagen aus. Es ist die Weiterführung von „Sonic Nurse“, also Pop à la Sonic Youth, der niemals fröhlich oder hedonistisch wirkt, gleichwohl sexy und anregend. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Bonus der Vertrautheit. Anspieltipp: „Reena” mit der sinnbildlichen Refrainzeile „You keep me coming home again“. 5/5

 


Couch: Figur 5 (Morr Music/Indigo)

Ohne Worte. Das ist oberstes Gebot bei Couch, der Münchner Band mit starken Weilheim-Bezügen. Auch auf „Figur 5“ (selbstredend das fünfte Album) behält das Quartett Stefanie Böhm, Thomas Geltinger, Jürgen Söder und Michael Heilrath seinen Instrumentalcharakter bei. Nichts lenkt ab, alles ist fixiert auf Klangfarben und deren allmähliche Modulation. Kleine Ideen und Melodiecluster schaffen es, die geometrische Figur mit Leben zu füllen, exemplarisch bei „Zwei Streifen im Blau“: tief grummelnder Bass, stoisch schlagende Beats und ein Mix aus Elektronikflirren und Gitarrentönen. Doch selbst sich steigernde Noise-Attacken („Position: Wieder eins“) brechen nicht das Gitter aus kohärenten Strukturen und bedachten Emotionen auf. Wer sich für The Notwist, Tied & Tickled Trio oder Ms. John Soda begeistern kann, liegt hier genau richtig. Die Schönheit des Monotonen. 4/5

 

Greg MacPherson: Sun Beats Down (PlayRec/Cargo)

Der kanadische Songwriter Greg MacPherson wuchs im Schatten von Radarstationen auf, diesen bedrohlichen Mahnmalen des kalten Krieges. Das hat bei ihm Spuren hinterlassen, nicht nur im Song „Radar“: MacPherson engagierte sich lange Zeit politisch beim „Project Peacemaker“ und veröffentlicht seine Musik in Nordamerika bei „G7 Welcoming Committee“ - der Firma der Konsequent-Punks Propagandhi. Der 30-Jährige aus Winnipeg sieht sich verbunden mit der Tradition englischsprachiger Protest-Songwriter (von Guthrie über Springsteen bis Bragg), ebenso mit Postpunk-Bands. „Sun Beats Down” bündelt als eine Art Best-of-Album seine bisherigen Werke (zwei Alben und eine EP), die zum ersten Mal in Europa erhältlich sind. Minimalistisch mit Gitarre, Bass und Schlagwerk eingespielt, macht MacPherson klare Aussagen zu den Unwegsamkeiten des Lebens, aus der Sicht des einfachen Mannes und Friedhofsgräbers, als der er sechs Jahre gearbeitet hat. Die Songs wirken sehr bestimmt und dringlich, zumal sie völlig unaufgesetzt produziert wurden. Im Vordergrund steht sowieso sein eigenständiger Gesang mit rauer Stimme, der beispielsweise „California“ nicht einen Hauch von Sonnenstaat gönnt und bei „Blind Date” die Zeit still stehen lässt. Gitarrist Steve Bates und Weakerthans-Drummer Jason Tait helfen ihm bei seiner ersten Europa-Tournee, die hoffentlich erfolgreich verlaufen wird. Wenn er nach Kanada zurückkommt, ist er nämlich arbeitslos.

Intro-Review #140

 

 

Greg Graffin: Cold As The Clay (Anti/SPV)

„Mit dem Alter fängt man an, sich für Country-Musik zu interessieren“, sangen Die Aeronauten 1997. Es war auch das Jahr, in dem Bad Religion-Sänger Greg Graffin sein Solo-Debüt „American Lession“ veröffentlichte. Und irgendwie passt es jetzt, dass sich das Nachfolgealbum noch weiter vom Punkrock-Songwriting entfernt. Laut Aussage von Graffin besteht zwar eine stilistische Verbindung zwischen diesen Polen, doch für den Außenstehenden hat sich der Lehrstuhlinhaber mit versierten Kollegen - vor allem den drei Weakerthans-Mitgliedern Stephen Caroll, Jason Tait und Greg Smith - zurückgezogen, um musikalisch eine ganz ruhige Kugel zu schieben. Eingespielt wurde das Dutzend Songs in nur acht Tagen unter den Produzentenhänden von Brett Gurewitz (Bad Religion-Gitarrist), meist als Live-Take ohne technischen Schnickschnack. Oder dient der Solo-Ausflug als willkommene Abwechslung zur stagnierenden Entwicklung bei seiner Hauptband? Die eine Hälfte der Songs stammt zumindest aus der Feder von Graffin, die andere speist sich aus dem American Songbook; beispielsweise „Omie Wise“, ein Traditional aus dem 19. Jahrhundert, das mit gezupfter Gitarre an „Greensleeves” und Schulaula-Konzerte erinnert. Das Banjo sorgt zusätzlich für den gewissen Cajun- und Bluegrass-Einschlag. Den missionarischen Eifer in der Stimme hat Graffin mit Justin Sullivan (New Model Army) gemein, und Jolie Holland steuert als Studiogast den Backgroundgesang („Cold As Clay“, „Talk About Suffering“) bei. Wer soll das hören wollen? Für Freunde zeitloser Folksongs oder passionierte BR-Fans ist das durchaus geeignet.

Intro-Review #140


Disco Ensemble: First Aid Kit (Fullsteam/Universal)

Finnland geht ja ziemlich steil momentan. Was haben wir über Lordi beim Grand Prix gelacht! Und jetzt das Disco Ensemble, das mit Disco etwa so viele Gemeinsamkeiten hat wie Lordi mit Nicole. Denn während andere Jugendliche an der finnischen Westküste die Wahl zwischen Eishockey und Klavierunterricht hatten, entschied sich Sänger (oder heißt es schon Shouter?) Miikka Koivisto für Punkrock. Mittlerweile in Helsinki gelandet, verfeinerte das Disco Ensemble nach dem Debütalbum „Viper Ethics“ seinen musikalischen Arschtritt: Mikko Hakola trommelt um sein Leben, Lasse Lindfors spielt konsequenten Achtelbass, Jussi Ylikoski entsprechend Power-Chords. Heartcore, yeah! Produziert wurde „First Aid Kit“ von Jens Bogren und Pelle Gunnerfeldt, der auch schon The Hives, The (International) Noise Conspiracy und The Robocop Kraus den letzten Schliff verpasste. Mit „Black Euro“, „Human Cannonball“ oder „Fresh New Blood“ wird das Feld zwischen Billy Talent, Refused und At The Drive-In abgesteckt, das Disco Ensemble zu einer erstklassigen Festival-Band qualifiziert. Solche geschmacklosen Power-Balladen wie der Titelsong kommen dann aber nicht auf die Setliste.

Intro-Review #140


De Rosa: Mend (Chemikal Underground/Rough Trade)

Glasgow scheint ein gutes Pflaster zu sein: Mogwai, Malcolm Middleton/Arab Strap, The Delgados - alle unter Vertrag beim schottischen Indiepapst-Label Chemikal Underground. Auch De Rosa sind mit ihrem dritten Album „Mend“ dort untergekommen, nachdem viel Zeit und Energie für Besetzungswechsel und stilistische Neuverortung draufging. „Maybe I’m a little less of a punk than I used to be”, meint zumindest Songwriter Martin John Henry (Gesang, Gitarre), der seine Bandmitglieder einst auf der Glasgow School Of Art für seine Dienste einspannte. Und Recht hat er: Lediglich die Vorabsingle „Camera” lärmt im Stile von Sonic Youth oder Shellac, ansonsten dominiert vielschichtiger IndieRock weit ab von britischem Einerlei oder sonstigen Schablonenmustern. Gleich das erste Stück „Father’s Eyes”: super. Oder „All Saints Day“: super. Großen Anteil daran hat Schlagzeuger Neil Woodside mit individuellen Rhythmen und Breaks („Headfirst“) sowie Henrys Gesang. Vielen Songs gibt er einen ganz eigenen Charakter, hält die Spannung auf Albumlänge, obwohl einige Songtitel reichlich unspektakulär die ländliche Gegend um Lanarkshire beim Namen nennen („New Lanark“, „Cathkin Braes“, „Hattonrigg Pit Disaster“). 873 Mal lieber als umgekehrt, klar. Wenn die vier Jungs beisammen bleiben, kann da angesichts dieses starken Albums noch einiges passieren.

Intro-Review #140


Angels & Airwaves: We Don’t Need To Whisper (Geffen/Universal)

Angels & Airwaves ist die neue Punk-Supergroup, die keinen Punk macht. Denn obwohl die Besetzung aus Sänger Tom DeLonge (Blink 182), Gitarrist David Kennedy (Box Car Racer), Bassist Ryan Sinn (The Distillers) und dem Schlagzeuger Atom Willard (Rocket from the Crypt, The Offspring) besteht, überwiegt auf „We Don’t Need To Whisper“ radiokompatibler Midtempo-Stadionrock, wie ihn auch U2 zu „Joshua Tree“-Zeiten fabrizierten. Die erste Single „The Adventure“ steht exemplarisch für DeLonges Ziel, alles auf ein größeres Level bringen zu wollen: episch in die Länge gezogenes Intro, mit Hall-Effekt vernebelte Gitarre (file under: The Edge) und das bekannte Gesangsorgan des Blink 182-Frontmanns. Der wollte weg von den pubertären und sexistischen Songtexten der Vergangenheit, hin zu anspruchsvollen Themen, die zum Nachdenken anregen. Doch gute Vorsätze haben noch lange keine gute Musik zur Folge. Theatralisch arrangiert, wenig variabel und höchst prätentiös bei „Valkyrie Missile“ oder „Start the Machine“ mit experimentellen Synthie-Schweinereien, geht das geplante künstlerische Upgrade hier gewaltig nach hinten los.

Intro-Review #140


Swimmingpool: Good Old Music (Combination/Alive)

Das Beste beider Welten kommt zusammen, wenn Michael Scheibenreiter (Phoneheads) und Stefan Schwander (Antonelli) ihre Ideen als Swimmingpool synergetisch bündeln. Schon das Debütalbum: großartig. Auch beim Nachfolger der beiden Düsseldorfer dominieren elegante Sounds, druckvolle 4/4- Rhythmik und transparente Flächen, aus denen sich Melodie-Kolosse herauskristallisieren („Carbono“). Stets instrumental gehalten, geben die neun Tracks Einblick in die Dub-Ästhetik von Schwander, grundieren minimale House- und Technobeats die schwebende Atmosphäre („Carpet Sweeper“). Doch alles bleibt in Bewegung, verändert sich, wabert im Strom des großen Taktgebers. „Good Old Music“ funktioniert sowohl auf der Tanzfläche als auch über den heimischen Kopfhörer - da knallen die Synapsen. Elixier für den Hobbyraver in dir. 5/5


Justine Electra: Soft Rock (City Slang/Rough Trade)

Fünf Jahre, nachdem die Australierin Justine Electra nach Berlin gekommen ist, eröffnet sie nun den stilistischen Gemischtwarenladen „Soft Rock“. Als DJ hat sie Club-Erfahrung, kollaboriert(e) auch mit dem Sonar Kollektiv, um jetzt mit einem ganz feinfühligen, persönlichen Album zu überraschen. Eine verwirrend schöne Vielfalt aus Folk, Indie, Electro und Country, die sich nicht für eine Seite entscheiden mag. Zum Glück, denn so stehen bizarre Samples, akustische Gitarre, souverän verschleppte Beats und Justines zarter Gesang einträchtig beieinander. Wer auf die Texte achtet, wird bemerken, wie witzig und ironisch sie Weltschmerz und Melancholie ins Gesicht lacht, und versucht, den besungenen Geschlechterkrieg („Killalady“) und Großstadtkoller zu überwinden. Charmante Songs, die zerbrechlich und bedrohlich zugleich wirken. 4/5

 

The Raconteurs: Broken Boy Soldiers (XL/Beggars Group/Indigo)

Es sei mehr als nur ein Nebenprojekt der White Stripes - das betont Misanthrop Jack White immer wieder, wenn er auf die Kollaboration mit Brendan Benson und zwei The Greenhornes-Mitgliedern angesprochen wird. The Raconteurs, eine richtige Band. Diese entzieht sich auf Albumlänge konsequent einem aktuellen Zeitgeist, flüchtet sich beinahe anachronistisch in Classic Rock der 60’s und 70’s. Absolut herausstechend „Steady As She Goes” gleich zu Beginn: Eine Hit-Single, wie sie in der Rock-Fibel steht. Die folgende halbe Stunde oszilliert im Songwriting zwischen den Beatles und Led Zeppelin (Titelsong!), lässt die Gitarre jaulen, die Hammond-Orgel wummern und Papas Vinyl-Sammlung hochleben. Sehr melodiös bei „Hands“, ergreifend balladesk bei „Together“, mal mehr in Richtung Blues („Blue Veins“), mal experimentell psychedelisch („Level”). Good old times. 4/5

 


Mediengruppe Telekommander: Näher am Menschen (Mute/EMI)

Die beiden Party-Hools Florian Zwietnig und Gerald Mandl denken nicht daran, dass Konzept des Debüts „Die ganze Kraft einer Kultur“ auf dem Nachfolger entscheidend zu korrigieren. Weiterhin gibt es ordentlich Schelte für Medien- und Konsumjünger, gekleidet in wilden Elektro-Pop und wie durchs Megaphon geschrienen Sprechgesang. Es wimmelt nur so von Anspielungen auf das eigene, polarisierende Image („Die klingen ja wie die deutschen Beastie Boys“ in der ersten Zeile von „Bild dir deine Meinung“). Pro Song fabriziert die Berliner Mediengruppe mindestens einen druckreifen Slogan, der selbstbewusst und selbstironisch den Finger in klaffende Wunden legt. In der Kombination aus HipHop und Elektropunk werden „Sprengkörper“ gezündet, dass es nur so kracht. Aber die musikalische Substanz ist zu dünn - und der penetrant übersteuerte Gesang nervt kolossal. Weiterhin gilt: Besser live genießen. 2/5

 

 


Lou Rhodes: Beloved One (Infinite Bloom/SPV)

Wer Lou Rhodes noch aus Lamb-Tagen kennt (beispielsweise 1997 im MAX, Wahnsinn!), wird von ihrem Solo-Debüt überrascht sein. Nicht von der einnehmenden Stimme, jedoch von der Sparsamkeit, mit der sie die fein arrangierten und instrumentierten Songs geschrieben hat. TripHop ist passé: Nach der Trennung von ihrem Partner Andy Barlow setzte sich Lou Rhodes mit ihren Kindern in eine ländliche Kommune ab - doch „Beloved One“ ist kein Weltverbesserer-Album voll angestaubter Hippie-Klischees. Komplett akustisch aufgenommen, setzt Rhodes ihre fragile und intensive Stimme über die reduzierte Gitarre, unterlegt von wenig Percussion oder Streichern. In den Texten geht es um die großen Themen des Lebens - Liebe, Verlust, Hoffnung -, und nicht nur musikalische Parallelen zu Beth Orton liegen auf der Hand. Doch es scheint, als verkörpere Lou Rhodes mit diesen zehn Songs ihr wahres Ich. 4/5

 

 


Herbert: Scale (!K7/Rough Trade)

Er ist der Elektronik-Fachmann mit den vielen Pseudonymen: Radio Boy, Wishmountain und Doctor Rockit gehen auf sein Konto, aber auch Herbert, Matthew Herbert oder Matthew Herbert Big Band. So viel Kreativität will eben kanalisiert werden, denn der Brite gilt als Bewahrer der avantgardistischen Popmusik. Im vergangenen Jahr verhalf er Róisín Murphy zum großartigen „Ruby Blue“-Album, jetzt ist wieder Herbert-Time: 723 verschiedene Objekte hat er zur Tonproduktion genutzt (u. a. Benzinpumpen und einen Tornado-Bomber der Royal Airforce), während einer der Tracks aus 177 Nachrichten eines Anrufbeantworters zusammengeschnitten wurde. Doch „Scale“ wirkt alles andere als verkopft: Die glitzernde Oberfläche verströmt im bewussten Kontrast Discoappeal mit Jazz-, Soul- und Popelementen. Herberts Partnerin Dani Siciliano steuert die meisten Gesangsparts bei und macht „Movie Star“ oder „The Movers And The Shakers“ zu leichtfüßigen Großtaten. 4/5

 

 

The Strike Boys: Being In A Boy Group (Stereo Deluxe / edel)

Die beiden Strike Boys standen schon von Anfang an für einen überbordenden Stilmix. Nicht von ungefähr unterschrieben Tommy Yamaha und Martin Kaisa als erste deutsche Künstler beim Wall of Sound-Label, bevor sie mit dem zweiten Album „Grapefruit Flavoured Green Tea“ bei Stereo Deluxe eine ebenfalls adäquate Adresse fanden. Auf „Being In A Boy Group“ gerät jetzt alles noch eine Spur extremer, ausgelassener - vor allem aber heterogener. Denn die kleinste Boygroup der Welt scheint den Hals nicht voll genug zu bekommen: „Barfing Barfly” beispielsweise klingt, als würden drei CD-Player gleichzeitig ihre jeweilige Fracht rotieren lassen. Eingängiges Bassthema mit cheesy Beats mit permanter Percussion mit Gitarren-Riffs mit Gesangs-Premiere von Tommy Yamaha - da rattert es gewaltig im Oberstübchen. Eine weitere Spezialität der Strike Boys, sich stets eine Vielzahl an Gästen ins Nürnberger Studio einzuladen, verstärkt noch zusätzlich das Gefühl eines Gemischtwarenladens aus Electro, Dub, Reggae, Rock und Pop. Chris Corner, ehemals Frontmann der Sneaker Pimps und nun mit IAmX unterwegs, veredelt „Chemical Princess“ zu chromglänzendem WavePop, Earl Zinger (alias Rob Galliano) verhilft „Loss Of The Badman“ zu ungewollten Gorillaz-Anleihen, während The Robocop Kraus-Sänger Thomas Lang als lokale Referenz den Eklektizismus perfekt macht. Beinahe wahllos wühlen The Strike Boys in den Genre-Kisten, greifen mit verbundenen Augen zu und versuchen ihr Glück.

Intro-Review #139

 

Mocky: Navy Brown Blues (Four Music / SonyBMG)

Auch Mocky geht mit seinem dritten Solo-Album den momentan so populären Schritt vom Laptop zu Instrumenten, vom Track zum Song, von der Maschine zum Menschen. In seinem Fall ist es die siebenköpfige Navy Brown Blues Band, die ihm auch live den analogen Background besorgt. Dank der Kanada-Paris-Berlin-Achse des Grooves (Gonzales, Peaches, Jamie Lidell und Feist) braucht er sich um namhafte Mikrogäste und Studiohelfer ohnehin keine Sorgen zu machen. Es gleicht einem unverbindlich festen Kreis von Weggefährten und Gleichgesinnten, die der in Kanada geborene Dominic Salole bereits seit dem Vorgängeralbum „Are + Be“ um sich geschart hat. Und was die alles an krudem Zeug raus hauen?! Futuristischen Soul mit HipHop-Anleihen und angedeuteten Raps („One Of A Kind“), dezenten Groove-Jazz mit Rhodes E-Piano („I’m Yours“) oder den P-Funk eines George Clinton, der die Neuauflage von „Animal“ durchzieht; ein Song, den Mocky bereits vor Jahren in der Heimat mit The Shit (inklusive Gonzales und Peaches) schrieb. Synthie-Bässe machen hier wett, was einem den Opener „Tears Of Joy“ vergrault: Slap-Bass, die schlimme Muckergeste, die man fast nur noch bei Lehrerbands an Musikschulen zu hören bekommt - und die auch nur noch da hingehört. Angesichts der Kooperationen kann das Album jedoch nur gewinnen. Wenn beispielsweise Feist zu Percussion-Begleitung das sparsame Arrangement von „Fightin’ Away The Tears“ mit ihrer prägnanten Stimme belebt, ist Mocky zu einer solchen Bekanntschaft nur zu gratulieren. Und dass Jamie Lidell („In The Meantime“) und Smartass Taylor Savvy („Elementary“) einen guten Job machen würden, davon war auszugehen.

Intro-Review #139

 

Midlake: The Trials Of Van Occupanther (Bella Union / Cooperative Music / Rough Trade)

Oh, da wird sich das Immergut-Publikum jauchzend in den Armen liegen und vielleicht auch nach dem Konzert zur Abkühlung der Sinne kollektiv in den See springen. Der Song „Roscoe” machte schon seit Monaten euphorisch die Runde durch die Musicblogs, und er hat nicht zu viel versprochen: „The Trials Of Van Occupanther“, das zweite Midlake-Album nach „Bamnan And Silvercork“, wird auf ganz unspektakuläre Art dein Freund und Begleiter. Die an Neil Young erinnernde Stimmlage von Tim Smith schwebt über einem Sound, der zwischen Fleetwood Mac, Jackson Browne und vor allem Crosby, Stills & Nash ein ganz bestimmtes Gefühl erweckt. Hochmelodiöser 70’s-Folkrock, der bewusst die Retrospektive wählt, mit all den damit verbundenen Reminiszenzen. Mehrstimmiger Gesang, warme und erdige Gitarren mit geschmackvollen Licks wie bei Steely Dan, traurige Streicher („Young Bride“), ausgeruhte Tasten und Flöte („Van Occupanther“) oder das Harmoniestreben von „It Covers The Hillsides“ fügen sich zu einem homogenen Gesamtwerk. Nie zu lahmarschig, nie zu aggressiv. Einfach schön. Ein Quintett aus Denton, Texas, das konsequent und glaubhaft „Harvest“-Zeiten wieder auferstehen lässt. Nicht nur die Immerguten sollen etwas davon haben.

Intro-Review #139

 

Clueso: Weit Weg (Four Music / SonyBMG)

Thomas Hübner will anscheinend weg, weit weg. Dem Cover nach zu urteilen soll es in die Südsee gehen, der ersten Singleauskopplung nach ist auch Chicago ein mögliches Ziel. In seinen Worten möchte man ihm raten: Thomas, mach’s gut, egal wohin es dich auch trägt. Großteile des Albums könnten zumindest dorthin, wo der Pfeffer wächst. Ohne Rückfahrkarte. Man vermisst so sehr eine künstlerische Identität, eine persönliche Handschrift von seinem Alter Ego Clueso. Statt der propagierten stilistischen Vielfalt entpuppt sich das Songwriting als ein wahlloses Sammelsurium, statt eines sympathischen Liedermachers, Rappers, Texters und Produzenten aus Erfurt überwiegt letztendlich das Bild eines kreuzbraven Opportunisten. Die guten Ansätze sind vorhanden: Bei „Chicago“ erzählt er von einem Mädchen, das in ihrem Drogenrausch nach Amerika flieht. Clueso-Fans kennen den einwandfreien Pop-Song seit etwa zwei Jahren von Konzerten, wo der 26-Jährige auch Kontakt zu Max Herre aufnahm und gemeinsame Studiozeit verabredete. Das Ergebnis „Da wohnt so `n Typ“ ist allerdings eine mittelschwere Enttäuschung, sowohl textlich als auch klanglich. Das ganze Album ist komplett durchproduziert, also keimfrei und herzlos. So auch die zu Beginn sensibel anmutende Ballade „Schwer“, die im Verlauf eine unterirdisch gniedelnde E-Gitarre freilässt und unangenehme Erinnerungen an Such A Surge hervorruft. „Bleib einfach hier“ versucht es mit Reggae-Vibes, während Clueso-Buddy Flowin’ Immo „Morgen Gestern“ zu einem relaxten HipHop-Song macht. Aber alles Stückwerk. Vorhang, Abgang.

Intro-Review #139

 

Phoenix: It’s Never Been Like That (Labels / Emi)

Nach einer halben Stunde die Zäsur: „North“, der einzige Instrumental-Song. Keinesfalls ein Füller, denn erst diese Gitarren-Elegie bietet die Chance zum Revue passieren lassen, gibt Zeit zum Einordnen, was in den vergangenen dreißig Minuten an Melodiewahnsinn auf den Hörer eingeprasselt ist. Phoenix ging es darum, wieder ganz von vorne anzufangen, wie es Sänger Thomas Mars lapidar erklärt. Das Debüt „United“ ein stilistischer Dschungel aus Disco-House, Rock und Seventies-Funk voll hedonistischer Lebensfreude, lichtet sich beim Nachfolger „Alphabetical“ das Dickicht und offenbart den Reiz seiner unbekümmerten, charmanten Arrangements. Auch mit „It’s Never Been Like That” schaffen es Phoenix, so unsagbar nett (im positiven Sinne) zu klingen, selbst wenn das Pompöse einer gewissen Rauheit und das Verspielte einer stärkeren Spontaneität gewichen ist. Direkt nach dem Haldern-Auftritt im vergangenen Jahr und insgesamt 150 Konzerten entstanden die neuen Songs in den Planet Roc-Studios im Berliner Osten, zu DDR-Zeiten noch Geburtstätte von Hörspielen fürs Radio. Das Album lebt auch und vor allem von den kleinen Momenten, beispielsweise den verzögerten Keyboard-Akkorden in der sparsamen Strophe von „Long Distance Call“; oder dessen Dynamiksteigerung über die Bridge bis hin zum Refrain, wenn Mars achtmal die entscheidenden Worte wiederholt, als könne er den Wahrheitsgehalt der Aussage dadurch erhöhen: „It’s never been like that“. Das von Roman Coppola gedrehte Video zur Single, gleichsam unauffällig und geschmackvoll, untermalt die eindringliche Szenerie: „Where to go I had no idea / 26.10 was the price to pay / A messed up kid with no ideals at all / I thought those 26.10 I shouldn't give ‘em away”. Ein Song wie „Sometimes In The Fall“, der sogar Strokes-Appeal in sich trägt, gewinnt entscheidend durch Mars’ sympathisches Timbre, auch dann, wenn er sich beinahe an der kehligen Endlosschleife des Wortes 'long' verschluckt. Das dritte Phoenix-Album strahlt weniger Hit-Charakter als die beiden Vorgänger aus, übergeht FreundInnen von Handtaschen-House komplett, doch es ist wesentlich konsistenter und nachhaltiger, mehr Album als Single-Umrahmung. Da können „One Time Too Many“ und „Lost And Found” ruhiger Gitarrenpop sein, und erst mit „Courtesy Laughs” wieder Fahrt aufgenommen werden - nie kommen die vier Franzosen in die Nähe von beliebiger Belanglosigkeit. Und wenn im Opener „Napoleon Says“ die Textzeilen „You do expect a Messiah / You want to be European / I would be your Bonaparte / Don’t ever care ‘bout what Napoleon says” ertönen, fragt man sich, wessen rechte Hand in einem Trenchcoat steckt, um dem wild schlagenden Herzen ganz nah zu sein.

Intro-Review #139

 

Pearl Jam: Pearl Jam (SonyBMG)

Erster Gedanke: Was, die gibt’s noch? Zweiter Gedanke: Boah, was für ein schlimmes Cover! Dritter Gedanke: Eddie Vedder klingt ja immer noch like it’s 1992! Der Opener „Life Wasted“ kracht mit Rockriffs durch die Tür, als wollten die Jungs aus Seattle es allen denjenigen zeigen, die Pearl Jam bereits abgeschrieben oder höchstens ein saturiertes Alterswerk erwartet hatten. Auch ein Song wie „Comatose“ erinnert in seiner Intensität an „Rearviewmirror“-Zeiten, könnte genauso gut aus der Feder von AC/DC stammen. Aber das Songwriting zeigt sich variabel: „Parachutes“ verströmt zeitlosen Beatles-Pop, während „Come Back“ mit Orgel und Pathos die Feuerzeuge zücken lässt. In den Texten drückt Gutmensch Vedder seinen Unmut über Bush und die Welt im Allgemeinen aus. Alles wie gehabt. Egal, wie es mit Pearl Jam weitergeht - es wird immer das Album mit der Avocado sein. 3/5

Albrecht-Review

Blumfeld: Verbotene Früchte (SonyBMG)

Immer diese Extreme bei der Rezeption: für die einen musikalische Offenbarung, für andere bedrohlich nah am Zuckowski-Schlager. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo da draußen...und irgendwo in der Mitte. Die Analyse der Songtexte sollte nicht als literaturwissenschaftliche Doktorarbeit missverstanden werden, und doch hat Mastermind Jochen Distelmeyer sicherlich mehr zu sagen als die meisten Songschreiber in diesem Land. File under: Frühwerke „Ich-Maschine“ und „L’Etat et Moi“. Das aktuelle Album geht raus in die Natur, besingt detailreich Flora („Strobohobo“) und Fauna („Tiere um uns“, „Schmetterlings Gang“), gebettet auf luftigen Gitarren-Pop-Arrangements mit Klavier und etwas Bläsern. Beinahe naiv nähern sich Blumfeld der Arbeit des „Apfelmann“, zählt Distelmeyer unbekümmert Apfelsorten auf - und beweist dadurch gleichzeitig Mut zum Unkonventionellen und Mut zum Uncoolen. 4/5

Albrecht-Review

Barbara Morgenstern: The Grass Is Always Greener (Monika/Indigo)

Barbara Morgensterns Songwriting reift mehr und mehr, wohl auch gestärkt durch eine Welttournee im Namen des Goethe-Instituts und zahlreiche Kollaborationen mit Robert Lippok oder Bill Wells. Sie verkörpert versponnen-poetischen Elektropop, der von ihrem untrüglichen Gespür für Melodien getragen wird. Die Vermona-Heimorgel früherer Veröffentlichungen tritt diesmal in den Hintergrund, abgelöst von einem warmen Klaviersound. Überraschende Akkordwechsel erweitern durchs Formatradio festgezurrte Hörgewohnheiten und bieten Raum für minimalistische Eleganz. Die Rhythmusarbeit bleibt dezent: nur spärliche Beats und ein wenig Gitarre. Morgenstern nimmt sich „Ein paar Sekunden“ und führt uns zu Liedern, die in San Francisco („The Grass Is Always Greener“), „Mailand“ oder auf „Juist“ ersonnen wurden. Ein zartes, sublimes Werk. 4/5

Albrecht-Review

 


Hot Chip: The Warning (Labels/Emi)

Bisher kaum in Erscheinung getreten, hauen Hot Chip jetzt eine Platte raus, von denen einige Songs in einer besseren (Musik)Welt durch die Decke krachen würden. Auch unter den Nominierten: „Boy From School”. Diese Hymne steht exemplarisch für die eigenartige Diskrepanz, die das zweite Album der fünf Jungs Mitte Zwanzig aus Süd-London durchzieht: zum einen der Kontrast zwischen dem getragenen, bitter-süßen Gesang von Alexis Taylor und der schlichten Direktheit der Beats, zum anderen der Wechsel von etwas unausgegorenen Stücken („Careful“, „Arrest Yourself“) zu klagenden Balladen („Look After Me“, „No Fit State“) und treibendem Disco-House mit antiquierten Synthies („Over And Over“). Bei dieser reizvollen Verschmelzung ist Club-Einsatz gefragt. Balsam für Körper, Hirn und Herz. Und die Discokugel dreht sich, und dreht sich. 4/5

Albrecht-Review

 


Schneider TM: Skoda Mluvit (City Slang/Rough Trade)

Der Albumtitel steht nicht für ein neues Modell der VW-Tochterfirma, sondern für diese tschechische Redensart (etwa: „Es ist schade, überhaupt drüber reden zu müssen“). Die Großmutter von Dirk Dresselhaus alias Schneider TM benutzt sie gerne und oft - nun auch verewigt als Vokal-Sample im Titelsong. Doch es besteht Klärungsbedarf: Zu vielschichtig und angenehm inkonsequent wirkt die CD ihres Enkels, der mittlerweile in Berlin wohnt. Dresselhaus schichtet am Computer hemmungslos Einflüsse aus zig Genres und Jahrzehnten übereinander, formt daraus Folksongs („Caplets“), unkonventionellen HipHop („Skoda Mluvit“), Indie-Gitarrenrock oder ausschweifende Elektro-Flächen. Immer etwas neben der Spur, erratisch, ohne genaues Ziel. Musikalische Themen werden oft nur angedeutet oder durch bewusst dissonante Störgeräusche aufgeraut. Doch über allem steht Pop. 3/5

Albrecht-Review


El Perro Del Mar: El Perro Del Mar (Memphis Industries/Cooperative Music/Rough Trade)

Die Vorgeschichte von Sarah Assbring im Schnelldurchlauf: mehrjährige Schreibblockade, 2003 Urlaub auf einer spanischen Insel, ein streunender Hund läuft am Strand entlang, tägliches Wiedersehen, Blockade gelöst, Songwriting flutscht wieder. Hund am Strand also auf Spanisch, beziehungsweise Schwedisch, kommt Assbring doch aus Göteborg. Schnitt. Das klingt alles sehr flapsig und passt so gar nicht zur erhabenen Stimmung, die das gesamte Album „El Perro Del Mar“ trägt. Es hat beinahe etwas sakrales, wenn man sich vorstellt, dass die Backing Vocals der Gospelchor einer kleinen schwedischen Gemeinde sein könnten, im schlichten hölzernen Kirchenschiff mit frisch geschnittenen Wiesenblumen auf dem Altar. Die Damen schnippen mit den Fingern und singen „Scha-la-la-la“, während Sarah Assbring - die Augen geschlossen und ganz in sich gekehrt - mit ihrer fragilen Stimme den Raum füllt: „God Knows (You Gotta Give To Get)“. Etwas dumpf, wie durch ein Taschentuch gesungen, haucht sie den klassisch arrangierten Popsongs Leben ein. Das ist ganz bezaubernd. „Candy“, „Dog” oder „This Loneliness” kommen ganz nah, trotz der distanzierten Kühle. Selbst der Text von „Party” wirkt in diesem Kontext irgendwie plausibel, bei dem sie „Come on over baby / there’s a party going on” derart verzweifelt in Schleife setzt, als würde es zum Zahnarzt oder der gehassten Tante gehen. Stina Nordenstam kann das auch, oder Anna Ternheim. Streicher umspülen, wo ansonsten dezentes Klavier und akustische Gitarre harmonischen Halt geben. Allein „Here Comes That Feeling“ bricht mit Saxofon und Schweineorgel etwas aus, ohne auch nur den Ansatz von Sunshine-Beach-Party zu verströmen. Jens Lekman ist ein Göteborg-Homie von Sarah, die im Februar eine UK-Tour mit José Gonzalez spielte - da haben sich wirklich die Richtigen getroffen.

Intro-Review #138


G. Rag Y Los Hermanos Patchekos: Musik für München 7, Vol. II (Gutfeeling/Broken Silence)

All denjenigen, die noch immer um „Monaco Franze“ als Mensch und Serie trauern, sei „München 7 - Zwei Polizisten und ihre Stadt“ ans Herz gelegt. Die Produktion von Franz Xaver Bogner spielt in der bayrischen Landeshauptstadt und handelt vom Alltag der beiden Gesetzeshüter Xaver Bartel (Andreas Giebel) und seinem neuen Kollegen Felix Kandler (Florian Karlheim) im fiktiven Revier München 7. Während der eine sich selbst zum „Sheriff vom Marienplatz“ ernannt hat, kämpft der andere noch mit seiner zwielichtigen Vergangenheit im Milieu. Leichte Mädchen, schwere Jungs und solche Sachen. Die Krimi-Serie gewinnt alleine deshalb an Charme und Individualität, weil der Soundtrack reichlich unkonventionell die Szenerie untermalt: Wild-West plus Münchner City Blues, eingespielt von einem elfköpfigen Orchester namens Los Hermanos Patchekos und ihrem Kopf Andi 'G.Rag’ Stäbler. Soviel Freigeist wurde im vergangenen Jahr zu Recht für den Adolf-Grimme-Preis nominiert, weil hier Tango, Blues, Polka und Bierzeltmusik ungebremst aufeinanderprallen, euphorische Mariachi- und Calypso-Sounds auf Spaghetti-Western treffen. Die musikalische Perfektion steht dabei im Hintergrund - viel wichtiger ist die transportierte Atmosphäre dieses Rabaukenhaufens. „Cajun Wasti“ macht mit Harp auf Delta Blues, „Log Train“ von Hank Williams lässt die Trompete tröten, grundiert von Percussion und Kontrabass. Teilweise durchbricht Gesang („Magdalena“ mit italienischem Text) den instrumentalen Gemischtwarenladen an Banjo und Slide-Gitarre, so dass selbst ein „La Paloma“-Cover (klar, mit Quetsche) nicht weiter verwundert. Wahrlich Kleinode, nicht nur, weil sie oft sehr kurz geraten sind. Übrigens: Die zweite Staffel startet diese Tage, eine DVD ist auch aufm Weg.

Intro-Review #138


Grandaddy: Just Like The Fambly Cat (V2/Rough Trade)

Schluss. Aus. Vorbei. Grandaddy, die sympathischen Kauze aus dem kalifornischen Modesto, sind Vergangenheit. Über die Gründe konnte im Netz bereits genug gelesen werden, daher nur so viel: 14 gemeinsame Jahre, das liebe Geld, ein absolut unausweichlicher Schritt. Mit dem Wissen, dass „Just Like The Fambly Cat“ unfreiwillig zum Farewell-Album geworden ist, hört man die Songs und Texten reflexartig nach Hinweisen ab, die auf ein baldiges Ende hinweisen könnten. Und siehe da - ein erster Treffer: „I don’t know where everyone went or where I’ll go”, lamentiert Frontmann Jason Lytle bei „Summer...It’s Gone” über den typischen Synthies und Akustikgitarre, um eine Zeile später zu ergänzen: „In dreams I hear voices that say ‘Look this way’, but I can’t see nothing, so I turn away to head down roads, dead ends and holes.” Solch eine Recherche verleitet sicherlich auch zu Fehl- und Überinterpretationen, aber immerhin. Insgesamt gestalten Grandaddy ihren Sound wieder etwas rauer und rockiger, vor allem im Vergleich zum schnörkellosen Pop auf „Sumday“. Verzerrte Gitarren jagen in mehreren Refrains den teilweise mehrstimmigen Melodien hinterher, und in den 63 Sekunden von „50%” lassen sie noch einmal richtig Luft ab. Die dick aufgetragenen Synthie-Wälle, die Keyboarder Tim Dryden so gerne dramatisch anschwellen lässt, kommen jedoch nicht zu kurz - so auch beim letzten Song, „Shangri-La“ (im Original von ELO), der nicht auf der Tracklist verzeichnet ist. Ein schlüssiges finales Kapitel von Grandaddy, mit einem weinenden (keine Abschiedstour) und einem lachenden Auge (von Jason Lytle werden wir sicher noch hören). Grandaddy…it’s gone.

Intro-Review #138


The Fiery Furnaces: Bitter Tea (Sanctuary/Rough Trade)

Sprachliche Annäherungen an The Fiery Furnaces beinhalten verblüffend oft mehrere Elemente aus dem Wortfeld 'merkwürdig’, also abwegig, seltsam, skurril, rätselhaft, strange, überspannt, bizarr oder was einem da alles so einfallen könnte. Es scheint, als versuchten die SchreiberInnen, mit Hilfe dieser Adjektive und Attribute, einen Schutzwall zu errichten, um sich so vor der Musik zu schützen. Musik, die unvorbereitet Haken schlägt, wenn man gerade zupacken möchte, die manches Mal Ratlosigkeit hervorruft und einem unvermittelt ins Gesicht lacht. Wer glaubt, „Bitter Tea“ würde da eine Ausnahme machen, sieht sich getäuscht. Das New Yorker Geschwisterpaar Matthew und Eleanor Friedberger experimentiert fröhlich weiter, nur fünf Monate nach dem letzten Album „Rehearsing My Choir“. Während sich dessen Stücke um Großmutter Friedberger drehten, kommt jetzt der Enkelin-Nachschlag. Konventionelles Songwriting wird wie gewohnt vor dem Proberaum an die Garderobe gehängt, Eleanor kümmert sich vorrangig um Gesang und einige Percussion-Spuren, Matt um die restlichen Instrumente und die Produktion. Dazwischen: unzählige Tempo- und Stilwechsel, heterogene Arrangements - aber trotz allem richtig charmante Songs. Bisweilen kommt dabei Art-Rock mit Cembalo-Tasten („I’m On No Mood“) heraus, dann wieder Underground-Pop („Police Sweater Blood Vow“) oder der im dezenten Groove fließende, mehrfach unterbrochene „Benton Harbour Blues“. Fordernd ist das allemal, besonders bei der „Whistle Rhapsody“, die im Verlauf eher einer Distortion-Kakophonie ähnelt. Hier gibt sich zumindest die eigens eingerichtete Schublade „Sissy Psychedelic Satanism“ die Ehre.

Intro-Review #138


Das Bierbeben: Alles Fällt (Shitkatapult/MDM/Alive!)

„Eine Liebhabersache“, sagt Jan Müller, wenn er Das Bierbeben in Worte fassen soll. Zur Erinnerung: Das waren die Fünf, die uns 2003 aufforderten, den Fernseher kaputt zu machen. Und jetzt, wo „Alles Fällt“? Die „Featuring members of Tocotronic, Superpunk, Pop Tarts, Gary”-Combo gibt sich immer noch auf Krawall gebürstet, probt den Aufstand und wetzt die Messer. „Im Kreis“ beginnt mit dem Tagesschau-Gong, dann schrubbende Gitarre, dann Bass und schnurgerade Beats, dann lakonischer weiblicher Gesang: „Die Welt ist betäubt / betäubt und narkotisiert / erstarrt und paralysiert / die ganze Kugel ist ein Brocken Pech“. Es sind Müllers Worte, die durch ihre Monotonie förmlich in den Gehörgang einmassiert werden. Gut, dass Stefan Betke aka Pole seine Mastering-Finger im Spiel hatte - die Tanzfläche ist nicht weit. Auch bei „Bis die Liebe nicht mehr weh tut“ gerät der Arsch gehörig in Rotation, denn „Wir spüren es in diesem Moment / wir werden nicht sterben“. Die Zukunft, die das Debütalbum „No Future No Past“ noch verwehrte, wird hier zur unendlichen Geschichte. Von diesen beiden Knallern soll es 12“-Auskopplungen geben, mit Remixen und dem ganzen Spaß! Neu interpretieren Mynther, Engler, Wilson & Co. den EA80-Song „Häuser“. Der Text wirkt auch 23 Jahre nach der Veröffentlichung auf „Vorsicht Schreie“ noch beklemmend schön: „Schau nicht in die Häuser, denn sie lachen Dich aus / sie sind so alt, sie haben viele Namen / sie haben Dich gesehen, und du warst noch ein Kind / […] sie wissen mehr als Dein Computer“. Das Bierbeben will nicht gefallen - und gefällt auch nicht immer. Etwa, wenn Idee und Umsetzung von „Kein schöner Land“ misslingen oder der anarchistische Geist „Keiner wird Dein Herr sein“ ausbrühtet: ein dunkel grummelndes Scheißekatapult mit übersteuert geschrienen Pamphleten wider die Ordnung. Das kapier ich beim besten Willen nicht.

Intro-Review #138


Zeebee: Priorities (Broken Silence/Universal)

„Meine Stimme arbeitet wie das Werkzeug eines Minenarbeiters. Ich bohre mich durch Masse und berühre scheinbar Undurchdringliches.“ Zeebee weiß, wovon sie spricht. Die Musikerin, die mittlerweile im österreichischen Vorarlberg lebt, singt wie eine selbstbewusste Mischung aus Shirley Bassey und Nicolette. Es ist dieses kehlig-knurrende Timbre, das ihrem Album „Priorities“ die Exklusivität verleiht, aus dem Strom von Popmusik-Veröffentlichungen heraus zu stechen. Breitwandige Produktionen mit großem Orchestercharme, die sich auch bei Big Band, Jazz und Downbeat bedienen, ohne beliebig zu wirken. Modern, aber traditionsbewusst; individuell, aber eingängig. In den melancholischen Momenten („Sweetness“) kommt Portishead in den Sinn, meist brennt Zeebee jedoch auf höherem Energielevel. Denn: „Ich reibe mich an der Musik, bis es heiß wird, bis alles nachgibt.“ 4/5

 


Muallem: Frankie Splits (Compost/Groove Attack)

Einem 26-jährigen Soundtüftler und DJ aus München traut man eigentlich nicht über den Weg. Zumindest nicht, wenn es um die musikalische Aufarbeitung von Genres geht, bei deren Ursprung er noch Quark im Schaufenster war. Und dann noch dieses miese Cover-Artwork. Doch mit „Frankie Splits“ gelingt David Muallem beim Bescheidwisser-Label Compost ein ausgezeichnetes Debütalbum. Voll gepackt mit futuristischen Beats, illustren Studiogästen und der Unbekümmertheit als Rookie. Bei „Are You Ready” macht MC Amazon auf Missy Elliott, gibt Details über ihre sexuellen Vorlieben preis, während die männlichen Kollegen wie Lyrics Born (Quanum/ DJ Shadow) oder Beans („New Thunder“) gewohnt stilsicher am Mikro werkeln. Ein Spagat zwischen Prince und Neptunes, der auf den Tanzflur zieht und auch die schwächelnde WG-Party nach vorne bringt. Disco, Soul, HipHop und Electro im genialen Soundclash! 5/5

 


Tomte: Buchstaben über der Stadt (GHvC/Indigo)

Wenn du diese CD-Rezension liest, werden Tomte bereits im Kieler MAX gespielt haben (ganz genau, Futur II). Eine sonnige Nacht: Ausverkauft, geile Stimmung, Sänger Thees Uhlmann mit total witzigen Ansagen und den lobhudelnden Feuilleton-Artikeln über die neue Platte im Rücken. Die schönsten (und stärksten) Söhne der Stadt und viele leidenschaftliche Indie-Mädchen im Schlepptau. Die Single „Ich sang die ganze Zeit von dir“ findet auch Platz auf der Bravo Hits 52, direkt vor Nadja Benaissa. Was soll ich über die CD sagen? Entweder, du hast sie schon oder willst davon eh nichts wissen. Nur so viel: den Bassisten Olli mag ich sehr, Thees zieht die Vokale noch mehr in die Läängäää, der Anfang von „Walter & Gail“ ist angenehm dezent, der Refrain umso schlimmer und den Songtitel „Sie lachen zurecht und wir lachen auch“ spray ich mir übers Bett. 3/5

 


The Psychedelic Avengers: TPA & The Decterian Blood Empire (fuenfundvierzig/Indigo)

Ungewöhnlich, mutig, gar Kunst? Zumindest handelt es sich bei The Psychedelic Avengers um ein nicht alltägliches Projekt mit über 43 weltweit verstreuten Musikern und Bands (von denen mir auf Anhieb jedoch nur Urlaub in Polen und Knarf Rellöm bekannt sind). Die Doppel-CD gleicht einem Soundtrack für SciFi-Geschichten, bei dem Genregrenzen wie feindliche Planeten kurzerhand gesprengt wurden: Stoner-Rock mit Drum’n’Bass, Indiepop mit Ambient, Pop mit Jazz - hier geht alles. Im CD-Booklet stellt Perry Rhodan-Autor Leo Lukas den großen Hintergrund des Krieges mit den Decterianern vor. Wenn die intergalaktische Invasionsflotte am östlichen Rand der Milchstraße mit Donner und Blitz aus dem Hyperraum auftaucht, ist Gefahr in Verzug. Ein Muss für alle Trekker, Live-Rollenspieler und generell Neuem gegenüber Unerschrockenen. 3/5



Kiesgroup: Gladbach oder Hastings (lolila/Broken Silence)

Endlich wieder eine Platte, bei der es 'klick' macht. Beim ersten Hören, beim zweiten Hören. Nicht Hamburg, nicht Berlin, nicht zu verkopft, nicht zu einfach gestrickt: Kiesgroup heben sie sich durch Texte, Musik und Attitüde vom großen Rest ab. Trotz des Albums „Dativ Boys“ (2003) ein unbeschriebenes Blatt, sind die Düsseldorfer definitiv die Überraschung des bisherigen Veröffentlichungsjahres! Peter Hein (Fehlfarben) - ohnehin als Einfluss zu nennen -, singt den Refrain von „Die Strokes“, andere Referenzen orientieren sich an Jens Friebe, Die Regierung oder frühem Sterne-Songwriting. Pop, der mit Klavier, Flöten, Trompeten und Handclaps (etwa beim grandiosen Titelsong) zum Besten gehört, was seit langer Zeit in diesem Lande in dieser Sprache auf den Markt geschmissen wurde. Besonders der kleinen, feinen Plattenschmiede lolila ist dieser Coup zu gönnen. Plan: Namen merken und Platte kaufen. 5/5

 


Nekta: Water The Flowers (Infracom/Soulfood)

Das alte Spiel: Er kümmert sich um nächtelange Aufnahme-Sessions, durchforstet Plattenkisten und bastelt am Rechner, sie feilt an Gesangsmelodien und gibt dem Projekt Nekta sowohl Gesicht als auch Charakter. Nathalie Schäfer und Gyso Hilger aus Darmstadt kennen sich lange genug, um zu wissen, wie beide ticken. Ihre Stärke: Feingefühl und die Liebe zum Detail, die sie innerhalb von vier langen Jahren in ihr Debütalbum „Water The Flowers“ haben einfließen lassen. Um den Hybrid aus Jazz, Pop und Electro den organischen Halt zu geben, holten sich Nekta befreundete Musiker aus der lokalen Jazzszene heran. Akustische Elemente stehen somit gleichberechtigt neben elektronischen und werden raffiniert miteinander verwoben. „History Is Perashaped“, das quirlige „Saying Something“ oder „What’s On Her Mind“ stehen stellvertretend für sorglose Unterhaltung, die mehr ist als nur Klangtapete. 4/5

 

Rockformation Discokugel: Bei Licht Betrachtet (Ata Tak/Broken Silence)

Rockformation Discokugel wollen anders sein. Kultivieren ihr Anderssein. Womöglich sind sie nicht einmal mehr die Band, die sie niemals waren. Denn während es ansonsten für Bands üblich ist, alle zwei Jahre brav ein Album mit zwölf Songs aufnehmen, auf Tour zu gehen, um die Erinnerung der Fans aufzufrischen, bevor man sich wieder verkrümelt, ziehen die Jungs aus dem Rhein-Main-Gebiet eine kontinuierlichere Arbeitsweise vor: Songwriting, Konzerte und Studio gehen Hand in Hand. EP statt LP, Killer statt Füller, Autobahnkilometerfresser statt Proberaumrumhocker, Spaß statt Frust. Das findet auch Peter Hein gut, der sogleich den Pressetext verfasste und darauf pocht, die Rockformation gegen den Trend mit Erfolg zu belohnen. Gesungen hat der Fehlfarben-Kopf wie noch auf dem Vorgänger „Mit 70 durch die Ortschaft“ übrigens nicht. Doch auch „Bei Licht Betrachtet“, der Abschluss der EP-Trilogie, bringt alles wieder zusammen, was das Quartett Schmerfeld-Hill-Noll-Müller zu bieten hat: Disco mit Rockriffs, Pop mit Humor und Soul ohne vermeintliches Seelenheil. Mehrstimmig erklingt bei „Pete“ die Textzeile „Der Himmel verfärbt sich dunkel / und es gibt bald ein Gewitter / denk doch nur an Gary Glitter“, und im Anschluss lässt ein richtig mies arrangiertes Gitarrensolo die Synapsen knallen. „Die Wahrheit“ macht auf Northern Soul mitsamt den aufgekratzten „Hick it up!“-Ska-Vibes. „Bei Licht Betrachtet“ endet wieder mit ein Kurzfilm von Lutz Keßler: Dem Video zum Song „The Salford Lad“, den die Rockformation Discokugel für die „Perverted By Mark E. - A Tribute To The Fall“-Compilation schrieb. Schätze mal, live können die ihr Publikum auch komplett auf links ziehen.

 

Intro-Review #137

 

Ral Partha Vogelbacher: Shrill Falcons (Monotreme/Cargo)

Bislang drehten sich Chadwick Bidwells Songtexte um altbekannte Fantasy-Themen, also um Elfen, Ritter und historische Schlachten. Doch der Tod seines Vaters vor einigen Jahren ließ ihn knallhart auf den Boden der Realität aufschlagen. Letzte gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen, allgemein Verlust, Familie und Freundschaft bestimmen nun „Shrill Falcons”, das dritte Ral Partha Vogelbacher-Album. Bidwell steht nicht allein für RPV: Den Großteil des musikalischen Parts übernahmen Thee More Shallows, allen voran David ‚Dee’ Kesler. In San Francisco bündelten sie ihre Ideen, eine weite Palette an Instrumenten und elektronischen Drone-Sounds, zu einem vielschichtigen, teilweise zerfahrenen Werk. LoFi-Charme versprühen „Three Gorges”, „Messy Artist”, „Silver Mines“ und auch der nicht einmal zweiminütige Song „CDB National Park“ im Pavement-Stil. Dazwischen: Klang gewordene Zahnarztbohrer, extreme Gitarren-Feedbacks, Morbidität deluxe. Wer „Aeroflot“ oder „Lonely Dreadnought“ ohne Nebenwirkungen genießen kann, bekommt meinen Respekt und/oder mein Mitgefühl. Vielleicht spielen in diesen Momenten auch Bidwells private Hörgewohnheiten mit hinein, der sich während der Aufnahmen „a lot of black metal and doomy metal and droney, noisy stuff“ auf die Ohren gab. Selbst ostasiatische Einflüsse von einer China-Reise spiegeln sich in der Musik („Birthday In Beijing“), die bei „New Happy Fawn“ kulminiert. Folgendes Szenario: Die Mutter bittet ihren Sohn, eine streunende Katze aus der Nachbarschaft zu töten, ein Vorhaben, dem der Vater nicht mehr nachkommen konnte. Einem Mantra gleich wird im Mittelteil die Zeile „I never considered my mother a widow“ wiederholt. Gast Odd Nosdam (Anticon) trägt den Song in flirrende, beängstigende Sphären. Ein Brocken von einem Album.

Intro-Review #137

 

Huntemann: Fieber (Gigolo/Rough Trade)

Als Produzent der ersten Stunde der aufkommenden Techno-Bewegung begleitete Oliver Huntemann die Entwicklung der Szene seit 1991 mit zahlreichen Veröffentlichungen. Sogar einen amtlichen Trance-Hit konnte der Bremer verzeichnen: "Love Stimulation", gemeinsam mit Gerret Frerichs unter dem Projektnamen Humate. Lange her, viel Weserwasser, doch Huntemann macht immer noch in Techno/Electro und schickt die Party-Crowd mit "Fieber" gehörig auf den Dancefloor. Sein Kumpel Stephan Bodzin hatte bei drei der zwölf Tracks die Finger im Spiel. Tracks, die nicht den Sample-Wahnsinn früherer Produktionen fabrizieren, sondern sich auf die Grundlagen konzentrieren: Kickdrum, Hi-Hat und kraftvolle Basslines, das ist schon (fast) alles. So klingen die instrumentalen Tracks transparent und gradlinig, ohne auf Gigolo-Wucht verzichten zu müssen. Tanzmusik, die ohne große Melodien auskommt und ihre Energie allein aus der Anordnung von Sounds schöpft. Die darin reifenden Steigerungen und minimalen Veränderungen der Patterns nimmt man nur wahr, wenn man sich ganz der Musik widmet und Mädchen, Mode und Attitüde, die Komödien und Tragödien einer Clubnacht an sich vorüberziehen lässt. Schon der Opener "37 Degrees", aber auch "50.1" oder "Rotodrom" kicken mit trockenem, sattem Bass zwischen Chicago, Electro und Minimal Disco. Da leckt sich auch das (wahrscheinlich) französische Zimmermädchen beim Saugen die wollüstigen Lippen, denn Chauvinismus regelt beim Huntemann-Artwork vieles. Einzig "Scary Love" feat. Chelonis R Jones bindet Gesangsspuren ein, zudem raffiniert mit Samples und Effekten dekoriert. "Flesh" greift zu ähnlichen Mitteln wie Tigas "Pleasure From The Bass", während "Rubin" mit Knarzbass-Hookline die Heilsbotschaft des Viervierteltakts nachhaltig eintrichtert. Wenn schon bei Zimmerlautstärke an einem Sonntagnachmittag das imaginäre Strobolicht im Wohnzimmer flackert, drängt sich der Verdacht auf: Fieber? Höchstens Tanzfieber - besonders beim Hobbyraver in dir. Drei Fragen an Huntemann:

Auch das neue Album macht es wieder schwierig, dich zu verorten. Welcher Szene, welchem Genre siehst du dich am ehesten selbst verbunden?

Tja, es war eigentlich schon immer mein Problem, oder auch Vorteil, irgendwo zwischen den Stühlen zu hängen. Aber genau da fühle ich mich ganz gut aufgehoben. Obwohl ich glaube, in den letzten zwei Jahren wesentlich konsequenter geworden zu sein. Um den roten Faden zu halten, haben mein Ko-Produzent Stephan Bodzin und ich uns bei "Fieber" auf wenige Drummachines und Synthesizer beschränkt. Absolute Priorität war die Funktionalität für den Club, denn da gehöre ich hin. Ein wenig House, ein wenig Techno, ein wenig Electro und ein paar gute Vocals - ab dafür!


Dein Artwork wirkt immer so bisschen sex-trashig (Autos, Feuer, Frauen). Ist das Konzept, oder findest du halt so was schön?

Eigentlich gebe ich das Artwork immer komplett ab und lasse die Grafiker machen, was sie bei Titel und Musik empfinden. Bei Andy Orel, der für das "Fieber"-Artwork verantwortlich ist, hat mich das Ergebnis umgehauen. Voll auf den Punkt. Der Name ist Programm. Diese Ästhetik gefällt mir aber auch persönlich. Die Kombination von Autos, Feuer und lasziven Katzen spiegelt eventuell sogar den Ausdruck meiner Musik wider: kraftvoll, heiß und etwas schmutzig.


Du machst seit Jahren ja auch ein eigenes Label. Wie erlebst du die Tonträgerkrise als Artist und Labelmacher?

Ich persönlich erlebe die Krise mittlerweile als Chance. Ich wurde sozusagen gezwungen, mich neu zu erfinden. Die letzten drei bis vier Jahre waren hart. Ich denke, so langsam hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Wer jetzt noch dabei ist, hat bewiesen, dass er (oder sie) auch Entbehrungen in Kauf nimmt, um für und mit der Musik und einer Subkultur zu leben. Ich bin extrem froh, nicht aufgegeben zu haben, obwohl es Zeiten gab, in denen kein Licht am Ende des Tunnels schien. Nun, momentan stehen die Zeichen ganz gut. Die Musik ist wieder frisch, ich habe sogar den Eindruck: viel offener. Bei Confused und Dance Electric haben junge Künstler wie Marc Miroir, Huggotron oder Goldfish & Der Dulz die alte Garde abgelöst und liefern allesamt großartige Tracks ab - was will man mehr.

Intro-Review #137

 

Space Kelly: My Favourite Songbook (El Muto/Our Distribution)

Gedankenverloren an einen Baumstamm gestützt lässt er den Blick in die Ferne schweifen. Ganz die alte Schule, schräg nach oben: „Was wird die Zukunft wohl für mich bringen?“ Space Kelly hat viel über das Leben, die Menschen und die Liebe nachgedacht. „Hey, ich bin Big In Japan“, schmunzelt er in sich hinein. „Und jetzt kann ich sogar ein Album veröffentlichen, das komplett aus Neuinterpretationen meiner persönlichen Lieblingssongs aus den 60ern und 70ern besteht.“ Geradezu eine Steilvorlage für Berlins Lieblings-Troubadour Ken Steen, der sich hier weiterhin genüsslich dem Flokati-Pop widmet. Die Fußball-Allegorien in den Albumtiteln („Das Leben ist kein Heimspiel“, „3 Ecken 1 Elfer“) sind ausgerechnet im World Cup-Jahr 2006 unterbrochen, aber die smarte Attitüde der Neo-Sixties-Szene würde auch nicht zum meist grobschlächtigen Gekicke passen. Burt Bacharach, The Beach Boys oder The High Llamas kommen in den Sinn, wenn sich Space Kelly würdevoll und beschaulich Songs von Jonathan Richman („My Love Is A Flower”) oder Todd Rundgren („Be Nice To Me“) nähert. Immer schmelzkäsig und laidback, teilweise sogar uneingeschränkt euphorisch („Neon Rainbow“) und am Rand des Kitsch-Overkills balancierend. Aber auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift - an der musikalischen Umsetzung ist zumindest nichts auszusetzen. Als einer der Torpedo Boyz schielt Steen mit unerschöpflicher Vielfalt zum Tanzflur, mit „My Favourite Songbook“ dagegen eher in Richtung Korea (dort wird die CD zuerst veröffentlicht) und Zeitlosigkeit. Zum letzten Song „Snow“ (Randy Newman) tanzen die kleinen Flocken vor dem Fenster im Rhythmus eines Dirigenten aus dem Off. Frühling is where your heart is.

Intro-Review #137

 


The Kooks: Inside In / Inside Out (Labels/emi)

Eine gefährliche Tendenz: Momentan schlägt eine Nachricht über das nächste große UK-Ding (zumindest bei mir) sofort in genervtes Augenrollen um. Egal, ob die Vorschusslorbeeren berechtigt oder nur heiße NME-Luft sind, die Antihaltung ist da - und nimmt die Chance auf unvoreingenommene Rezeption. Was sollen die Jungs von The Kooks aber auch dagegen machen? Als sie sich 2003 in Brighton gründeten, begann der IndieBritpopDancePunk schon seinen invasiven Siegeszug. Die erste Nummer, die The Kooks gemeinsam spielen konnten, war „Reptilia“, also ein Coversong von The Strokes. Und ihr Produzent Tony Hoffer brachte zuvor Supergrass, Beck, Phoenix und auch das neue Album von Belle & Sebastian in Form. Das alles zielt doch in die eine, kommerziell perfekt auszuschlachtende Richtung. Genug Stoff bietet „Inside In / Inside Out“ allemal: Nach dem ruhigen Akustik-Intro „Seaside“ rocken The Kooks mit „See The World“, „Sofa Song“ und „Eddie’s Gun“ frisch und frech in ihr Debütalbum. Mangelndes Songwriting gleicht das Quartett durch Spiellaune und Dynamik aus, zumal Luke Pritchard, der gerade einmal 20-jährige Sänger der Band, frohlockt: „Wir wollen uns schließlich amüsieren!“ Diese Unbekümmertheit steht ihnen auch besser als die drei, vier Pop-Singalongs, die - bis auf „She Moves In Her Own Way“ - eher mau wirken. Von 20-Jährigen will ich die Vertonung jugendlicher Querelen hören, das Hörnerabstoßen, den unbändigen Lebenshunger. Wie das klingt? Nimm alle Referenzen, die in den letzten Jahren zu vergleichbaren Bands genannt wurden, suche gemeinsame Nenner, und du wirst nicht enttäuscht werden.

Intro-Review #137

 

Stereolab: Fab Four Suture (Too Pure/Beggars Group/Indigo)

Eine lieb gewonnene Gewohnheit: Stereolab veröffentlichen seit 15 Jahren in schöner Regelmäßigkeit Alben von verblüffender Schönheit und einer Leichtigkeit, die sie auch in Milch schwimmen ließe. „Fab Four Suture“ ist im Grunde eine limitierte 7“-Kollektion, aber die Hörerschaft jenseits der absoluten Schallplatten-Nerds soll eben auch erreicht werden. Die Rückkehr der frankophilen Band aus England zum Too Pure-Label birgt wieder mehr Ekstase und knackige Hooklines, aber vieles bleibt erhalten. Unverkennbar und unersetzlich Laetitia Sadiers Stimme, dazu ruhige Bläserarrangements, hypnotische Moog-Melodien, Farfisa-Orgel im 60’s Touch, Easy Peasy und „La-la-la“-Gesang. Musikalität trifft Ideenreichtum trifft Kontinuität. Wenn als schlimmster Vorwurf kommt, dass es zu sehr nach Stereolab klinge, dann ist das allemal ein Grund zum Jubilieren! 4/5

 


Markus Güntner: Lovely Society (Ware/mdm)

Zwei Produzentenwelten, die Markus Güntner auf bisherigen Veröffentlichungen trennte, vereint der Regensburger nun auf „Lovely Society“: Zum einen die ambiente Klangmalerei (Kompakt), zum anderen staubtrockene Minimal-Tracks, die in Richtung Dancefloor zielen (Ware). Das Album gibt kein Konsumierverhalten vor, sondern schwankt bewusst zwischen Homelistening („All The Time“ mit Heiko Badje am Mikro) und Club („Back In The Days”). Der Sound wirkt rund, durch geschickte Variationen des reduzierten Klangmaterials beinahe kristallklar und transparent. Ungeachtet der Heilsbotschaft des Viervierteltakts kann zwischen den kompromisslosen Beatspuren gelesen und entdeckt werden - wenn man die Nuancen wahrzunehmen vermag. Verträumte, antreibende oder auch entspannende Passagen erzeugen dann ein Kaleidoskop an Stimmungen. 4/5

 


Boy Omega: The Black Tango (Riptide/Cargo)

„I Am Not In The Mood To Fool Around“, singt Martin Henrik Gustafsson bei „Fool Around“. Und er weiß sehr wohl, warum. Freundin nach drei Jahren weg, Großvater und Onkel vor kurzem verstorben. Musiktherapie durch Songwriting? Möglicherweise. Als Kopf von Boy Omega geht es bei dem 27-jährigen Schweden verstärkt um Liebe und Hass, Hoffnung, Verzweiflung und um die Angst, neue Menschen zu treffen. Aber das sind nun mal beliebte Themen, mit und ohne biographischen Hintergrund. Es unterstreicht vielmehr seinen elegischen Folk-Rock mit Akustikgitarre und dem schwermütigen Gesang (Conor Oberst!), der Freunden von Bright Eyes etc. sicher bestens in den melancholischen Kram passt. Teilweise seltsam verhuscht und durch zu viele Zwischenstücke ein wenig seiner Intensität beraubt, kann einem die CD doch angenehm den Tag versauen. 4/5

 


Diverse: International Deejay Gigolos 9 (Gigolo/Rough Trade)

Helmut Geier ist ein guter Chef. Einer, der die Betriebsältesten bei der Stange hält, aber auch immer ein Auge auf Neulinge wirft. Gigolo Records läuft rund, das beweist die neunte Werkschau auf zwei CDs, zusammengestellt vom Chef alias DJ Hell persönlich. Neu belebte Klassiker von Miss Kittin & The Hacker („1982“) und Christopher Just („I’m A Disco Dancer“) stehen neben Remixes von Hell, John Tejada oder Anthony Rother und zahlreichen unveröffentlichten Tracks. Dazu kommen überraschende Gastauftritte von P. Diddy oder Grace Jones - wer hätte das gedacht? DAFs „Der Räuber Und Der Prinz“, der erste deutschsprachige, homoerotische Electro-Song, findet ebenso seinen Platz wie das Gigolo-Debüt von Herman Schwartz. Als Wegbereiter und ständiger Begleiter der Kieler Clubszene liefert er „Nothing To Lose“: ein würdiger Abschluss mit eingängigem Bassthema und 80’s-Synthies nach zweieinhalb Stunden im Gigolo-Kosmos. 4/5


NMFarner: Das Gesicht (Labels/emi)

„Wir“ fällt polternd mit der Tür ins Haus, sprengt das ganze Türblatt weg. „Das Gesicht“, das zweite Album von NMFarner, zeigt gleich mal seine Zähne, verzieht sich zur Fratze und giftet: „Wir sind hier!“ Angriffslustig tänzelnd und voll gepumpt mit Adrenalin warten sie auf den Konter: der Züricher Zeichner Christian „Chrigel“ Farner (auch Schlagzeuger bei Knarf Rellöm) plus Masha Qrella und Norman Nitzsche von den Berliner Bands Mina und Contriva. Viel Referenz, viel Ehr. Die Coverversion von „Unsere Stadt“ (Die Regierung) war der Ursprung, aus der das ungeplante Debütalbum geboren wurde, um Lebendigkeit zu leben. Born to be alive! NMFarner zelebrieren 80er Punk, wie ihn The Fall, Gang Of Four oder die Goldenen Zitronen betrieben: laut, hektisch, pulsierend. Ein Querstellen in Zeiten der Eintönigkeit, ein hochkonzentriertes Songbündel aus Gitarre, verzerrtem Bass, rumpelndem Schlagzeug und Billigelektronik. Alle Instrumente sind scheinbar gleichberechtigt, drängeln nach vorne, ringen nach oben, stoßen sich ab, treten nach unten. Bis auf zwei englischsprachige Ausnahmen auf Deutsch, mischt das Trio Infernale dabei fordernde Statements und absolute Tanzpflicht, in Form gehalten von Produzent Christian Mevs. „Cheapo“ und „Neu hier“ sind sehr gute Songs. Bei „Melodie d’Amour“ sollte man sich nicht vom beiläufigen Gesang und dem ruppigen Bassthema ablenken lassen. Der Text macht stutzig, bestätigt sich aber beim zweiten Durchgang: „Nun gut, wenn du nun unbedingt darauf bestehst/ dann schlag ich dich solange, bis du schielst/ und dann hau ich auf dir rum, bis du nicht mehr atmen kannst/ und bevor du dich dann endgültig verabschiedest, ruf ich die Ambulanz an“. Keine Sorge, die wollen nur laut spielen. NMFarner dürfen das, und sie können das.

Intro-Review #136


Kajak: Tief drinnen - weit draußen (Sunday Service/Indigo)

So kann es sich also anhören, wenn ein Musiker und Songwriter Vater wird. Zumindest besingt Matthias Rothaug bei „Wohin mit den Tagen“ so wunderschön und eindringlich, was passiert, wenn plötzlich die Schönheit des neugeborenen Lebens sämtliche Prioritäten verschiebt: „Ein Sinn ist geboren und mit diesem Sorgen, die ich vorher nicht begriff“. Es ist dementsprechend ein sehr privates Album geworden, mit dem uns das Ein-Mann-Orchester aus Hamburg an sich und seine Songs heran lässt. Doch von zu viel Nähe oder Berührungsängsten keine Spur: „Tief drinnen - weit draußen“ ruht in sich, atmet ein, atmet aus. Und das spürt auch der Hörer, der von Gitarrenpop verwöhnt wird, ohne auf Anspruch und Texttiefe verzichten zu müssen. Rothaug bleibt kritisch („Die großen Leute fressen die kleinen Leute auch auf, wenn sie keinen großen Hunger haben, sondern nur Appetit“, in: „Die großen Leute“) und beweist, dass er neben zig Instrumenten auch ein sehr versierter Texter ist. Wie schon auf „Haus der Jugend“ - damals noch mit Andreas Reth - jongliert er als Kajak mit der Dialektik zwischen pulsierender Weltstadt und dem Leben auf dem Land. Die immerwährende Skepsis über die Dinge markiert vor allem „Glücklich sein“: „Er dürfte glücklich sein, wenn ihm nicht sein eigenes Glück als Betrug erschien, zweifellos, dass er am Leben ist und atmen kann, ist nicht sein Verdienst“. Zwar greift schon die Presse-Info Bob Moulds Gitarrenspiel als Querverweis auf, aber bei diesem Song ist es wirklich frappant. Gebettet in feine, verspielte Melodien mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und etwas Elektronik („In Bewegung“), zeigt sich das Album als kompakte Einheit, in sich geschlossen. Rothaug, der schon bei Fink und Die Braut haut ins Auge mitwirkte, zog die Studioaufnahmen beinahe im Alleingang durch, ließ sich jedoch beispielsweise von Bernadette La Hengst bei drei Songs am Akkordeon unterstützen. So strahlt „Tief drinnen - weit draußen“ eine musikalische Gelassenheit aus, die auch den Label-Kollegen von Jullander zueigen ist. Und es hält mit „Wir brauchen uns fast immer“ einen Song bereit, den ich Tomte und Kettcar gerne gewünscht hätte.

Intro-Review #136

 

Copy: Mobius Beard (Audio Dregs/Darla)

Marius Libman ist, wie 99,9 Prozent der Welt, eine Arbeiterbiene. Und, wie viele Arbeiterbienen aus Portland, dient er einer Handvoll Meister: Der 25-Jährige arbeitet in einem Kaffeebetrieb, als Barmixer, wäscht Teller und managet auch noch einen Plattenladen. Zuhause erholt er sich von der Arbeitnehmerpein und mutiert zum Laptop-Wizzard. Erst der Song, dann die Skills. Das war es, was sich Libman vorgenommen hatte, als er durch Dr. Dres „The Chronic” ans Pop-Songwriting herangeführt wurde. Vorher schrubbte er den Bass in Punkbands und verdaddelte den Großteil seiner Jugend am Nintendo. Dessen analoge Synthie-Sounds tauchen nun wieder bei seinem Alter Ego Copy und dem Debütalbum „Mobius Beard“ auf: melodieselige Electronica mit zerfransten Bässen und 80er-ElectroPop à la OMD, Yellow Magic Orchestra oder Yaz, der aus der Ferne seine Referenz erweist. Wenn ein Album durchgehend instrumental gehalten ist, hakt sich der Hörer an subtileren Elementen fest. Es zählen dann umso mehr Klang, Songaufbau, Dynamik oder einzelne Überraschungsmomente. Libman kriegt die Kurve, indem er die Spannung über die Länge von elf Songs hält. Bei jedem Hördurchgang sind weitere Feinheiten zu entdecken, schält sich beispielsweise aus „It’s A Little Too Late“ ein vielschichtiges Werk heraus, das auch Plaid oder anderen Warp-Acts gut zu Gesicht stünde. Tanzen ist immer möglich, aber keine Pflichtveranstaltung.

Intro-Review #136


Casiotone For The Painfully Alone: Etiquette (Tomlab/Indigo)

Einen merkwürdigen, aber sehr treffenden Projektnamen hat sich Owen Ashworth mit Casiotone For The Painfully Alone zugelegt. Es ist die konsequente Weiterführung der Lo-Fi-Ästhetik mit Hilfe des Casio SK-1, einem batteriebetriebenen Billigkeyboard, das schon Trio bei „Da Da Da“ verwendeten. Dennoch schafft es Ashworth, mit diesen Mitteln große Popmusik zu schreiben, die berührt und den analogen Weg zum Herz nimmt. „Etiquette”, das vierte Album bei Tomlab, hält wieder alles bereit: großartige Melodien, wunderbare Songs über die Liebe, anrührende Geschichten aus dem beschädigten Leben eines Amerikaners.
Scheinbar ausdruckslos und monoton brummelt der 28-Jährige ins Mikro, immer etwas schluchzend, als wäre es der kurze Augenblick, bevor die warmen Tränen über seine Wange rollen. Im Kontrast zum klanglich beschränkten Casiotone-Format entwickeln sie so eine Spannweite von Synthie-Pop (Single „Young Shields“) bis zu Country-Techno („Nashville Parthenon“). Beats blubbern, eine Pedal Steel-Gitarre jault darüber und Ashworth sprechsingt in perfekter Lakonik - eine sehr reizvolle, weil ungewohnte Kombination. Einige Gastsängerinnen versuchen sich auch an diesem vermeintlichen Gegensatz, transportieren jedoch nicht das Maß an Seelenfülle. Herausstechend: das entwaffnend simple, entwaffnend schwermütige „Cold White Christmas“. Simpel auch deshalb, weil dieser Song wie sechs weitere in C-Dur erklingt, davon drei sogar mit dem exakt gleichen Akkordschema. Aber warum ein Album musikwissenschaftlich analysieren, wenn es dich durch den Tag bringt?

Intro-Review #136

 

Two Gallants: What The Toll Tells (Saddle Creek/Indigo)

Es gibt doch sicherlich in irgendwelchen obskuren Internetforen die Kategorie „Schönster erster Satz eines Romans”, bei dem sich die User gegenseitig beweisen, ein Buch zumindest aufgeschlagen zu haben. Ein heißer Kandidat für die Top10: “The grey warm evening of august had descended upon the city and a mild warm air, a memory of summer, circulated in the streets.” Er gehört zur Kurzgeschichte „Two Gallants“ von James Joyce aus der „Dubliners”-Sammlung, die er genau vor 100 Jahren schrieb. Die Story beschreibt zwei Männer Anfang Dreißig, die durch die Straßen von Dublin ziehen - Grund und Inspirationsquelle genug für Adam Stephens und Tyson Vogel, sich nach Joyce’ Werk zu benennen. Die beiden Sandkastenfreunde sind zwar erst Anfang Zwanzig und ziehen durch San Francisco, doch ihr zweites Album „What The Toll Tells“ klingt, als hätten sie bereits etliche Nächte gezecht, gehurt und gebrandschatzt. In ihren gequälten Stimmen rasselt ein deutlicher Hang zur Selbstzerstörung, und völlig unrasiert dröhnt die Mischung aus Country- und Blueswurzeln mit rauer Punk-Attitüde („16th Street Dozens“). Mit staubigen Kehlen sitzen sie am Schlagzeug (Vogel), an Gitarre, Mundharmonika und Klavier (Stephens) und grölen sich den Unmut über die Ausweglosigkeit aus dem Leib: „They gonna hang me if I stay, they shoot me if I run” (aus der Single „Las Cruces Jail“). Songs voll ungestümer Energie, begünstigt durch das dynamische Zusammenspiel. Im Verlauf von „Threnody” (9:30 Minuten!) übertreiben sie es etwas mit dem Pogues-Sauf-Schalala, aber die Leidenschaft dringt durch jede Note. Das Saddle Creek-Label nahm Two Gallants als erste Band unter seine Fittiche, ohne dabei aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis zu schöpfen. Eine sehr weise Entscheidung.

Intro-Review #135

 

Ocker: Public Transport (Popup/edel Contraire)

Vor allem in der zweiten Strophe der Single „Hauptsache Popmusic” steckt viel von dem drin, was den Sound von Ocker ausmacht: „Coldplay, A-ha, Can, Hubert Kah, Kraftwerk und Cure, Johnny Depp, Roger Moore, Blumfeld und Air, The Beatles und Cher, Moslem und Christ, Hauptsache, es ist: Popmusic”. Ein Text, der sich nicht zwischen deutsch und englisch entscheiden mag; das ungezwungene Reimschema, das sich nur wenig um einen formvollendeten Inhalt kümmert; vor allem aber die gezielte Ausrichtung auf Pop-Melodien, auf Pop-Glamour und die Sache an sich, den Song. In der Farbenlehre bezeichnet Ocker die zur Herstellung verwendete Tonerde, um Nuancen zwischen Gelb und Braun zu erzielen. Wesentlich bunter würde das Ergebnis ausfallen, ordnete man der Hamburger Band einen Farbton zu. Ihr Sound verbindet tanzflächenkompatible Songs mit getragenen Passagen, House-Elemente mit Krautrocktradition, dabei Captain Future-Space stets im Auge. Mal verweilen Ocker in Instrumentalwelten („Last Night The Secret Service Saved My Life“), mal entzünden Oktavbässe, Off-Beat und Vocoder-Stimmen plakative Hits. Mit „Day By Day“ beispielsweise lassen sich hervorragend Ausflüge ins Hamburger Umland beschallen. Im Vergleich zum Debüt „1234Love“ behielt Produzent Manfred Faust die eingeschlagene Route zwischen analog und digital bei, die in den überwiegend guten Momenten Tele, beigeGT oder Zoot Woman ins Spiel bringt. Einige Durchhänger („Country Club“, „Do You Rock?“) trüben den Eindruck, und auch Gastsängerin Toni Kater verhilft „Take It Slow” mit recht banalem Text („Lass es sein boy, take it slow, morgen ist wieder Zeit für eine neue Show“) nicht zu höheren Ehren. Herbert Grönemeyer titulierte das Quartett als die „Air von St. Pauli“ - und der muss es ja wissen.

Intro-Story #135

 

Monoland: Ben Chantice (Supermodern/Indigo)

Vor fünf Jahren konnte Mathias Hielscher, Virginia Jetzt!-Bassist, in seiner Monoland-Review ganz provokant und unverblümt fragen: „Was für eine Sorte Kiffer sind Sie?“ Er meinte uns Intro-LeserInnen, nicht die Musiker. Das waren noch Zeiten. „Cooning“ lud zum gepflegten Abdriften ein, und auch das mittlerweile dritte Album „Ben Chantice“ braucht Aufmerksamkeit, um seine Wirkung voll zu entfalten. Oberflächlich sind es schräge Songtitel, geschmackvolle Bilder im Booklet und ein leicht überbordender Sound, bei dem sehr gut auf Schuhe gestarrt werden kann. Doch die Musik gibt kein fertiges Bild vor, sondern bietet an: immer neue Schichten, vorher unbemerkte Melodien, unbekannte Verbindungen und unerwartete Wendungen. Minutenlang schweigt der Gesang, bis Marco Blazejczak verschwommen aus dem nebulösen Dickicht hervortritt. So setzt sich - je nach eigener Stimmungslage - bei jedem Hören ein anderer Film im Kopfkino zusammen. Was du hörst, ist das, was du hören möchtest. Die Songs projizieren dein Inneres in die Töne, in die dichten, ausufernden Gitarrenflächen, die groß genug sind, um sich darin zu verlaufen. Mit Hilfe der elektronischen Elemente, die das Berliner Quartett einbindet, entsteht ein vibrierendes Spannungsfeld zweier gegenüberliegender Pole. Daraus beziehen Monoland ihren Reiz, vor allem in atmosphärischen Songs wie „Yuriko“ oder „Starbright On S5“. Das Schöne ist doch gerade, hinter die dicken Mauern zu blicken - und Neues zu entdecken.

 

Bolzplatz Heroes: Bolzplatz Heroes (Universal)

Ganz Fußballdeutschland zeigt sich schon jetzt völlig gehirngewaschen. Die Urlaubsanträge für den kompletten Juni führen zum betriebsbedingten Produktionsstopp einiger Großkonzerne, das Bolzen-Magazin durchbricht die Millionen-Auflage-Grenze, und am Feierabend sieht man auf nichtschulischen ungepflegten Fußballplätzen sportinvalide Familienväter, mitunter auch diverse Mütter nach dem runden Leder hetzen. Auf solchen Bolzplätzen fingen auch die letzten Straßenfußballer des Landes an, mit ihren Tricks die Nachbarjungen schwindlig zu spielen: Olaf "ich hab vom Feeling her ein gutes Gefühl" Thon, Mehmet Scholl oder auch Loddar. Was passt da zeitlich besser, als mit einer Band namens Bolzplatz Heroes ein Album namens "Bolzplatz Heroes" unter die 80 Millionen Bundestrainer und Posthardcore-Liebhaber zu schmeißen? Obwohl die Zeitgleichheit natürlich Zufall darstellt, und die WM verschieben, so was wollte man sicher nun auch nicht verlangen. Wie dem auch sei: Flo Weber (Sportfreunde Stiller), Markus Schäfer (Cosmic Casino), Martin "Mecki" Messerschmid (The Notwist) und Jörg Weber ackern in diesem Dreamteam des Indie-Südens abseits ihrer Stammbands. Anscheinend frei von äußeren Zwängen und virtuosen Ansprüchen will das Quartett was versuchen, will Spaß, will Antiperfektion, will - um im Bild zu bleiben - einfach mal aus 40 Metern draufhauen. Als Bonus besetzen drei Viertel nicht das Instrument, mit dem man sie von den besagten Bands her verbindet. Das Wechselkarussell dreht sich eben nicht nur im Sport. Musikalisch umgesetzt klingt das dann, als ob ein Bulldozer den schnieken Rasenplatz durchpflügen würde. Die ersten drei Songs "Diabolic Serpentines", "Solo Morasso" und "The Amusement" könnten ebenso gut von Smoke Blow, Helmet und Fugazi kommen. Viel Geschrei von Sportis Flo, abgehackte Power-Chords und konsequentes Forechecking. Überraschend melodiös wartet der Refrain von "(Summer) Came At Night" auf Stadioneinsätze. Und beim Abschluss "Your Picture" dringen ganz genreuntypisch Bläser (Robert Alonso) durch die Befindlichkeiten des Textes ("I try to think about you every single day, always, always"). Ein Album, das dich geplättet zurücklässt. Du liegst am Boden - und reckst die Faust.

Intro-Review #135

 

Arctic Monkeys: Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not (Domino/Rough Trade)

Emsigen Zuarbeitern verdanken die Arctic Monkeys aus Sheffield ihren Erfolg. Nur aufgrund eines extrem regen Austauschs der Demosongs im Netz waren sämtliche Konzerte ausverkauft, gingen die Songtexte auswendig über die Lippen der Fans - noch vor der ersten Singleveröffentlichung. Mit ungestümem Songwriting katapultiert sich das Quartett jetzt mit dem Album im Rücken ins popkulturelle Bewusstsein. „I Bet You Look Good On The Dancefloor” oder „Dancing Shoes” sind dabei Programm, zielt die durchgängig stampfende Schlagzeug/Bass-Maschine doch gleichzeitig in Herz und Bein. Weniger ins Hirn. Aber als gerade einmal 18-Jährige zählt für sie der Moment, dominiert Unvernunft und Überschwang. Und das ist auch gut so - solange dabei großartige Songs wie „A Certain Romance“, „Still Take You Home“ oder „Fake Tales Of San Francisco“ herausspringen. 5/5

 


Clap Your Hands Say Yeah: dto. (Wichita/Rough Trade)

Das könnte Schule machen. Kein Label oder Plattenvertrag? Kein Problem. Clap Your Hands Say Yeah beweisen mit ihrem Debütalbum, dass man vom buchstäblichen Nichts direkt in die Charts starten kann. Fünf Jungs aus Brooklyn, New York, die mittlerweile über 20.000 Kopien direkt aus ihrem Appartement heraus verkauften. Per Post. David Byrne und David Bowie besuchten ihre Konzerte, eine aufgeregte Internet-Community zündete das Buschfeuer und sorgt aktuell für eine der großen Überraschungen in der Independent-Szene. Es mag auch an ihrem Sound liegen, irgendwo zwischen Arcade Fire und Modest Mouse. Sänger Alec Ounsworth intoniert exaltiert, die Gitarren klingen auf quengelnde Weise euphorisch; schlampig, aber sympathisch. Dazu wispernde Orgel, Spieluhren und Kinderklarinetten. Klatsch in die Hände und schrei „Yeah“! 4/5

 

Johnny Cash: Ring Of Fire - The Legend Of Johnny Cash (Universal)

Vorweihnachtszeit ist auf dem Musikmarkt gleichbedeutend mit „Best-Of“-Zeit: Jede Plattenfirma versucht, mit (zu Recht) vergessenen Künstlern noch einmal Kasse zu machen oder nach zwei Alben ein überflüssiges Zwischenfazit zu ziehen. Für den Hörer sind es also maue Wochen - es sei denn, es bestehen noch große Lücken in der Johnny Cash-Discographie. Die 21 Songs auf „Ring Of Fire - The Legend Of Johnny Cash” können nur ansatzweise dessen Werkfülle wiedergeben, doch zwischen der ersten Single auf Sun Records („Cry, Cry, Cry“ mit der B-Seite „Hey Porter“), den Gefängnis-Songs Ende der 60er („Folsom Prison Blues“, „San Quentin“) sowie den letzten Aufnahmen vor seinem Tod 2003 auf „The Man Comes Around“ bieten sie einen weit gesteckten Überblick über das Schaffen der Country/Folk-Legende. Wahrhaft außergewöhnlich. „Hurt” treibt Tränen in die Augen - immer wieder.

 


Kelley Polar: Love Songs Of The Hanging Gardens (Environ/MDM)

Sein Instrument ist die Viola, die auch John Cale bei Velvet Underground aus dem akademischen in den subkulturellen Kontext überführte. Kelley Polar aus New Hampshire nutzt sie, um dem eleganten Songwriting auf seinem Debütalbum noch mehr Ausdruck zu verleihen. Es ist ein überaus geschmackvoller Wandel zwischen der Innenschau im Schlafzimmer und der Gruppenekstase auf der Tanzfläche. Tanzmusik erfährt hier eine Neuverortung, eine Referenz, an der sich die gegenwärtige Position von Disco, Electro und Pop spiegelt - und zukünftig messen lassen muss. Dezent in der Produktion, schwelgerisch jedoch durch die entrückte Stimme, die in diesem Kontext nur Arthur Russell oder Erlend Øye ähnlich einzusetzen vermag. Typisch für Environ und das Metro Area-Umfeld, nehmen die Songs mit jedem Hördurchgang mehr ein und entfalten sich die feinen Melodien in ganzer Pracht.

 


Gogol Bordello: Gypsy Punks - Underdog World Strike (SideOneDummy/Cargo)

Am 26. April 1986 explodiert Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nördlich von Kiew in der Ukraine. 135.000 Sowjetbürger müssen evakuiert werden - darunter auch Familie Hütz mit Sohn Eugene (14). Über Umwege gelangt der nach New York und gründet dort 1999 mit anderen Aussiedlern aus Osteuropa und Israel Gogol Bordello, das selbsternannte 'Zigeuner-Punk-Cabaret’. Die vierte Platte verbindet Punk-Attitüde mit einer Verschrobenheit, die man sonst nur von Emil Kusturica-Filmen kennt. Die Genres wechseln taktweise, während Folk-Instrumente als Querschläger durch die Songs jagen. Akkordeon und Geige treffen auf dreckige Gitarren und wummernde Drums, beseelt mit überbordender Energie und Spielfreude. Top-Produzent Steve Albini tat gut daran, dieses wahnwitzige Konglomerat aus Stilen, Instrumenten, Stimmungen und Kulturen möglichst 'naturgetreu’ zu belassen.


The Cardigans: Super Extra Gravity (Universal)

Der Plan war, mehr Naivität, Widerborstigkeit und Experimentelles in das Songwriting zu integrieren. Außerdem erklärte die Band die Pixies als Inspirationsquelle. Klingt erstmal gut - aber so bemüht auf Entwicklung gebürstet. So richtig neu und innovativ klingt es im Grunde gar nicht, was The Cardigans auf „Super Extra Gravity“ fabrizieren. Warum auch, wenn nach wie vor ein untrügliches Gefühl für Dramaturgie, Melodien mit Widerhaken und Nina Perssons Stimme die mittlerweile sechste Platte der Schweden prägt? Es sind eher spröde Popsongs geworden, die teilweise rocken („Godspell“), Schuldgefühle thematisieren („Don’t Blame Your Daughter [Diamonds]“) oder mit witzigen Songtiteln auffallen („I Need Some Fine Wine And You, You Need To Be Nicer“). Sie alle lassen das Bestreben erkennen, nicht in ein wiederkehrendes Schema gepresst zu werden. Und sie gefallen wirklich, trotz des Geredes im Vorfeld.

 

Diverse: Secret Love 2 (Sonar Kollektiv/Rough Trade)

Ein Freund von Compilations bin ich nicht. Akribisch erstellte Mix-Tapes/CDs für Herzensmenschen in allen Ehren, aber zusammen gewürfelte „Für jeden was dabei“-Ware? Und dann kommt diese „Secret Love 2“-Platte und wirft alle Vorbehalte über Bord, lässt mich an das Gute in Compilations glauben. Die Herren von Jazzanova (siehe Shorties) haben dafür in den Schrank gegriffen und Wunderschönes bei Soul/Pop/Jazz/Folk herausgezogen. Mit einer thematischen Klammer, die einen Rahmen spannt: zu Beginn Chungking mit „Making Music“, als Abschluss Daft Punk mit ebenso elementarem Inhalt bei „Make Love“. Dazwischen machen Roger Robinson („Dream Keepa“) oder 1Luv („The Answer“) alles richtig. Fat Freddys Drop - für Viele die Entdeckung des Jahres - beteiligen sich mit einem zurückhaltenden Song, der erst im Verlauf seine Hörner (und Beats) zeigt. Immer inklusive: musikalische Wärme und Seele.

 


Bertrand Burgalat: Portrait Robot (Hit Thing/Indigo)

Bertrand Burgalat fällt nicht allein deshalb aus dem Rahmen, weil er Korse ist und auf seinem Label Tricatel den Schriftsteller Michel Houellebecq produziert. Vor allem seine Kollaborationen passen in kein Schema: Von Depeche Mode über Einstürzende Neubauten und Nick Cave bis hin zu Pizzicato Five hat er sie alle gehabt, für Air sogar Bass und Keyboards gespielt. Weil Burgalat aber auch eine Vorliebe für Anzüge und Frisuren pflegt, und weiß, wie man einen Bossa programmiert, wurde er hierzulande fälschlicherweise bei Easy Listening einsortiert. „Portrait-Robot“ räumt dieses Vorurteil nicht aus dem Weg, sondern steht mit seinem subtilen Disco-Humor und den verträumt-elektronischen Arrangements in bester Tradition moderner französischer Popmusik. Basslinien im 60’s-Style, Rhodes-Piano und luftige Streicher gehören da zur klanglichen Visitenkarte. Très chic!

 


Tocotronic: The Best Of Tocotronic (Lado/Rough Trade)

Hurricane Festival 2003: Christian V. und ich kommen aufs Gelände, drüben auf dem Hügel (#4) parken wir. Idyllisch ist’s, aber hier leben, nein danke (#18). Dieses Jahr (#11), denken wir beide im Stillen: Let there be Rock (#13). Großes Hallo bei den Zelten, hi Freaks (#16). Es kommen Sprüche wie „Lass uns die Grenzen des guten Geschmacks (#15) überwinden“, „so jung kommen wir nicht mehr zusammen“ (#8) und, überhaupt, „pure Vernunft darf niemals siegen“ (#21)! Also Wodka aus Flaschen, du bist ganz schön bedient (#6), Free Hospital (#17). Ich flehe noch: Bitte, gebt mir meinen Verstand zurück (#9). Doch die Ärzte, sie wollen uns erzählen (#10), dass jetzt Schicht ist. Auf der Bühne singt Dirk von Lowtzow (This Boy is Tocotronic, #16), wir können alle Texte auswendig. Nach zwei Tagen die Ernüchterung: Digital ist besser (#5). Wir feiern International Pony und Moloko ab. Dabei wollten wir doch Teil einer Jugendbewegung sein (#2)!?


Memphis: I Dreamed We Fell Apart (Paper Bag/Cargo)

Beinahe fließend ist der stilistische Übergang von The Stars, der Hauptband des Sängers Torquil Campbell, zu dem mittlerweile eingestellten Songwriting bei Memphis. Im Grunde ist es Stars ohne Amy Millans Stimme, in Form gebracht vom New Yorker Chris Dumont und etlichen weiteren Seelenbrüdern. Denn auch auf dem Album „I Dreamed We Fell Apart“, das bereits im Sommer 2003 aufgenommen wurde, reichen sich süße Melancholie und emphatische Klangbilder einträchtig die Hand. Wer mit Broken Social Scene, Death Cab For Cutie, American Analog Set oder The Decemberists etwas anfangen kann, liegt hier genau richtig. Der Kanadier Campbell - im Booklet ganz ominös 'Dead Child Star’ genannt -, schreibt Popsongs, die durch einen mit Watte gepolsterten Tag führen: Die schüchtern blubbernden Beats von „Hey Mister, Are You Awake?” haben noch Schlaf in den Augen. Bei „Nada“ zischelt Stars-Schlagzeuger Pat McGee mit dem Becken, während das Saxofon sich ins Zimmer schleicht wie Sonnenstrahlen, die dich zärtlich wach küssen wollen. Die Pathos-Krone bekommt „3:15 On The Last Day Of School“ aufgesetzt, wenn zur Steelguitar im Hintergrund der Regen fällt. Gibt es dafür eigentlich einen Preset-Sound im Studio? Herzerwärmend auch der Pet Shop Boys-Song „Love Comes Quickly“, den Campbell & Co. in ein passendes Memphis-Gewand stecken. Mit dem „Lullaby For A Girl Friend (Or Happy Trails)“ schließt sich der Kreis des Tages wieder und die Knuddelrunde geht über ins Traumland.

Intro-Review #134

 

 

Sofa Surfers: Sofa Surfers (Klein/Rough Trade)

Sie haben Gitarren, das Klavier und den Bass, sie haben das Schlagzeug, den Gesang und all das. Sofa Surfers ziehen das Band-Ding durch, aus Überzeugung und der Freude am Zusammenspiel. So, als wäre es das Einfachste und Selbstverständlichste der Welt. Zu sehr belastete das Wiener Quartett, mit anderen belanglosen Lounge-Produktionen und Knöpfchendrehern in einen Topf gesteckt zu werden. Das mag zum einen am Namen liegen, zum anderen aber auch an der Starthilfe von Richard Dorfmeister, der 1996 zur Blütezeit des 'Vienna Sounds' einen ihrer ersten Songs remixte. Die Geister, die sie riefen!? Auf „Sofa Surfers“ dominieren stattdessen klare Strukturen und kompakte Song-Bausteine, die ineinander haken und Halt geben. Ein probates Gegensteuern, erfüllt von purer Soundästhetik ohne Firlefanz oder ein Überfrachten mit digitalen Effekten. Dank dieser Reduktion rücken die Instrumente ganz nah an den Hörer heran und bewirken eine Transparenz, die allen Kritikern klarmachen sollte: Muckertum klingt anders. Der sublime, repetitive Beat bei „Believer“ verbreitet zwar eine hypnotische Stimmung, doch die Sofa Surfers können auch anders: „Notes Of A Prodigal“, „Say Something“ oder „One Direction” überraschen mit Rockriffs und straightem Schlagzeug. Mit der Chillout-Attitüde ihres Bandnamens haben sie in diesen Momenten nur noch wenige Verknüpfungspunkte. Der Gesang von Studiogast Mani Obeya - einer echten Entdeckung! - bringt soulige Wärme, die sich an der übrigen Besetzung reibt. Wunderschöne Refrainmelodien prägen die ruhigeren Songs „Love As A Theory“ und „Never Go Back“, die ein vielfältiges, richtiggehend kompaktes Album abrunden. Unter den Sofa Surfers wurde es zu Recht das „rote Album“ getauft.

Intro-Review #133


Staff: If It Ain’t Staff It Ain’t Worth A Fuck (Homesleep/Cargo)

Was die Herren Dando und Malkmus können, kann Tim Prudhomme schon lange. Der Sänger und Gitarrist von Staff schreibt ebenso wie die frühen Lemonheads oder Pavement ungestümen IndieRock, immer die gewisse Nuance neben der Spur. Doch gerade dieses Schnoddrige macht wiederum den charmanten Reiz aus, den das All-Star-Projekt aus Memphis, Tennessee, versprüht. Neben Schlagzeuger Geoff Soule, der wie Prudhomme bei der Band Fuck aktiv ist, bekamen Staff auf „If It Ain’t Staff It Ain’t Worth A Fuck“ Unterstützung von Bassist Tripp Lamkins, Sean Newsham (Quickspace) und Matteo Agostinelli (Yuppie Flu). Eine wilde Truppe, die durchaus Sinn für Humor beweist. Bereits beim letzten Album „George W. Hitler“ zierte das Cover ein Bild des amerikanischen Präsidenten mit Atze-Schnauz. Plump, plakativ und politisch gänzlich unkorrekt: So haben wir es gern. Auch die Texte geben einiges her, wenn „Baby! You Got Me Believing That There's No Such Thing As True Love Anymore” verrät, dass es nicht der Ich-Erzähler ist, der die wahre Liebe abbekommt, sondern der Liebhaber. Die logische Konsequenz: „Dating Myself“, mit allem drum und dran. Die kurz gehaltenen Rock’n’Rollsongs tragen konsequent den Mief eines gammeligen Proberaums mit sich herum, in dem das Billig-Keyboard „Cassie, Oh!“ malträtiert oder zu „Teenagers Wearing Blazers“ hemmungslos getanzt wird. Damit die Bandkasse wieder in die schwarzen Zahlen kommt, bieten sich Staff sogar für Hochzeiten, Geburtstagspartys oder Grillabende an. Wie wohl die Tocotronic-Fans darauf reagieren, wenn Staff als Vorband die anstehende Tour begleiten? Schade, dass nach 24:35 Minuten schon alles vorbei ist.

Intro-Review #133


Nova International: One And One Is One (NI/Universal)

Neues aus Augsburg Popcity. Manche sprechen ja bereits von „Augspop“, wenn es darum geht, die Bands aus der bayrischen Provinzstadt in eine schicke Schublade zu stecken. Anajo gehören dazu, auch Roman Fischer - und eben Nova International, die mit ihrem zweiten Album ihr neu gegründetes Label NI Records entjungfern. „Frisuren-Band“, „Major-Affen“ und ähnliche Gemeinheiten schrie(b) man ihnen hinterher, als das Debüt von 2003 bei BMG mit drei Singles im Schlepptau veröffentlicht wurde. Dabei sind Kris, Michi K., Markus und Michi D. so liebe Jungs. Nicht von ungefähr dreht sich der Albumtitel (wem kommt da außer mir noch Badly Drawn Boys „One Plus One Is One“ in den Sinn?) um die allmächtige Liebe und das Verschmelzen zweier Individuen zu einem höheren Ganzen, vertont in den verschiedenen Ausformungen melodiösen Gitarrenpops. Aus dem Grund ist es auch unverständlich, dass Nova International bei „Swirled“, „Crank It Up” oder „Bored” versuchen, eine amtliche Rockband zu mimen. Zum einen: Sie sind es nicht. Zum anderen: Der Sound der schneidenden Gitarren in den Refrains klingt ebenso wie die übersteuerten Mikros, ähm, gewöhnungsbedürftig - und das trotz der erfahrenen Produzenten-Hände von Phil Vinall (Placebo, Snow Patrol, Das Pop) und Olaf Opal (The Notwist, Kante, Miles). Klar, Power-Pop à la „Let’s Get Romantic“ wird vor allem auf der Bühne besser zünden - ehrlicher kommen jedoch die ruhigen Songs rüber: „Drive In Circles”, „The Summer We Had“, „Hey Joe“ mit deutlichen Beatles-Anleihen und der verträumt-hymnische Opener „There She Goes“. Ein Album der zwei Gesichter: Manchmal ergibt eins und eins eben doch nicht eins.

Intro-Review #133

 

Gravenhurst: Fires In Distant Buildings (Warp/Rough Trade)

Manchmal, vor allem wenn es Herbst ist, gibt es so viel herbstliche Musik, dass man gar nicht weiß, wohin man mit all der anvertrauten Melancholie soll. Dann sitzt man da, schaut den fallenden Blättern beim Fallen zu, legt die panzernde Rüstung des Alltags ab und gibt sich diesem emotionalen Overkill einfach hin. Nick Talbot, Kopf von Gravenhurst aus Bristol, hat daran maßgeblichen Anteil: Sein Hang zur schüchternen Düsternis, verpackt in betont sphärische Songs, ist wahrscheinlich das Beste, was einem in dieser Hinsicht und Jahreszeit widerfahren kann. Zwar entfernt sich Talbot immer weiter vom Einsamer-Mann-mit-Gitarre-Folk, doch seine stilistische Nähe zu Nick Drake, Tim Buckley und Simon & Garfunkel ist nicht zu überhören. Er macht er den abgründigen Zwiespalt zwischen Zärtlichkeit und Gewalt beinahe körperlich fühlbar; mit dem gehauchten Gesang seiner fragilen und auffällig hellen Stimme, der einprägsamen Akustikgitarre und fatalistischen Textzeilen wie in „The Velvet Cell“: „To understand a killer, I must become the killer”. Die sparsame, aber sehr effektive Instrumentierung lässt den Songs dabei viel Spielraum zur Entfaltung, zusammengehalten von warmen Orgelteppichen und unterschwelligen elektronischen Sounds. Die vorherigen Warp-Veröffentlichungen „Flashlight Seasons“ und „Black Holes In The Sand“ ließen bereits Großes erhoffen. Denn Gravenhurst beweisen weiterhin ein Händchen für Songwriting und Melodien und Spannungskurven. Vergleichbar mit einem nicht aktiven Vulkan wabern Songs wie „Down River“ und „Song From Under The Arches“ eine Ewigkeit ohne Regung, bis es auf ein unsichtbares Zeichen zum Ausbruch kommt: E-Gitarren-Eruptionen, ein Schlagzeugbeben von David Collingwood und Lavaströme aus Krach, Dynamik und Emotionen ergießen sich über den Hörer. Eines Tages wird man sie mit offenen Mündern und großen Augen aus dem erkalteten Gestein meißeln. „Animals“ nimmt ungeahnte Ausmaße von Verzweiflung an, während der Schlusssong „See My Friends“ aus der Kinks-Vorlage ein psychedelisches Velvet Underground-Ungetüm zaubert. Genau, mit Gitarren-Feedback, disharmonischen Orgel-Ausflügen und dem ganzen herrlichen Zeugs. Nur acht Songs fanden Platz auf „Fires In Distant Buildings“ - aber was sagt diese banale Quantität schon aus? Es ist Musik von außergewöhnlicher und atemberaubender Intensität.

Intro-Review #133


Dirty Three: Cinder (V2/Rough Trade)

Dass Warren Ellis, Mick Turner und Jim White es überhaupt noch schaffen, gemeinsam Musik zu machen, verdient schon Anerkennung. Immerhin leben die Mitglieder von Dirty Three auf drei Kontinenten - da kann man nicht mal schnell zum Telefon greifen, um sich für eine kurzfristige Session im benachbarten JuZ zu verabreden. Aber das meist probenlose Arbeiten geht nun schon seit 14 Jahren und sieben Alben so. Von daher steht „Cinder“ stellvertretend für ein weiteres Kapitel in der bewegten Bandgeschichte der etwas anderen Folk-Gruppe. Was The Bad Seeds-Violinist Ellis, Gitarrist Turner und Schlagzeuger White an melancholisch-schrägen Songs aus dem Ärmel schütteln, ist wirklich erstaunlich. Elegische, kleine Seltsamkeiten, die auf einem abstrakten Songwriting und hohen Improvisationsanteil (wie gesagt: Proben sind Luxus!) beruhen und auch selten genutzte Instrumente wie Mandoline, Bouzouki oder Dudelsack mit einbringen. Casey Rice, der bisher schon Tortoise und The Sea And Cake produzierte, hatte im Melbourner Studio sicher alle Hände voll zu tun, die elegant disharmonischen Höhepunkte der Songs herauszuarbeiten; aber die sind bei „Ever Since“, „Sad Sexy“ oder „Dream Evie“ umso schöner. Ein Novum gibt es auch zu vermelden: Der Gesang von Chan Marshall alias Cat Power bei „Great Waves“ und Sally Timms (Mekons) ist der erste Vokalbeitrag bei Dirty Three. Eine gelungene Verschnaufpause in der Mitte des Albums - der penetrante Violineinsatz kann bei 19 Songs zu einer Herausforderung werden.

Intro-Review #133


Cherubs: Uncovered By Heartbeat (Cargo UK/Cargo)

Wie geil ist das denn? „Hey Bunny“ ist so Hier und Jetzt, dass es schmerzt. Immer wieder diese Hooks, die Erinnerungen an irgendetwas wecken, ohne dass man genau weiß, was es war. Doch es ist nicht nur die Vorabsingle der fünf Norweger von Cherubs, die seit drei Jahren im Londoner Exil leben und sich musikalisch dermaßen an die neue Heimat und den sound of now angepasst haben, dass sie britischer klingen als die meisten britischen Bands. Nein, das ganze Album „Uncovered By Heartbeat” bekommt das Prädikat 'very retro' und lässt die Musikschreiber munter im Gedächtnis stöbern: Ian Curtis im Zusammenschluss mit Dexys Midnight Runners? Oder doch B 52’s mit frühen Talking Heads? Etwas Interpol hier, ein wenig Libertines da? Um aus diesem hart umkämpften Einheitsbrei heraus zu stechen, muss eine Band außergewöhnlich sein - am besten außergewöhnlich gut. Staale Krantz Bruland (Gesang), Espen Dahl (Gitarre), Mat Orchard (Gitarre), Joergen Raa (Bass) und Glenn Wange (Schlagzeug) machen zumindest den Eindruck von fünf Engeln, die gehörig unter Strom stehen. Flach hämmernd bearbeitet uns Brulands Organ, aufgewühlt von gefühlten 200 Schlägen pro Minute, mit denen „Nine Stars Out Of Ten” auf direktem Weg in Hirn und Bein schießt. Auf der Tanzfläche dreht man dazu völlig frei, ebenso bei „The Kiss All Morning“. Den einzigen Song mit angezogener Handbremse, „Room With A View”, sparen sie sich bis ganz zum Schluss auf. Das Dilemma, während einer Skandinavien-Tour nicht einmal mehr Geld für das Ticket zurück nach London auftreiben zu können, sollten ihnen mit diesem melodischen und hochenergetisch Kraftprotz mehr passieren. Wie geht der Hörer damit um? Am besten halten wir es mit dem Kommentar in einem britischen Musik-Forum: „At the end of the day, it’s the songs that are important”. Und jetzt kommst du!

Intro-Review #133

 

Attwenger: Dog (Trikont/Indigo)

Ganz gleich, wie objektiv man Musik aus Österreich angeht: Es gibt von vornherein die Problematik des Dialekts. Für einen Norddeutschen ist es bei Attwengers Platten selbst mit Booklet bewaffnet nicht so einfach, auf die inhaltliche Ebene vorzustoßen. Dabei hat Sänger Markus Binder sicherlich einiges zu sagen: Er öffnet einmal das Ventil und fortan strömt es reimend, brabbelnd und wortspielerisch aus ihm heraus. Zeile für Zeile, Strophe für Strophe. Skeptisch und zynisch zugleich findet er bei „Wüst“ die richtigen Worte für seine Unzufriedenheit - und beim Hörer dafür absolutes Verständnis: „Wüst du segln - ged koa wind / Wüst nur schmusn - griagst a kind / Wüst as gmiadlich - griagst an schtress / Wüst du plottn - griagst zehdes“. Ansonsten wird über Hunde („Da dog is a hund“) gesungen oder kritische Beobachtungen an den eigenen Landsleuten vorgenommen („Östareicha san schovis / im söwa si super finden / do san si profis“). Doch es zählt dann mehr als nur der Text, zumal der Wortfluss seinen eigenen Reiz ausübt und ein Hauptbestandteil des Konzepts bei den Linzern ist. Das hat Charme, das hat Groove. Zusammen mit Hans-Peter Falkner bastelt er seit 1990 und fünf Alben an dieser wilden Kombination aus Akkordeon, AlpenRap, Synthie-Keyboards und Schlagzeug. Mal mehr Avantgarde, mal weniger Experiment, aber immer Attwenger. Denn Individualität hat auch etwas Gutes: „Kinan di leid wider bled schaun heid“.

Intro-Review #133

 

Erdmöbel: Für die nicht wissen wie (Tapete/Indigo)

Schon mutig, eine deutschsprachige Coverversion von Henri Mancinis „Nothing To Loose“ einzuspielen. Aber Burt Bacharachs „Close To You“? Eigentlich unantastbar. Erdmöbel machen daraus „Nah bei Dir“ - und es klingt wunderschön! Aus Gitarren, Klavier, Streichern, Schlagzeug, Mellotron, Akkordeon und Posaune basteln die Kölner Sargexperten wahrhaftigen Schöngeist, teilweise erweitert durch elektronische Beigaben. An den Texten erfreuen sich nicht nur Germanistik-Studierende, wenn Markus Berges bildliche Räume schafft: „Wo das graue Haus ist, wohn ich / brate Fische in der Nische / esse auf der Feuerleiter / ich trinke, wenn der Abend schön ist / Gläser Wein aus Plastikbechern“. Der Rezensent im FHM-Magazin meint dazu: „Gequirlte Kacke!“ Ich sage ihm: Einfach mal die Schnauze halten und noch mal genau hinhören. Anspieltipp: „Au Pair Girl“. 4/5

 


Coloma: Dovetail (Klein/Rough Trade)

Bis zu diesem Album bestand der Reiz bei Coloma besonders in dem Kontrast zwischen minimalen Elektroniksounds und handgemachten Singer/Songwriter-Parts - zwei Elemente, die sich gegenseitig belauerten, schließlich aber zueinander fanden. Der Labelwechsel zu Klein brachte jedoch auch Veränderungen im Sound mit sich: Auf „Dovetail“ rücken Alex Paulick und Rob Taylor den elektronischen Anteil weit in den Hintergrund. Stattdessen helfen verschiedene Gastmusiker (Kreidler, Bohren & Der Club of Gore) den beiden Kölnern, das analoge Klangspektrum durch Vibraphon, Klavier und ein klassisches Bläser-Ensemble zu erweitern. Ergebnis: Miniaturen aus frühen Britpop-Tagen, zu gleichen Teilen modern und abstrakt wie intim und melancholisch. Eine tragende Funktion hat dabei der eigenständige Gesang von Rob Taylor mit herrlich britischem Akzent. Sehr melodiös und elegant, trotz aller düsteren Dramatik. 3/5

 


Na Sabine, wie sieht’s aus in München?!: Eine Flasche Musik (Lolila/Broken Silence)

Sollen doch die anderen knackpräzise spielen und wahnsinnig tighte Arrangements hinzaubern - bei der Kapelle aus Neuss mit dem bemerkenswerten Namen regiert Lo-Fi, brav zu übersetzen mit 'geringe Wiedergabegüte'. Es riecht nach Proberaum, Nonchalance und einer Flasche Musik von diesem komischen Fruchtsekt. Aber das ist auch gut so: Hier weckt Easy Listening wieder positive Assoziationen, wenn Beat, Schlager und Pop mit Mumienschiebern wie Samba oder Foxtrott vereint werden, verpackt in Orgeltralala von „Darf Sabine spielen kommen?“ bis zum Rocker „Allgemeinplätzchen“. Der Gesang (immer deutsch, meist weiblich) lässt an Moulinettes denken, die Texte an sonntägliche Ausflüge nach Augsburg („Urlaub in der Nachbarstadt“) oder das böse Erwachen nach nächtlichen Eskapaden in zwielichtigen Kaschemmen („Komm mit zu mir“). 3/5

 

Turner: Slow Abuse (Mute/Emi)

Er Herbst, sie Frühling, er Norwegen, sie Spanien. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Turner alias Paul Kominek besingt sie bei „I Am Autumn“, diese Momentaufnahmen einer unglücklichen Liebe. Und er lässt uns Hörer ganz nah heran, lässt uns teilhaben an den intimen Bildern aus seinem Innersten. Abgründe, die, komplett in Moll getaucht, als Türöffner zu Herz und Hirn funktionieren. Mit „Slow Abuse“ verabschiedet sich der Wahl-Hamburger von dem elektronischen Fundament des großartigen Vorgängers „A Pack Of Lies“, atmet als zarter Songwriter nur noch atmosphärische Popmusik. Sein fragiler Gesang, Gitarren, Rhodes-Piano und weiche Flächen halten die Songs zusammen, bauen unmerklich Spannungsbögen auf und klingen oft so wunderschön melancholisch wie „Irritated“: „Statistically, loneliness isn’t possible / Theoratically, this must be a thing from above“. Schwelgen in Schwermut. 4/5

 


Franz Ferdinand: You Could Have It So Much Better (Domino/Rough Trade)

Et voilà, das Album nach dem medialen Overkill! Eine hohe Bürde, klar. Aber statt die erfolgreiche Masche des Debüts plump weiterzustricken, gibt sich die Band aus Glasgow beinahe kantig und verschachtelt, in jedem Fall vielfältiger. Es ist immer noch mitreißender Indiepop, den vor allem die Single „Do You Want To“ vorlebt: Refrains zum Mitgrölen, tolle Melodien sowie süchtig machende Gitarrenhooks. Auf dem Tanzflur zünden ebenfalls „The Fallen“, „This Boy“ oder „You’re The Reason I’m Leaving“. Doch ruhige Piano-Balladen im 60`s-Stil wie „Walk Away“ oder „Eleanor Put Your Boots On“, die auch auf dem aktuellen Supergrass-Album Platz gefunden hätten, untersteichen das gereifte Songwriting. Die vier Schotten zeigen hier ihr anderes Ich, das weit entfernt ist von Hype-Bonus oder dem Vorwurf, künstlich auf die Retro-Schiene zu setzen. 4/5

 


The Free Design: The Now Sound Redesigned (Light In The Attic/Cargo)

Matt Sullivan, Besitzer von Light In The Attic Records, suchte bei Ebay nach verschollenen Bändern der Beach Boys. Immer wieder stolperte er dabei über eine Band namens The Free Design, kaufte alles auf und brachte die sieben Alben zwischen 1967 und 1972 der zwei Brüder und Schwestern wieder auf dem Markt. Weichgespülte Surf-Pop-Harmonien, Flower Power und ein Schuss Psychedelisches. Die Remix-Serie „The Now Sound Redesigned“ dagegen führt die Songs in ein neues Licht: Stereolab & High Llamas, Madlib, Super Furry Animals oder Styrofoam & Sarah Shannon überraschen trotz des unterschiedlichen Backgrounds mit homogenen und innovativen Neubearbeitungen; mal mit HipHop-Beats , mal in Blues-Stimmung. Voller Respekt vor dem Original, ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Eine schöne Idee, (fast) perfekt umgesetzt. 4/5

 


Kevin Devine: Split The Country, Split The Streets (Defiance / Cargo)

Gerade im Singer/Songwriter-Genre werden immer gerne Vergleiche zu Kollegen herangezogen. Kevin Devine wird beispielsweise nachgesagt, er beschreite den Mittelweg zwischen der nachdenklichen Zerbrechlichkeit von Elliott Smith und der verzweifelten Dringlichkeit von Bright Eyes. So so. Doch der 25-Jährige aus Brooklyn, New York, ist kein Rip-off. Von niemandem. Zu eigenständig sein akustischer Indierock, zu persönlich seine Themen, immer mit dem Herz am rechten Fleck. Devine war auch Kopf von Miracle Of 86, doch besonders bei den Soloaktivitäten und mittlerweile drei Veröffentlichungen kann er seine höchst emotionale Ader voll ausleben – nicht von ungefähr spielte er als Vorband von Dashboard Confessional. Im Intro zum Opener „Cotton Crush“, bei dem Jesse Lacey (Brand New) den Gesangspart unterstützt, zeigt sich Kevin Devine noch introvertiert, um dann plötzlich aufzubrausen. Gitarrenwände werden hochgezogen, das Schlagzeug bebt, und eine energische Stimme erhebt sich: „The quiet can scrape all the calm from your bones / But maybe it should / Maybe we need to be hollowed to get up and grow / And stop fucking around / To kick off our braces and start straightening out.“ Was für ein Auftakt! Auch in den übrigen Momenten, die wie „No One Else’s Problem“ mit jaulender E-Gitarre nach vorne rocken, gingen ihm die Miracle-Of-86-Musiker zur Hand. Doch ansonsten dominiert eine zaghafte, intime Stimmung, ein Kommen und Gehen von scharfen Beobachtungen Devines an sich selber, dem Leben und dem ganzen Drumherum. Politisch wird er beim geradezu luftigen Song „No Time Flat“ und der sehr direkten Absage an die amerikanische Regierung, ihre Außenpolitik und die Effizienz des Wahlsystems. Protest, verpackt in eingängige Melodien und ausgereifte Arrangements. Ein starkes Album.

Intro-Review #132

 

Andrew Pekler: Strings + Feedback (Staubgold/Indigo)

Man mag kaum glauben, dass Andrew Pekler vor knapp zehn Jahren noch Garagenrock gemacht hat. In Heidelberg, mit der Band Mucus 2, als deren Gitarrist und Sänger Pekler erstmalig zum praktizierenden Musiker wurde, bevor sich mit den Projekten Bergheim 34, Sad Rockets und dem Umzug nach Berlin-Friedrichshain auch ein deutlicher stilistischer Wandel vollzog. Die beiden Solo-Vorgängeralben auf Scape deuteten die Entwicklung bereits an, die der 31-Jährige nun mit „Strings + Feedback“ noch weiter ins Extrem führt: Es ist eine vierzigminütige Nabelschau in das Innerste des Klangs, geprägt von Brüchen, Abwegen und diskontinuierlichen Bewegungen. Zwar umreißt Pekler mit dem Titel eng die verwendete Instrumentierung und gleichzeitig die inspirierende Motivik, die aus den verfremdeten Morton Feldman-Samples wächst, doch dahinter erstreckt sich ein weites, sphärisches Feld. Der Soundfluss mäandert scheinbar orientierungslos durch die minimalistische Landschaft, erzeugt mit Hilfe der gemächlichen Dynamik ein bizarres Schieben, Wabern, Überlagern und Zermalmen. „Localite“ deutet so etwas wie eine rhythmische Struktur an, doch
auch hier zerfasern die Rückkopplungen den direkten und schnellen Zugang. Wie bei vielen Kompositionen Neuer Musik oder dem Minimalismus eines Steve Reich oder John Cage benötigt der Hörer neben einem offenen Geist die Muße, sich darauf einzulassen. Denn dieses Haltlose und scheinbar Gehaltlose der Stücke wirkt zuerst befremdlich, birgt aber eine große Faszination. Andrew Pekler schuf mit „Strings + Feedback“ Kammermusik aus einer anderen Welt.

Intro-Review #132

 

Erik Sumo: My Rocky Mountain (Pulver Records/Our Distribution)

Ambrus Tövisházi ist Ungar. Kein gewöhnlicher, sondern ein Budapester Produzent, DJ und Multiinstrumentalist, dessen Rocky Mountains anscheinend im Wilden Osten liegen. Als Erik Sumo lässt er auf seinem Debütalbum moderne und klassische Einflüsse verschmelzen, Osten und Westen musikalisch ungebremst aufeinander prallen. Und ähnlich schräg wie diese Vorstellung klingen auch die elf Eigenkompositionen plus Gershwins „Summertime“: ein Gebräu aus Future-Polka, Dub-Elementen und Club-Beats, vertont von einer sechsköpfigen Combo, die Tövisházi größtenteils aus dem Bestand eines anderen Projekts, Amorf Ördögök, rekrutierte. „This Is Where It Began“ erzählt mit Trompeten und Cowboy-Feeling, wo die Reise des Klangforschers seinen Anfang nahm. Ennio Morricone blickt dabei um die Ecke und lacht sich ins Fäustchen angesichts all der verqueren Spielfreude. Während der muttersprachliche Song „Csillag Vagy Fecske” und „Map Of The World“ mit schleppenden Portishead-Beats locken, ziehen „The Real Moustache” und „Left My Heart In The Saloon“ betörend und schon heftiger auf die Tanzfläche. Die Gesangsparts teilen sich Erzsi Kiss und Juli Fábián, deren Stimmen mit sehr unterschiedlichem Timbre (klar versus rauchig, elegant versus verwegen) die ohnehin angenehme Vielfalt noch toppen. Eine mutige Veröffentlichung des Stuttgarter Labels Pulver Records, das bislang vor allem durch die Dublex Inc.-Releases Aufmerksamkeit erregte. Aber jetzt steht ja dieser Ungar auf der Matte…

Intro-Review #132

Broadcast: Tender Buttons (Warp/Rough Trade)

Die stilistischen Außenseiter bei Warp Records bleiben weiterhin einzigartig. Was ist es, das Broadcast-Platten so besonders macht? Die Singleauskopplung „America’s Boy“ könnte beispielhaft dafür stehen: ein zuckersüßer, aber keineswegs harmloser Song.
Frech wird der nette Schein hintergangen, wenn sphärische Störsounds und minimale Drum-Beats die Idylle aufrauen. Alle 14 Songs strahlen eine subtile Dynamik aus. Sie spinnen ein fein abgestimmtes Paralleluniversum voll verwunschener Klänge und märchenhafter Texte, gesungen von Trish Keenan mit einer unverwechselbaren, kühlen Gelassenheit. Ihr zur Seite steht nur noch James Cargill, doch das Duo aus Birmingham behält die intime Atmosphäre der Vorgänger „The Noise Made By People“ und „HaHa Sound“ bei. „Tender Buttons“ ist unaufgeregt, unspektakulär…und großartig, gerade weil es sich so unscheinbar gibt. 5/5

 


Herbie Hancock: Possibilities (Warner)

„Musik ist ein Weg zur Wahrheit. Ich glaube, die stärkste Musik ist die, die man macht, weil man sie teilen will. Nicht aus einem Geist des Wettbewerbs heraus. Es geht um Vertrauen, Vertrauen in dich und andere“, so Zen-Buddhist Herbie Hancock. Sein Name ist ein leuchtender Fixpunkt der internationalen Jazzszene, seit Jahrzehnten bekannt für Innovation und das Überschreiten musikalischer Grenzen. Doch „Possibilities” kann durchaus als Abstieg bezeichnet werden. Schon bei „Future 2 Future“ ging er auf HipHop- und Techno-Produzenten zu, um gemeinsam mehr als Summe der einzelnen Teile zu schaffen. Die Wirkung bemüht, das Ergebnis dementsprechend verkrampft. Diesmal reicht seine Gästeliste von Christina Aguilera bis Annie Lennox, von John Mayer bis Paul Simon, von Sting bis Carlos Santana. Und an eben dessen öde „Supernatural“-Platte und Kollaborationen mit Rob Thomas oder Wyclef Jean erinnert der missglückte Versuch, jüngere beziehungsweise weitere Käuferschichten anzusprechen. Die Version von „I Just Called To Say I Love You“ (Gesang: Raul Midon) klingt geradezu skandalös, und selbst Joss Stone und Jonny Lang stehen dem mit „When Love Comes To Town“ in nichts nach. Zumindest Sting verkauft sein „Sister Moon“ halbwegs akzeptabel, während John Mayers „Stitched Up“ auf berechtigte Radio-Rotation wartet. Was macht Hancock? Er gibt das Kommando ab und füllt stattdessen die Arrangements mit seiner ausgezeichneten rechten Hand, teilweise als Solo erweitert. Eine mäßige Compilation neu interpretierter Pop-Songs mit namhaftem Gastpianisten. Dann doch eher noch mal „Head Hunters“ oder „Maiden Voyage“ aus dem Plattenschrank kramen, um sich zu vergewissern, was vielen Musikhörern die Ohren für Jazz geöffnet hat und immer noch zu öffnen vermag.

Intro-Review #132

 

John Wayne Shot Me: The Purple Hearted Youth Club (62TV/Alive)

Ein Soundtrack wie aus dem WG-Wohnzimmer jung gebliebener Langzeitstudenten. Die trashige Mischung aus pixeliger Science Fiction-Welt, Konsolen-Zauber und schrammeligem Gitarren-Folk macht John Wayne Shot Me beinahe konkurrenzlos. Und einzig, nicht artig. 1999 gründeten Thijs van den Broek (Gitarre, Gesang), Merijn van Pelt (Bass), Geert van Beers (Schlagzeug, Gesang) und Marieke (Keyboard, Gesang) im niederländischen Ammerzoden die Band, die in der Freizeit am liebsten in Spielhallen rumballert. Ein weiteres Faible des Quartetts sind Coversongs von Carter Family, Napalm Death, ELO und Destiny’s Childs. Geht nicht? Bei JWSM anscheinend schon. Auf dem zweiten Album nach dem 2001-Debüt „Fortran Catapult“ gehen nur wenige Songs über zwei Minuten Spielzeit und verkörpern so auch nur Andeutungen wunderbarer Lofi-Elektronik-Folk-Pop-Hits. Ist wohl Teil des Konzepts, aber oftmals bedauerlich. Der warme, mehrstimmige Gesang übertönt die leicht rumpelnde Rhythmusfraktion, begleitet von diversen Atarispiel-Synthies und ausrangierten Keyboards. „Speakers of Microphones“ erzählt die Geschichte über ein Leben ohne die geliebten Küchengeräte, Videogames und Cartoons - ein unvorstellbarer Gedanke. Doch nicht alles auf „The Purple Hearted Youth Club” widmet sich den Gaga-Mächtigen, ansonsten käme nicht das Songwriting von Jonathan Richman oder Daniel Johnson in den Sinn. Es sind die ruhigen, beinahe melancholischen Töne, die sich in Songs wie „The Tentacle Song“ (mit Banjo) oder „A Song About Fishing“ äußern. Man möchte mehr davon hören - dann aber jeweils in der 'extended version'.

Intro-Review #132


Princess Superstar: My Machine (!K7/Rough Trade)

Düstere Aussichten einer fernen Robotergesellschaft: Der Weltuntergang wird für das Jahr 2080 vorausgesagt. Wenn da nicht Concetta Kirschner alias Princess Superstar wäre, die mit 10.000 willfährigen Duplikaten im Gepäck das Böse vernichtet. Seit mittlerweile vier Alben gänzlich unbescheiden, greift die HipHop-Prinzessin in 25 Kapiteln tief in die SciFi-Kiste und reißt mit ihrem musikalischen Mix sämtliche Genremauern nieder. Produzenten wie Arthur Baker, Armand van Helden, Junior Sanchez oder Jacques Lu Cont bewirken eine stilistische Vielfalt zwischen Disco-Glitzerball („Perfect“) und Rock-Gitarren („I Like It A Lot“), die manchen Hörer verstören mag. Doch PS hat es drauf, verkörpert sowohl die kluge Beobachterin als auch die fixe Rapperin mit cleveren Rhymes („Famous“) und Gören-Attitüde. Das etwas andere HipHop-Konzeptalbum. 4/5

 


The Five Corners Quintet: Chasin’ The Jazz Going By (Ricky Tick/Timewarp)

Zurück in die Jazz-Zukunft geht es mit dem Five Corners Quintet. Tuomas Kallio - durch Nuspirit Helsinki bereits positiv im Gedächtnis geblieben - und Antti Eerikäinen lassen mit dem Projekt aus der finnischen Hauptstadt sehr geschmackvoll die Zeit der frühen Sechziger hochleben. Unterstützt von einer exzellenten Studioband klingen Swing, Latin und Souljazz sehr entspannt, vermitteln die Arrangements einen spielerischen Hauch von Sehnsucht. Geschliffen, aber nicht glatt; schöngeistig, aber nicht langweilig. Sängerin Okou und Star-Kollege Mark Murphy, der bei drei Songs seine Crooner-Fähigkeiten beweist, beleben die Vokalsongs. Ansonsten bieten Vibraphon-Soli und die dezente, aber tragende Bläserfraktion („Trading Eights“) vielfach instrumentalen Genuss. Besonders für den Jazz-Laien ein toller Einstieg in fremdes Terrain! 4/5

 

Herr Spin: Sekunden (Reptiphon/DA Music)

Die Exil-Münsteraner schlagen zurück. Mit der sanften Keule. Markus Spin ist auch so einer, als Teil des symbiotischen, westfälischen Mikrokosmos: Schlagzeug bei Gautsch, Keyboard bei Kirmes, Hilfestellung bei Erobique und Remixe für Lee Buddah. Nachdem es Herrn Spin nach Berlin verschlagen hat, macht er sich entweder als Goldbeater im smarten 70’s-Look auf die Suche nach Retro-Attitüde oder bringt als Multiinstrumentalist sein zweites Album nach „Mal Abwarten“ unters staunende Volk. Staunend deshalb, weil hier noch gehobene, deutschsprachige Unterhaltungskunst geboten wird. Im oft ironisierten Feld des Schlagers singt er bei „Nur genug“: „Schau mir noch einmal in die Augen / sag, es ist noch nicht vorbei“. Und zwar dermaßen schmerzfrei, dass einem die Tränen kommen. Es ist eine Synthese aus Elektro-Pop und gepflegtem Kitsch, in der Spin große Gesten eines Chansonniers zeigt, begünstigt durch den Charme brillanter Melodien und schlichter Arrangements. Einige Songs sind gar nicht so gut, beinahe überflüssig. Andere hingegen verströmen das Beste von Justus Köhncke oder Andreas Dorau: „Lasst uns rein“ oder „Ich kann wieder atmen“. Im Chor trällern die Türen-Boys Gunther Osburg, Pimpie Jackson (auch Mastering) und Maurice Summen. Da war sie wieder, die Münster-Connection. Im Oktober geht’s gemeinsam auf Tour, denn hier ist noch lange nicht Schluss: „All der Druck machte mich schwer / Nun ist er verschwunden“.

Intro-Review #131

 

The Bravery: The Bravery (Island/Universal)

The Bravery sind eine dieser Bands, die innerhalb kürzester Zeit von Null auf Hundert durchstarten konnten, wohl auch begünstigt durch die Schwemme an hochgejubelten und selbsternannten Heilsrettern des Gitarrenrock. Erst 2003 ging es für das Quintett aus New York in ihrer Stilschublade „Garage-Electronica” los, mittlerweile streiten sie sich mit The Killers um die Vormachtstellung der „The“-Bands in Amerika. Wie momentan sehr verbreitet, orientieren sich auch die Mittzwanziger um Frontmann Sam Endicott an zahlreichen ehrwürdigen Vorbildern - und bedienen sich nicht nur mit dem New Order-Oktavbass bei der Single „An Honest Mistake” reichlich. Eine Frage der Zitierkunst. „Tyrant“ sticht mit pathetischem Gesang hervor, während „Public Service Announcement” effizient und clever auf die Tanzfläche der Indie-Disco zieht. Clever: Das trifft es. 3/5

 


Fat Freddy’s Drop: Based On A True Story (Sonar Kollektiv/Rough Trade)

“Tell me, what’s the world without soul?” fragt Sänger Joe Dukie bei „Ray Ray”. Entwaffnend weich die Stimme, entwaffnend aufrichtig die Attitüde. Für das siebenköpfige Kollektiv Fat Freddy’s Drop aus Wellington steht das seelenvolle Moment im Mittelpunkt allen Handelns. Aus einem Soundsystem entstanden, sind die Reggae-Wurzeln deutlich herauszuhören - doch bewegt sich das Album lyrisch und stilistisch abseits jeglicher Klischees. Es ist eine wunderschöne Dub-Platte, die durch knackige Bläsersätze auch tief in die Funk- und Soul-Kiste greift. Delay-Effekt als Dauergast, Gelassenheit als Basis. Dank der sorgsam ausgearbeiteten Arrangements von Produzent DJ Fitchie ermöglichen abwechslungsreiche Tempo- und Stimmungswechsel immer neue Perspektiven. In ihrer neuseeländischen Heimat hat „Based On A True Story“ Platin-Status - und hierzulande? Das Sommeralbum in einer besseren Welt. 4/5

 


The Magic Numbers: The Magic Numbers (Emi)

Romeo und Michele Stodart sowie Sean und Angela Gannon sind zwei Geschwisterpaare, die über viele Umwege in London zusammen trafen, Freunde wurden und irgendwann beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Es kommt noch besser: Ihr Debütalbum ist wahrscheinlich das Sympathischste, was derzeit auf CD gepresst werden kann. Songs voller kleinster, liebenswerter Details, die immer Charme und melancholische Freude versprühen, mal mit Beach Boys-Harmonien, mal mit bittersüßem Herzschmerz. Country Soul heißt der Nenner, schließt aber alles dazwischen mit ein. In ähnlichen Gewässern fischen auch The Flaming Lips oder The Go-Betweens, aber The Magic Numbers sind trotzdem einzigartig. Ob die Vier irgendwelchen optischen Ansprüchen nicht genügen und dazu noch ziemlich uncool wirken, ist im Vergleich doch herrlich egal. 5/5

 


Bob Mould: Body Of Song (Cooking Vinyl/Indigo)

Es kann aufgeatmet werden: Bob Mould schafft mit „Body Of Song“ den Spagat zwischen Hüsker Dü-Vergangenheit und neuerlichen Pop-Ambitionen. Die verkorksten elektronischen Spielereien des letzten Solo-Albums „Modulate“ scheinen überwunden, nur der Vocoder in „(Shine Your) Light Love Hope” weckt unschöne Erinnerungen. Stattdessen macht das Aushängeschild des US-Alternative mehr Zugeständnisse an die nostalgischen Gefühle seiner Fans und besinnt sich auf alte Stärken. „Days Of Rain“ und „Best Thing“ bündelt sie mit dichten Gitarrenwände, seiner unverwechselbaren Stimme und dem feinen Gespür für wunderbare Melodien. Fugazi-Schlagzeuger Brendan Canty, David Barbe aus Sugar-Tagen und Matt Hammon halfen, das musikalisch umgesetzte Trotzen und den Widerstand gegen alle Zwänge zu realisieren. Kraftvoll, geradlinig, konsequent. Ein überzeugendes Heimkommen. 4/5

 

Egoexpress: Hot Wire My Heart (Mute/EMI)

Was für eine Entwicklung: Zwei aus der Indierock-Szene kommende Musiker entdecken für sich die Elektronik und veröffentlichen mit „Foxy“ und „Bieker“ großartige und auch heute noch sehr schöpferische Platten. Dann die Albumpause, über fünf Jahre. Begehrlichkeiten werden geweckt, denn Mense Reents und Jimi Orgl bleiben als Egoexpress immer im Gespräch, nicht nur durch endloses Touren. Insofern versöhnt „Hot Wire My Heart“ als ein nächster Schritt. Der zu erwartende? Es sind zehn Tracks, die zwischen „Aranda“ und „Links eine Hand“ durch den 4/4-Takt und die Bassdrum zusammengehalten werden. Konsequent aufdringlich, dick, fordernd. Dynamikkurven, Filter und Plattenteller bleiben dabei ständig in Bewegung, bestimmt durch den rastlosen Drang nach vorne. Mit Minimalismus halten sich die Hamburger nicht auf, denn sie beherrschen den Umgang mit all den herumfliegenden Beats und Traditionen, Styles und Konventionen. Bei der ersten Single „Knartz IV“ knarzt es gewaltig im Karton, während der Nachfolger „Aranda“ mit Akustikgitarre und leichten Vokalhäppchen überrascht. Kleine Interludes und verspielte Elemente wie der gebrochene Beat bei „Drehwinkel“ lassen etwas durchatmen im Kunstnebel, doch der schmutzige House will noch mehr…oh my god, it’s techno music! Der Titelsong „Hot Wire My Heart“ entstand als letzter Track in der Nacht vor dem finalen Mastering. Man hört diesem Schnellschuss die ungeschliffene Produktion an: Sehr direkt und emotional schraubt sich der Akkordwahnsinn in immer größere Höhen, um ihn anschließend im grummelnden und spärlich bekleideten Bassdrum-Kostüm zucken zu lassen. Allerfeinster Daft Punk-Stylofanz - aber statt des Zeigefingers wird hier die Faust in die Luft gereckt.

Intro-Review #130


Kaiser Chiefs: Employment (B-Unique/Polydor)

An einer gesunden Portion Selbstbewusstsein scheint es den Kaiser Chiefs nicht zu mangeln, wenn „Employment“ im Booklet als „an exciting new CD suitable for 6 million listeners“ vorgestellt und angepriesen wird. Die fünf jungen Herren aus Leeds haben noch einiges vor - und ihre Ziele inzwischen höher gesteckt: Bei Bandgründung 2003 war es der Traum, im Folgejahr beim örtlichen Festival nachmittags auf der Bühne zu stehen. Heute vertreten Ricky Wilson (Gesang), Andrew „Whitey” White (Gitarre), Simon Rix (Bass), Nick „Peanut” Baines (Keyboards) und Nick Hodgson (Schlagzeug) beim Live8-Größenwahn in Philadelphia als einzige Band Großbritannien. Und das alles nach nur einem Album.
Es ist Britpop, wie er 2005 geschrieben wird: eingängige und simple Arrangements mit Melodienreichtum; eine Mischung von ausgeklügelten Sounds und „Na-na-na“- und „La-la-la“-Refrains; meisterhaftes, aber auch unoriginelles Epigonentum aus dem Besten vergangener Jahrzehnte. Namen gäbe es viele zu droppen: Blur, The Jam, Supergrass, Madness, XTC. Produzent Stephen Street, der schon bei The Smiths, Morrissey und eben Blur die Regler bediente, verzichtete auf unnötige Spielereien und brachte alles in einen stimmigen Zusammenhang. In den Texten thematisiert Wilson das normale Leben vor seiner Tür, also die drei wiederkehrenden Probleme: kein Geld, keine Freundin und keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Vor dem letzten Refrain von „Oh My God“ stellt man sich die herausgeschriene Euphorie beim InterRail vor, wenn man sich auf einem kleinen, portugiesischen Bahnhof einem neu gewonnenen Kumpel in die Arme fällt und skandiert: „Oh my god, I can’t believe it / I’ve never been this far away from home“. Neben „I Predict A Riot“ sticht dieser Song heraus, weil nicht nur Oasis solche Hits für ihre letzten Alben gerne geschrieben hätten.
Ein Debüt, das in seiner abgebrühten Eingängigkeit beinahe Angst macht. Das Positive daran: Die Platte hat eine unglaubliche Dichte an guten bis sehr guten Songs und kaum Ausfälle zu verzeichnen. Das Negative: Es hapert an innovativen und spannenden Momenten, um über Spitzenplätze in den Leserpolls zum Jahresabschluss hinaus lange Bestand zu haben. „Employment“ ist für den Kick, für den Augenblick - und womöglich auch für sechs Millionen Hörer.

Intro-Review #130

 

Editors: The Back Room (Pias/Rough Trade)

Die einen nennen es „altbackenen Anachronismus“, die anderen eine „willkommene Nostalgiestunde“, zurückversetzt in Zeiten, als auch ich von meiner Schwester Mixkassetten mit Echo & The Bunnymen, Joy Division oder The Chameleons dauerhaft auslieh, um meine musikalische Sozialisation intensiv voranzutreiben. Editors, das Quartett aus dem englischen Nordosten, beweisen auf ihrem Debütalbum „The Back Room“ Mut zum atmosphärischen Pomp und zur großen Pop-Geste. Schon das Cover soll mit dem schwarz-weiß gehaltenen Blick in einen Tunnelgang ein solches Stilmittel unterstützen, aber auch die Songs passen gut in die selbst beschriftete Schublade „Dark Disco“. Klar, dank frischer Interpolitur quietscht diese weniger, aber Editors sind weit mehr als nur ein billiges Imitat. „Munich” ist der hymnische Hit voller Dringlichkeit, Leidenschaft, Kraft und den mahnenden Worten eines gebrannten Ichs: „People are fragile things, you should know by now / Be careful what you put them through”. Die Single war nach zwei Tagen ausverkauft - noch Fragen? „Blood“ und „All Sparks“ könnten einen ähnlichen Weg gehen. Der Gesang von Tom Smith wirkt teils etwas entrückt, teils klagend, manchmal auch fordernd, während sich die durch Effekte verschleierten Gitarren von Smith und Chris Urbanowicz zu immer neuen Höhen aufschwingen. Produzent Jim Abbiss (Kasabian, Unkle, DJ Shadow) wird darauf geachtet haben, die düster dräuende Stimmung zu kultivieren. Der Hörer möchte doch möglichst alles aus dem Inneren des ominösen Hinterzimmers erfahren: „If we run, the look in the back room, where we hide all of our feelings, where we hide all of our secrets”.

Intro-Review #130

 

Common: Be (Urban/Universal)

“Never looking back, or too far in front of me. The present is a gift, and I just wanna be!” Markige Worte von Lonnie Lynn alias Common im Intro zum neuen Album „Be“, das einer Standortbestimmung gleichkommt. Wo der Vorgänger „Electric Circus“ mit vielen innovativen Sounds die Kritiker begeisterte, die Käufer jedoch abschreckte, trifft „Be“ genau den Nerv. Er ist nicht nur ein MC: Vielmehr ist er ein Storyteller, beinahe ein Prediger, von einer Beseeltheit, die im heutigen HipHop-Business ihresgleichen sucht. Mit Hilfe von Starproduzent Kanye West, der den Hauptanteil der Songs unter seine Fittiche nahm, findet Common wieder zu den Soul-Wurzeln zurück, die ich beinahe zu einem Marvin Gaye der Jetztzeit machen und Acts wie Gang Starr, A Tribe Called Quest oder Pete Rock hochleben lassen. Eine Rückbesinnung, die ihm und „Be“ sehr gut zu Gesicht steht.

 


Weezer: Make Believe (Geffen/Universal)

Gleich vorab: „Make Believe” ist eine Enttäuschung. Die Single „Beverly Hills“ ist ein Witz. Ein schlechter. Was sich der öffentlichkeitsscheue Rivers Cuomo und seine Mannen in dem Song an musikalischer Einfallslosigkeit und Textverbrechen („Beverly Hills, that’s where I want to be, living in Beverly Hills, rollin’ like a celebrity, living in Beverly Hills”) leisten, widerspricht jeglichen Geschmackskonventionen. Klar, man muss sich als Band nicht mit jedem Album neu definieren (andere Gruppen bringen während ihrer ganzen Karriere nur einen Song mit leichten Variationen heraus), aber nach dem blauen Album und „Pinkerton“ doch etwas mehr (von sich) erwarten. Selbst Produzent Rick Rubin konnte den zwölffachen Rock-Einheitsbrei keine frischen Impulse geben. „This Is Such A Pity” bringt zwar etwas Abwechslung durch New Wave-Elemente, aber ansonsten? Viele mittelmäßige Songs mit vorhersehbaren Akkorden und Melodien zum Mitpfeifen.

 


Tosca: J.A.C. (!K7/Rough Trade)

Auch bei Tosca geht der Trend in Richtung „New Acoustic Movement“: Der bisher unersetzliche Sampler wurde in die Ecke gestellt, die Instrumente wieder entstaubt und mit Harddisk-Recording in die Spur gebracht. Richard Dorfmeister und sein Tosca-Kollege Rupert Huber fabrizieren zwar weiterhin einschmeichelnden, dezent funkigen CaféBar-Sound, aber wesentlich analoger und lebendiger als bisher. Gäste am Mikro: Samia Farah aus Paris singt ganz wundervoll bei „Heidi Brühl“, ansonsten kommen die bewährten Farda P, Earl Zinger und Graf Hardik zum Einsatz. Der Albumtitel hat einen ganz simplen, persönlichen Hintergrund: Dorfmeister und Huber widmen es für die jüngst geborenen Söhne Joshua, Arthur und Conrad. Die kleinen Knirpse werden sich eines Tages über diese musikalische Widmung sehr freuen. Pssst, der Besuch ist gerade auf meinem Bett eingeschlafen. Ob es an der Beschallung gelegen hat?

 


The Broken Beats: Them Codes…Them Codes (Hazelwood/Cargo)

Verschroben, aber nicht seltsam; eigen, aber nicht narzisstisch; schrullig, aber man will mehr davon - so oder ähnlich ließen sich die Charakteristika von The Broken Beats beschreiben. Die vielköpfige Formation aus dem dänischen Aarhus um Häuptling Kim Munk macht auf „Them Codes…Them Codes“ da weiter, wo sie mit „The Weather Beats The Rhythm“ begann: Bläser, Gitarren, Percussion und Chöre in einem wilden Mix aus den vergangenen Jahrzehnten der Musikgeschichte; Zappaeske Brüche, die spielerisch leichthändig oder auch mal theatralisch (Steigerung bei „About A Boy“!) in Szene gesetzt werden; alles sehr unkonventionell und ein Spielball der überbordende Phantasien Munks. Live ist das ohnehin der helle Wahnsinn (Kieler Nachtcafé, November 2004), aber auch auf Platte zeigen Songs wie „Pairs“, „8 Men“ oder „Little By Littel“ ihre ganze Wirkung.


Black Eyed Peas: Monkey Business (Universal)

Wie rappte Thomas D. bei „Populär“? „Die alten Sachen fand ich ja noch gut, die neuen nicht“. Ein wenig geht es mir mit den Black Eyed Peas so: Bis „Bridging The Gap“ von 2001 lebten Will.I.Am, Taboo und Apl.De.Ap noch HipHop, arbeiteten mit experimentellen Sounds und intellektuellen Texten. Den Weg vom musikalischen Underground zu Handy-Klingeltönen und Auftritten bei „Top of the Pops“ ebnete vor allem Fergie, die seit „Elephunk“ an Bord ist. Sie besetzt zum einen die Rolle als Sängerin, zum anderen sorgt sie in den Videoclips für jede Menge Sexappeal. Ein weiterer, noch wichtigerer Faktor: Die Songs auf „Monkey Business“ tendieren verstärkt ins Pop-Terrain, ganz besonders bei der eingängigen Single „Don’t Phunk With My Heart“. Eine Wohltat im sonstigen Radiogedudel. Alles schön aufgeräumt und ein ganz sauberer Spaß zwischen Latin und Funk - aber für die Kapitel „Rightousness“ und „Consciousness“ aus der HipHop-Fibel bleibt da nur noch wenig Platz.


The Funky Lowlives: Somewhere Else Is Here (Modernsoul/Soulfood)

Auf welchem Trip waren denn Gary Danks und JK Whitehouse beim Produzieren von „Somewhere Else Is Here“ beziehungsweise bei der Wahl der Tracknamen? Nicht nur „Float Through Stars” und „Sail Into The Sun” lassen schrill die Esoterikglocken Alarm schlagen. Seit 1998 stehen die Londoner als Produzenten/DJ-Duo hinter The Funky Lowlives und bringen jetzt den Nachfolger zum Debütalbum „Cartouche“ (2002) auf den Lounge-Markt. Doch sie bedienen nicht mehr ausschließlich dieses Segment: Die Funky Lowlives konnten ihren Sound weiterentwickeln und neue Elemente aus Folk und Blues hinzufügen („For Her Eyes“ mit Banjo und Streichern). Ben Lord bereichert vor allem „Sail Into The Sun” mit seinem Gesang (klingt wie Morcheeba in männlich), während „Superlove“ stark an Air erinnert. Galant wird der Zuhörer in ein weiches, psychedelisches Pop-Klangbild gebettet.


Saint Etienne: Tales From Turnpike House (Sanctuary/Sony)

Achtes Album, unzählige Singles, aber trotzdem eines der bestgehüteten Geheimnisse im britischen Pop: Saint Etienne werden es wohl auch mit „Tales From Turnpike House“ nicht auf Titelseiten schaffen - wohl aber in die Herzen ihrer in 15 Jahren erarbeiteten Fanbasis. Songschreiber Pete Wiggs, Bob Stanley und die charmante Sängerin Sarah Cracknell verwirklichten das Ziel eines Konzeptalbums. Alle Songs drehen sich um Leben, Leiden und Freuden der Bewohner einer Hochhaussiedlung in East London, von morgens („Sun In My Morning“) bis abends („Goodnight“). Fiktive Skizzen des Alltags, verpackt in scheinbar oberflächlichen und teilweise zuckersüßen Pop, der aber mit Tiefgang und langer Halbwertszeit glänzt. „Side Street“ belebt mit sanften Brazil-Rhythmen, während beim Höhepunkt „Relocate“ Cracknell im Duett mit David Essex singt. Wohlklang mit der Luftigkeit eines Burt Bacharach. 4/5

 


Röyksopp: The Understanding (Wall Of Sound/Labels)

Eine spannende Frage im Vorfeld war, ob der Nachfolger des Erfolgsalbums „Melody A.M.“ die hochgesteckten Erwartungen erfüllen kann. Auch wenn Svein Berge und Torbj?rn Brundtland aus dem norwegischen Troms? beteuern, ohne Druck und Pläne komponiert zu haben, fällt „The Understanding“ doch kalkulierter aus als das Debüt von 2001. Es ist weiterhin romantischer ElektroPop mit zarten, großformatigen Klangbildern, dick übereinander gelagerten Schichten aus warmen Sounds, Beats und Säuselgesang. Anstatt Erlend Øye (Kings Of Convenience) singen die beiden neben den Gastvokalistinnen Karin Dreijer und Kate Havnevik oft selber. Das angezogene Tempo von „Circuit Breaker“ drängt auf die Tanzfläche, während bei „Someone Like Me“ Air grüßen lassen. Doch trotz schöner Songs wie „Sombre Detune“ oder „Follow My Ruin“ wirkt die Glätte der Produktion etwas unpersönlich. Abzug auch für die Covergestaltung. 3/5

 


Olli Schulz & der Hund Marie: Das beige Album (GHvC/Indigo)

Bei Live-Konzerten von Olli Schulz treffen meist Comedy und Indierock zusammen - einige der semiwitzigen Zwischenspiele baute der 30-jährige Hamburger auch auf der zweiten Platte ein. Fehl am Platz. Eigentlich ist Schulz kein Spaßvogel, sondern eher ein Alleinunterhalter, bei dem die Underdogs die wahren Helden sind, beispielsweise im Lied „Bettmensch“, über den er singt: „Meine Stärken sind die Schwächen.“ An seiner Seite spielt sein treuer, zweibeiniger Begleiter Marie alias Max Schröder, der die brüchigen Arrangements vertont; spärlich instrumentiert mit zwei Gitarren und einer dezenten Rhythmusgruppe; gelassener Country bei „Ankunft der Marsianer“, dringlicher Deutschrock à la Kettcar bei „Jetzt gerade bist du gut“ und „Dann schlägt Dein Herz“. Schulz mag Bruce Springsteen, den Boss. Auch der mag es, Poetisches in Musik einzubinden und Alltagsweisheiten in leise Melancholie zu tauchen. Schön: „Der Film beginnt“. 3/5

 


Róisín Murphy: Ruby Blue (Echo/PIAS)

Eine fantastische Sängerin (Róisín Murphy) plus ein fantastischer Produzent (Matthew Herbert) gleich ein fantastisches Ergebnis? Nicht ganz. Murphy macht Urlaub von ihrer Hauptband Moloko und Mark Brydon, sonnt sich stattdessen auf Albumlänge in bislang nicht gehörten Klangspektren ihrer Stimme. Und sie kann mit dieser beinahe alles anstellen: Murphy gurrt, haucht, schreit und belegt ihr Timbre mit sämtlichen Facetten an Stimmungen. In Kombination mit den unzähligen Sample-Schnipseln, die Herbert aus Jazz, Big Band-Sounds, House-Beats und bizarren Geräuschen zusammensetzt, wirkt das anfangs sperrig und gewollt künstlich. Aber wer sich beim Hören die nötige Zeit nimmt, wird neben der tollen Produktion auch die faszinierenden Ideen zu schätzen wissen, die Songs wie „Sinking Feeling“ oder „Through Time“ zu wahren Kleinoden machen. 4/5


finn.: The Ayes Will Have It (Sunday Service/Indigo)

Like A Stuntman: Fresh Air Is Not The Worst Thing In Town (Highpoint Lowlife/Cargo)

Es wäre so einfach, bei Patrick Zimmers zweitem Album nach möglichen Klischees zu suchen, sie zu finden und sich bestätigt zu fühlen - im Negativen wie im Positiven. Aber das wäre zu einfach. Vielmehr geht es darum, sich von den Assoziationen zu lösen, die Zimmer mit seinem Alter Ego finn. und „Expose Yourself To Lower Education“ von 2003 weckte: ein verträumter, etwas weinerlicher Endzwanziger mit dem musikalischen Puls eines Bären im Winterschlaf; die fragile Kopfstimme inmitten schwelgerischer Klangflächen; seine Comicfigur, die auch bei „The Ayes Will Have It” mit großen, scheuen Augen vom Cover blickt. Vieles macht finn. richtig: richtige Stadt (Hamburg), richtiges Label (Sunday Service), richtige Single („Electrify“ mit kräftig pluckernden Konserven-Beats, Streichern und einem eingängigen Refrain). Ansonsten bleibt finn. weiterhin finn., wechselt nicht nur bei „Speculate, Speculate“ oder „No, I’m Not“ zwischen Ballade, Pop und Pop-Ballade. So hat Patrick Zimmer eine heimelige Nische für sich geschaffen, die an manchen Tagen gewaltig nervt und an anderen einem den Tag rettet. Der Albumtitel sagt es bereits: Die Mehrheit wird dafür sein.

Like A Stuntman müssen sich ein solches Trademark erst noch erspielen. Das Quartett aus dem Großraum Frankfurt/Darmstadt ließ erstmals mit seinem Beitrag auf dem The Fall-Tribut „Perverted by Marc E.” aufhorchen - nun folgt das Debütalbum „Fresh Air Is Not The Worst Thing In Town“ von Sven Fritz (Gesang, Gitarre), Matthias Gros (Bass), Christian Fleck (Tasten, Synthesizer) und Tobias Ullrich (Schlagzeug). Immer inklusive: angenehm verquere Ideen, kantige Arrangements und überraschende Wendungen, wenn beispielsweise ein Schlagzeugwirbel bei „Kingkongs” (Hit!) einen folgenden Höhepunkt vortäuscht und stattdessen den Song abrupt beendet. Indietronic? Okay, bei einer Betonung auf Indie. Namen merken, Platte kaufen und zu ihren Konzerten gehen.

Intro-Review #129


Maximo Park: A Certain Trigger (Warp/Rough Trade)

Man kommt ja kaum zum Durchatmen bei der Dichte an verheißungsvollen Namen aus Großbritannien: Franz Ferdinand, Bloc Party und jetzt Maximo Park…eine Band verspricht größer zu sein als der Vorgänger, jeweils von Null auf Hundert. Findet der Hörer überhaupt noch die Zeit, um die Songs gebührend auf sich wirken zu lassen? „A Certain Trigger“ ist erst das Debüt der fünf jungen Herren aus Newcastle - und bereits über alle Maßen brillant. Mit einer unruhigen Songstruktur und vielen Breaks, im Zaun gehalten von Produzent Paul Epworth. Mal klingen sie wie The Jam, mal wie XTC, aber immer very british. Dazu Sänger Paul Smith, der über die fiebrige, instrumentale Leidenschaft knackige Slogans setzt. Anspieltipps? Track 1 bis Track 13. O-Ton: „Andere Bands mögen es vielleicht, wenn sie Teil von etwas Großem werden. Wir sind Maximo Park. Wir wollen eine dieser Referenzbands werden.“ Bitte schön! 5/5


Benjamin Diamond: Out Of Myself (!K7/Rough Trade)

Wer gedacht hatte, dass sich Benjamin Diamond nach Stardust und deren Hit „Music Sounds Better With You” auf Lebzeiten dem French House verpflichten würde, irrt gewaltig. Anscheinend steht Sänger und Produzent Diamond mehr auf Madchester-Ikonen als auf Pariser Bar-Beschallung: Sein zweites Album unter eigenem Namen offenbart klassisches Pop-Songwriting mit anglophiler Grundstimmung, analogen Instrumenten und Streicherharmonie. Wenn in vier Minuten derart gekonnt süße Melancholie wie beim Titelsong oder „Mr. Fate“ heraus springt, muss ihm zu dieser Identitätsfindung von Herzen gratuliert werden; auch zu „I Wish“, einer tiefen Verbeugung vor New Order, ohne vornüber zu fallen. Nicht sämtliche Songs wirken zwingend und verlieren sich teilweise in Popseligkeit. Aber diese schwer zu beschreibende Leichtigkeit, die das gesamte Album durchzieht, macht vieles wett. 3/5


Turbonegro: Party Animals (Burning Heart/SPV)

„If I ran for election, would you support my erection“ fragt Hank van Helvete grölend bei „Blow Me (Like The Wind)“ - und er meint das auch so. Die sechs hübschen Norwegerbuben, ausgestattet mit grenzdebilen Texten und geschmacklosem Make-up, lassen die Sau raus! Mit bewährten Riffs von Gitarrist Euroboy zelebrieren Turbonegro eingängigen Rock, den es schon zigmal in dieser Form bei AC/DC oder den Ramones gegeben hat. Ideenlos versus traditionell. „Party Animals“ findet sich in der Schnittmenge der Alben „Scandinavian Leather“ (verspielter Pomp) und „Apocalypse Dudes“ (ungeschliffene Härte) wieder: Bei „Babylon Forever“ und „City Of Satan“ mündet es in bombastischen Stadionrock, mit opulenter Unterstützung des Norwegischen Radioorchesters. Nicht nur die Mitglieder der Turbojugend werden allen Grund haben, ihre Partytiere abzufeiern. Der Rest schüttelt den Kopf. 3/5

 

Stephen Malkmus: Face The Truth (Domino/Rough Trade)

Stephen Malkmus gehört zu den Songschreibern, die den Absprung nach der Bandauflösung schafften und in Würde eine Solokarriere starteten. Den Sound von Pavement hat Malkmus auch elf Jahre nach „Crooked Rain, Crooked Rain“ beibehalten – zu sehr prägte er die Indie-Band als deren Sänger und Gitarrist: die Saiten immer knapp an der wohltemperierten Stimmung vorbei, eine verschroben rumpelnde Rhythmusgruppe und darüber die charakteristische, unverwüstliche Stimme des Kapitäns. Stellvertretend für die liebevoll arrangierten Songs im LoFi-Gewand steht „Post-Paint Baby“, unterschwellig angereichert mit der verwegenen Lässigkeit und hörbaren Erfahrung als Bandleader. „Freeze The Saints“ flirtet mit Country, „Kindling For The Master“ dreht Disco auf links. Zwar ist das Ganze nicht mehr auf dem neusten Stand der Dinge, aber vielleicht gerade deswegen so angenehm. 4/5

 

Diverse: Future Sound of Jazz Vol.10 (Compost/Groove Attack)

Jazz ist zwar Ausgangs-, aber bei weitem nicht Endpunkt bei der Compilation-Reihe „Future Sound of Jazz“. Denn Michael Reinboth, Chef des Münchner Compost-Labels, stellt keine verstaubten Archivleichen zusammen, sondern viel auf CD bisher unveröffentlichtes Songmaterial aus dem weiträumigen JazzNotJazz-Sektor. Es wird weitergedacht, innovativ und scheuklappenfrei, mit einer jeweils wechselnden Grundstimmung: In der Jubiläumsausgabe dominieren elektronisch-raue und technoide Tracks, dank Michael Mettke und Jan Krause aka Beanfield in ein stimmiges Set gebracht. Die Beiträge von Fred Everything feat. The New Mastersounds, Ricardo Villalobos oder General Electrics bilden somit einen heterogenen Hybrid, der sich ergänzt statt abzustoßen. Der Abschluss-Song „La Ritournelle“ (Sebastian Tellier) ist ohnehin über alle Zweifel erhaben. 4/5

 

Kettcar: Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen (GHvC/Indigo)

Kettcar gehören sicherlich zu den Bands, denen man den Charts-Einstieg und Plattenverkäufe im zwölfstelligen Bereich gönnt - und mit dem aktuellen Album auch zutraut. Denn Kettcar spielen nette deutsche IndiePop-Songs auf einem tollen Label, sozusagen von netten Menschen für nette Menschen. Die Herren aus Hamburg sind zudem über alle Maßen unprätentiös und allürenfrei. Ob es allerdings das Wichtigste ist, was es derzeit aus D-Land zu hören gibt, mag angezweifelt werden. Die gepresste Dringlichkeit in Marcus Wiebuschs Stimme ist weiterhin Geschmacksache, ebenso das plumpe und doofrockende Moment der Gitarren, etwa im Refrain von „Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern“ oder „Tränengas im High-End-Leben“. Aber es wird vieles richtig gemacht: ausgereiftes Songwriting, wunderschöne Textzeilen oder die dezenten Arrangements von Klavier und Gitarren in vielen Strophen. Bin also nicht angefixt, gebe die Hoffnung aber nicht auf. 3/5


This Beautiful Mess: Temper The Wind To The Shorn Lamb (Decoder/Sony)

Albumtitel, Cover-Artwork und Texte passen perfekt zur Attitüde der holländischen Band This Beautiful Mess. Textprobe gefällig? Gerne: „I’m as guilty as hell / lost and found again / I’m found and still lost / get me off your list“ (aus: „For Me Ten Others“). Da trieft es nur so vor Befindlichkeiten, Hoffnung und Verzweiflung. Die Formation um Sänger Arjen van Wijk stirbt auf ihrem Zweitalbum beinahe in Schönheit und erinnert in ihrer Intensität an Coldplay oder Travis. Songs wie „Up The Barricades“ sind bester Emorock bzw. das, was man sich unter melancholisch getragenem Rocksound gemeinhin vorstellt. Unglücklich fällt Lydia Wevers Gesangsunterstützung aus, die etwas Schülerband-Charakter aufkommen lässt. Aber den Vorwurf eines Radiohead-Plagiats kann ich nicht bestätigen – stattdessen freue ich mich umso mehr über eine Band aus den Niederlanden, deren Namen man sich merken sollte. So viele gibt es davon nicht, oder? 3/5

 

Mathias Schaffhäuser: Coincidance (Ware/Alive)

„Ich halte mich nicht für innovativ, trotzdem aber für zeitgemäß und zeitrelevant. Und das muss es auch bleiben.“ Das sind die Worte von Mathias Schaffhäuser, Kölner DJ, Produzent und Remixer; beheimatet bei seinem eigenen Kölner Ware-Label, auf dem auch Markus Guentner, Coloma oder Hans Nieswandt Platten veröffentlichen. Der Minimal-Techno-House des aktuellen Albums „Coincidance“ - mit Logic in Form gebracht - verfolgt zwei Ebenen: Zum einen will das Gehörte umgesetzt werden in Tanz, in Bewegung, in Abfahrt! „November Reign“, „Episode X (Sneak Preview)“ oder der Titelsong lassen da keinen Zweifel aufkommen. Zum anderen erfordern die Songs Aufmerksamkeit, um subtile Prozesse zu erkennen und eine gewisse Unnahbarkeit („Operation 3“) zu überwinden. „Dear Elliott“ widmete Schaffhäuser dem 2003 verstorbenen Singer/Songwriter Elliott Smith. Feine Geste, feines Album. 4/5

 

Hofuku Sochi: Min Tek (Popup/edel Contraire)

Neun Jahre nach der „DJ Kicks“-Compilation von Kruder & Dorfmeister gibt es die nächste Generation von CaféBar-Beschallung: Hofuku Sochi. Hinter dem fernöstlichen Pseudonym verbergen sich Stachy, DJ und ehemaliger Schlagzeuger der legendären HipHop-Crew Fischmob sowie sein Partner Torben Krüger. Deren Ambient-Elektronik wurde bewusst klein gehalten, beinahe introvertiert, mit zarten rhythmischen Figuren („Senkai“) oder spärlichen Filter-Bässen („Sakusan“). Viel Zeit hat das Duo ins Land streichen lassen, und genau so unaufgeregt klingt auch „Min Tek“, was auf phantasieplattdeutsch für „Meine Technik“ stehen könnte. Meine weichen Synthieflächen, meine pulsierenden Tiefenfrequenzen, mein Chillout. Zwar reicht das nicht immer aus, um mit einem Schrei vom Sofa aufzuspringen, aber geschmackvolles Abhängen hat auch seinen Reiz. 3/5

 


Mando Diao: Hurricane Bar (EMI)

In Borlänge, der Heimatstadt von Mando Diao, heißt eine Kaschemme „Hurricane Bar“. Dort hatte der schwedische Vierer Mitte der Neunziger seine ersten Auftritte. Zeitsprung. Mittlerweile glänzen die Großmäuler mit Sprüchen à la „We’re the best band in the world“ – und das angesichts des zweiten (!) Albums. Ganz so ungestüm wie das Debüt „Bring ’Em In“ fällt der Nachfolger nicht aus, zumal dafür auch Produzent Richard Rainey (sonst für U2 aktiv) gesorgt haben wird. Das kongeniale Songwriter-Paar Gustaf Norén und Björn Dixgård zeigt aber weiterhin ein geschicktes Händchen für rauen Sixties-Pop („Annie’s Angle“) und energetischen Rock’n’Roll wie bei „Down In The Past“; oder auch „God Knows“, ein Song, den die Gallagher-Brüder wohl gerne geschrieben hätten. Die Indie-Disco deines Vertrauens kommt an den Skandinaviern in nächster Zeit nicht vorbei. Und das ist gut so! 4/5

 

Moneybrother: To Die Alone (Burning Heart/SPV)

Der Balkon kann vom Unrat des Winters entrümpelt werden, die Hormone geraten wieder in Wallung, Mensch und Pflanzentriebe recken sich zum Licht: Es ist Frühling. Die Musik von Moneybrother alias Anders Wendin könnte dazu als Soundtrack dienen. Souligen Gitarrenrock kombiniert der Schwede mit Klavier und Streichern zu einem brodelnden Bombastknäuel. Es ist diese ungeschliffene Unruhe, besonders im leidenschaftlichen Gesang, die jedoch keinesfalls aufgesetzt wirkt. Stattdessen suhlt sich der Hörer im hymnischen Pathos, wenn Wendin inbrünstig nach Liebe fleht - und sie ihm aus vollem Herzen zugeflogen kommt: Eine Freundin unterschrieb ihre e-Mail kürzlich mit den Worten „moneybrother-schmacht-seufz“. „I’m Not Ready For It, Jo“ führt die Joanna-Story vom gefeierten Vorgänger „Blood Panic“ („It’s Been Hurting All The Way With You, Joanna“) fort. Ein Höhepunkt: der Rock`n`Roll bei „My `Lil Girl’s Straight From Heaven“. 4/5

 


Bloc Party: Silent Alarm (V2/Rough Trade)

Das Debüt von Bloc Party steht exemplarisch für das seltene Phänomen, dass ein Album sofort beim ersten Höreindruck zündet, sich die Songmelodien nach fünf Durchgängen ins Hirn gefräst haben und die CD auch nach Wochen nicht aus der unmittelbaren Nähe des Players verschwindet. Und dann mit Kele Okereke (Jahrgang `81) als Sänger und Gitarrist auch noch ein Schwarzer in der weißen IndieRock-Welt - geht das denn? Ja, das geht super! Die Single-Hits „Banquet“ und „Helicopter“ haben es mit rockender Leichtigkeit vorgemacht, doch „Silent Alarm“ überzeugt vor allem wegen seiner durchgehenden Qualität. Songwriting, Texte, Sounds, Emotionen: alle Faktoren sind außergewöhnlich und/oder eigenständig. Komplettiert wird das ganzheitliche Bild des britischen Vierers durch die ruhigeren Stücke „Blue Light“ und „This Modern Love“. Ein Blockbuster von einem Album! 5/5

 


Out Hud: Let Us Never Speak Of It Again (!K7/Rough Trade)

Out Hud leben in New York. Wo sonst? Der Schmelztiegel vom Big Apple ist weiterhin beliebte Inspirationsquelle, und Bands, die sich an ihr laben, angesagter denn je. Das Quintett nutzt die Gunst der Stunde, um das Profil seines zweiten Albums „Let Us Never Speak Of It Again“ nachhaltig in den schwammigen Begriffszirkus zwischen No Wave und Mutant Disco zu platzieren. Dance trifft auf die ungestüme Kraft des Rock, wenn Schlagzeug und Bass als symbiotische Einheit agieren und im steten Beat ein „Four to the floor“-Gefühl imitieren. Sängerin Forbes darf sich auf der Single „One Life To Leave“ und dem ElektroPop-Song „Old Nude“ verstärkt austoben, unterstützt von Funk-Gitarre und rhythmischen Handclaps. Parallelen zu !!! und LCD Soundsystem kommen nicht von ungefähr, spielen doch drei bzw. einer (Bassist Tyler Pope) in den gleichgesinnten Formationen. Absolut stimmiger Zeitgeist. 4/5

 

LCD Soundsystem: LCD Soundsystem (DFA/EMI)

Die Welt ist eine Discokugel, die auf dem Cover des selbstbetitelten LCD Soundsystem-Debüts von James Murphy glänzt. Die Doppel-CD inklusive der Single-Zusammenstellung wagt den Schritt ins New York von 1980 – und gewinnt! An der Schnittstelle zwischen Rock-Gitarren und House-Beats (perfektioniert bei „Tribulations“) gelingt LCD Soundsystem ein eklektisches Meisterwerk: Zwischen den Extremen einer hochgelungenen Kraftwerk-Verbeugung und unüberhörbaren Affinitäten zu The Fall breitet sich eine musikalische und lyrische Bandbreite aus, die mit Abwechslungsreichtum nur ansatzweise umschrieben werden kann. Murphy und sein Partner Tim Goldsworthy beweisen auf dem angesagten DFA-Label, dass sie nicht nur Ärsche, sondern auch Emotionen bewegen können. Eine abgebrühte Dreckigkeit funkelt in jedem Ton und jeder Zeile. Wer The Rapture oder Bloc Party mag, wird LCD Soundsystem lieben! 5/5

 

Archer Prewitt: Wilderness (Thrill Jockey/Rough Trade)

Da zahl ich gerne fünf Euro ins Phrasenschwein: Die Musik von Archer Prewitt ist zeitlos schön! Multiinstrumentalist Prewitt, der ansonsten bei The Sea And Cake in die Saiten greift, pflegt auf seinem vierten Solo-Album gehobenen FolkPop, der in Arrangements im Stile von Burt Bacharach, Brian Wilson oder den Beatles verwoben wird. In vornehmer Zurückhaltung besingt er mit ruhiger und sanfter Stimme jegliche Form von Liebesbeziehungen, unterlegt mit akustischer Gitarre, Mellotron, Glockenspiel und Streichern. Anders als bei der restlichen Chicago-Clique zwischen Tortoise und Jim O’Rourke lässt „Wilderness“ den Hörer beinahe in Schönheit sterben, aber das soll manchmal auch so sein. Wenn Geige und Mundharmonika im Verlauf von „Go Away“ den Song verdichten, sich immer bezauberndere Konturen herausschälen, dann quiekt das Herz vor Freude. 4/5

 

A Guy Called Gerald: To All Things What They Need (!K7/Rough Trade)

Gerald Simpson, ein Pionier von diversen Clubmusik-Spielarten, orientiert sich verstärkt in Richtung Pop. Zwar vermischt der Wahl-Berliner aus Manchester weiterhin genreübergreifend Techno, House und Drum’n’Bass, jedoch mit ganz weichem Spannungsbogen: Blubbernde Flächen und nicht von diesem Planeten stammende Soundscapes prägen das atmosphärisch-futuristische Extrakt aus fast zwei Jahrzehnten seiner Produzenten- und DJ-Tätigkeit. Ursula Rucker („Millenium Sanhedrin“) und Finley Quaye („Strangest Changes“) als Gastvokalisten sorgen dabei für menschliche Wärme im Digital-Labor. Auch wenn Simpson die Beseeltheit seiner Tracks anpreist, vermisst man im Wohnzimmer den packenden Zugang. Als Gründungsmitglied von 808 State hat A Guy Called Gerald bereits Geschichte geschrieben, hier verwaltet er lediglich sein Epigonentum. 2/5

 

…And You Will Know Us By The Trail Of Dead: Worlds Apart (Interscope/Universal)

„Rock’n’Roll ist wehleidig geworden, alle beklagen sich nur“ erzählt Conrad Keely, Kopf der Band aus Austin (Texas) mit dem irrsinnig langen Namen. Sein Gegenmittel: es besser machen. Gemeinsam mit Jason Reece und Kevin Allen schmieden Trail Of Dead zum vierten Mal Rock in all seinen Facetten, sei es sinfonisch, wütend, lebendig, mitreißend oder überraschend. Im Wechselspiel von Aggressivität und Ruhe, Lärm und Schönklang, Helligkeit und Dunkelheit bricht die Indie-Band zwischenzeitlich sogar in Musical-Bombast („A Classic Arts Showcase“) und Pomp aus. Keely flüstert, Keely schreit. Dazwischen unterstützen Dschungelgeräusche oder Kinderstimmen die Achterbahnfahrt der Eindrücke. Trotz ihres oft abschätzigen Verhaltens gegenüber Journalisten, Kollegen und Instrumenten muss man Trail Of Dead zugestehen: Diese Platte ist wirklich großartig und verwöhnt mit Melodien, die ihresgleichen suchen! 5/5

 

Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen (L’Age d’Or/Rough Trade)

Trainingsjackenträger aller Länder, vereinigt euch? Nein, die Parolen für eine Jugendbewegung gehören der Vergangenheit an. Bei „K.O.O.K.“ wiesen Tocotronic auf diesen Schritt bereits hin, der bei „Tocotronic“ verdeutlicht wurde und nun mit entschlackter Produktion manifestiert scheint. Das Hamburger Quartett – Gitarrist Rick McPhail sitzt als viertes Mitglied fest mit im Boot – zeigt sich musikalisch gereift, nicht aber gesetzt, denn pure Vernunft darf niemals siegen! Der Protest wird jedoch mittlerweile durch subtilere Gesten als durch Verstärkeraufreißen vermittelt, auch und vor allem in Dirk von Lowtzows Texten. Zahllose bedeutungsschwangere Metaphern und Interpretationsskizzen ranken sich um die Illusion, ein Mittel gegen die Diktatur der Angepassten zu sein. Bisweilen wird der Bogen überspannt, wenn die Refrains von „Gegen den Strich“ und dem Titelsong unangenehm auffallen. Aber die Aussage kommt an. 4/5

 


NMFarner: Die Stadt (Labels/EMI)

Ein wahres Trio Infernale: der Züricher Zeichner Christian „Chrigel“ Farner (auch Schlagzeuger bei Knarf Rellöm) plus Masha Qrella und Norman Nitzsche von den Berliner Bands Mina und Contriva. Viele Referenz, viel Ehr. Die Coverversion von „Unsere Stadt“ (Die Regierung) war der Ursprung, aus der diese ungeplante Scheibe geboren wurde, um Lebendigkeit zu leben. Born to be alive! NMFarner spielen 80er Punk, wie ihn The Fall, Gang Of Four oder die Goldenen Zitronen betrieben: laut, hektisch, pulsierend. Ein Querstellen in Zeiten der Eintönigkeit, mit Gitarre, verzerrtem Bass, rumpelndem Schlagzeug und Billigelektronik. Bis auf zwei englischsprachige Ausnahmen auf deutsch, mischen sich fordernde Statements und absolute Tanzpflicht zu einem energetisch hochkonzentrierten Extrakt. Am 28. Januar als Vorband der Sterne live in der Pumpe. Das fünfte Lied spricht es aus: „Das find’ ich sehr gut!“ 4/5

 


Adam Green: Gemstones (Sanctuary/Rough Trade)

Adam Green, Sänger der Moldy Peaches, erfreut sich hierzulande einer bemerkenswerten Popularität. Junge Mädchen finden seine dunklen Wuschellocken niedlich, der anspruchsvolle Hörer liest zwischen den Zeilen eine ironische Brechung des 23-jährigen New Yorkers, während der Rest seine eingängigen Melodien pfeift. Und niemand stört sich daran, dass Green unschuldig frivol über Sex mit Beinamputierten singt. Konsens regelt alles! „Gemstones“, das dritte Solo-Album, spielt weiterhin mit dem Kontrast zwischen Broadway-Bombast, LoFi-Folk, Pop und drastisch-absurden Texten mit zotigen Themen. Und: Es ist irgendwie großartig! Denn Adam Green besitzt die Stimme, die Nonchalance und die Selbstverständlichkeit eines Künstlers, der in einer halben Stunde alles gesagt, sein Pulver aber noch lange nicht verschossen hat. 5/5

 

Das Pop: The Human Thing (Haldern Pop/Cargo)

„You, you break my heart/ you tear me up in so many parts/ one part for you and one for me“…trallala, es ist Das Pop-Zeit! Weniger Hirn und dafür mehr Gefühl wollten die Belgier in ihr Zweitalbum legen, wodurch die Songs eine beinahe romantisch verklärte Note bekommen. Die vier Jungs spielen ruhigen Gitarren-Pop, der meist süß und verschmitzt wie ihr gesamtes Image wirkt, aber kurz vor einer gewissen Belanglosigkeit stets die Kurve bekommt. Als famose Live-Band wissen sie dann mit mehr Druck („We Live Again“) und cleveren Harmonien („Feel Good Factors“) die musikalische Spannung zu halten. „You“ beziehungsweise „Du“ (als Bonustrack) bilden nicht nur den Rahmen von „The Human Thing“, sondern gleichzeitig auch die Höhepunkte des Albums: „Du, du brichst mein Herz/ du spaltest mich in Stücke links und rechts/ ein Stück für dich, und eins für mich“. 3/5

 

Tele: Wovon sollen wir leben (Motor/Universal)

Einer Gratwanderung zwischen Opulenz und Kitsch, Emotionalität und Peinlichkeit kommt das Zweitwerk von Tele gleich. Das in Freiburg gegründete und mittlerweile in Berlin lebende Quintett bedient sich mit einer Selbstverständlichkeit an 80er-Synthie-Sounds und theatralischen Saxofonsoli, das der geplagte Hörer deutschsprachiger Bands verblüfft vor der Anlage sitzt. Und staunt: über die Verknüpfung von Intelligenz und Seele sowohl bei den Texten als auch beim Songwriting; über Francesco Wilkings Stimme, die intime Berührtheit ohne Fremdscham schafft; über die variablen Referenzen Steely Dan, Prefab Sprout oder James Taylor; über entspannten Funk ohne Frickeleien, deutschen Soul ohne Xavier Naidoo oder die Söhne Mannheims. In der Single „Falschrum“ singen sie: „Ich hab lange gebraucht, um zu verstehen, dass immer Zeichen und nie Wunder geschehen“. Das hier ist doch ein Anfang! 4/5

 


The Toy Dolls: Our Last Album? (SPV)

Der debil grinsende Party-Punk der Toy Dolls ist wieder zurück! Michael „Olga“ Algar und seine Mannen von der britischen Insel befolgen auf „Our Last Album?” das gleiche Rezept, das sie seit 25 Jahren, Hits wie „Yul Brynner Is A Skinhead“ oder „Nellie The Elephant“ und 8527 weiteren Veröffentlichungen beherrschen: die schnelle Drei-Minuten-Nummer mit Intro, Refrain zum Mitgrölen, Background-Chor wie im Fußballstadion, Gitarrensolo und Outro. Anachronistisch? Aber hallo! Doch Dreiakkord-Song haben schon Leben gerettet. Und mal ehrlich: Welcher Band würde man eine auf dem Kamm geblasene „The Final Countdown“-Persiflage zutrauen, oder vielmehr: verzeihen? Es bleibt der gewohnte Toy Dolls-Humor, die hochgepitchte Frontstimme von Olga und die Erkenntnis, dass es sicher wichtigere Platten als diese gibt. Aber wer will das schon entscheiden? 3/5

 

Minus 8: Eclectica (Stereo Deluxe/Soulfood)

Da glaubt man, aus der abgegriffenen, leicht schmierigen Schublade „Downbeat/Café-Bar/Club“ könne nichts spannendes mehr herauskommen. Und dann, zack, beweist Minus 8 mit „Eclectica“ gleich mal das komplette Gegenteil. Robert Jan Meyer, neben seiner Tätigkeit als DJ, Produzent und Remixer mittlerweile auch A&R-Manager des Mole Listening Pearls-Labels, macht auf seiner fünften Langspielplatte eigentlich alles richtig. Während er den Vorgänger „Minuit“ noch stark mit Brasil-Rhythmen versetzte, tragen nun Soul, HipHop, Ragga und einige schnellere, clubtaugliche Stücke zur Vielseitigkeit des Albums bei. Insofern kommt der Titel nicht von ungefähr, auch wenn 'eklektisch' in der Musikjournaille beinahe so oft ge- und missbraucht wird wie 'authentisch'. Aber der Sound, die Leichtigkeit der Arrangements sowie der Einsatz von internationalen Studiogästen sprechen für den Züricher. Kompliment! 5/5

 

Daddy G: DJ Kicks (!K7/Rough Trade)

Massive Attack als Band gehört der Vergangenheit an, doch Grant „Daddy G“ Marshall verkörpert weiterhin die Musik und den Geist der südenglischen Bristol-Crew. In seinem Mix für die immer wieder hervorragende DJ Kicks-Reihe bündelt Daddy G keine raren Schätze aus verstaubten Archiven, sondern seine Lieblingssongs, die er stets in der Plattenkiste dabei hat – egal, wo bekannt sie auch sein mögen. Von Tricky bis zu Aretha Franklin, von Nusrat Fateh Ali Khan bis Foxy Brown reicht das Set im Blick zurück auf Inspirationsgeber, Freunde oder Kollegen, die Daddy G in den letzten 15 Jahren begleiteten. Der Sound System-Kultur wird mit Willie Williams und Sound Dimension gefrönt und die Stützen HipHop und Reggae multikulturell umspült (Les Negresses Vertes, Badmarsh & Shri). Drei Massive Attack-Songs, teilweise in neuen Bearbeitungen, sind auch eingebunden – selbstredend. 3/5

 


Styrofoam: Nothing’s Lost (Morr Music/Indigo)

“Nothing’s Lost“ sollte ursprünglich eine Show zum 25. Geburtstag des Brüsseler Clubs Ancienne Belgique werden. Doch im Laufe der Aufnahmen entschlossen sich dessen künstlerischer Leiter Kurt Overbergh und der Styrofoam-Mann Arne van Petegem zu einer gewöhnlichen Album-Veröffentlichung - die alles andere als gewöhnlich klingt: Dank so illustrer Gäste wie Valerie Trebeljahr (Lali Puna), Markus Acher (The Notwist), Ben Gibbard (Death Cab For Cutie, The Postal Service) und Anticon-HipHop-Künstler Alias erfahren die Songs vielseitige und ausgefeilte Einflüsse. Absolut repräsentativ für das Morr Music-Label werden elektronische Beats weich in Indie-Songwriting gebettet, überwinden die Arrangements zahlreiche Genregrenzen und bleiben doch Pop. „Beequeen“ oder „Couches In Alleys“ sind nur zwei von vielen Höhepunkten dieses All-Star-Projekts. 5/5

 


Stephan-Max Wirth Ensemble: Illumination (Bos Rec/JARO Medien)

Der Weg ist beim Stephan-Max Wirth Ensemble das Ziel, das die Erleuchtung bringt: Auf einem gemeinsam vorgestellten Thema aufbauend, setzt jeder der Akteure feine Akzente, zieht eigene Bahnen, um schließlich wieder im Bandgefüge aufgenommen zu werden. Der 36-jährige Bandleader am Tenorsaxofon nutzt in den Eigenkompositionen den gebotenen Raum für die ganze Bandbreite von Stimmungen, mal mit weichem, sehnsüchtigem Ton („Illumination“), mal rauchig oder herrlich schräg („Seven“). Julia Hülsmann glänzt am Fender Rhodes mit wabernden Sounds, während Frank Wingold (Gitarre, Sitar), Stefan Weeke (Bass) und Marcel van Cleef an den Drums für weitere geschichtete Klangflächen sorgen. Modern Jazz, der an Alice Coltrane, Isaac Hayes oder die Miles Davis-Platten der frühen Siebziger erinnert, und doch völlig eigenständig bleibt. Am 24.11. gastiert das SWE live im Luna. 4/5

 


Mos Def: The New Danger (Geffen/Universal)

Endlich gibt es Frischware von Mos Def, dem begnadeten HipHop-Tausendsassa! Der Meilenstein „Black On Both Sides“ stammt immerhin von 1999, und seitdem stieg Mos Def, im bürgerlichen Leben Dante Smith, verstärkt auf die Schauspielerei um (29 Auftritte in TV- und Kinofilmen) oder machte mit diversen Studioeinsätzen bei Kollegen (zuletzt Kanye West) auf sich aufmerksam. „The New Danger“ lässt die Wartezeit verschmerzen: Sein Rap-Stil bleibt unangetastet erlesen, so dass selbst die Parental Advisory-Wörter (‚bitch’, ‚nigger’, etc.) ein phonologischer Genuss sind. Die Single “Sunshine” wird untermalt mit einem “Hair”-Sample, “Close Edge” dient als Grandmaster Flash-Reminiszenz, „Modern Marvel“ verneigt sich vor Marvin Gaye. Zum Glück bleibt die Metal-Gitarre bis auf „Freaky Black Greetings“ und „War“ im Schrank – die braucht in diesem Kontext niemand! 4/5

 

Ian Brown: Solarized (Polydor/Universal)

Es fällt schwer, Ian Brown losgelöst von seiner Vergangenheit als Stone Roses-Sänger zu hören. Zu groß scheint der Einfluss der Band, die neben den Charlatans und Happy Mondays mit nur zwei Platten gegen Ende der Achtziger die Madchester-Welle auslöste. Doch der 41-Jährige nimmt die Hürde mit bewährten Mitteln und bleibt auf seinem vierten Soloalbum dem britischen Gitarrenrock mit subtilen Elektronikelementen treu. Der Opener „Longsight M13“ punktet mit dem beinahe anachronistisch anmutenden Beat der Acid-Ära und “Time Is My Everything” bekommt dank der Mariachi-Trompeten einen frischen Sound. Noel Gallagher betrieb Nachbarschaftshilfe, indem er den Song „Keep What Ya Got“ komponierte und auch gleich im Studio umsetzte. Ansonsten lebt „Solarized“ besonders vom Wiedererkennungswert des Brown’schen Timbres – und das verheißt nur Gutes. 3/5

 


Joy Denalane: Mamani Live (Four Music/Sony)

Im Sommer 2002 krachte das Debütalbum „Mamani“ von Joy Denalane in die grassierende Casting-Manie und sprach damit vielen Individualitätshungrigen aus der Seele. Endlich gab es eine Künstlerin, die deutschen Soul auf ehrliche Art und internationalem Niveau verkörpert. Dabei half der Sängerin sicher auch der Exotenbonus als Tochter einer Heidelbergerin und eines Südafrikaners. Die Live-Aufnahme dokumentiert das diesjährige Konzert im Berliner Tränenpalast, bei dem Denalane ihre bewährte Mixtur aus Soul, Jazz, Pop, Funk und Afrobeat in acht Songs bündelte. Neben den Groove-Nummern „Was auch immer“ und „Sag’s mir“ wird genauso eine Prince-Interpretation von „Sign O’ The Times“ vom Publikum gefeiert. Hoffentlich vermeidet Denalane auch zukünftig ihre eigenen Worte: „Die Stimme geht hoch/ die Texte gehen flach […] wer oben schwimmen will/ vermeidet Tiefgang“. 3/5

Jazz thing-Review #56

 


Klee: Jelängerjelieber (Ministry Of Sound/edel)

„Jelängerjelieber“ ist nicht nur der Titel des zweiten Klee-Albums, sondern auch die umgangssprachliche Bezeichnung für Geißblatt: eine Pflanze, deren betörender Duft in der Naturheilkunde genutzt wird, um Menschen, die sich mit nostalgischen Gefühlen an der Vergangenheit klammern, das Leben in der Gegenwart zu erleichtern. So bilden Schönheit und Romantik die stärksten künstlerischen Merkmale des Kölner Trios. Suzie Kerstgens, Tom Deininger und Sten Servaes achten beim Songwriting auf Klarheit und Transparenz und vertrauen weniger auf Effekte und Schnörkeleien – wenngleich Suzies süßer Gesang stark mit Hall belegt wird. Klares Plus: Klee nerven nicht. Weder mit den Songtexten, von denen Tom Liwa zwei schrieb, noch mit den eingängigen Arrangements. „Für alle, die“ oder „2 Fragen“ beispielsweise steht für feinsten Gitarrenpop. 3/5

 

 

Etienne de Crécy: Super Discount 2 (PIAS/Rough Trade)

Zur Blütezeit des French House veröffentlichte Etienne de Crécy den ersten Teil von „Super Discount“ und kollaborierte damals mit Air und Alex Gopher. Auch jetzt, sechs Jahre später, erfreut sich dieser hedonistische Stils weiterhin bester Gesundheit. Mithilfe neuer, französischer Talente wie Philippe Zdar oder Julien Delfaud verknüpft der Pariser Produzent und Label-Eigner Electro, Techno und House im trauten Miteinander. Doch statt die zurückhaltend-elegante Richtung des Vorgängers fortzusetzen, spielt de Crécy diesmal verstärkt mit Tempo, Dynamik und Sounds. Ohne den homogenen Gesamteindruck zu schmälern, bekommen die Songs, die alle Namen von Internet-Musiktauschbörsen tragen, so eine individuelle Note. In grellem Pink dient „Super Discount 2“ auch als Eye-Catcher – und sollte nicht nur in den Plattentaschen der DJs für Aufregung sorgen. 4/5

 

De La Soul: The Grind Date (Sanctuary/Rough Trade)

“3 Feet High And Rising” oder “De La Soul Is Dead” – was waren das Anfang der Neunziger für Alben? HipHop-Meilensteine aus der Feder des De La Soul-Trios, das auch in der Folgezeit stets für hochwertige Produktionen, intelligente Lyrics und eigenwillige Samples stand. „The Grind Date“ mangelt es nicht an überdurchschnittlichen Songs („He Comes“, „Shopping Bags“, „Come On Down“), auch nicht an illustren Mikrogästen (Ghostface, Common, Flava Flav, MF Doom, Sean Paul) - doch der Charme und der Humor früherer Platten scheint auf der Strecke etwas verloren gegangen zu sein. Klar: De La Soul bleiben nicht stehen, gehen stattdessen mit der Zeit und modernisieren ihren Sound. In dieser Form sind Dave, Pos und Mace Hi-Five weiterhin vorne mit dabei, aber nicht mehr einzigartig. Vielleicht auch nur eine Frage der Erwartungshaltung? 3/5

 


Quarks: Quarksland (Home/Sony)

Wenn Jovanka von Willsdorf gleich im Opener mit den Worten “Ich will dich haben/ und eines Tages/ hab ich dich” einsetzt, wird so vieles klar. Es ist das Einfache im Komplizierten, das Schlüssige im Unkonkreten, was den Hörer gefangen nimmt und für die Dauer von „Quarksland“ nicht mehr los lässt. Von Willsdorf und Niels Lorenz sind Quarks aus Berlin, Prenzlauer Berg. Erstaunlich, wie sie vom ersten Takt an deutlich machen, wie geschmackvoll ihr Deutsch-Pop – zwischen akustischer Instrumentierung und elektronischen Elementen – ausfällt. Roher als ihre bisherigen Veröffentlichungen klingen die Songs mit sowohl deutschen als auch englischen Texten - aber gleichzeitig auch dichter. Ganz so, wie es der Bandname vorgibt: Bestandteile von Atomkernen, also komprimiertester Stoff auf kleinstem Raum. Hits der Marke „Vergiss“ oder „I Walk“ gibt es nicht, fehlen aber ebenso wenig. 3/5

 

 

The Soundtrack Of Our Lives: Origin Vol.1 (Warner)

Einst hervorgegangen aus Union Carbide Productions, legen The Soundtrack Of Our Lives um Sänger Ebbot Lundberg nun ihr viertes Album vor. Auf „Origin (Vol.1)“ mischen die Schweden Pop der Beatles, Kinks und 60s-Psychedelic, Stooges-Rock und Alternative von Pavement zu einem typisch skandinavischen Gitarren-Extrakt. Selbst abrupte Tempowechsel vom wild nach vorne preschenden „Mother One Track Mind“ zum gemächlich wiegenden „Midnight Children“ passen in den abwechslungsreichen Kontext des Albums. Neben der Single „Bigtime“ gefällt vor allem „Lone Summer Dream“ mit wunderschöner Melodie und angemessenem Pop-Appeal. Die leicht zerkratzt klingende Stimme des charismatischen Lundberg gibt den Songs die nötige Schippe Dreck mit auf den Weg. Kommt da wohl noch ein Vol.2? Am 18.10. zumindest live in den Hamburger Docks zu sehen. Hingehen! 4/5

 


Swayzak: Loops From the Bergerie (!K7/Rough Trade)

Fortschritt, obwohl ein Schritt zurück? Bei Swayzak und ihrem aktuellen Album kommt dieser Widerspruch zum Tragen: Nach den Laptop-Produktionen der Vergangenheit hatten die beiden Briten David Brown und James Taylor die Zielsetzung, wieder verstärkt analoges Equipment zu verwenden. So bekommt ihr technoider Sound eine wesentlich wärmere Klangfarbe als der ihrer bollernden Kollegen - auch bedingt durch die Studiogäste, die am Mikrofon den elektronisch-minimalen Songstrukturen noch mehr Halt geben. Produzent Kenny Paterson – mittlerweile festes Mitglied von Swayzak – schaffte es, die verschiedenen Gesangscharaktere homogen zu integrieren und die besondere Atmosphäre einzufangen: Ort der Aufnahmen war ein Landhaus in der Nähe von Montpellier, vier Wochen im Sommer 2003. Da verwundert es kaum, dass nicht nur die Single „Another Way“ auf der Tanzfläche und auf dem heimischen Kopfhörer bestens zündet. 4/5

 

Christian Harder: Goodbye Monkey Gravity (Wonder/Indigo)

Gestatten: Christian Harder, 25, Neu-Hamburger seit 1999, Decknamen Kandisquer, The Hypnotoad oder Kid Q, Produzent der Mediengruppe Telekommander. Was Harder auf seinem Debütalbum bereits für eine musikalische Handschrift entwickelt hat, ist wirklich erstaunlich. Dabei konnte er weder Noten lesen noch ein Instrument spielen, doch als Musik-Nerd und Stammgast im Golden Pudel Klub (HH) den Zeitgeist in sich aufsaugen. So zeigt sein Umgang mit Bass-lastigen Schwingern - in seinem Schlafzimmerstudio aufgemöbelt mit Gitarre und Gesang - wie geschmeidig ein Tanzschuh daraus wird. „Musik für unsere Kinder“ führt mit verträumtem Gesang („Träume wachen weiter, als das Auge jemals sieht / Musik für unsere Kinder, die Zukunft spielt ein Lied“) noch angenehm in die Irre, doch danach dominiert ein übermütig stampfender Kick, beispielsweise bei „Grady“. 3/5

 

Diverse: Warp Vision - The Videos 1989-2004 (Warp/Rough Trade)

Verstörend, innovativ, genial, bahnbrechend, unterhaltsam, geschmackvoll – alles Attribute, die bei einer Interpretation der Videokollektion von Warp Records herangeholt werden könnten. Das Elektronik-Label aus Sheffield mit Künstlern wie Aphex Twin, Autechre, Boards Of Canada, Squarepusher, Jimi Tenor, LFO, Plaid oder Nightmares On Wax steht stellvertretend für eine konsequente Firmenpolitik trotz fehlender stilistischer Scheuklappen. Die Videoclips zu den Songs bedienen ebenfalls sämtliche technische Varietäten, realisiert durch Chris Cunningham, Alex Rutterford oder David Slade. Horrorszenen, Gangstershit und Kompositionen aus geometrischen Figuren verdeutlichen die Vielfalt, die zwischen „On“ (Aphex Twin, 1993) und „Gantz Graf“ (Autechre, 2002) liegt. Ein Muss für Film- und Musikfreunde, Warp-Sympathisanten oder an Schönheit interessierte Studenten. 5/5

 

Kings Of Convenience: Riot On An Empty Street (Source/Labels/EMI)

Da hocken sie auf dem flauschigen Teppich, sinnierend, das Schachbrett in der Mitte – das Album-Cover der Kings Of Convenience geizt nicht mit weltklugen Elementen und Sonntagsromantik. Der Slogan-Titel von “Quiet Is The New Loud” prägte 2001 eine neue Bewegung, in deren Folge nicht nur Erlend Øye und Eric Glambek Bøe die fragile Vertonung von Befindlichkeiten zelebrierten. Øye lebt zwar mittlerweile auch sein zweites Ich als ‚singender DJ’ in Berlin aus (Tipp: die diesjährige DJ Kicks-Compilation), doch auf „Riot On An Empty Street“ geben sich die Beiden wieder ganz dem Wohlklang hin. Wunderschöne Melodien, mehrstimmig gehauchter Gesang und reduzierte Gitarren-Arrangements machen die Norweger zu Neo-Folk-Musikern in bester Tradition von Nick Drake oder – passend in der Duo-Konstellation – von Simon & Garfunkel. Songs für die herbstliche Jahreszeit. Und die kommt schneller, als man wahrhaben möchte. 4/5

 

Mark Rae: Into The Depths (Grand Central/Rough Trade)

„Wenn die Musik mich zum Tanzen bringt, möchte ich gar nicht mehr darüber wissen.“ So simpel, so gut. Mark Rae, seit einem Jahrzehnt geschäftstüchtiger Labelchef von Grand Central Records in Manchester, nutzt diese formale Ungezwungenheit als Antrieb für sein musikalisches Schaffen. Als Partner von Steve Christian beim erfolgreichen Produzentenduo Rae & Christian konnte der Brite erste Erfahrungen im Sampling und Songwriting sammeln, die er nach seinem Debütalbum „Rae Road“ nun auch für das Zweitwerk ausspielt. Stilistische Vorlieben wie HipHop, Reggae, House und Northern Soul sammeln sich in einem Schmelztiegel, angereichert mit der bewährten, beseelten Gesangskraft von Veba sowie Pete Simpson. Schon der Opener “Mind, Body & Soul” perfektioniert mit fantastischer Basslinie diesen homogenen Stilmix, der sowohl im Wohnzimmer als auch im Club bestens zum Einsatz kommen kann. 4/5

 

Earl Zinger: Speaker Stack Commandments (!K7/Rough Trade)

Zu Beginn der Neunziger führte Rob Gallagher noch die Acid Jazz-Formation Galliano zu vier Alben und verdientem Ruhm. Doch in dem Londoner steckt mehr: der Drang nach extrovertiertem Ausdruck, nach scheuklappenfreiem Musizieren und dem Ausleben seiner Myriaden an Ideen. Auf „Speaker Stack Commandments“ entlädt sich Earl Zinger wieder mit knapp zwanzig Stücken, Songskizzen und sonstigen Intermezzi. Der typische Spoken-Word-Singsang setzt sich fort, genauso wie die bewährten Reggae- und Dub-Elemente. Manchmal übertreibt es Gallagher mit den abstrusen Texten und der Gag-Dichte am Rande zur Albernheit (allein die ersten Songtitel sprechen für sich: „Deep Throat“, „Shit Is Banging“, „Only The Ridiculous Survive“). Doch er hat sich ein vielfältiges Alter Ego geschaffen, mit dem er sich keinen Marktgesetzen unterordnet oder Kompromisse eingeht. 3/5

 

Von Spar: Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative (L´Age D´Or/Rough Trade)

Von Spar sind nicht einverstanden. Nicht mit der Politik, nicht mit der Gesellschaft. Nach zwei Vorab-EPs transformieren die Kölner Thomas Mahmoud, Philipp Janzen und Christopher Marquez auf dem Debütalbum diese Wut - als bewusster Widerspruch - in Pop. Der klingt nur absolut nicht massenkompatibel, wenn House-Beats von sägenden New-Wave-Gitarren zerschnitten werden und Mahmoud über alles einen geradezu hysterischen Gesang legt. Das Trio dekonstruiert Spätsiebziger-Referenzen und nutzt das kreative Spiel mit Songstrukturen; rastlos, temporeich und ungestüm. Peter Hein (Fehlfarben) und Frank Spilker (Die Sterne) ergänzen als Mikrogäste den großen Wurf. „Noch mehr Plastik!“, „Wir brauchen mehr Dynamit, Regie!“ oder „Ich bin eine Ich-Maschine, ich bin eine Ich-AG“: So klingt Protest von heute - immer inklusive Überraschungseffekt. 4/5

 

Incognito: Adventures In Black Sunshine (edel)

Selbst nach knapp einem Vierteljahrhundert von Incognito veröffentlicht Kreativkopf Jean-Paul "Bluey" Maunick in regelmäßigen Abständen Platte auf Platte, vergleichbar mit einer Song-Brutmaschine. Das Besondere an dem Londoner SoulJazz-Kollektiv: Es sind nicht die großen Namen, Studiomusiker oder Gesten, die den Erfolg ausmachen, sondern das ausgeklügelte System innerhalb dieser Maschinerie. Incognito steht für gleich bleibend hochwertige Qualität, weil auch Bluey hochwertige Arbeit abliefert. Egal, ob ein Song von Inside Life (1991), No Time Like The Future (1999) oder jetzt Adventures In Black Sunshine stammt: Der bläsergetriebene Funk mit etwas Jazz und einem großen Schuss Pop definiert sich nicht über einen Zeitpunkt und funktioniert sowohl mit dem perfekt abgestimmten Soulgesang von Maysa Leaks als auch instrumental bei The 25th Chapter.

Carl Hancock Rux: Apothecary Rx (Giant Step/Alive)

Es gab im vergangenen Jahr einen kurzen Zeitraum, in dem Carl Hancock Rux ein eigenes Schauspiel zu Ende schrieb, ein Buch begann und die ersten Takte des aktuellen Albums Apothecary Rx aufs Notenblatt brachte. Zuviel des Guten? Nicht für Rux, der in New York auf allen drei Baustellen derzeit {sbquo}la dernière cri' ist. Vor kurzem erschien nun sein erster Roman Asphalt, parallel zum zweiten musikalischen Werk, mit dem das Multitalent fünf Jahre nach seinem Debütalbum Rux Revue wieder relativ unbetretende Wege einschlägt: Die Fusion von Jazz, Gospel, Blues und R'n'B lässt Bluegrass-Banjos oder tibetische Gebetschöre (in Trouble Of This World) erklingen, verschließt sich aber einer durchgehenden Handschrift. Allein Rux' Timbre, das frappierende Ähnlichkeit zu Isaac Hayes oder Gil Scott-Heron aufweist, steht als Konstante für anspruchsvolle und preisgekrönte Texte. Gerade deshalb wäre ein Abdruck im Booklet durchaus nützlich und verdient gewesen.

Arrested Development: Among The Trees (edel)

Bei Arrested Development bekommt das gängige HipHop-Bild völlig neue Gesichtspunkte: Statt brennender Mülltonnen im Großstadtghetto verkörpert die 19-köpfige Landkommune aus Tennessee eher Mark-Twain'sche Impressionen des US-amerikanischen Südens; statt Sexismus oder großmäulige Protzerei in den Texten und Videoclips offen zur Schau zu stellen, thematisieren die Hippie-Rapper um Prediger Todd Thomas alias Speech Afrozentrismus und Spiritualität. Neun Jahre nach dem Millionenseller 3 Years, 5 Months And 2 Days In The Life Of ... und der vorübergehenden Trennung konnten sich AD ihren warmen Sound und die brillanten Arrangements bewahren. Songs wie Esmeralda oder Honeymoon Day erinnern an The Roots oder die frühen Black Eyed Peas und könnten der Soundtrack für den Sommer werden.

The Hives: Tyrannosaurus Hives (Polydor/Universal)

Warum Sixties-Garagen-Rock momentan so angesagt ist? Der Zeitgeist ruft, nein, schreit förmlich danach. Warum gerade The Hives an der Spitze dieses Phänomens stehen? Bei ihnen passt einfach alles. Nach dem Hit-Album „Veni Vidi Vicious“ lag die Messlatte hoch, doch der Schweden-Fünfer um Sänger Pelle Almquist überspringt sie mit „Tyrannosaurus Hives“ mühelos. Die Spielzeit von einer halben Stunde erlaubt keinen Firlefanz, sondern macht den Weg frei für kompromisslose Attacke, klare Strukturen in Strophe und Refrain, mit Gitarren-Riffs wie aus dem Lehrbuch („Walk Idiot Walk“). Almquist’s überdrehtes Organ spiegelt die coole Hektik der Produktion, als stünde die Band vor einer euphorisierten Menge. Stets Anzüge tragend, inszenieren The Hives den Punkrock provokant-glamourös und pflegen gleichzeitig ihr Image. Gab es alles schon? Klar: Sonics, MC5, Fuzztones, Cramps…na und? 4/5

 

Mike Ladd: Nostalgialator (!K7/Rough Trade)

Angefangen hatte es für Mike Ladd im Nuyorican Poets Cafe im East Village, wo er Gedichte las und an Slams teilnahm. Diese kreative Energie nutzt der New Yorker Produzent und Musiker auch für seine Platten, die alles andere als HipHop-Konsens entsprechen: Regeln sind für ihn da, um gebrochen zu werden. So mischt Ladd ambienten Electro, Punkrock-Gitarren und Bläsersätze („Wild Out Day“) sowie Soundcollagen mit Megafon-Stimme zu einem wilden und sperrigen Mosaik aus experimentellen Kleinstbausteinen. Zwischen der Abgedrehtheit eines Earl Zinger und den realitätsnahen Geschichten von Mike Skinner (The Streets) beamt der Nostalgialator den Hörer in eine weit entfernte Hörgalaxie, angetrieben von den gewichtigen Worten des Harvard-Dozenten. Wonach ihm manchmal der Sinn steht, besingt der poetische Querkopf auf der Single „Housewives At Play“ – ganz menschlich und dementsprechend eingängig. 3/5

 


The (International) Noise Conspiracy: Armed Love (Burning Heart/SPV)

The (International) Noise Conspiracy vereinen tanzbare Revolution, Politik und Entertainment sowie Herz und Hirn. Als eine der wenigen Bands in ihrer Sparte fühlen sich die Skandinavier als Sprachrohr von Globalisierungsgegnern, Antikapitalisten und generell als Medium des Protests. Die Welt braucht eine Veränderung und T(I)NC wollen aktiv an diesem überfälligen Prozess teilnehmen. Rick Rubin, Hansdampf in allen Genre-Gassen (u.a. bei Johnny Cash, Beastie Boys, Slayer, Red Hot Chili Peppers an den Reglern), nahm sich des Quartetts um Mastermind Dennis Lyxzén an. Ergebnis: ein beinahe zu glatt geschliffenes Werk, das trotzdem seine stark linkspolitische Attitüde behält und dessen gitarrenlastiger Sound von Studiogast Billy Preston an der Hammondorgel bereichert wird. „O Bailan Todos, O No Baila Nadie“ heißt es im Booklet von „Armed Love“, übersetzt: Entweder tanzen alle oder es tanzt niemand“. Aber bitte nicht im Gleichschritt! 4/5

Euroboys: Soft Focus (Virgin)

Mit 'shiny happy people’ können Knut Schreiner und Anders Möller so gar nichts anfangen, spielen sie doch in den Testosteron-Rockbands Turbonegro und Gluecifer. Hinter der harten Fassade versteckt sich aber auch bei den Norwegern ein weicher Kern mit dem Wunsch nach Liebe, Harmonie und Sonne. Beim Projekt Euroboys dürfen sie ungeniert dem Easy-Surf-Rock frönen, verträumten Beach Boys-Akkorden hinterher jagen und seligen, mehrstimmigen Gesang ansetzen. Nach vier Jahren Schaffenspause kommt jetzt das dritte Album „Soft Focus“, bei dem erneut die California-Anleihen dominieren, ohne dass dadurch die oberflächliche Lebensart adaptiert wird. Die Landsmänner von Motorpsycho machten es 2001 auf „Phanerothyme“ vor, einen poppigen Sound zu vertreten, dabei aber immer diesseits der Grenze von Kitsch und Schwülstigkeit zu bleiben. Die Euroboys stehen dem in nichts nach. 4/5

 

Sonic Youth: Sonic Nurse (Motor/Universal)

Immer leicht neben der Spur und damit genau am rechten Fleck: Sonic Youth brauchen als genreprägende Indie-Rocker nach 23 Jahren Bandgeschichte niemandem mehr etwas zu beweisen – und doch wird ihr mittlerweile 19. Studioalbum „Sonic Nurse“ herzlich aufgenommen wie ein verloren geglaubter Sohn. Es bietet genau die Songstrukturen, wiederkehrenden Themen und typischen, avantgardistisch-schrägen Gitarrensounds, die Alben wie „Goo“ oder „Dirty“ so groß gemacht haben. Konsequent und schlüssig zeigen sich die New Yorker im steten Wechsel von Feedback-Orgien und melodiösen Parts, kompakt produziert von Mitglied Jim O’Rourke. „Dripping Dream“ steht stellvertretend für das rumpelnde Schlagzeug Steve Shelleys, die gehauchte Aggressivität Kim Gordons sowie die Gitarrenkaskaden von Ranaldo und Moore. Welches Jahr schreiben wir? Egal, das hier ist zeitlos schön. 5/5

 

Jimi Tenor: Beyond The Stars (Kitty-Yo/Indigo)

Nachricht vom Finnen: Jimi Tenor bastelt weiter an seiner Legendenbildung, irgendwo zwischen exzellentem Musiker, ausgeprägter Spleenigkeit und der hohen Kunst des Entertainments. Ein Beispiel? Der Exzentriker ließ sich bei den Aufnahmen zu „Beyond The Stars“ vom Gesang und Trommeln der Buddhistischen Gemeinde in seiner Wahl-Heimatstadt Barcelona inspirieren, die ihre Stätte neben Jimis Wohnung hat. Kosmische Referenzen kommen dazu, wenn neben Frank Zappa, Spike Jones oder 70’s-Soundtracks auch Querverweise zu Sun Ra durch die 13 Songs schimmern. Nach den elektronischen Alben zu Warp-Zeiten bastelt Jimi Tenor seit „Higher Planes“ verstärkt an opulenten Big Band-Arrangements, lässt einen Chor erklingen und versetzt alles mit dem bei ihm obligatorischen „so-klingt-sonst-niemand“-Faktor. Spannend wie immer, wenn auch manchmal etwas reizüberflutet. 3/5

 

The Streets: A Grand Don’t Come For Free (WEA)

Vor gut zwei Jahren überraschte Mike Skinner alias The Streets mit seinem Debütalbum, verkaufte dies millionenfach und überrascht jetzt erneut: Statt mit einer Hochglanzproduktion und namhaften Studiogästen das Flop-Risiko des Nachfolgers zu minimieren, macht das Milchgesicht aus dem Londoner Süden ganz auf Lo-fi. Größtenteils aufgenommen im Alleingang und den eigenen vier Wänden, versprüht „A Grand Don’t Come For Free“ zwischen HipHop, UK Garage und Soul den simplen Charme, der besonders in den Texten noch betont wird. Skinner erzählt mit breitem Cockney-Akzent Geschichten aus dem Leben, sabbelt übers Saufen, die Freundin, Geldprobleme – ganz ohne die Starallüren der US-Kollegen. Das wirkt ehrlich und kommt an, zumal die rumpelnden Beats und teilweise sperrigen Sounds noch frisch und unverbraucht klingen. Very british, indeed! 4/5

 

Hall & Oates: Live In Concert – DVD (SPV)

Vielleicht gebe ich mir die Blöße, aber bis dato sagten mir Daryl Hall und John Oates rein gar nichts. Dementsprechend die Frage: Warum sollten solche ergrauten Herren eine Live-DVD rausbringen? Nach den ersten Takten von „Maneater“, live und in Farbe vom letzt jährigen Konzert in New York, die große Erleuchtung und jede Menge Nostalgieschübe: Vor 20 Jahren hörte ich ihre Songs im Radio – mein erstes, ein Grundig-Gerät (mit Kassette!) –, wusste aber nie, wer der Interpret gewesen sein könnte. Das Pop-Duo Hall & Oates zeigt sich verantwortlich für Hits wie „Sara Smile“, „Private Eyes“ oder „Everytime You Go Away“, verschwand länger von der Bildfläche, um jetzt wieder voll durchzustarten. Fünf Bonustracks, ein Interview, Fotos und Diskographie komplettieren den ungeahnten Zeittunnel in die Kindheit. Wie im Studium: Man lernt nie aus!? 3/5

 


Miss Kittin : I Com (Labels/EMI)

Nach der fantastischen Compilation “Radio Caroline”, die Miss Kittin im vergangenen Jahr zusammenstellte, folgt nun das langersehnte Soloalbum der französischen DJane und Sängerin mit Wahl-Wohnsitz Berlin. Ähnlich dem Output von Peaches oder Chicks On Speed, bringt auch Caroline Hervé Selbstbewusstsein und Sex in die Clubs, ohne sich an überholten Gender-Diskussionen zu beteiligen. Als Miss Kittin feiert einfach sich und die Mischung aus Detroit Techno, Deep House und Electro, die sie gemeinsam mit Tobi Neumann und Thies Mynther produzierte. Wegen der fehlenden Scheuklappen krachen bei „Meet Sue Be She“ aber auch die Punkgitarren oder schmeichelt „Kiss Factory“ mit Pop-Anleihen. Hervé gibt zu Protokoll: „Ich bin mit meinem Leben, so wie es jetzt ist, einfach total zufrieden.“ Wer kann da schon etwas gegen sagen? (HD) 3/5

Division Of Laura Lee: Das Not Compute (Burning Heart/SPV)

Punkrock aus Schweden? Das verheißt oft Gutes und klingt auch in diesem Fall richtig gut! Die vier Jungs mit ausnehmend typischen Namen (Gustafsson, Johansson, Stalberg, Fransson) sind eine der Bands, die mit ihrem Album das Rad des Rock’n’Roll nicht neu erfinden, aber zumindest ordentlich in Schwung halten. „Das Not Compute“ lautet das Zweitwerk der Göteburger, die in den krachenden Songs meist eine stattliche Gitarrenwand errichten; doch sie können auch anders, schalten dann minimalistisch mit Keyboards/Vocal-Parts einen Gang runter oder bringen britische Psychedelisches ins Spiel. Songs wie „Does Compute“ oder „Dirty Love“ (mit Top-Refrain!) liefern ein vielversprechendes Maß an ungezügelter Spielfreude, dem du dich popowackelnd hingeben kannst – nein: musst. 4/5

 

The Beta Band: Heroes To Zeros (Regal/Labels/EMI)

Weiterhin herrlich verschroben klingt der Output der Beta Band. Auch mit seinem dritten Album entzieht sich das Quartett aus dem schottischen Edinburgh geschickt einer Stilschublade, baute jedoch gegenüber dem Vorgänger „Hot Shots II“ den bandeigenen Klangkosmos kontinuierlich aus. The Beta Band sind besser verdaubar, aber keineswegs berechenbar geworden. Immer britisch, immer spannend und mit dem Gespür für den Song! Vordenker und Sänger Steve Mason schrieb das dreckige Dutzend, überarbeitete das Rohmaterial über 18 Monate, um es schließlich mit John McLean, Rich Greentree und Robin Jones live im Studio einzuspielen: filigran ausformulierte Schönheiten wie „Assessment“ oder „Easy“, die voller Wendungen und Überraschungen stecken. Bei der Elektronik wurde gekürzt, aufgestockt dagegen der Anteil an Skurrilem und Psychedelischem. Empfehlung!
5/5

 

N.E.R.D.: Fly Or Die (Virgin/EMI)

Vielleicht sind es die Klippen der Erwartung, an der das aktuelle Album „Fly Or Die“ von N.E.R.D. (Nobody Ever Really Dies) zu zerschellen droht. Denn die Liste von Veröffentlichungen, denen Chad Hugo und Pharrell Williams als Produzenten-Team „The Neptunes“ bereits den edlen Schliff verpassten, liest sich imposant: Justin Timberlake, Britney Spears, Snoop Dogg, Jay-Z, Sean Paul oder Destiny’s Child beherrschen auch dank der Herren aus Virginia Beach den internationalen Pop-Mainstream nach belieben.
Doch mit Kumpel Sheldon „Shay“ Haley sitzen die beiden nicht nur hinter den Reglern, sondern vertreten N.E.R.D. und damit eine eigene musikalische Identität. Wie bereits beim Debüt „In Search Of..“ brechen sie auch beim Nachfolger musikalische Genregrenzen nieder und klingen mit Elementen aus R&B, HipHop, Rock und Funk dementsprechend vielfältig. Oder negativ gesagt: etwas unausgegoren. Das Trio möchte es allen und niemandem recht machen - und damit zu viel auf einmal. Zwischen den Gniedel-Gitarren und hochgradig pubertären Texten („Your ass is a spaceship I want to ride“) blitzen immer wieder geniale Ideen auf und bereichern die Songs „She Wants To Move“ und „Fly Or Die“. Um den Sound noch zusätzlich zu verstärken, gaben zudem Lenny Kravitz oder Ahmir „?uestlove“ Thompson (The Roots-Schlagzeuger) ihre Visitenkarte ab. Wenn Pharrell in Interviews allerdings ins Mikrofon diktiert, dass sie alles erreicht hätten, wäre das hier eine leichte Enttäuschung. 3/5

 

Tortoise: It’s All Around You (Thrill Jockey/Rough Trade)

Für viele Hörer wird „It’s All Around You“ gequirlter Kunstbrei sein, andere hingegen schätzen gerade das qualitative Moment der Tortoise’schen Künste. Blues, Jazz, Krautrock und Clicks & Cuts werden ineinander verwoben und laden zu einer kleinen Reise durch die Epochen und Soundwelten aus Bassgitarren, Synthesizern, Vibrafon und komplexer Rhythmik. Vor Jahren hätte noch jeder „Post-Rock“ geschrieen - heute ist der Begriff verpönt, so dass die Band aus Chicago als Synonym weiterlebt. Ruhig gespannte Melodiebögen und Instrumentalschleifen, die minutenlang wuchern und anschließend implodieren, fordern die Aufmerksamkeit des Hörers, belohnen aber mit einem faszinierendem Soundtrack aus orchestral-malerischem Wohlklang. Ein befreundeter Musiker sagte über das siebte Werk von Tortoise: „Die müssen – gemessen an ihrer Musik - vom Mars oder irgendwo anders herkommen, aber nicht von diesem Planeten.“ 4/5

 

Intuit: Intuit (Compost/Universal)

Vom Breisgau aus in die große Welt: Für Thomas Braun (Schlagzeug, Percussion) und Till Maragnoli (Bass) steht Freiburg nur als geografische Basis für den kosmopolitischen Sound von Intuit. Nach einem ersten Kontakt in New York arbeitet das Duo seit über einem Jahrzehnt zusammen – und doch ist das gleichnamige Album nach zahlreichen Maxis und EPs ihr Debüt. Ein jazziger Überbau thront über verschiedensten Stilen wie Brasil, Soul oder Funk und legt einen Faible für afrikanische und südamerikanische Rhythmen frei. Die Detailliebe, mit der Intuit die Arrangements der Songs zelebrieren, zeigt sich besonders bei den Drum-Spuren, die nicht – wie so oft bei Clubmusik - lieblos am Computer zusammengeklickt wurden. Die Orientierung an der 70’s-Ästhetik spiegelt nicht unbedingt ein innovatives Konzept wider; umso eher einen zeitlosen Charme, auch dank der Hilfe illustrer Studiogäste wie Andy Bey. 3/5

 

Erlend Øye: DJ Kicks (!K7/Rough Trade)

Erlend Øye, als eine Hälfte der Kings Of Convenience mitverantwortlich für die “Quiet is the new loud”-Welle vor einigen Jahren, macht jetzt auch in Diskjockey. Halt, nicht ganz: Der Wahl-Berliner lässt DJ Phonique an die Regler, übernimmt aber die wichtige Aufgabe der Songauswahl und Gesangsparts auf der aktuellen „DJ Kicks“-Compilation. So besingt er die Übergänge zwischen zwei Tracks und erhält dadurch den Fluss im Set, kreiert eine zweite Stimme oder doppelt die Hauptmelodie - unkonventionell wie keiner der DJ-Koryphäen vor ihm! Phoenix, Morgan Geist oder Röyksopp (mit Text des Smiths-Klassikers „There is a light..“) stehen dem Kölner Kompakt-Klüngel mit Justus Köhncke, Jürgen Paape oder Ada (am 14.5. im Luna) gegenüber und verschmelzen zu einem großen Ganzen. Ein heißer Anwärter auf die Mix-CD des Jahres! 5/5

 


Pitchtuner: Spiny Lure (Doxa/Alive)

Das deutsch-japanische Trio Pitchtuner vereint zwei Attribute auf sich: zum einen als instrumental besetzte Pop Band, die sich auch in der Konzertsituation bewährt und zum anderen als Dance Act, mit dem die Electroclash-Produzenten den Tanzflur rocken. Auch auf dem zweiten Album nach „Flight Up The Winding Stairs“ schlägt der Zeiger je nach Song zu einer der beiden Seiten aus, stets unterlegt von House-Beats oder E-Drums. Spannend bleibt weiterhin der Gesang von Miki Yoshimura, der allein akustisch den Exoten-Faktor erhöht – obwohl man kein Wort versteht. Leider zünden die verrückten Ideen nicht immer, weil Defizite im Arrangement den innovativen Eindruck schmälern. Anspieltipp ist „Shocco“, das mit Funk-Gitarre und angemessener Überdrehtheit den Popo kickt und den Hörer willenlos an den dornigen Köder anbeißen lässt. 3/5

 


Múm: Summer Make Good (PIAS/Rough Trade)

Lauscht man “Summer Make Good”, dem dritten Langspieler von Múm, möchte man am liebsten nur noch flüstern oder leise in die Tastatur tippen – so fragil erscheint das Gerüst, mit dem das Songwriting der Isländer gestützt wird. Deren Sängerin Kristin Anna Valtysdottír steht jetzt noch mehr im Vordergrund und stimmt mit ihren elfenhaften Timbre - um ein Klischee nordischer und besonders isländischer Musik zu bedienen - gehauchte Wehmutsepen an. Sigur Rós lassen schön grüßen. Manko: Der kindlich-naive Charakter ihrer Stimme kann in manchen Momenten schwer auf den Geist gehen, wodurch die Konzentration von den kargen, verstörenden, mystischen, dunklen, bezaubernden, undurchdringlichen (weitere Synonyme selbst einzusetzen..) Klanglandschaften abgelenkt wird. Und das Hörverständnis von Múm erfordert Aufmerksamkeit. Und Zeit. 3/5

 


Pet: Player One Ready (Grönland/Virgin/EMI)

Pet ist André Abshagen. Der Berliner war auch schon einmal Dauerfisch (Tipp: „Crime Of The Century“), gemeinsam mit Künstler Treu (Tipp: „My Sketchbook Of Whack“). Doch jetzt ist er Pet. Und Pet ist gut, richtig gut. Catchy Popsongs, die zwischen dem Glam-Rock der 70er (The Sweet, T.Rex) und aktuellen elektronischeren Acts (Zoot Woman, Daft Punk) eine Ohren erfrischende Nische gefunden haben. Immer inklusive: Das Gespür für die Melodie, den Groove, die Energie. Massentauglichkeit, ohne auf den Mainstream zu schielen; Subkultur, ohne im JUZ-Proberaum zu verrecken. Hört euch nur mal „No Yes No“ an oder „Time To Leave“ oder “Picnic By The Sea“ oder “Monza”: Das macht Laune! Da darf sich Herbert Grönemeyer als Grönland-Labelchef von mir aus tagelang auf die eigene Schulter klopfen. 5/5

 

Stereolab: Margerine Eclipse (Elektra/Warner)

Eine Platte wie ein tönendes Signal für alle Trauernden: Es geht immer weiter! Stereolab’s Sängerin Mary Hansen starb Ende 2002 bei einem Fahrradunfall, doch die restlichen Bandmitglieder führen den 1991 eingeschlagenen Weg unbeirrt fort und wandeln den Verlustschmerz in kreative Energie um. Auch das mittlerweile 13. Studioalbum der französisch-britischen Lieblinge atmet den Duft süßlicher Pop-Hymnen, überrascht mit abrupten Brüchen („The Man With 100 Cells“), Krautrock-Einflüssen und unkonventionellen Arrangements. Laetitia Sadier säuselt zweisprachig, Sean O’Hagan (High Llamas) als Dauergast wirbelt an den Tasten, während Songschreiber und Gitarrist Tim Gane den ganzen Laden zusammenhält. Wer Musik mag, wird beispielsweise „Margerine Melodie“ lieben – versprochen! 5/5

 

Phoenix: Alphabetical (Source/Labels/EMI)

Fast vier Jahre sind vergangen, seit Phoenix aus Frankreich sich in die Herzen zahlloser Musikliebhaber – Indie-Nerds genauso wie Clubgänger – gespielt haben. Das Debütalbum „United“ mit den Hits „If I Ever Feel Better“ oder „Too Young“ bereicherte maßgeblich den damaligen Sommer, ähnelte aber mit Elementen aus Disco-House, Rock und Seventies-Funk einem stilistischen Dschungel. Dieses Dickicht lichtet sich auf dem Nachfolger „Alphabetical“ etwas, doch der Reiz ihrer unbekümmerten Melodien ist geblieben. Besonders die ersten Songs „Everything Is Everything“ und “Run Run Run” drängen dabei noch zum Tanzflur und wollen gefeiert werden. Doch danach schaltet das Quartett einen Gang runter: Mit melancholischer Abgeklärtheit (Textzeilen wie „Don’t say I’m doin fine - I’m not even tryin to“ sind symptomatisch) steht jetzt der Song an sich im Vordergrund. Charmante Details wie Handclaps, Glöckchen und Finger-Schnippser komplettieren die grandios produzierten Arrangements, die immer das Gespür für den Moment wahren. „Alphabetical“ versprüht weniger Hektik und hedonistische Lebensfreude als das Debüt, bezieht aber vielleicht gerade dadurch seine Qualitäten als heißer Anwärter auf einen Platz in den Top Ten-Listen des Jahres 2004. 5/5

Knarf Rellöm with the ShiShaShellöm: Einbildung ist auch ne Bildung (ZickZack/Indigo)

Der Kampf gegen Kapitalismus und grassierenden Stumpfsinn hat im deutschsprachigen Musikbusiness einen Namen: Knarf Rellöm. „Ihr wollt Kuschelsex? Fickt euch!“ Gerne haut er solche provokanten Statements raus, um die ganzen Sesselfurzer wachzurütteln. Damit hebt sich Knarf auch vom Gros der Pop-Kollegen ab, die von politischen Parolen und Anecken in ihren Songs nichts wissen wollen. Denn genau da setzt der moderne Protestsänger zusammen mit DJ Patex und Viktor Marek an, legt den Finger in die Wunden der Gesellschaft und knüpft einen Flickenteppich aus Nonsenstexten und hintergründigen Verweisen auf sein krankes Umfeld. Der ganz normale Schwachsinn, verpackt in LoFi-Elektronik, charmant rumpeligen Dancefloor mit Punk-Attitüde. Da hält der Hörer beim Tanzen inne – und fängt an zu grübeln. 3/5

Diverse: Musico-Sampler #1 (www.musico-kiel.de)

Das Booklet zum ersten Kieler Musico-Sampler spricht große Worte gelassen aus: „Allen beteiligten Bands wünschen wir Unmengen an geilen Gigs, scharfen Groupies, […] und die sonstige Erfüllung all Eurer Musikerträume.“ Ein 21facher Traum, der sich größtenteils in Rock-Gefilden bewegt und der Stromgitarre frönt. Dabei stagniert der Frauenanteil weiterhin unterhalb des 5%-Quotenbereichs – leider. Namedropping gefällig? Dog Eared Pages, Ed Random, roggn, Roo-Jaw, deutlich oder Sand zeigen, dass sich die Musikerszene an der Förde keine Sorgen um den Nachwuchs machen muss. Die Qualität der Aufnahmen schwankt von Band zu Band, versprüht aber LoFi-Charme. Erhältlich ist der Sampler bei „Blitz Records“, „Insound“, „Hört sich gut an“ oder direkt bei musico. Support your local heroes! 3/5

 


Kid Alex: Colorz (Island/Universal)

Am Anfang war diese Single, „Young Love (Topless)“. Eingängig, tanzbar, frisch. Dann startete die Popstar-Maschinerie mit Heavy Rotation, Aufstieg vom Underground-Song zum Major-Hit, Medienwirbel, Platte nachlegen, Video drehen, usw. Für Alex Ridha, 21, DJ aus Hamburg mit irakischem Vater und seinen Partner Andi Meid kommt es jetzt darauf an, bei dem ganzen Trubel auf dem Teppich bleiben. „Colorz“ kombiniert gefällig House, Rock („My Way“), HipHop und Elektro („Stereo“), lässt aber verständlicherweise eine eigene Handschrift vermissen. Wer würde das beim Debüt schon erwarten? So bleibt unterm Strich ein nettes Pop-Album, bei dem sich erst zeigen wird, ob Kid Alex ein One-Hit-Wonder oder eine längerfristige Hoffnung am Sternchenhimmel sind. 3/5

 


Sophia: People Are Like Seasons (City Slang/Labels/EMI)

Der Fausthieb des Schicksal ereilte das Rocktrio The God Machine aus San Diego, als ihr Bassist Jimmy Fernandez an einen Gehirntumor verstarb und die Weiterarbeit für die Verbleibenden unmöglich machte. Sänger und Gitarrist Robin Proper-Sheppard zog sich lange zurück, bevor er 1996 begann, wieder Songs zu schreiben. Auf der Sonnenseite des Lebens ist er jedoch noch lange nicht angekommen: Dunkel, aber nicht negativ, melancholisch, aber voller Energie gestaltet sich das mittlerweile dritte Album als Sophia. Gleich der Opener „Oh My Love“ ist ein veritables Monster von einem Ohrwurm, und auch im Verlauf wird die Intensität immer hochgehalten. Wenn Menschen wie Jahreszeiten sein sollten, dann entspricht Proper-Sheppard definitiv dem Herbst. 4/5

International Pony: Bass Is Boss (Columbia/Sony)

Das dreiköpfige Pony (DJ Koze, Cosmic DJ und Erobique) reitet im Zirkus “Spectacula” wieder seine Runden. Doch bei dieser Vorstellung wurde der wackere Zaubergaul von anderen Pferdepflegern aufgezäumt. Der Untertitel verrät es: „The First Remix & Video Collection“. Die Songs vom “We Love Music”-Album also neuinterpretiert von Knöpfchendrehern der Oberliga, bei denen unter vielen überdurchschnittlichen Bearbeitungen noch „Superyou“ durch Justus Köhncke oder „Leaving Home“ im Akufen Mix herausstechen. Zu dem kompletten Satz an Video-Clips, Making-Of’s und sonstigen Extrawürsten muss nicht viel gesagt werden: Cool-witzig-kranker Wahnsinn auf dem Bildschirm – Danke, International Pony! Aber das Warten auf einen zweiten regulären Langspieler bleibt. 4/5

 


Roy Ayers: Virgin Ubiquity (BBE/Rapster/Zomba)

In einer gut sortierten Plattensammlung darf der Name Roy Ayers nicht fehlen. Seit 1963 schenkt der Vibraphonist der Musikwelt im beinahe jährlichen Rhythmus zeitlose Klassiker. Durch den Kontakt zu BBE-Chef Peter Adarkwah wurden nun unveröffentlichte Aufnahmen von 1976-81 aus den Kellerarchiven befreit – und verfehlen ihre Wirkung ebenso wenig wie vor einem Vierteljahrhundert. „Virgin Ubiquity“ vereint seelenvolle Soul Music, ausreichend Futter für Jazz-Freaks (Bobby Hutcherson war Ayers’ Nachbar) und sogar Geschichtsunterricht für HipHopper, wenn man die Sample-Quelle für Größen wie A Tribe Called Quest, Public Enemy oder Mary J. Blige berücksichtigt. Eingeweihte sollten hier bedenkenlos zugreifen, doch auch Skeptiker werden sich dem Reiz dieser Songs nicht entziehen können. 5/5

 


Ye:Solàr: Doo Dit (www.doo-dit-records.de)

Im September des vergangenen Jahres spielte das Berliner Trio im Luna ein großartiges Konzert. Großartig deshalb, weil ausgelassene Spielfreude, versiertes Können am Instrument und perfektes Zusammenspiel aufeinander trafen. Bevor die Erinnerung verblasst, setzt die CD „Doo Dit“ genau bei den Punkten an, mit denen Christoph Reuter (Rhodes E-Piano), Steffen Illner (Kontrabass) und Jens Dohle (Drums) damals brillieren konnten: Acoustic NuJazz mit zurückgelehnten Beats und feinen Rhodes-Themen, Dancehall bei „n-o-n“ dank MC Benya, live eingespieltem Drum’n’Bass und dem Highlight „not ny“, wo es heißt: „This is not New York, this is Berlin“. Und Ye:Solàr brauchen mit der Aussage nicht einmal viel Mut zu beweisen, denn da geht wirklich einiges! 4/5

 

 

Lambchop: Aw C’mon/ No You C’mon (City Slang/EMI)

Eine verrückte Geschichte: Über einen längeren Zeitraum schrieb Kurt Wagner genau einen Song pro Tag. Durch diesen Vorsatz konnten der Sänger und sein vielköpfiges Musikerkollektiv Lambchop für den Nachfolger des Meilensteins „Is A Woman“ aus Unmengen von Stücken wählen. Heraus kamen zwei zeitgleich veröffentlichte Alben mit je 12 Songs, die jedoch separat voneinander wahrgenommen werden sollen. Gar nicht so einfach, wo sie doch in einem Schuber zu kaufen sind und auch inhaltlich große Parallelen aufweisen: schwelgerische Melodien, cheesy Streicherarrangements und den unnachahmlichen Nuschelgesang Wagners. Obwohl aus Nashville, stehen Lambchop keineswegs nur für Alternative-Country, sondern entwickelten sich mit Soul und RockPop-Elementen stets weiter. “Aw C’mon“ und „No You C’mon“ - zwei weitere bedeutende Steine im Mosaik dieser kreativen Ausnahmeband. 3/5

 


Beanfield: Seek (Compost/Universal)

Beanfield, Aushängeschild des famosen Münchner Compost-Labels, perfektionieren auf ihrem dritten Album „Seek“ die Entwicklung weg vom unterkühlten Elektro-Track, hin zu songorientierten Arrangements, Live-Instrumenten und dem konsequenten Verzicht auf Samples. Mit Michael Mettke (Keyboarder bei Fauna Flash und Trüby Trio), der Tobi Meggle ersetzte, fand Jan Krause einen kongenialen Partner für die geschmackvollen und homogenen Produktionen. Am Mikro übernahm Ernesto aus Göteborg den männlichen Part, Marzenka und Bajka (auch beim Highlight „Home“) den weiblichen. Bei aller Tanzbarkeit tendiert „Seek“ jedoch eher zum heimischen Sofa und entfaltet dort seine ganze Wirkung. Denn Beanfield verkörpern vor allem, woran es Kollegen im gleichen Revier oftmals mangelt: Seele. 4/5

 


Squarepusher: Ultravisitor (Warp/Rough Trade)

Wieder einmal erfordert Tom Jenkinson alias Squarepusher die ganze Aufmerksamkeit des Hörers: „Ultravisitor“ klingt rätselhaft, faszinierend und vollkommen losgelöst von allen bekannten Kategorisierungen. Jenkinson gelingt es, ungeheure Spannungsfelder aus Pausen und tönender Hyperaktivität zu kreieren, einer irrwitzigen Schnittmenge elektronischer Klangfarben auf einer freien und progressiven Jazzbasis. Ebenso wie bei Aphex Twin oder Autechre kann der Nerv-Faktor beträchtlich sein, wenn minutenlang fiepende Digitalexkremente und frickelige Beatschnipsel in einem nicht analysierbaren Strukturengestöber vereint werden. Doch gelingt der Einstieg in diese befremdliche, atmosphärisch düstere Klangwelt, können nicht genügend Hüte gezogen werden. Squarepusher ist kein Laptop-Künstler, sondern ein zeitgenössischer Komponist. 5/5

 


Zero 7: When It Falls (eastwest/Warner)

Große Einigkeit herrschte bei Kritikern und Käufern bezüglich „Simple Things“ von Zero 7. Das Debüt von Sam Hardaker und Henry Binns manifestierte im Sommer 2001 besonders zwei Stereotype, die seitdem für die Musik des Londoner Duos stehen: „die britischen Air“ und „ein Soundtrack fürs Leben“. Letzteres mag angezweifelt werden, doch die Nähe zu den französischen Weichzeichnern und speziell deren „Moon Safari“-Platte ist auch auf dem Nachfolger „When It Falls“ frappierend. Zurückgelehnte Downbeats - mit Wurlitzer und Streichern instrumentiert - dominieren den Sound, der dich warm umspült und in Watte hüllt. Die Sängerinnen geben dieser Extraportion Entspannung mit feinkörnigem Peeling den letzten Schliff. Einziges Manko: Ohne Widerhaken klingen die zehn Songs beinahe zu glatt und lieblich. 4/5

 


Timbaland & Magoo: Under Construction Part II (edel)

Produzentenkönig Tim Mosley, bekannt als Timbaland, sagt selber: „HipHop liegt im Sterben. Es wird eine neue Zeit kommen. Ich kann es fühlen.“ Dabei darf gerade er sich über mangelnden Erfolg im vergangenen Jahr nicht beschweren, führte doch der Großteil seiner Veröffentlichungen von Justin Timberlake, Missy Elliott oder Alicia Keys in die Charts. Insofern verwundert weniger die hohe Qualität von „Under Construction Part II“ als die Frage, warum sich Mosley derart skeptisch äußert. In Zusammenarbeit mit seinem Rapper Magoo bastelte er ausgesprochen knackige Beats, über denen sich Mikrofonkünstler wie Missy Elliott (mit dem pumpenden „Cop That Sh*!“), Wyclef Jean oder Beenie Man im Studio austoben konnten. HipHop ist tot? Lang lebe HipHop! 4/5

Kelis: Tasty (Virgin/EMI)

Ein ähnlich produktives Umfeld wie Timbaland weiß auch Kelis Rogers auf ihrem dritten Langspieler zu nutzen. Immer auf der Suche nach neuen Sounds und Images, versucht sich die Pfarrerstochter an einer Neudefinition von R&B und der Emanzipation zur respektierten Soulsängerin. Hauptsache scheint es, im Songwriting nicht zu sehr den beiden ersten Alben zu ähneln. Knurrend verzerrte Synthie-Bässe (beispielsweise in der Single „Milkshake“), Soul-Wärme und HipHop-Frivolität tummeln sich auf dem Spielplatz der Produzenten-Gilde: Die Neptunes steuern auf „Tasty“ dieses Mal nur fünf Produktionen bei, so dass auch André 3000 (Outkast) oder Raphael Saadiq das Bild der gereiften Kelis komplettieren dürfen. Definitiv eine Steigerung zum Vorgänger „Wanderland“, aber noch nicht eigenständig genug. 3/5

 

And.Ypsilon: Y-Files (Four Music/Sony)

Als letztes Mitglied der Fanta 4 hat nun auch And.Ypsilon - bürgerlich Andreas Rieke - sein Solo-Album rausgebracht. Schon im Kreise seiner Bandkollegen agierte der Stuttgarter eher im Hintergrund und überließ Thomas D und Smudo den Part im Rampenlicht. Doch selbst auf „Y-Files“ bleibt Rieke ein Meister der subtilen Inszenierung: Die zwölf zurückhaltenden Popsongs wirken mit dem zart gehauchten Gesang der Berlinerin Kiko seltsam entrückt und wie Botschaften aus einer anderen Welt. Mysteriös und geheimnisvoll, wie auch der Titel deutlich machen will. In Zusammenarbeit mit Ralf Goldkind und Knut Knutson verstärken die schwebenden Synthie-Flächen über den meist sanft blubbernden Beats die futuristische Atmosphäre. Bei aller raffinierten Soundtüftelei stört jedoch auf Dauer genau diese SciFi-Sauberkeit, wenn sie in Richtung keimfreie Sterilität abdriftet. 3/5

 


The Books: The Lemon Of Pink (Tomlab/Indigo)

Folkmusik des 21. Jahrhunderts kreiert das Duo von The Books. Akustische Instrumente wie Banjo, Klampfe und schräge Streicher werden am Laptop verfremdet, mit Samples versehen und anschließend in ihrer intimen Wärme und Verletzlichkeit auf den Hörer losgelassen. Vermeintlich unsortiert, strahlt das Klangerlebnis doch eine völlige Klarheit aus. Trotz aller Versuche, diesem Soundclash einen Namen zu geben, entziehen sich Nick Zammuto und Paul de Jong auch auf dem zweiten Album „The Lemon Of Pink“ einer plausiblen Definition. Wenn menschliche Stimme (meist die von Anne Doerner) begleitend in den Reigen einsetzt, wirkt sie wie ein Instrument: Zerhackte Wortschnipsel und Repetitionen formen eine Collage mit sämtlichen Schattierungen von Emotion. Ein Hörbuch der besonderen Art! 5/5

 

Dizzee Rascal: Boy In Da Corner (XL/Beggars Group/Zomba)

Da steht er nun, der gerade 19-jährige Dylan Mills, und soll gegen die Mühlen des US-HipHop anrappen. Frisch ausgezeichnet mit dem Mercury Award, ruhen jetzt alle britischen Hoffnungen auf den Schultern des Straßenkämpfers aus dem Londoner East End. Von dort hat er auch den auffallenden Slang, mit dem er sich böse durch die Lyrics pöbelt und dabei eine unglaubliche Silbenzahl pro Zeiteinheit ins Mikro presst. Unkonventionell und mit einer unvergleichlichen (negativen) Energie! Im Gegensatz zu den meisten amerikanischen Kollegen, die ihre Songs mit R&B-Sounds unterlegen, herrscht bei Dizzee Rascal ein wesentlicher ruppigerer Ton: Jungle, Drum&Bass, Ragga und UK-Garage machen ordentlich Feuer unter den ohnehin flammenden Geschichten über Gewalt und Arbeitslosigkeit in der Metropole. Von den Piratensendern bis ganz nach oben in den Charts? Abwarten. 3/5

 


Lamb: Between Darkness And Wonder (Polydor/Universal)

TripHop ist tot? Lang lebe TripHop – zumindest, wenn er sich noch so frisch präsentiert wie bei Lamb aus dem englischen Manchester. Im Oktober 1996 verzauberten Andy Barlow und Louise Rhodes als Vorband von Galliano das MAX-Publikum und ihr Semi-Hit „Gorecki“ rotierte auf den Kanälen. Trotz weiterer (sehr) guter Veröffentlichungen wurde es in den Jahren danach still um den Derwisch an den Reglern und die wunderschöne Chanteuse. Doch Lamb sind ihrer Linie treu geblieben und stecken alle anderen Elektronik/Gesang-Projekte mit geringer Halbwertszeit in die Tasche. Rhodes’ charakteristisch näselndes Organ dominiert die Songs zwischen Jazz und Pop (Anspieltipp: „Stronger“), während das Instrumental „Angelica“ von dem „Claire de lune“-Thema Debussys getragen wird. Tolle Herbstplatte! 5/5

 

Marcos Valle: Contrasts (Far Out/Soulfood)

Marcos Valle ist einer der Väter des Bossa Nova und trug bereits in den 60ern mit Sergio Mendes oder Antonio Carlos Jobim den Sound von der Copacabana in die Welt. Sein größter Hit, „Summer Samba“, wurde seit 1966 in unzähligen Versionen neu eingespielt. Doch auch auf „Contrasts“ scheint die Zeit an dem Beach Boy spurlos vorbeigezogen zu sein: Zeitlos singt sich Valle mit zartschmelzendem Timbre durch die elf Songs, die dem Hörer ein Lächeln schenken (live am 7.11. in der Halle400 zu bewundern!). Unterstützt wird der Brasilianer auf seinem 21. Album von Produzent Roc Hunter, der dem Bossa einen modernen Anstrich verpasst, oder aber die Grundstimmung zu beeinträchtigen. Die drei Bonustracks zeigen zudem, dass Valle ein ganz heißes Eisen für die junge Generation ist. 4/5

 


Tied & Tickled-Trio: Observing Systems (Morr Music/Hausmusik/Indigo)

Wenn Musik intellektuell herausfordern oder aber durch ihre Intensität beeindrucken soll, findet der Hörer beim Tied & Tickled-Trio eine geeignete Plattform zum Stöbern und Entdecken. Das Quartett um die Brüder Markus und Micha Acher (beide auch bei der Weilheimer Band The Notwist) sowie Johannes Enders und Andreas Gerth definiert auf ihrem dritten Studioalbum „Observing Systems“ wieder einmal neue Klanglandschaften. Komplex verschachtelte Rhythmusschichten werden kombiniert mit Bläserarrangements à la Gil Evans, Jazz trifft auf Electronica und Dub. Die fragilen Songbruchstücke leben und wabern im organischen Spiel der Musiker, Skizzen fügen sich zu einem engmaschigen Geflecht aus Melodie und Thema zusammen. Explizite Anspieltipps gibt es nicht, das Album wirkt viel stärker als Ganzes: Als eine in sich geschlossene Einheit. 5/5

 


Diverse: Ennio Morricone Remixes Vol.1 (Compost/Universal)

Kurz vor dem 75. Geburtstag von Ennio Morricone ziehen Clubproduzenten ihre Hüte vor dem wohl berühmtesten Filmkomponisten - mit Remixen seiner Originale. Mischen impossible? Keineswegs! Ein breites Spektrum elektronischer Stilrichtungen wird abgedeckt, wenn zwischen House, Downbeat oder Drum’n’Bass die Melodien von Klassikern wie „The Good, The Bad & The Ugly“ oder „Once Upon A Time In The West“ durchblitzen. Das Trio International Pony macht es auf seine charmant knuffige Art, während Swell Session und Hakan Lidbo zwingende Tanzpflicht in ihre Versionen eingebaut haben. Sehr relaxt kommt „Ninna Nanna In Blu“, bearbeitet von Raw Deal, aus den Boxen. Trotz einzelner Durchhänger überwiegen bei der Compilation die positiven Eindrücke und Ideen zur Ehrerbietung des Altmeisters. Happy birthday, Ennio! 4/5

 


Die Ärzte: Geräusch (Hot Action/Universal)

Die beste Band der Welt – ein Thema für sich! Durch Myriaden von Songs auf Klassenfahrten und das Fahnehochhalten des deutschsprachigen Punkrocks wurden Die Ärzte zu Ikonen erhoben. Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzalez haben sich mit „Geräusch“ stilistisch noch weiter aus dem Fenster gelehnt und experimentieren auf der Doppel-CD (im Vinyl-Look!) mit Schrammel-Punk, ironischem Pop, schwülstigem Latino-Zauber, Klezmer-Geigen und, ähem, Hosen-Refrains. Die Texte drehen sich - wie so oft - um das Miteinander von Mann und Frau, sind aber manches Mal so gewollt witzig und plump, dass es schmerzt. „Deine Schuld“ bedient dagegen die Fraktion der Weltverbesserer. Die Fangemeinde der Ärzte wird es gerne in Kauf nehmen und lauthals deren Parolen skandieren. Bin ich jetzt unrockbar? 3/5

 

Broadcast: Haha Sound (Warp/Zomba)


Beim Londoner Warp-Label nehmen Broadcast die Rolle des Außenseiters ein. Wo ansonsten Elektronica-Nerds wie Aphex Twin oder Autechre ein Zuhause gefunden haben, stehen die verträumten Songs des Quintetts aus Birmingham allein auf weiter Flur. Instrumente dominieren gegenüber dem Notebook, der Gesang von Trish Keenan ist wichtiger Bestandteil. Doch wie bereits auf dem Vorgänger The Noise Made By People wird der nette Schein frech hintergangen, wenn etwa Distortion den Hörer mit rumpelnden Beats und befremdlichem Klingklang verstört. Anspieltipps wie Before We Begin versöhnen jedoch mit diesem Zuckerpop, der High Llamas oder Stereolab ins Gedächtnis ruft.

 


The Neptunes: The Neptunes Present "Clones" (Arista/BMG)


Schon beinahe beängstigend, mit welcher Effizienz das Neptunes-Produzententeam (Rob Walker, Pharrell Williams, Chad Hugo) neue Singles rausbringt. In Sachen HipHop, Soul und R'n'B kommt international niemand an ihren innovativen Ideen vorbei. So umflattern auch dicke Motten wie Busta Rhymes (Light Your A** On Fire), Nelly mit If oder Pharrell feat. Jay-Z mit dem genialen Frontin' das grelle Licht der Top-Produktionen. Nur: Es fehlt das verbindende Moment zwischen den 18 Songs, ein konzeptueller Rahmen. So macht die Sammlung eher den Eindruck einer riesigen Spielwiese für große Jungs.

 

Diverse: !K7 150 (K7/Zomba)


Wie lange die jetzt schon wieder zurückliegt: "DJ Kicks"-Compilation, 1996, gemixt von den Wiener Beatbastlern Kruder & Dorfmeister. Damals erster Berührungspunkt mit !K7, wirkt diese Platte im Nachhinein wie aus einer anderen Zeit. Das Berliner Label blieb seiner Philosophie treu, ließ dennoch immer aktuelle Strömungen in die Veröffentlichungen einfließen. Nun ist man bei Nummer 150 angelangt. Mit der prachtvollen Doppel-CD !K7 150 wird gefeiert und zurückgeblickt auf Highlights vergangener Jahre. Nicolette, Funkstörung, Smith & Mighty, Terranova: Sie alle stehen für anspruchsvolle Clubmusik, mal zum Zappeln, mal fürs Sofa. Auch absolut empfehlenswert: die gleichnamige DVD.

Blumfeld: Jenseits von Jedem (WSFA/WEA)

Was soll ich denn noch sagen? Es ist doch schon (fast) alles gesagt. Diskurs-Pop provoziert Popdiskurse und erregt Aufmerksamkeit beim erwachsenen Hörer, zumal als deutschsprachige Band. Das ist gut so und wird auch durch Jenseits von Jedem seine Fortsetzung finden. Denn Jochen Distelmeyer und Band werden geliebt oder gehasst, es gibt kein Dazwischen. Das aktuelle Album der Hamburger wird besonders jene Fans mehr als zufrieden stellen, die seit Old Nobody dazugestoßen sind: Blumfeld üben sich musikalisch weiterhin in Enfachheit bis zur optimierten Reduzierung (beispielhaft: die Single Wir sind frei). Distelmeyers schnörkellose Geschichten aus dem Leben – zwischen Protest und Naturerleben – gehören zum Besten, was die Verbindung Musik-Wort in unserer Sprache zu bieten hat.

 

Wir sind Helden: Die Reklamation (Labels/Virgin/EMI)

Wir sind Helden singen in deutscher Sprache und ihr Sound scheint sich deutlich an der momentanen Retro-Ästhetik der Achtziger zu orientieren - für viele Hörer schon Grund genug, die Platte nicht einmal mit einer Pinzette anzufassen. Aber warum? „Die Reklamation“ hat genau die netten Popsongs parat, die in diese Jahreszeit passen, ohne dass sie sich mit Gute-Laune-Garantie anbiedern müssen. Die Berliner Sängerin Judith Holofernes kombiniert sympathisches Auftreten mit einer angenehmen Stimme und skandiert parolengeschwängerte Texte über den grellen Synthesizer-Melodien. Die Single „Guten Tag“ hat es mit witzigem Elan vorgemacht, „Ist das so?“, „Denkmal“ und andere Songs zwischen Ballade und Abgehnummer ziehen jetzt nach. Vielleicht wird die Ankündigung wahr: „Wir kommen, um die anderen Helden abzumelden“. 3/5

 


Nightmares On Wax: Late Night Tales (Azuli/Zomba)

George Evelyn, der Kopf von Nightmares On Wax, macht in der neuesten Folge der Late Night Tales genau das, was er am besten kann: absolut geschmackvolle Songs auswählen, durch eigene Kompositionen und Remixe ergänzen und letztendlich alles in einen fulminanten Mix bringen. Wo vor ihm bereits Kollegen wie Rae & Christian, Groove Armada oder Kid Loco ihre Klasse beweisen konnten, reiht sich der DJ und Produzent aus Leeds nahtlos ein. Ian Brown’s „Gravy Train“ bekommt ein frisches Antlitz, aktuelle Veröffentlichungen folgen direkt auf junggebliebene Klassiker von Quincy Jones oder Dusty Springfield. Hauptsächlich in zurückgelehntem Tempo für den genussvollen Müßiggang, passend zum Thema „Music and stories worth staying up for”. So droht auf Dauer nur Schlafentzug. 5/5

 


O.S.T.: Standing In The Shadows Of Motown (Motown/Universal)

In Detroit, Michigan, steht die Wiege zahlloser Soulhits der 60er und 70er, aufgenommen von Diana Ross, Marvin Gaye oder Stevie Wonder beim legendären Motown-Label. Bei jedem dieser Songs spielten die Funk Brothers im Schatten der Stars die eigentliche Hauptrolle, doch sie blieben unerkannt. Wie auch der gleichnamige Dokumentarfilm würdigt der Soundtrack die Arbeit der Sessionmusiker - 40 Jahre nach deren Auflösung. Neben einigen raren Archivaufnahmen kommt besonders ein Reunion-Mitschnitt aus dem Jahr 2000 zum Tragen: Als Gäste dürfen aktuelle Künstler wie Joan Osborne, Bootsy Collins, Chaka Khan oder Me’shell Ndegeocello bei den Evergreens „I heard it trough the grapevine“ oder „What’s going on“ den Gesangspart übernehmen. Respect, Bro`s! 4/5

 


Trüby Trio: Elevator Music (Compost/Universal)

Clever: Mit dem Albumtitel nimmt das Trüby Trio den Kritikern gleich den Wind aus den Segeln und erhebt stattdessen Definitionsanspruch an Fahrstuhlmusik. Namensgeber des Trios ist der Freiburger DJ Rainer Trüby, der mit Roland Appel und Christian Prommer (beide als Fauna Flash bekannt) nach etlichen Remixen und der DJ Kicks-Compilation endlich das Debütalbum fertiggestellt hat. Der Ruf eilte ihnen voraus: Verschiedenste Dancestile tummeln sich mit exotischen Rhythmen südamerikanischer oder afrikanischer Herkunft, schmachtende Soultracks („Bad Luck“ mit dem Aufsteiger Joseph Malik) ergießen sich neben zappelndem Drum & Bass im Bossa-Gewand („A Festa“). Die tolle Produktion täuscht über einige Schwächen im Songwriting hinweg. Zumindest eine vielseitige Portion Lebensfreude. 3/5

 

Steely Dan: Everything Must Go (WEA)

Was sollen Donald Fagen und Walter Becker denn der Welt noch beweisen, nach all den Jahren? Steely Dan sind lebendige Musikgeschichte, mit unzähligen Alben und zeitlosen Hits für die Ewigkeit. Umso schöner: „Everything Must Go“ tritt nach „Two Against Nature“ den endgültigen Beweis an, dass die gemeinsame Schaffenspause beendet ist. Es versprüht wieder einmal dieses besondere Flair, wenn Becker zu Fagens vertrackten Rhodes-Harmonien elegant die Saiten schlägt und alles so leicht und charmant klingt. Sie komponieren in ihrem eigenen Kosmos, umgeben von den Fixsternen Soul, Funk, Blues und Rock. Beinahe zu perfekt arrangiert, doch bei Songs wie „Godwhacker“ oder „Blues Beach“ nimmt man diese Perfektion gerne in Kauf. Äußerst geschmackvoll. 4/5

 


Bernd Begemann: Endlich (Begafon/Indigo)

Ein neues Album von Bernd Begemann, dem grandiosen Hamburger Songwriter und Entertainer. Mit „Ich bin dann soweit“ geht es los, „Endlich“. Auf der Bühne klassischer Alleinunterhalter, ließ sich Begemann im Studio von Louis C. Oberländer (Ex-Jeremy Days) und Kim Frank (Echt) beim Produzieren der elf Liebeslieder helfen. Ja, Begemann bleibt seinem Lieblingsthema treu, sowohl in erfüllter („Liebe tat mir nie weh“) als auch nicht erwiderter Form (“Ich kann dich nicht kriegen, Katrin“). Und er schafft es immer wieder, die Wahrheit der Welt in eine handvoll Worte zu packen. Der bewusst überreizte Orchesterpomp macht die Gitarrenpop-Songs zu einer Gratwanderung, bei dem Pop und Schlager in Einklang gebracht werden sollen. Dann liebäugelt Begemann mit der Ambivalenz von Ironie und blankem Ernst – und gewinnt. 3/5

 


Louie Austen: Easy Love (Kitty-Yo/Zomba)

Eigentlich wollte Louie Austen in die musikalische Fußstapfen des “Rat Pack” (Sammy Davis Jr., Frank Sinatra, Dean Martin) treten, doch davon ist der 56-jährige Wiener mittlerweile weit entfernt. Die schnelllebige Clubszene hat es dem Salonlöwen derart angetan, dass er lieber mit jungen Produzenten wie Patrick Pulsinger und Mario Neugebauer seine Ideen realisiert, statt in Hotelbars den Pausenclown zu mimen. So zieht Louie Austen durch die Clubs des Planeten (aufgepasst: 28.6., Luna), im Gepäck sein drittes Album „Easy Love“, das klassische Gesangsmelodien mit moderner Beatbastelei verbindet. Nie eintönig oder vorhersehbar, sondern stilistisch zwischen BigBand, Eighties-Disco, House und jazzigen Elementen stets spannend. 3/5

 


Erik Truffaz: The Walk of the Giant Turtle (Blue Note/EMI)

Schweiz, Trompete, New Jazz, Psychedelic Rock…alles Koordinaten von Erik Truffaz, doch keine Angst: Es ist ein Vergnügen, die Riesenschildkröte zu beobachten! Mit seinem Quartett (Marcello Guiliani, Marc Erbetta, Patrick Muller) formt Truffaz ein vielköpfiges Geschöpf, das bei „Flamingos“ für melancholische Klanglandschaften und frühe Elektronik von Tangerine Dream steht, gleich danach mit „Next Door“ aber zu Led Zeppelin’schem Ungestüm wechselt. Sämtliche Songs atmen kreative Freiheit und die Erfahrung der Band mit verschiedensten Stilen. Wer die Musik von Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molv³r mag, wird Erik Truffaz und „The Walk of the Giant Turtle“ lieben. Zusätzlich gilt: Blue Note verpflichtet! 5/5

 

Blur: Think Tank (Parlophone/EMI)

Anders als ihre Intimfeinde von Oasis haben Blur den Schritt geschafft. Weg vom Britpop aus der Mitte der Neunziger, weg von „Country House“ oder „Song 2“, hin zu experimentellen Soundlandschaften, Disco, Rock und musikalischer Vielfalt. Damit polarisieren Alleinherrscher Damon Albarn (Graham Coxon verließ in der Zwischenzeit die Band) und Anhang die Hörer und stiften Verwirrung – mit mäßigem Erfolg. Neben dem herrlich schleppenden Opener „Ambulance“, der Auskopplung „Out of Time“ und dem krachenden „Crazy Beat“ glänzt „Think Tank“ auch mit einigen Durchhängern. Geradezu überflüssiges Gedudel, das ein Radiohead sein möchte - um Längen verfehlt. Warum tobt sich Mister Albarn nicht bei den Gorillaz und den anderen Side-Projekten aus, um sich bei Blur ums Songwriting zu kümmern? 3/5

 


Junior Senior: D-D-Don’t Stop The Beat (Universal)

Das ist sie, die flippige Antwort auf die leidigen Olsen Brothers! Ein ungleiches Duo als super Marketingkonzept: Junior ist schmächtig und hetero, Senior dagegen ein Hüne und eher nach Männern aus. Wenn Junior „Gimme girls girls girls“ fordert, lässt Senior nicht lange auf sich warten: „Gimme boys boys boys“. Jeden Tag ist Party und diese Hedonismus-Keule von einem Album läuft in Schleife. Als hätten sich die B-52’s und Run DMC in einem Plattenladen mit 60er-Rock’n’Roll eingeschlossen, fegen die beiden völlig überdreht durch den Sampling-Trash, ohne Rücksicht auf Verluste oder Geschmacksgrenzen. Die famose Single „Move Your Feet“ täuscht über den Gehalt der übrigen Songs hinweg: Hinter der Spaß-Fassade der Dänen bleibt nicht viel übrig, was morgen noch Bestand haben könnte. 2/5

St. Thomas: Hey Harmony (City Slang/Labels/Virgin)

So heilig, wie es der Bandname vorgibt, war Thomas Hansen nicht immer. Nachdem sich das erste Album in der norwegischen Heimat unerwartet erfolgreich verkaufte, schlug der ehemalige Postbote mit seiner Exzentrik oft den falschen Weg ein. Zu viele Talkshows, zu viele Handy-Klingeltöne seiner Singles, ganz einfach zu viel. Jetzt herrscht aber wieder „Hey Harmony“: schlicht arrangierter Gitarrenfolk mit einem leichten Country-Einschlag durch das Banjo und diese Falsettstimme, die unweigerlich an Neil Young erinnert. Aufgenommen in Nashville bei Mark Nevers (Lambchop), ist den Songs das gewandelte Lebensbild des Sängers und Gitarristen anzumerken. Zwar strahlen die Kompositionen weiterhin eine schwermütige Melancholie aus, aber im Gegensatz zum Vorgänger klingt sie warm und zufrieden(er). 3/5

 


Jazzanova: Remixed (JCR/PP Sales)

„Wie du mir, so ich dir!“ So oder ähnlich geht es meist in Clubmusik-Kreisen zu, wenn Tracks anderer Musiker neu bearbeitet und als Remix wieder veröffentlicht werden. Das Produzentensextett Jazzanova legte mit „The Remixes 1997-2000“ vor, jetzt ziehen die Kollegen nach. Das Klangmaterial von „Remixed“ stammt größtenteils vom letzt jährigen Debüt der Berliner, „In Between“, und versammelt eine illustre Schar von Beatbastlern auf zwei prall gefüllten CD’s. Liest sich kompliziert, macht aber Sinn und Laune. Bei Namen wie DJ DSL, Stereolab, Beanfield, Jazzy Jeff oder Kyoto Jazz Massive überrascht die Homogenität der Remixe, nicht aber deren Qualität. Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise (HipHop, House, Downbeat) bewahren sie alle den einzigartigen Jazzanova-Spirit. 4/5

 

Autechre: Draft 7.30 (Warp/Zomba)

Faszination, hervorgerufen durch Unwissenheit und Unverständnis. Wie schon bei Pierre Henry oder John Cage, den Begründern der elektronischen Musik in den 50ern, stellt sich auch bei Autechre die Frage nach dem Wie und Warum ihrer Klang gewordenen Nullen und Einsen. Sean Booth und Rob Brown aus der britischen Countryside unweit des Londoner Speckgürtels sind eher Tonerzeuger als Musiker. Für sie basiert alles auf Schwingungen, auf mathematischen und physikalischen Formeln. Am Rechner werden Töne in kleinste Bestandteile dekonstruiert und die traditionelle Trennung von Melodie und Rhythmus kurzerhand aufgehoben. „Wir wollten die Musik wieder stärker in den Vordergrund rücken“ verkündet Booth in Bezug auf „Draft 7.30“ und lässt den Hörer mit emotionslosem Wahnsinn allein. 4/5

 


Evan Dando: Baby I’m Bored (Clearspot/EFA)

Nach sieben Jahren gibt es wieder ein Lebenszeichen von Evan Dando. Sieben Jahre, in denen der Lemonheads-Songwriter den steinigen Weg zu tonnenweise Drogen und zurück ging, ohne daran zu zerbrechen. Ein richtiges Soloalbum ist es nicht geworden: Oft tritt Dando nur als Co-Autor auf, wodurch „Baby I’m Bored“ einen recht heterogenen Charakter erhält. Doch seine Stimme als Bindeglied klingt immer noch vertraut und so angenehm unaufgeregt. Wenn dazu die Gitarre im Midtempo schrubbt, werden Songs wie „All my life“, „Repeat“ oder „Waking up“ mit Honky-Tonk-Piano zu wunderschönen Vertretern vergangener Indierock-Tage. Beim Einspielen im Studio halfen Joey Burns und John Convertino (Calexico) sowie Howe Gelb (Giant Sand). Vielleicht auch, weil sie dieser Stimme ganz nah sein wollten. 4/5

 


Red Snapper: Red Snapper (Lo Recordings/EFA)

Rücktritt vom Rücktritt oder diesmal ohne Rückfahrkarte? Offiziell haben sich Red Snapper aufgelöst, aber die Band lässt das Mucken nicht. 1993 starteten Ricard Thair (Drums), David Ayers (Gitarre) und Ali Friend (Bass) mit dem Versuch, die Mauern zwischen Breakbeats, HipHop und Jazz niederzureißen. Das großartige „Prince Blimey“-Album auf Warp folgte 1996. Nun der große Ausverkauf: Neben den neukomponierten Tracks enthält „Red Snapper“ noch Remixes von Marco Perry und zwei Live-Mitschnitte, überraschenderweise alle instrumental. Also Vocals raus, Groove rein! Wie ausgefeilt das Trio seine Arrangements setzt und trotz analoger Instrumentierung tanzbar und clubtauglich bleibt, belegen nicht nur „Heavy Petting“, „Hot Flush“ oder der Klassiker „The Tunnel“. Ein Abschied würde schwer fallen. 4/5

 


Micatone: Is You Is (Sonar Kollektiv/Zomba)

Auf der Bühne sind Micatone mit ihrer Mischung aus Spielfreude, treibenden Beats und geschmeidigem Sound eine Klasse für sich. Sängerin Lisa Bassenge – derzeit auch mit ihrem Trio auf der Erfolgsspur – hat daran großen Anteil. Sie beherrscht wunderbar den Spagat zwischen reifem Jazzgesang und konsensfähigem Popappeal, zwischen Anspruch und Unterhaltung. Das zweite Album der Berliner Band macht da weiter, wo „Nine Songs“ von 2001 aufhörte: „Plastic bags & magazines“ als der Ohren schmeichelnde Popsong, „To the sound“ mit luftigem Flügelhorn (Gerard Presencer) oder das ambiente „Sweet child“ mit Refrain à la Incognito. Halb eingespielte, halb programmierte Songs, ohne dieses „Nichts Halbes, nichts Ganzes“-Gefühl. Es ist Jazzmusik auf der Höhe der Zeit. 4/5

 

Johnny Marr + the healers: Boomslang (iMusic/PIAS/Zomba)

Johnny Marr hat seinen Platz auf dem Musikolymp schon sicher. Als Gitarrist und Songschreiber der legendären Smiths eroberte er in den Achtzigern unzählige Herzen. Eines davon schlägt in meiner Brust. Nach dem Split folgten diverse Gastauftritte bei The The, Talking Heads und Brian Ferry, die Zusammenarbeit mit Bernard Sumner als Electronic sowie die Freundschaft zu Noel Gallagher. Doch nie ein richtiges Soloalbum. Jetzt ist „Boomslang“ da – und die Enttäuschung nicht zu verbergen. Nicht, weil Marr als einer der weltbesten Gitarristen auch zum Mikro greift. Mit den Heilern schrammelt sich Marr durch elf meist spannungsarme Songs. Solider Gitarrenrock, mal psychedelisch, mal mit feinen Popmelodien und immer very british. Doch es fehlt die Faszination vergangener Zeiten. 2/5

 


Common: Electric Circus (MCA/Universal)

“Ich möchte etwas kreieren, das jenseits unseres HipHop-Verständnisses steht.” Gesagt, getan. Lonnie Lynn alias Common sprengt auf „Electric Circus“ sämtliche Stilgrenzen und mischt zu seinen weichen Old School-Rhymes neben Soul, Jazz und Funk auch Hendrix-Rockzitate. Mit genialem Gespür und ohne sich dabei zu verzetteln. Wer noch mitgemacht hat? Mary J. Blige bereichert „Come Close“, Stereolab’s Laetitia Sadier das druckvolle “New Wave”, außerdem Erykah Badu, Bilal, Jill Scott...to be continued. Bei „Star `69 (PS With Love)“ sitzt Prince an den Tasten, während The Neptunes und Ahmir „?uestlove“ Thompson wie gewohnt brillant die Produzentenregler bedienen. Ein Album, das mit innovativen Sounds und extrovertierten Ideen den Hörer fordert, letztendlich aber reich beschenkt. 5/5

 


Tosca: Delhi9 (Studio K7/Zomba)

Mit der “DJ Kicks”-Compilation legten die Wiener Kruder & Dorfmeister 1996 den Grundstein für hochwertige Fahrstuhlbeschallung. Zusammen mit Rupert Huber schwört Richard D. auch weiterhin auf den schmeichelnden Weichzeichner-Sound, auf Entspannung mit Stil und Beats in gedrosseltem Tempo. Man kann darüber streiten, ob mit „Delhi9“ das bewährte Programm einfach abgespult wird, besonders in Zeiten expandierender Kaffee-Bars und Lounge-Events. Aber die Doppel-CD ist hervorragend durchproduziert. Moderater Dub, tiefe Bässe und perlende Pianoklänge bilden die Basis. Neu sind die verstärkten Gesangsparts: Unter anderem raunt Earl Zinger alias Rob Gallagher bei „Wonderful“ - und der Titel ist Programm. Die zweite CD entführt in verfremdetes Klassikpiano im Stile eines Erik Satie. 4/5

 


Turin Brakes: Ether Song (Source/Labels/Virgin)

Vor zwei Jahren kam es plötzlich an die Oberfläche, das Genre des „New Acoustic Movement“. Die Musikindustrie hatte ein neues Steckenpferd, leisere Töne waren schwer angesagt und alle klatschten begeistert in die Hände. Auch Turin Brakes’ Debüt „The Optimist LP“ fiel in diese Zeit- und Soundphase. Nun versuchen sich Ollie Knights und Gale Paridjanian wieder von dem Korsett zu befreien, doch die Geister, die man einmal rief... Erste kleine Schritte: Aufgenommen wurde „Ether Song“ im sonnigen Kalifornien bei Tony Hoffer (Beck, Supergrass) statt im heimischen London, ein E-Piano durchbricht jetzt die melancholischen Klänge der Akustikgitarren und bei „Long Distance“ oder „Little Brother“ wird sogar hymnisch gerockt. Das Songwriting mit sehr intensiven Momenten lässt hoffen. 3/5

 

Sam Ragga Band: Loktown Hi-Life (WEA)

HipHop aus deutschen Landen schwächelt zunehmend, nicht nur mangels frischer Ideen. Als rettende Alternative geht’s von HH-Eimsbush auf zu neuen Ufern - Jamaika ist doch so nah. Nach Jan Delay und seinen Soul Rebels macht sich nun auch die Sam Ragga Band mit Verve an den zurückgelehnten Sound der Insel. Im Vergleich hat „Loktown Hi-Life“ wesentlich mehr Pop-Charakter und harmonische Melodien im Gepäck. Besonders die Bläser-Fraktion scheint im Studio mit Weichzeichner bearbeitet worden zu sein. Trotzdem hinterlassen die zwölf Songs beim Hörer kleine, fiese Ohrwürmer. Gastsänger Delay quengelt sich mit deutschem Ragga-Akzent durch die Single „Die Welt steht still“ - und das funktioniert. Pure Entspannung. 3/5

 


Console: Reset The Preset (Virgin)

Mit dem Image eines nerdigen Computer-Musikers steht Martin Gretschmann stellvertretend für das Projekt Console - Wuschelhaare und ausdrucksstarke Brille inklusive. Beim Erfolgsalbum „Neon Golden“ von The Notwist nahm er schon den elektronischen Part ein, während bei Console sein ganz persönliches Songwriting ausgelebt werden kann. Mario Thaler erweist sich auch hier als genialer Produzent, denn „Reset The Preset“ gleicht einer Medaille, von der jede Seite eine CD benötigt: Auf „Reset“ dominieren tanzbare Songs mit der kühlen Vocoder-Stimme von Miriam Osterrieder und verzerrte Gitarren. Das fantastische „Dirt On The Wire“ ist Indiepop auf Acid! Die Songs von „Preset“ sind dagegen eher Tracks. Viel Geklicker und Geklacker, ambiente Flächen und abstrakte Beats. In sich stimmig und, ja, schön. 4/5

 


Beth Gibbons & Rustin Man: Out of Season (Polydor/Universal)

Schwer zu überbieten ist “Out of Season”, das Solodebüt von Beth Gibbons. Sie war es auch, die 1994 Portisheads „Dummy“ und daraufhin das ganze TripHop-Genre mit ihrer einzigartigen Stimme prägte. In Zusammenarbeit mit Rustin Man alias Paul Webb, Ex-Bassist von Talk Talk, versprüht das Album eine Intimität, die ihres Gleichen sucht. Die sparsamen Arrangements zwischen Klassik und elektronischen Passagen wirken trotz Orchester und Choreinsatz immer anmutig und graziös, vielleicht auch wegen der fehlenden perkussiven Elemente. So entsteht ein schwebendes Soundbild, in dem Beth Gibbons ganz neue Facetten ihres Gesangs offenbart. Mal zerbrechlich und sanft, mal lasziv, aber immer intensiv. Melancholische Klangpoesie in Perfektion. 5/5

 


Diverse: Bis auf weiteres eine Demonstration (ZickZack/Indigo)

Es lebe die musikalische Entfaltungsfreiheit und Menschen, die mit ihrem Engagement diese Autonomie unterstützen! Alfred Hilsberg, Macher des Hamburger ZickZack-Labels und dank Jürgen Teipels Punk-Doku „Verschwende deine Jugend“ wieder im Gespräch, hat so eine idealistische Ader. Auf der Doppel-CD „Bis auf weiteres eine Demonstration“ tummeln sich 36 Bands und Künstler, vertreten mit je einem Song: vom absoluten Nobody bis zum Untergrund-König, vom der lärmenden Indie-Nummer bis zum Singer/Songwriter-Experiment. Bekannte an Bord des Hamburger Unterhaltungs-Dampfers sind unter anderem Fehlfarben mit dem aktuellen „Sieh nie nach vorn“, Parole Trixi, Mutter, Marr oder Knarf Rellöm. Allemal eine Demonstration des guten Willens und – bis auf Ausnahmen – auch des guten Geschmacks. 3/5

 


Lisa Bassenge Trio: A Sigh, a Song (Minor Music/In-Akustik)

Es herrscht Einigkeit – am Lisa Bassenge Trio und „A Sigh, a Song“ kommt in diesen Tagen niemand vorbei. Das gesamte Regal an Frauenzeitschriften ist völlig aus dem Häuschen, Harald Schmidt hat bereits in seine Show geladen und selbst Jazzpuristen haben für ihre Verhältnisse wenig zu nörgeln. Ein paar Worte, hingetropfte Klavierakkorde von Andreas Schmidt und Paul Klebers feinfühliger Kontrabass genügen. Mutige Songvorlagen wie Kylie Minogue’s „Can’t get you out of my head“, „Blue suede shoes“ von Carl Perkins oder Rio Reisers „Junimond“ klingen neu und doch seltsam vertraut. Lisa Bassenges Gesang ist klar, geschmeidig und experimentierfreudig. Ein Album voll angejazzter Coverversionen bekannter Popsongs? Zum Glück nicht. Eher moderner Trio-Jazz, der sich nicht dem Pop verschließt. 5/5

 

Jay-Jay Johanson: Antenna (BMG)

Beim Blick auf das Cover müsste jedem Menschen mit ästhetischem Empfindungsvermögen das Blut in den Adern gefrieren. Aber genau dieses Versperren gegen konventionelle Normen ist ein Markenzeichen von Jay-Jay Johanson. Mit Unterstützung des Rosenheimer Produzenten-Duos Funkstörung und dem Symphonie-Orchester Stockholm versucht der singende schwedische Artdirector auf seiner vierten Veröffentlichung „Antenna“, etwas Licht in die tristen Geschichten seines Lebens zu bringen. Der leicht unterkühlte und elfenhafte Charakter der Produktion passt perfekt zum Sound à la Pet Shop Boys oder A-ha. Johanson klagt sich durch die elektronischen Popsongs und gefällt besonders bei „Kate“ und „Wonderful Combat“. Polarisieren wird er jedoch weiterhin. 3/5

 


Badly Drawn Boy: Have You Fed The Fish? (XL Recordings/Beggars Group/Connected)

Damon Gough, der augenzwinkernde Müßiggänger und notorisch unrasierte Wollmützenträger, erobert als Badly Drawn Boy erneut die Herzen im Sturm. Mit leicht gesenktem Kopf fragt er “How can I give you the answers you need, when all I possess is a melody?”, und schon hat er dich um den Finger gewickelt. Nach dem großartigen Debüt „The Hour Of Bewilderbeast“ und dem Soundtrack zu Nick Hornby’s „About A Boy“ packt Gough in sein Nachfolgealbum mal eben einige Musikdekaden und verteilt sie auf die 15 neuen Songs: Gitarren aus den 80ern, Pianohooks, Seventies-Disco, Charleston-Revival, Bläser und kecke Gesangspassagen. Zusammen mit dem Reichtum an Melodien wird es fast zuviel des Guten, doch am Ende macht alles Sinn. Dem Wunsch, als Bob Dylan seiner Generation zu gelten, rückt er ein großes Stück näher. 4/5

 


Metro Area: Metro Area (Source/Labels/Virgin)

Hier stellt sich ein ganz heißer Anwärter auf das Dance-Album des Jahres vor! Underworld und Konsorten können getrost einpacken und sich dann einmal anhören, was alles möglich ist. Die New Yorker Darshan Jesrani und Morgan Geist euphorisieren auf der Sammlung ihrer bisherigen EP-Hits und vier zusätzlichen Tracks durch satt federnde Beats, knackig-feine Basslinien und analog eingespielte Piano- und Streicherspuren. Auf einem minimalen Klanggerüst aufbauend, beginnt der Sound allmählich, in sich und an dir zu arbeiten, zu atmen und zu leben. Metro Area fallen nicht plump mit der Tür ins Haus, sondern übernehmen sanft, aber mit Nachdruck die Kontrolle. Erst zwingen sie einen auf die Knie, dann unaufhaltsam auf die Tanzfläche. 5/5

 


Kettcar: Du und wieviel von deinen Freunden (Grand Hotel Van Cleef/Indigo)

Ich sitze am Rand der Release-Party. Alle liegen sich bierselig in den Armen, skandieren die Songtitel und feiern die erste offizielle Platte der Hamburger Band Kettcar auf dem neu gegründeten GHVC-Label. Meine Apfelschorle wird langsam schal, und ich fühle mich so nüchtern, so deplaziert wie der Fahrer beim Junggesellenabschied. Dabei haben die oft melancholischen Texte ihren Reiz und sprechen den Hörer unvermittelt an, etwa bei „Landungsbrücken raus“. In den Neunzigern machten einige Kettcarer Punkrock bei ...But Alive. Geblieben sind aus diesen Tagen die simplen Arrangements der Songs, ansonsten dominiert ein Sound zwischen Stadionrock und Pop mit Keyboard und kleinen Elektro-Spielereien. Doch mit der Stimme von Marcus Wiebusch werde ich nicht warm – ganz subjektiv. 2/5

 

2Raumwohnung: In Wirklich (Goldrush/BMG)

Ein faszinierendes Moment birgt die Stimme von Inga Humpe, etwas nicht Greifbares und Nebulöses. Einerseits klar und direkt, andererseits aber auch lasziv gehaucht; über der Musik schwebend, und doch in ihr versunken; Glück versprühend, und gleichzeitig zutiefst melancholisch. Zusammen mit ihrem Partner Tommi Eckart führt die ehemalige Neonbabies-Sängerin den Weg des letztjährigen Erfolgsalbums fort, das dem deutschen Electro-Pop einen enormen Aufschwung verschaffte. Der neue Sound umfasst die Schnittmenge aus Songs in gemäßigtem Tempo, deutschen Texten und Beats zwischen Tanzfläche und Sofa. Das Hitpotenzial von „Kommt Zusammen“ wird nicht erreicht, aber die Single „Ich und Elaine“ sowie das schmachtende „Weil es Liebe ist“ berühren den Hörer unvorbereitet. In wirklich. 4/5

 


Suede: A New Morning (Epic/Sony)

Es scheint, als fühle sich Brett Anderson im Moment pudelwohl. Der neue Morgen bricht für den Sänger der britischen Glampopband Suede passend mit dem Opener „Positivity“ an – mit einer Lebensfreude und Leichtigkeit, die seinem Songwriting ausgesprochen gut tut. Und nebenbei Anderson dazu verhilft, sich etwas von seiner divenhaften Selbstdarstellung zu lösen. Der Gesang fügt sich homogener in die Arrangements der Band ein, wohl auch dank des Starproduzenten Stephen Street. Nach dem bescheidenen Vorgänger „Head Music“ dominieren wieder die eingängigen Songs ohne Widerhaken, dafür aber mit den famosen Melodien, die Suede auch auf ihrem fünften Longplayer auszeichnen. Manches Mal schon sehr romantisch und kitschig, ohne dabei jedoch den Bogen zu überspannen. 4/5

 


Gus Gus: Attention (Underwater/Zomba)

Bekanntlich sind aller guten Dinge drei, doch nach zwei genialen Alben des Projekts Gus Gus ist eine leichte Enttäuschung bei „Attention“ nicht abzustreiten. Mittlerweile zum Quartett geschrumpft, gehen die Songs der Isländer verstärkt in Richtung Detroit-Techno, wo bisher beseelt kühler TripHop und sphärischer Pop vorherrschte. Möglicherweise hängt dies mit dem Wechsel zu Underwater Records zusammen, dem neuen Label des Ex-Underworld DJ`s Darren Emerson. Die Songstrukturen setzen unverändert auf die Kunst der Beschränkung: Ein simples Motiv hangelt sich an der schnörkellosen Basslinie entlang und knüpft immer dichtere Verflechtungen, die vom dezenten, weiblichen Gesang durchschienen werden. Insgesamt nicht erfrischend genug, um die etwas platten Ideen zu kompensieren. 2/5

 


Public Enemy: Revolverlution (Motor/Universal)

Die vielleicht einflussreichste HipHop-Formation dieses Planeten hat es nicht nötig, ein reguläres Studioalbum zu veröffentlichen. Public Enemy, deren Meilenstein „It Takes A Nation...“ von 1988 den radikalen Rap salonfähig machte, stellen auf „Revolverlution“ neue Songs, historische Liveaufnahmen und Remixe von Fans zusammen. Die Black Power-Parolen und aufrechten Hasstiraden haben dabei nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt. Feindbilder sind für Chuck D. und Konsorten diesmal neben dem weichspülenden Unterhaltungsrap besonders Präsident Bush in „Son of a Bush“ - berechtige Kritik zur rechten Zeit. Als Sammlung aus 15 Jahren Bandgeschichte wirkt das Album in sich nicht geschlossen, doch der Spirit ist deutlich zu spüren. 3/5

 

Morcheeba: Charango (WEA/Warner)

Charango ist der Name eines südamerikanischen Saiteninstruments. Bei Morcheeba steht er für den Versuch, eine musikalische Brücke zwischen den Kontinenten zu schlagen, um Stilrichtungen zu verbinden. Nach dem Erfolg des Vorgängers „Fragments of Freedom“ wurden somit neue Ziele gesteckt, die eine Stagnation verhindern und die eigenen Erwartungen erfüllen sollten. Allzu große Überraschungen bleiben beim mittlerweile vierten Album jedoch aus: Weiterhin bildet gefälliger Pop die Basis, auf der sich diesmal HipHop, Soul, Brasil und Country ausbreiten. Die Zusammenarbeit mit Rapper Slick Rick bei „Women Lose Weight“ erweist sich als ebenso fruchtbar wie das wunderschöne Duett von Skye Edwards mit Kurt Wagner (Lambchop). Ein Sommeralbum, das sicher viele Freunde finden wird. 3/5

 

Oasis: Heathen Chemistry (Epic/Sony)

Liam Gallagher sagte kürzlich über John Lennon: „Wir haben dieselbe Stimme und sind ähnlich talentiert.“ Schwerer Fehler! Das Problem bei Oasis ist immer noch der offen zur Schau gestellte Narzissmus der Gallagher-Brüder - ganz egal, ob ihre Starallüren ernst gemeint oder Imagegründen verpflichtet sind. So straucheln sie auf dem fünften Studioalbum über die eigenen Ansprüche, ohne zu fallen. Denn „Heathen Chemistry“ bietet zeitlos gute Rocksongs und lässt die letzte Platte weit hinter sich. Die Single „Hindu Times“ rockt schnurstracks nach vorne und mit „Stop Crying Your Heart Out“ gibt es wieder eine stadiongerechte Mitsingnummer. Ansonsten wie immer Gitarren satt. In seiner neuen Rolle als Songwriter neben Bruderherz Noel fühlt sich Liam hörbar wohl. The show must go on! 4/5

 


Groove Armada: Another Late Night (Treacle/Azuli/Zomba)

Im riesigen Heuhaufen der DJ-Mix-CDs ist die „Another Late Night“-Reihe eine blinkende Nadel. Völlig losgelöst von Aktualitätszwängen und übertriebener Profitgier eines Plattenlabels dürfen hochrangige Clubheads ihre liebsten Songs in ein Set nach Wahl zusammenfügen. Nach Fila Brazillia und Rae & Christian wurden nun die Remix-Könige Andy Cato und Tom Findlay alias Groove Armada berufen, ihre Version des Party-Chillouts zu realisieren. Neben schmucken Klassikern wie Roy Ayers „The Memory“ oder dem Hüftschwinger „Truth`n`Time“ von Al Green finden auch Favoriten aus jüngeren Plattenkisten (SG4 Project, Jeru the Damaja) ihren Platz im geschmeidigen Flow. Insgesamt überwiegt eine zurückgelehnte Atmosphäre – dies ist aber Sinn und Zweck einer Late Night-Compilation. 4/5

 


Belle And Sebastian: Storytelling (Jeepster/EFA)

Soundtracks sind so eine Sache: Hat man den Film gesehen, kommen die Szenen sofort vor das geistige Auge. Wenn nicht, bedarf es der eigenen Bildproduktion und man ist der Regisseur. Von „Storytelling“ kamen nur sechs Minuten in den gleichnamigen Film von Todd Solondz, aber Belle And Sebastian aus Glasgow schaffen es mühelos, eine Atmosphäre fragiler Schönheit aufzubauen. Sämtliche Songs, Instrumentalstücke und Dialogschnipsel mit musikalischer Untermalung führen den Hörer in schwelgerische Klanglandschaften und Momente der Sehnsucht. Simon&Garfunkel schauen mit ihrem 60er-Sound vorbei und sind gerührt, wenn bei „Fuck This Shit“ eine beseelte Melodie der Mundharmonika über den flauschigen Teppich von Klavier und Streichern perlt. Film ab! Kamera läuft! 4/5

 

DJ Shadow: The Private Press (Island/Universal)

Ein 24-jähriger Kalifornier veröffentlicht 1996 sein Debüt “Endtroducing”, das im Nachhinein zu den wichtigsten Alben der 90er zählt. Prägend in Dichte und Intensität der Samples, die für den auf HipHop-Beats basierenden Elektronik-Sound verwendet wurden. Seitdem war es um Josh Davis aka DJ Shadow recht still geworden. Mit dem lang erwarteten Nachfolger „The Private Press“ zeigt sich Davis weiterhin als Meister der Samplekunst, der es versteht, den melancholischen Grundton der meist instrumentalen Tracks zu wahren, ohne dabei den Groove zu vernachlässigen. Ambient-Flächen („Giving Up The Ghost“) gesellen sich zu relaxtem Schönklang („6 Day War“), meist unterlegt mit feinem Breakbeat. Ein faszinierend abwechslungsreiches Werk, mit dem DJ Shadow endgültig aus seinem Schatten tritt. 4/5

 


The Breeders: Title TK (4AD/Connected)

Nun haben es die Schwestern Kim und Kelley Deal doch noch geschafft, ein drittes Album aufzunehmen. Nach einer Umformierung der Band und Kelley’s überstandener Drogen-Rehabilitation geht es auf „Title TK“ um eine Standortbestimmung, einen Status quo im achten Jahr nach dem Hit „Cannonball“. Der kommerzielle Erfolg wird wohl ausbleiben, dafür sind die Songs allesamt zu sperrig, zu spröde. Scheinbar aus Prinzip wird dieser Charakterzug hervorgehoben, noch unterstützt durch die transparente Produktion von Steve Albini. Gefällig schreibt sich anders. Doch gerade dieses bewusste Querstellen eröffnet dem Hörer einen neuen Zugang. Wenn die Gitarren rumpeln wie bei „London Song“ oder Kim’s brüchige Stimme das ruhige „Off You“ erhellt, dann kommt die kratzige Schönheit voll zur Geltung. 3/5

 


Weezer: Maladroit (Motor/Universal)

Mit dem neuen Album werden die Jungs um Bandleader Rivers Cuomo wahrscheinlich diejenigen Fans vergraulen, die sie gerade mit ihrem letztjährigen, „grünen“ Album für sich gewinnen konnten. Nicht mehr die Beach Boys spähen um die Ecke, sondern Van Halen und Konsorten mit ausgedehnten Gitarrensoli, Stadionriffs und fetten Drums - statt cheesy Pop-Rock ist wieder das Format der `96er Scheibe „Pinkerton“ angesagt. Kompromisslos durchpflügen Weezer die kurzgehaltenen Songs, voller Kanten und Druck nach vorne. Zwischen den Krachern misslingt die Ballade „Death and Destruction“ völlig. Geblieben sind der mehrstimmige Gesang im Refrain und die eingängigen Melodien, die „Maladroit“ zu einer Weezer-Platte und durchschnittlichen Rockplatte machen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. 2/5

 


Tom & Joyce: Tom & Joyce (Yellow Productions/Zomba)

Das muss wirklich Liebe sein. Obwohl sie nie einen Fuß auf brasilianischen Boden gesetzt haben, widmet sich das Pariser Duo Tom & Joyce auf ihrem selbstbetitelten Album ganz dem Sound vom Zuckerhut. Inspiriert von Heroen des Bossa Nova - wie etwa Antonio Carlos Jobim oder Joao Gilberto - bauen die Arrangements von Thomas Naim hauptsächlich auf den typisch perkussiven Rhythmen und akustischen Instrumenten dieses Genres auf. Sängerin Joyce Hozé, die der Authentizität wegen sogar Portugiesisch gelernt hat, säuselt darüber ihre süßlichen Verse von Liebe, Verlust und Reisen vor dem geistigen Auge. Fernweh vom Feinsten also, das mit „Vai Minha Tristeza“ einen extrem tanzbaren Song für den Abend am Strand bereithält. Auf Dauer jedoch ein wenig zu glatt und berechenbar. 3/5

Gorillaz: G Sides (Parlophone/EMI)

Die Gorillaz legen auf dem Weg zum nächsten Album eine Zwischenstation mit B-Seiten und Remixen ein. Oder nennt man das clevere Labelpolitik? Egal. Für das innovative Projekt um Blur-Sänger Damon Albarn, dessen Mitglieder sich in den Musikvideos durch kauzige Zeichentrickfiguren ersetzen lassen, eine gute Gelegenheit, neben alternativen Versionen von „19-2000“, „Rock The House“ oder dem Chartsstürmer „Clint Eastwood“ auch B-Material auszupacken. Der Eindruck von aussortierter Ware kommt dabei aber nicht auf: Songs wie „Dracula“ oder „Faust“ hätten es qualitativ auch auf den regulären Longplayer aus dem letzten Jahr geschafft. Hand drauf. Obendrein liefert „G Sides“ noch zwei Videos fürs Auge. Neues Material hätte mehr gekickt, aber so wird zumindest die Wartezeit verkürzt. 4/5

 


Sportfreunde Stiller: Die gute Seite (Blickpunkt Pop/Motor Music/Universal)

Ein Sound, wie gemacht für die Festivals dieses Sommers. Die drei netten Jungs von Sportfreunde Stiller praktizieren kontrollierte Offensive, bieten jugendliche Unbekümmertheit und schmissige Refrains mit hoher Mitsingquote. „Du und ich und sonst noch ein paar Leute, wir sind auf der guten Seite“ heißt es da - wer hört das nicht gerne? Problem ist nur, dass die Münchner kaum auf Risiko spielen oder mal die Abseitsfalle aufstellen. Schlimm sind die eingespielten Synthies, erinnern sie doch unangenehm an Liquido und Konsorten. „Ein Kompliment“, die aktuelle Single, rotiert derzeit auf allen Kanälen und gehört noch zu den besseren Stücken. Textlich liegt „Die gute Seite“ zwischen ambitionierter Alltagslyrik und peinlichen Momenten, die mit gelbem Karton geahndet werden. Am Ende ein gerechtes Remis. 3/5

 


Neil Young: Are You Passionate? (Reprise/WEA)

Ein flügellahmes und saturiertes Alterswerk ist es nicht geworden – dafür weist „Are You Passionate?“ zu viele Vorzüge auf. Neil Young schreibt immer noch famose Songs, entweder in groovigem Stil („She’s a Healer“) oder stimmungsvoll wie im Titellied. Durch die erfrischend swingende Soul/Blues-Unterstützung von Booker T. Jones, „Duck“ Dunn und „Smokey“ Potts kann sich der kanadische Titan mit erdigen Gitarrenausflügen austoben. Die Gefährten von Crazy Horse sind nur noch beim fast neunminütigen „Goin’ Home“ beteiligt, dies aber überzeugend. Youngs vertraut-brüchige Stimme verleiht den Arrangements die besondere Note, die manches Mal zu sehr ins Schmachtende abdriftet. Eine Steigerung zum letzten Album, der Meilenstein „Harvest“ bleibt aber unerreicht – der dieses Jahr immerhin 30 wird. 3/5

 


Timo Maas: Loud (Perfecto/PIAS/Connected)

Der Prophet gilt wenig im eigenen Land. Von der britischen Musikpresse bereits als Heilsbringer der Dance Szene abgefeiert, kämpft Timo Maas hierzulande um die Gunst und gegen die (berechtigten) Vorurteile der Hörer angesichts seiner musikalischen Vergangenheit. So richtig begonnen hatte der rasante Aufstieg 1999 mit dem „Dooms Night“-Remix von Azzido Da Bass, nun folgt das Debüt-Album. Zusammen mit Produzent Martin Buttrich und illustren Gästen (Kelis, Finley Quaye) verknüpft der Bückeburger House, 2Step und Techno zu einem maasenkompatiblen Ganzen. Trotz der offensichtlichen Ausrichtung auf größere Dancefloors sind die Songs schwer zu kritisieren, die Beats sind bisweilen recht einladend. Leider alles auf dem Fundament einer seelenlosen Produktion, ohne Persönlichkeit und Charisma. 3/5

 

Diverse: The New Testament Of Funk, Vol.4 (Acid Jazz/Bellaphon)

Das Londoner Label Acid Jazz müsste ein Relikt der Vergangenheit sein, ginge man alleine vom Namen und dem dazugehörigen Stil aus. In über zehn Jahren fließt allerlei Wasser durch den Fluss der musikalischen Entwicklung. Doch Mastermind Eddie Piller schlägt allen Möchtegern-Hipstern ein Schnippchen und dreht das Rad der Zeit noch weiter zurück. Stark geprägt durch den späten Sixties-Sound wird die vierte Folge von „The New Testament Of Funk” zu einem Treffpunkt vieler unbekannter Groover. Scheinbar wahllos erscheint die von Danny Corr kompilierte Trackliste mit Easy Listening, Brasil, Soul und BigBeat im Gepäck. Meist geht die Sache auf (die Tanzfläche). Das Sampling-Monster „Hey Yeah!“ von Dynamo Productions ist ganz vorne dabei. 3/5

 

Me’Shell Ndegéocello: Comfort Woman (WEA/Warner)

Ein Glück, dass Mary Johnson Anfang der Neunziger nicht von Living Colour als Bassistin engagiert wurde. Stattdessen machte sie unter ihrem Künstlernamen Me’Shell Ndegéocello alleine weiter und schenkte der Musikwelt im Laufe des Jahrzehnts drei grandiose Alben, mit der sie am Viersaiter und als Sängerin einen ganz eigenen Stil prägte. „Comfort Woman“ bietet ein Dutzend Songs, die zwischen Funk, HipHop, getragenen Balladen und jazziger Empfindsamkeit erneut die Bandbreite der Powerfrau verdeutlichen. Bei „Moon“ schreit schon mal eine verzerrte Gitarre, während das Herz von „Love Song #3“ im Reggae-Rhythmus schlägt. Die sehr persönlichen Texte (alleine drei „Love Songs“) werden getragen vom Sprechgesang à la Ursula Rucker und zarten Sade-Melodien, behalten jedoch ihren eigenständigen Charakter. 4/5

 


Georg Levin: Can’t Hold Back (Sonar Kollektiv/Zomba)

Obwohl „Can’t Hold Back“ erst das Debüt von Georg Levin darstellt, kommt das Hörvergnügen nicht ganz unerwartet. Zum einen wegen des House-Projekts Wahoo, an dem Levin mit Steffen „Dixon“ Berkhahn arbeitet; zum anderen wegen der drei Singles, mit denen der Berliner Musiker, Sänger und Produzent bereits von sich reden machte - vorrangig in den USA, UK und Japan. Mitglieder des Jazzanova-Kollektivs erkannten Levins Talent für Neo-Soul im Spannungsfeld zwischen Jazz, Elektronik und Funk und ermöglichten eine Veröffentlichung. Die geschmackvolle Soundwahl sowie der angenehm schleppende Gesang machen Songs wie „Everybody“ oder „When I’m With You“ zu genüsslicher Kurzweil. Ohne zwanghaften Retro-Faktor, aber mit bewusstem Respekt vor musikalischen Wegweisern. Ein ganz feines Album. 4/5

Diverse: Edelpank vs. Döner Diskothek (www.doener-diskothek.de)

Nach der Gainsbourg-Compilation hat sich die Kieler Döner-Diskothek nun Billy Idol auserkoren und zieht mit Kieler Bands den Hut vor dem Edelpank. Mal wird ein Song originalgetreu bearbeitet, mal ist nur eine Melodie oder Textzeile wiederzuerkennen oder die Vorlage komplett auf links gedreht. Stilistisch geht es dabei ebenso vielfältig zu wie qualitativ – doch gerade dies macht den Reiz eines Tribut-Samplers aus. Smoke Blow lassen mit „Rebell Yell“ nichts anbrennen, und auch die Suburban Scumbags und Wax.On Wax.Off rocken schnurstracks geradeaus. Country-esk geht es die Twang Gang bei „Sweet Sixteen“ an, „Heiß in der Kleinstadt“ flöten Disco Maxim, während „Flesh For Fantasy“ bei Paolo Pinkel feat. Sunshine Voice zu einem Minimal-Elektro-Song mutiert. Herrlich auch, wie sich Barbiefreund Ken auf dem Back-Cover ins Waschbecken erbricht. 5/5

 


Diverse: I Like It (Compost/PP Sales)

Eine einfache wie praktikable Vorgehensweise: Vier international bekannte Plattendreher kramen aus insgesamt 150.000 Vinylscheiben jeweils vier Alltime-Favourites heraus, packen diese 16 Songs auf eine gemeinsame Compilation und nennen diese „I Like It“. Egal, welches Genre, Zeitgeist oder sonstige Einschränkung – nur die persönliche Wahl entscheidet. Und es funktioniert. Als Protagonisten der Erstausgabe haben DJ Hell, Peter Kruder, Michael Reinboth (Compost-Chef) und Theo Thönnessen (Into Somethin-DJ Team) das Privileg, längst verschollen geglaubte Perlen zu bergen. Zwischen Jazz („Carmell’s Black Forest“ von Nathan Davis), Elektro (C.O.D. mit „In the Bottle“) und Punk (Television Personalities’ „Part Time Punks“) ist alles möglich. Musik für Kopf, Arsch und Herz. 4/5

 


Jay-Z: The Black Album (Urban /Universal)

“All things must come to an end” lässt Jay-Z im Interlude von “The Black Album” verlauten und gibt damit die Marschrichtung an: letzte Veröffentlichung des „King of New York“! Danach Schluss, Aus, Finito und Beine Hochlegen? Abwarten. Zumindest mag es Shawn Corey Carter gerne monumental, haut wie Metallica 1991 ein schwarzes Album raus und engagierte für sein Vermächtnis eine illustre Produzentenriege: Timbaland, The Neptunes, Rick Rubin und selbst Eminem (bei „Moment of Clarity“) dürfen Hand an die HipHop-Beats legen, die erfreulicherweise frei von R&B-Geseusel bleiben. Stattdessen punkten die gewohnt guten Rhymes über frischen Samples und dem knackigen Sound. Den Status eines Meisterwerks kann „The Black Album“ nach einigen Hördurchgängen nicht erreichen, aber bei Jay-Z weiß man nie. 4/5

 


Dashboard Confessional: A Mark, A Mission, A Brand, A Scar (Motor/Universal)

Im Innersten des Punkrockers Chris Carrabba schlummerte schon immer ein weicher Kern. Trotz der Zeiten als ungestümer Sänger von Further Seems Forever möchte Chris bei Dashboard Confessional lieber seine sensible Seite zeigen und melancholische Melodien für die Ewigkeit schreiben. Mit Akustikgitarre bekommt alles noch ein authentisches Flair, denn Emorock steht in dicken Lettern drüber. Bei Textzeilen wie „My hopes are so high/that your kiss might kill me/so won’t you kill me? So I die happy” (aus “Hands Down”) bleibt kein Auge trocken und Konzerte von DC verwandeln sich in einträchtige Gesangsstunden. Die Songs auf “A Mark, A Mission, A Brand, A Scar“ drehen sich um gebrochene Herzen, unerfüllte Liebe, Verlust und Verzweiflung. Und damit hatte doch schon jeder zu tun, oder? 3/5

 


Deyampert: Shapes & Colors (Sonar Kollektiv/Zomba)

Ein neuer Name aus der Sonar Kollektiv-Schmiede in Berlin: Deyampert „Amp“ Giles. Der aus Cleveland, Ohio, zugezogene Singer/Songwriter lernte bei den Jazzanova-Jungs das Produzieren seiner Kompositionen, und, das Ergebnis kann sich hören lassen. „Shapes & Colors“ klingt einerseits so heiß, dass es auf sämtlichen aktuellen Playlists landen könnte, andererseits aber auch so zeitlos, dass es in zehn Jahren nichts von seinem Charme einbüßen wird. Die Mischung aus warmen Flächen, dezenten Breakbeats und weiblichen Vocals (Heather Clayton, Jane Hamilton, Desney Bailey) scheint nicht erst seit 4Hero resistent gegenüber kurzlebigen Musiktrends. In Aufnahme-Sessions mit Daniel Paul (aka Slope) oder Extended Spirit entstanden Songs wie „This Is The Dance Track On This Album“. Sehr soulful! 4/5

 


Ocker: 1234Love (Popup/Efa)

Im November spielte das Hamburger Quartett im Luna. Und zeigte dort, dass ihr Sound wesentlich farbenfroher ausfällt, als der Bandname es vorgibt. Das Debütalbum möchte so gar nicht in eine Schublade gesteckt werden und windet sich daher in den eisig starren Händen der Zuordnung. „1234 Love“ verbindet tanzflächenkompatible Songs mit getragenen Passagen, House-Elemente mit deutscher Krautrocktradition. Mal verweilen die Popnummern in Instrumentalwelten, mal entzünden oktavierte Disco-Bässe, Off-Beat und Vocoder-Stimmen plakative Hits, wie etwa „New York FM“ oder „Transporter“. Zwischen Underground und Mainstream pendelnd, bleiben die vier Paulianer alles andere als glatt oder berechenbar. So strahlt dieser Soundclash von Ocker einen eigentümlichen Reiz aus – vergleichbar mit einem Strandspaziergang im Schnee. 3/5

Sportfreunde Stiller: Ohren zu und durch – DVD (Motor/Universal)

Der Humor im Titel der DVD passt so toll zu den Sportfreunden Stiller: Peter, Rüde und Flo sind nicht auf den Kopf gefallen, wissen mit Wortwitz zu hantieren und lehnen sich nie zu weit aus dem Fenster der Provokation. So sympathisch, die Münchner Buben! Der größte Part von „Ohren zu und durch“ thematisiert das Frequency-Festival in Salzburg, bei dem auch die Sportfreunde aufspielten: Das gesamte Konzert, Interviews mit anderen Bands (Wir sind Helden, Tomte, Blackmail, Goldene Zitronen) und Hintergrundberichte bieten einen Rundumblick über das Treiben des Trios. Zudem stehen für den Fan sämtliche Musikvideos auf der DVD bereit und unter dem Menüpunkt „Weltweit“ die - teilweise skurrilen - Erfahrungen im Show-Biz aus Usbekistan, Göttingen oder der Toskana. Die Musik? Mag man oder eben nicht. 4/5

 


Daft Punk: Interstella 5555 – DVD (Labels France/Virgin/EMI)

Ein Anime-Film der besonderen Art kommt dieser Tage von Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem Christo alias Daft Punk und Leiji Matsumoto. Der japanische Zeichentrickguru, der bereits die Captain Future-Serie ins Leben rief, inszenierte mit dem französischen House-Duo ein intergalaktisches Abenteuer. Der Clou: „Interstella 5555“ kommt völlig ohne Sprache aus und wird stattdessen allein durch den Daft Punk-Soundtrack geführt. Die Videos zu den Singles des letztes Albums „Discovery“ gaben einen Vorgeschmack auf den Stil, der jedoch alle Erwartungen übertrifft: Sowohl für Anhänger vom Daft Punk-Sound als auch von Anime-Verfilmungen ein Fest! Niedliche Figuren und einige tolle Referenzen aus der Filmgeschichte komplettieren das über eine Stunde dauernde Spektakel. Als Bonus gibt es noch die Biografien, Trailer und vieles mehr. 5/5

 

High Llamas: Beet, Maize & Corn (Tricatel/Indigo)

Ganz losgelöst von kurzlebigen Modeerscheinungen und Hipness-Faktoren fristen die High Llamas ihr musikalisches Dasein. Auch auf ihrem mittlerweile siebten Album „Beet, Maize & Corn“ bestimmt wieder 60’s/70’s-Pop das Dutzend Songs, das ebenso aus der Feder von Brian Wilson (Beach Boys), Burt Bacharach oder Steely Dan stammen könnte. Mastermind Sean O’Hagan hat ein Faible für verschnörkelte Arrangements und Zuckerguss-Melodien, die so luftig und verträumt das Ohr streicheln und dabei die Seele wärmen. Die Elektronik vergangener Veröffentlichungen wurde gestrichen, stattdessen bestimmen Streicherschwaden, Bläsertupfer und Pianoklänge das homogene Bild. Als Backgroundsängerin ist noch einmal die verstorbene Mary Hansen von den gleichgesinnten Stereolab zu hören. Ich zahl gerne ins Phrasenschwein: Zeitlos schöne Musik! 5/5

 


Underworld: Underworld 1992-2002 (V2/Zomba)

Seit nunmehr zehn Jahren feiern Karl Hyde und Rick Smith ihre Basslines ab, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Ein Jahrzehnt, in dem aus dem einstigen Trio nach dem Weggang von Darren Emmerson noch ein schlagkräftiges Duo geblieben ist. Vielen fällt beim Namen Underworld sofort der Song „Born Slippy“ aus dem Trainspotting-Soundtrack ein, doch die Briten sind für mehrere Generationen von Clubheadz und Musikfans wegweisende Pioniere in ihrem Genre. Sie waren es auch, die den wuchtigen Sound erstmals in die Stadien und auf Festivals brachten, ohne „Hyper, hyper“ schreien zu müssen. Die schlicht „Underworld 1992-2002“ betitelte Doppel-CD versammelt ihre besten Tracks, die zeigen, dass jeder Musikstil seine positiven Vertreter hat. 4/5

 


Rob Smith: Up On The Downs (Grand Central/Zomba)

Sehr bildlich beschreibt Rob Smith die Entstehung seines aktuellen Werks: “Jemand sagte mir, dass ich nicht auf ewig schwanger sein kann, sondern auch gebären muss“. Also Schluss mit dem Grübeln über das Songwriting, das immer noch die Luft von Bristol atmet. Dort, im Südwesten Englands, prägte der Produzent zu Beginn der Neunziger als Smith & Mighty neben Massive Attack entscheidend den Soundclash aus HipHop, Reggae und Dub. Abgehangene Beats, flächige Synthies und Vocals, die der heimeligen Atmosphäre noch den Extrakick geben, verbinden sich zu einer Einheit. Bei „Living In Unity“ und „Tru Rub“ dreht Smith sogar in Richtung Jungle und Drum & Bass auf. Anspieltipp: „Angels In Poverty“ feat. Kelz mit feinem Refrain! 4/5

 


The Rapture: Echoes (DFA/Motor/Universal)

Was die Single “House of Jealous Lovers” bereits andeutete, wird jetzt auf „Echoes“ noch einmal getoppt: The Rapture haben ein Album von umwälzendem Ausmaß rausgehauen! Das Quartett aus Brooklyn – allesamt im Out-of-Bed-Look – spielt mit Stilrichtungen, als sei es das Nebensächlichste der Welt, gleichzeitig Punk und Dance unter einen Hut zu bekommen. Sänger Luke Jenner klingt zeitweise wie Robert Smith von The Cure oder klagt in hysterischen Höhen zur kreischenden Gitarre. Der Beat bei „I Need Your Love“ oder „The Coming Of Spring“ kommt dermaßen straight aus den Boxen, dass jegliche Vergleiche nicht nur hinken, sondern ganz schnell das Feld räumen. Das Album der vielen Gesichter will schwitzen, will leiden und getanzt werden. Kolossal! 5/5

 


Van Morrison: What’s Wrong With This Picture? (Blue Note/Emi)

Nach einigen eher uninspirierten Platten hat sich Van Morrison, der 'Elder Statesman', auf Album #34 wieder auf seine Stärken konzentriert: Mit souliger Stimme gibt er den Blues- und R&B-Nummern den erforderlichen Hauch von warmer Schwere, umgeben von einer präzise und dezent agierenden Bandbegleitung. Ob er durch das Blue Note-Label nun auch zum Jazzer geworden ist? Nein, dafür scheint Morrison zu sehr mit seinem erdigen Songwriting verwachsen zu sein. Aber der Swing ist nicht Fremdkörper, sondern schmiegt sich beispielsweise bei „Somerset“ (Klarinette von Acker Bilk!) unbemerkt in das Arrangement. „What’s Wrong With This Picture“? Nothing at all. Kein Meilenstein wie “Astral Weeks”, “Moondance” oder “Common One”, aber eine solche Erwartungshaltung wäre auch vermessen. 4/5

 


Trio Elétrico: Echo Parcours (Modern Soul/Soulfood)

Eine sehr erfolgreiche Verbindung sind die drei Herren vom Trio Elétrico eingegangen. Peter Heider (eine Hälfte von Boozoo Bajou), Thomas Eckert (eine Hälfte von The Strike Boys) und Peter Hoppe (nein, keine Hälfte von XY) bringen auf ihrem Debütalbum jahrelange Erfahrung und kreative Ideen ein, um alles miteinander zu befruchten. Daraus zaubern die Nürnberger einen pflegeleichten Stil zwischen House, Jazz und Downbeat. Ob den Songs das gleiche Schicksal widerfährt wie „Return of the Coconut Groove“, dass nach dem Jubel im Club letztendlich zur Hintergrundbeschallung in TV-Spots reduziert wurde, bleibt abzuwarten. Die internationalen GastsängerInnen sind gleichermaßen Fluch wie Segen - vermehren sie doch die Atmosphäre von Café-Bar und Chillout-Lounge. Trotz der Skepsis: Gute Produktion, gute Sounds. 3/5

 


Chicks On Speed: 99 Cents (Cos/Labels/Virgin)

Ganz schwer einzuordnen sind Chicks On Speed, das als Fake-Projekt gestartete Pop-Art-Phänomen mit Kiki Moorse (D), Melissa Logan (USA) und Alex Murray-Leslie (Australien). Doch genau dies ist das Ziel der drei umtriebigen Damen: Regeln brechen, Vorurteilen entgegen wirken und der schlaffen Männerwelt einen musikalischen Schuss vor den Bug setzen. Von soviel Enthusiasmus angelockt, sind auf dem dritten Album auch 'big player' wie Peaches („We don’t play guitars“) oder Miss Kittin („Shick shaving“) zu hören. Oft wirken die Songs hemmungslos überdreht und auch eine durchgängige Linie fehlt völlig. Bei „Coventry“, „Sell-out“ oder „Love Life“ blitzen aber perfekt unperfekte Popsongs durch den Nebel aus zwanghaftem Nonkonformismus. 3/5

 

Zoot Woman: Zoot Woman (Wall of Sound/Labels/Virgin)

Schon bei ihrem Debüt “Living In A Magazine“ vor zwei Jahren war ich voll des Lobes für die britischen Oberstyler, wollte in ihnen das nächste große Ding gehört haben. Und, was ist seitdem passiert? Die 80er-Welle rollt, Nena füllt die Ostseehalle, Vokuhila und andere Geschmackssünden werden neu aufgekocht. Und Zoot Woman? Das Trio geht auf dem Nachfolger einen Schritt zurück: weniger Image, mehr Ausdruck, weniger Plastik, mehr Song. Die Melodien in Moll nehmen einen längeren Anlauf, besorgen es dir dann aber richtig: „Grey Day“, „Half Full Of Happiness“ oder der POP-Knüller “Hope In The Mirror” stehen Schmiere, wenn du tanzend in melancholische Seligkeit eintauchst und hoffnungslos versinkst. 5/5

 


Diverse: The Cover Art of Blue Note (Blue Note/EMI)

Es kommt immer darauf an, mit welcher Erwartungshaltung an eine Sache herangegangen wird, so auch bei „The Cover Art of Blue Note“. Wenn sich die besten Jazzsängerinnen an Pop-Klassiker machen und diese auf ihre Art vertonen, dann darf der Hörer mehr erwarten als ein laues, pseudointellektuelles Lüftchen. Der Playboy präsentiert die Zusammenstellung, da der spielerische Umgang mit der Welt Magazin und Jazz verbinde. Trotzdem liegen einige Songs nur knapp unterhalb der Schmerzgrenze (z.B. Holly Cole bei „Purple Rain“) und verkleben die Gehörgänge. Doch es gibt auch gewagtere Arrangements, mehr Biss und wirkliche Spielfreude: Caecilie Norby mit Stings „Set Them Free“ oder Dianne Reeves mit „In Your Eyes“. Nichts für Puristen, aber dem Jazzeinsteiger sei es empfohlen. 3/5

 


Black Eyed Peas: Elephunk (Polydor Island/Universal)

Bisher waren die Black Eyed Peas als Trio (Will.I.Am, Taboo und Apl.De.Ap) unterwegs und bescherten der Musikwelt zwei grandiose Alben mit Native Tongue-HipHop. Auf „Elephunk“ gibt es nun Zuwachs durch Fergie, um den weiblichen Vocal-Anteil zu erhöhen – die Qualität bleibt jedoch unangetastet. Weiterhin klingt die BEP-Mischung aus Soul, Funk und handgemachtem HipHop nach jeder Menge Spaß im Studio, ohne dabei gesellschaftskritische Töne in den wohlgereimten Texten auszulassen. Die rotierende Single „Where Is The Love?“ (mit dem omnipräsenten Justin Timberlake) gehört noch nicht einmal zu den besseren Songs auf dem Album: der Opener „Hands Up”, „Let’s Get Retarded“ und „Labor Day” wird allen zusagen, die sich im Umfeld von The Roots, Common oder A Tribe Called Quest wohlfühlen. 4/5

 

Mother Tongue: Ghost Note (Noise-O-Lution/Indigo)

Es schien fast, als sei der Zug für Mother Tongue nach dem fulminanten, gleichnamigen Debüt von 1994 abgefahren. Bandinterne Implosion sozusagen. Doch das letztjährige „Streetlight“ ließ aufhorchen und jetzt werden mit „Ghost Note“ alle Zweifel beseitigt: Mother Tongue versuchen es noch einmal! Das kalifornische Quartett steht weiterhin für handgemachten, „ehrlichen“ AlternativeRock: Gitarrenriffs, ein kräftig aufgepumpter Groove des Schlagzeugs und der eingängige Gesang von David Gould. Keineswegs der letzte Schrei, aber wer wissen möchte, wie die Chili Peppers klingen würden, wenn sie nicht in den Charts ständen, möge bitte reinhören. Gemessen an ihren Live-Qualitäten ist ihnen der Erfolg nur zu wünschen. 3/5

 


The Sad Riders: Lay Your Head on the Soft Rock (Sticksister/Indigo)

Als erster Gedanke bei dem Namen „Sad Riders“ kam mir Lucky Luke in den Sinn (remember: „I’m a poor lonesome cowboy..“), der einsam und trotzdem zufrieden seinen Ding macht und einzig von seinem Hund Rantanplan begleitet wird. Der traurige Reiter in diesem Fall ist Chris Wicky. Chris singt eigentlich bei der Schweizer Band Favez, doch Chris muss wohl einiges an Schicksalsschlägen erlitten haben, die er jetzt mit seinem Solo-Debüt musiktherapeutisch verarbeiten möchte. Hochgradig emotionales Songwriting, das durch die Akustikgitarre und die karge Instrumentierung sehr in Richtung Americana – Country – Folk geht. Aber keine Lagerfeuerstimmung, sondern viel zärtlicher und sanfter. Übrigens: Hat der Hund auf dem Plattencover nicht Ähnlichkeit zu Rantanplan? 3/5

 


Gang Starr: The Ownerz (Virgin)

Immer wieder wurde der Veröffentlichungstermin nach hinten verschoben und mit Vorabhörproben geknausert, aber nun ist es soweit: Gang Starr, das genreprägende Gespann mit Guru und DJ Premier, setzt nach fünf Jahren Auszeit wieder ein Lebenszeichen – mit Ausrufungszeichen! Guru’s Jazzmatazz-Projekt und die Produzententätigkeiten von Premier für illustre HipHop-Kollegen in Ehren, aber zusammen bringen es die beiden immer noch am Besten! Tracks wie „Rite where u stand“ (feat. Jadakiss) oder „Skills“ leben alle von der eingespielten Kombination präzise gesetzter Beats mit der charakteristischen Stimme von Keith Elam aka Guru. Sound und Songwriting sind nicht revolutionär oder bringen überraschende Momente, aber wer erwartet das schon? Unangefochten in ihrer Schublade. 5/5

 

Turbonegro: Scandinavian Leather (Burning Heart/SPV)

Die Punk’n’ Roll-Könige sind zurück! Nach vier Jahren ohne Veröffentlichung (dafür umso mehr Drogen) scheint es fast so, als wären die sechs Herren in Denim und geschmacklosem Make-Up nie weg gewesen. Das Intro irritiert zuerst mit schwelgerischen Pianoklängen. Danach alles wie gehabt: Sänger Hank van Helvete gröhlt seine simplen Melodien über die Ramones-Akkorde von Euroboy und Happy-Tom, diesmal noch bombastischer und glamrockiger als bisher. Das ist auch das Problem an „Scandinavian Leather“: zuviel Bombast in der Produktion, dafür weniger Arschtreten in den Songs – aber das kann ja sehr relativ sein. Live sind die Skandinavier wahrscheinlich immer noch eine Macht, ansonsten werden dich die Mitglieder der Turbojugend schon zu überzeugen wissen. 3/5

 

Luomo: The Present Lover (Modul/BMG)

Dieser Finne ist wirklich ein Phänomen. Egal, ob als Uusitalo, Luomo oder unter eigenem Namen: Was Vladislav Delay in klingende Formen bringt, wird augenblicklich zu Gold! Schon auf dem Album „Vocalcity“ (2001) deutete sich das Potenzial des 26-jährigen an, das er jetzt auf „The Present Lover“ noch einmal übertrifft. Eine intelligente Vermischung von Pop, House und Techno, wobei mit intelligent nicht verkopft gemeint ist, sondern vielmehr der kreative Umgang mit der Materie. Vertrackte Beats stoßen aufeinander, verweben sich mit den säuselnden Vocalparts (Johanna Niemela und Watkinson), während präzise gesetzte Breaks im scheinbar unbeirrt fließenden Klangstrom wunderschöne Staustufen setzen. Sinnlich und in höchstem Maße erotisch, nicht nur bei der überarbeiteten Version von „Tessio“. 5/5

 


Timo Maas: Music For The Maases Vol.2 (V2/Zomba)

Im Ausland (vor allem UK) ein anerkannter Big Player, im eigenen Land eher verpönt als respektiert. Mit Timo Maas ist das so eine Sache - daran wird wohl auch die zweite Folge von „Music For The Maases“ nichts ändern. Neben einer neuen Eigenkomposition („Unite“) unterzieht der DJ und Produzent Songs von Chartacts wie Kelis, Garbage, Moloko, Fatboy Slim, Moby oder Placebo der Maas’schen Therapie. Deren Hauptmerkmale: verstärkte Basslastigkeit und schnörkelloses Four-to-the-floor führen zu ausgesprochen guter Tanzbarkeit, aber von Großraumdisco an aufwärts (siehe Titel-Wortspiel). Überraschend gut funktioniert der „69 Overdrive“-Remix für die Hannoveraner Spice, deren Sänger bereits auf dem „Loud“-Album seine Finger im Spiel hatte. Ansonsten gewohntes (Durchschnitts)Programm. 3/5

 


Transporter: Glaze (Crippled Dick Hot Wax/EFA)

Musik für Sonnentage kreieren Christoph und Beni Reimann als Transporter (nicht zu verwechseln mit den Kieler Lokalmatadoren!). Seit 1997 stehen bei den Beiden besonders die ausnehmend schönen Harmonien der Songs im Vordergrund, unterlegt von sanft pluckernden Beats. Hauptsächlich mit analogen Instrumenten aufgenommen, haben die Sounds aus dem Rechner nur unterstützende Funktion. Irgendwo zwischen Jazz, House, Bossa und Pop, aber nie beliebig, sondern mit dem richtigen Riecher für Gesangsparts (Nadja Dehn und Seida Kaya) oder Trompetenfills (Burkhard Finckh). Samtig weich füllen die Akkorde des Rhodes E-Pianos den Raum, das glockige Vibrafon spielt eine markante Melodie und die laszive Stimme wünscht sich „Pearls from my boy“. Fast zuviel des Weichgespülten, aber sehr verträglich. 4/5

 

Madonna: American Life (WEA)

Wie viele Rollen hat Madonna in ihrer Karriere nicht schon eingenommen: Sexsymbol, Antichristin, Esoterikerin und zuletzt Sünderin. Mediales Großreinemachen vor der eigenen Tür mit reifen Bekenntnissen eines zweifelnden Superstars. Mit „American Life“ überdenkt sie ihre Funktion im amerikanischen Wertesystem und gibt sich im Booklet als einsatzbereite Guerillakämpferin. Be prepared! Die Single überrascht mit aggressiv knarzender Elektronik des Produzenten Mirwais Ahmadzai, der ihre Mischung aus Euro-Disco und POP ein wenig aufraut. Fürs Radio reicht es aber allemal. Rührende Balladen wie „X-Static Process“ oder „Nothing Fails“ mit Kirchenchor („I`m not religious/ but it makes me wanna pray“) zeugen von beinahe intimen Gedanken einer modernen Frau, die versucht, den amerikanischen Traum zu leben. 3/5

 


Tomte: Hinter all diesen Fenstern (GHVC/Indigo)

Ein ganz wichtiger Punkt bei Tomte und deren Gitarrist und Sänger Thees Uhlmann: Ich glaube ihm! Nicht ein „Welche-Themen-könnten-den-Leuten-passen?“, nein, Tomte macht Themen und verkauft sie im Themenladen „Hinter all diesen Fenstern“. So voller Liebe und Empathie, dass es manchmal weh tut. Dann „Schreit den Namen meiner Mutter“, und es wird euch besser gehen. Denn vom Leben und den Sachen drum herum hat wohl jeder was zu erzählen. Glücklich macht’s, wenn „Von Gott verbrüht“ an The Smiths erinnert, während andere Songs ein wenig zu Noel-ig klingen. Die vier Jungs von Tomte sind keine Virtuosen an ihren Instrumenten, spielen dir aber genial produzierte Vier-Minuten-Soundtracks deines Lebens. Von fühlenden Menschen für fühlende Menschen. 4/5

Maximilian Hecker: Rose (Kitty-Yo/PIAS)

Es ist schon erstaunlich, welches Ausmaß an Traurigkeit Maximilian Hecker in seinen Songs verkörpert und vertont. An manchen Tagen geht die Musik spurlos an einem vorüber, an anderen ist der Hörer ein freiwilliger Gefangener dieser hochdosierten Herzschmerz-Epen (bei „Powderblue“ droht allerdings der Kitsch-Schock). Ein Geben und Nehmen von großen Gefühlen, denn Maximilian nimmt in den Arm, hört dir zu und trocknet deine Tränen, aber auch er braucht Zuneigung („Hold me now/heal my wounds/hold me like you did“). Dazu plätschern seichte Pianoakkorde, ein wenig Gitarre und Streicher, wenn der Text mal wieder ganz dramatisch wird. Nach dem umjubelten Debüt „Infinite Love Songs“ führt der junge Berliner mit „Rose“ sein (meist) Mädchen lockendes Konzept fort, ohne sich zu verkaufen. 3/5

 


The Modernist: Kangmei (Wonder/EFA)

„Kangmei“ ist chinesisch und heißt so viel wie „Widerstehe Amerika!“ Der Kölner Jörg Burger nimmt den Titel als Aufmacher für seinen Protest gegen den imperialistischen Wahnsinn der Amerikaner und ihrer Arroganz anderen Staaten gegenüber - ein Thema mit aktueller Brisanz! Die Verknüpfung von Pop und Politik, an der Burger schon seit den 80ern mit Alter Egos wie The Bionaut oder Trinkwasser arbeitet, geschieht als The Modernist weiterhin fast ausschließlich instrumental. Wenn Gesang, dann unaufdringlich weibliche Stimmen aus dem Vocoder. Ansonsten dominieren rhythmisch geprägte Tracks auf der Schwelle zu Techno, die aber stets mit freundlicher Ausstrahlung und dem Gespür für die Melodie punkten. „Kangmei“ heißt auch: Lass dich verführen, aber bleibe wach! 4/5

 

Diverse: The Atomic Café - French Cuts 2 (Panatomic/Indigo)

Oh là là, was für eine bezaubernde CD, mon dieu! Wer nicht das Vergnügen hatte, im Münchner Atomic Café beim Antesten der Songs persönlich dabei zu sein, sollte sich unbedingt die Compilation zulegen und sich vom unbändigen Charme und Sexappeal der französischen Sixties-Perlen einnehmen lassen. Denn nicht nur Pop wird auf „French Cuts 2“ abgedeckt: Beat, Jazz, Brasil, Easy Listening und Chanson in 27 Unikaten fließen so spielerisch ineinander über, dass jede Party mit diesem Soundtrack auf vollen Touren fährt. Namedropping? Altbekannte wie Serge Gainsbourg, Jacques Dutronc, France Gall oder Brigitte Bardot treffen auf neue Namen und vertraute Klassiker wie „Les Cactus“ oder „Teenie Weenie Boppie“ auf noch unbekannte Songs, die aber schnell ins Ohr gehen. Magnifique! 5/5

Brazen: Orphaned (Sticksister/Indigo)

Ein noch relativ unbeschriebenes Blatt sind Brazen, eine vierköpfige Band aus dem Schweizer Genf. Wo Sticksister draufsteht, stecken aber immer die großartigen Motorpsycho dahinter. Und wenn die ihr Einverständnis zu den Jungs gegeben haben, gilt es aufzuhorchen. In klassischer Rockbesetzung wühlen sich das Quartett durch opulenten Indierock, mal jazzig und mit unzähligen Breaks, mal psychedelisch und wild ausbrechend. Die Nähe zu den Norwegern kommt folglich nicht von ungefähr. Besonders imposant klingen die Arrangements der zwei Gitarren, die zwischen Pop-Hooks und durchgetretenem Verzerrer alle Möglichkeiten beherrschen und genüsslich auskosten. Es reicht wohl nicht für den ganz großen Sprung, ein Konzert sollte man sich aber nicht entgehen lassen. 3/5

 


King Britt: Adventures in Lo-fi (Rapster/Zomba)

File under: Philadelphia-HipHop. King Britt, der vor lauter Produzententätigkeit für Kollegen kaum dazu kommt, eigene Songs zu schmieden, hat es mit „Adventures in Lo-fi“ doch noch geschafft: Ein komplettes Album, und was für eines! Beeindruckend nicht nur die Vielfalt an Stilen und deren gelungene Verquickung, sondern auch die Wahl der durchweg hervorragenden Studiogäste: „Transcend“ etwa punktet mit funky Beats und Bahamadia-Vocals, „Emotional Quotient...“ dagegen mit zurückgelehntem Old-School-Sound; „Superstar“ will unbedingt auf die Tanzfläche, während Pos und Trugoy von De La Soul „Cobbs Creek“ mit ihren unnachahmlichen Rhymes bereichern. Das leider aufgelöste Projekt Digable Planets, bei dem der König auch beteiligt war, darf in Frieden ruhen. 5/5

 


Miss Kittin: Radio Caroline (Mental Groove/Neuton)

Im Intro zu “Radio Caroline” erzählt Miss Kittin, wie glücklich sie jetzt sei, seitdem die Eltern ihren eingeschlagenen Lebensweg als DJane und Produzentin nicht nur akzeptieren, sondern auch tatkräftig unterstützen. Die Mix-CD, benannt nach dem ersten Piratenradiosender, macht deutlich, dass Töchterchen die richtige Entscheidung getroffen hat: Herrlich unaufdringlich pluckern die ausgewählten Tracks (Autechre, Blaze) in einem stetigen Fluss, untermalt von philosophischen Gedanken und kleinen Anekdoten von Fräulein Kittin. Schwebende Flächen, knarzende Beats und spärlich gesetzte Melodien erzeugen eine ganz eigene Faszination. Genres wie Minimal-House oder Electro sind dabei nur grobe Wegweiser auf dem experimentellen Pfad. 4/5

 


Nick Cave & The Bad Seeds: Nocturama (Mute/Virgin)

Nur eine Woche brauchten Nick Cave und seine Mannen, um das mittlerweile zwölfte Album des grüblerischen Pianisten und Sängers einzuspielen. Alles weniger ins Detail durcharrangiert, dafür mit mehr Spielraum für alle Beteiligten – selbstverständlich auch Ur-Mitglied Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten). Dadurch versprüht „Nocturama“ wesentlich mehr Spielfreude als noch „No More Shall We Part“. Keine Angst: Cave ist nicht auf der Sonnenseite des Lebens angekommen, aber er lässt den Hörer diesmal etwas Hoffnung spüren, wie im Opener: „Come on, admit it, babe/it’s a wonderful life/if you can find it“. Die Adjektivliste für die Songs kann beliebig erweitert werden: traurig, düster, nostalgisch, sehnsüchtig, rau. Und immer wieder faszinierend. 4/5

 


Diverse: Give Peas A Chance (Crippled Dick Hot Wax/EFA)

Wie gut, dass es in den 60ern und 70ern genügend Berufsmusiker gab, die neben ihrer Band noch Zeit für andere Musikproduktionen gefunden haben. Meist absolute Nobodys, deren Songs als Titelmelodien für TV-Serien und Filme jedoch als Evergreens im Gedächtnis geblieben sind. Denn nur so wurde die Zusammenstellung „Give peas a chance“ ermöglicht, auf der 21 dieser skurrilen Beispiele einen sympathischen Bogen zwischen Easy Listening, Jazz, Big Band und Rock spannen. Vom eingängigen Thema des „Auslandsjournals“ bis zum dynamischen „Notruf 110“, von der spacigen „Spiegel TV“-Vorlage bis zu „Titel, Thesen, Temperamente“ als ruhigen Abschluss. Wer hätte gedacht, dass Paul - „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ - Kuhn schon einmal derart funky war!? 4/5

 


Reunion: Re: (Sonar Kollektiv/Zomba)

Die beiden Schweden Jens Lodén und Mathias Landaeus versuchen mit Reunion, den Spagat zwischen seriösen Jazzmusikern und cluborientierten Beatschraubern ohne große Schäden zu überstehen. Schon seit der Zeit als Teenager kennen sie sich und kombinieren die Erfahrungen aus anderen Musikprojekten. Meist überwiegen die handgespielten Instrumente, auch bedingt durch die Großzahl an bekannten schwedischen Gastmusikern, die dem Duo im Studio behilflich war. Der sehr aufgeräumte, manchmal etwas zu sterile Sound auf „Re:“ kommt dem Songwriting zugute, da die Songs so eine angenehme Ruhe ausstrahlen. Jazz paart sich mit Funk und Pop-Anleihen, der mit feinen Beats unterlegt wird. „Polish lady in white“ macht bei der komplizierten Turnübung die beste Figur. 3/5

 

Fehlfarben: Knietief im Dispo (Wonder/!K7/Zomba)

Das größte Problem bei dem aktuellen Album von Fehlfarben liegt wohl in dem Zwang, es mit dem Meilenstein „Monarchie und Alltag“ vergleichen zu wollen. Doch dieser wurde vor 22 Jahren gesetzt, und inzwischen floss viel Wasser den Rhein bei Düsseldorf hinunter. Dank Jürgen Teipels „Verschwende deine Jugend“ ist die Ära von Punk und New Wave in Deutschland gerade wieder in aller Munde, und das Medieninteresse dementsprechend groß, wenn die Fehlfarben als Zeitzeugen versuchen, sich neu zu verorten. Herausgekommen ist der Albumtitel des Jahres und ein eigenständiger Rocksound, der mit den zornigen Gedanken und Fragen von Sänger Peter Hein durchsetzt ist: „Es geht voran“ war einmal – heute gilt „Sieh nie nach vorn“. Erst einmal sacken lassen. 3/5

 


New Order: International (WEA)
Björk: Greatest Hits (Polydor)

Weihnachtszeit heißt in der Musikbranche meist „Greatest Hits“-Zeit, so auch bei New Order und Björk. Generell verhelfen diese Zusammenstellungen dem Neueinsteiger zu einem ersten Überblick. Der Fan ist jedoch oft enttäuscht, falls er nicht mit bisher unveröffentlichten Stücken gelockt wird. Von New Order gäbe es wohl keine zweite Best Of nach 1994, wenn das Comeback „Get Ready“ aus dem letzten Jahr nicht so überraschend erfolgreich gewesen wäre. Mit „Crystal“ und „60 Miles An Hour“ sind auch gleich die Hits von dieser Platte auf „International“ enthalten. Seit 1981 haben Bernard Sumner (Gesang, Gitarre) und seine Jungs in ihrer heilen Popwelt jedoch noch einige Hits mehr eingespielt, die jetzt auf dieser CD vereint sind. Doch trotz der üblichen Verdächtigen wie „Blue Monday“, „True Faith“ und „Bizarre Love Triangle“ verharrt der Daumen wegen einiger Lückenfüller in der Horizontalen. 3/5
Madame Gudmundsdóttir mag es bekanntlich etwas kreativer. Das Cover-Artwork der „Greatest Hits“ kommt mit frei zu interpretierenden Zeichnungen daher, die Trackliste der Einzelplatte gerät dagegen recht konservativ. Unter den 15 Songs findet sich der neue Song „It’s In Our Hands“, ansonsten dominieren die populären Singles aus den bisherigen Alben der isländischen Elfe von der Sorte „Human Behaviour“ oder „Army Of Me“. Wer ein wirkliches Schmankerl sucht, sollte eher auf die 6-CD Box „Family Tree“ mit Raritäten und Videomaterial zurückgreifen. 3/5

 


Diverse: Risiko100 (Bungalow/PIAS)

“Sticking to one style is not stylish” lautet der Wahlspruch des Bungalow-Labels aus Berlin. Natürlich nicht ohne Grund: Bungalow hat sich breit gemacht durch die vergangenen 100 Veröffentlichungen, und ist nicht mehr wegzudenken von der deutschen Label-Landkarte. Da blieb es nicht allein bei Japan-Style, Easy Listening oder frankophilen Sounds. Über allem steht dieses gewisse Lebensgefühl, das seit 1995 stets aufs neue mit Witz und Charme überzeugt. Die randvolle Jubiläums-Compilation „Risiko100“ umfasst neben einer CD (mit Stereo Total, Mina, Le Hammond Inferno u.a.) und einem dicken Booklet auch eine DVD, die Videos aller Bands und Projekte zeigt. Besonders zu empfehlen sind die gesammelten Stereo Total-Clips mit ansteckender Lebensfreude. 4/5

 


22 Pistepirkko: The Nature Of 22 Pistepirkko 1985-2002 (Clearspot/EFA)

Immer wieder schön, wenn Klischees herangezogen werden, um ein unbekanntes Land und dessen Bevölkerung zu charakterisieren. Ein weiteres Opfer sind Pistepirkko 22, diese durchgeknallten Finnen! In Utajärvi taten sich vor fast 20 Jahren Espe und Asko Haverinen sowie P-K Keränen zusammen, benannten sich nach Marienkäfern und starteten den Versuch einer erfolgreichen Karriere. Mit Punkrock ging es los, aber durch stetige Weiterentwicklung ging es bald auch über schrägen Blues bis hin zu gefälligem Pop. Mit der großartigen Werkschau „The Nature Of 22 Pistepirkko 1985-2002“ lässt sich jetzt der Weg des Trios nachvollziehen: Von Jahr zu Jahr, von Album zu Album führt die Doppel-CD eine chronologische Spur der irren Marienkäfer. 4/5

 


Diverse: Glücklich V (Compost/PP Sales Forces)

Was Musik für eine euphorisierende Wirkung auf den Menschen ausüben kann, wird gerade an betongrauen Wintertagen sehr deutlich. Ganze Arbeit leistet hierbei die fünfte Folge der Compilation „Glücklich“, die nicht von ungefähr so heißt. Der Freiburger Rainer Trüby hat ein Händchen für die perfekte Mischung der brasilianischen Klänge im beseelten Rhythmus, zwischen älteren Favoriten und Neuentdeckungen: „Comanche“ (Jorge Ben) beispielsweise ist von 1971, während gleich danach der knackfrische Nu Tropic-Song „Moonlight“ folgt, der eigens für „Glücklich V“ aufgenommen wurde. Weitere heiße Kandidaten in dem bunten Reigen sind Nicola Conte, Les Gammas und Ben Human, die dir ein Lächeln zaubern. Auf „Glücklich“-Tour kommt Rainer Trüby am 21.12. auch nach Kiel in den Luna. 4/5

 

Saint Etienne: Finisterre (Mantra/Beggars Group)

Ein weiteres Kapitel perfekter Popmusik schlägt Saint Etienne mit „Finisterre“ auf. Das Londoner Trio konnte auch schon in der Vergangenheit tolle Songs schreiben, doch diesmal gelingt der umspannende Bogen als homogene Einheit. Ein Konzeptalbum, ohne dass der Hörer an ein Reißbrett denken muss. Zwischen Northern Soul, Lounge und Electronica treffen die famosen Melodien von Sängerin Sarah Cracknell auf die satten Arrangements und versprühen scheinbar ungetrübte Lebensfreude. Besonders „Action“, „Soft like me“ oder „New thing“ transportieren dieses positive Gefühl, ohne plump auf gute Laune zu machen. Die Text drehen sich nämlich nicht um Party und Amore, sondern schürfen tiefer. Das hat alles Stil, ohne elitär zu wirken. 4/5

 

Diverse: Black & Proud, Vol.1+2 (Trikont/Indigo)

In Zeiten verstärkter Repolitisierung in der Musik kommen diese beiden Veröffentlichungen gerade recht. Die Ideologien, die sich von den Aktivisten der Black Panther Party auch auf die damalige Soul-, Funk- und Popmusik auswirkten, hatten großen Einfluss auf das Amerika der 60er - zumindest die Songs haben überlebt. Journalist Jonathan Fischer konnte 37 von ihnen aufspüren und auf zwei CDs verteilen, die alle den Kampf für Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden repräsentieren. Neben den großen Namen wie Marvin Gaye, Curtis Mayfield oder Gil Scott-Heron können auch die raren Aufnahmen der Unbekannteren voll überzeugen. Zusammen mit den ausführlichen Booklet-Texten eine vorzügliche Geschichtsvorlesung über die schwarze Befreiungsbewegung! 5/5

 

Beck: Sea Change (Motor/Universal)

Beck Hansen hat es wieder getan. Wie ein Chamäleon wechselt er sein musikalisches Erscheinungsbild, nur dass er es nicht nötig hat, sich der Umwelt anzupassen bzw. einem Trend zu folgen. „Sea Change“ ist ein Album geworden, auf dem sich Beck als gereifter Songwriter zeigt. Keine Verspieltheit aus „Odelay“-Zeiten oder adrenalingeschwängerte Ergüsse wie auf „Midnite Vultures“ – diesmal liegen die Akzente verstärkt auf der intimen Atmosphäre, die das Dutzend an Songkleinoden prägt. Im Spannungsfeld von Country und/oder Folk klagt Hansen in warmen Molltönen, das matte Schlagzeug und die Streicher tragen ihr Übriges zum Charme dieses Fremdlings bei. Es gibt keinen Anspieltipp...nach mehreren Durchläufen weiß der geduldige Hörer, warum. 4/5

 

Diverse: Asia Lounge 2 (Audiopharm/SPV)

Die Welt ist ein Dorf, und auf dem Marktplatz ertönen fremde Klänge jeglicher Couleur. Das Label Audiopharm hat sich bereits mit Compilations wie Brazilectro und Afrotronic zur Aufgabe gemacht, die verschiedenen Strömungen zusammenzutragen und dem kosmopolitischen Volk unterzujubeln. Mit der zweiten Ausgabe der Asia Lounge-Reihe sind es Clubtracks, angereichert mit fernöstlichen Instrumenten oder Rhythmen. Zwischen Sofa und Tanzfläche versammeln sich auf der Doppel-CD somit asiatische Musiker, die in Richtung Europa schielen (Nitin Sawhney, Talvin Singh) oder europäische Musiker, die sich mit asiatischen Federn schmücken (Mo`Horizons, Kid Loco). Beim groovigen „My Culture“ von 1 Giant Leap ist sogar uns aller Robbie W. beteiligt. 3/5

 

Tocotronic: Tocotronic (Lado/Zomba)

Die Promo-MC des neuen Tocotronic-Albums wird in naher Zukunft ihren Dienst quittieren. Warum? Lauschen. Kassette umdrehen. Schwelgen. Umdrehen. Heavy Rotation in neuen Dimensionen! Dabei zähle ich mich nicht zu den Hörern der ersten (Hamburger Schul)stunde, aber der sechste Wurf „Tocotronic“ ist erstaunlich komplett und ausgereift. Arrangements in gemäßigtem Tempo, die eine hohe Qualität im Songwriting aufweisen und von Tobias Levin tadellos produziert wurden. Zeitlose Texte, die nicht überkandidelt wirken oder zu sehr Slogans skandieren. An allen Ecken gestreute Referenzen, ohne die Autonomie zu überlagern. „Wir müssen uns verschwenden an die Sache die viel größer ist als wir verkraften können“. Es besteht größte Dringlichkeit. 5/5

 

Minus 8: Minuit (Compost Records/PP Sales)

Das Cover verrät es sofort: einladend bequeme Sitzmöbel, 74. Stock in einem Appartement über den Dächern der Großstadt. Stress hat hier keinen Zutritt! Den Soundtrack für diese zurückgelehnte Atmosphäre liefert der Züricher Robert Jan Meyer mit „Minuit“. Sein zweites Album auf dem NuJazz-Vorzeigelabel Compost macht da weiter, wo der Vorgänger aufhörte. Nicht nur, weil einige Tracks von „Elysian Fields“ in neuem Gewand eingespielt wurden und wie „Snowblind“ noch an Intensität zulegen konnten. Weiterhin dominieren bei dem DJ, Produzenten und Remixer die entspannten Beats, angehaucht mit Brasil/Bossa-Rhythmen; dazu die hochfeine Sängerin Billie. Alles höchst authentisch und organisch, obwohl größtenteils dem Rechner entsprungen. 4/5

 

Zuco 103: Tales of High Fever (Ziriguiboom/EFA)

Der Sommer steht vor der Tür, zumindest musikalisch. Bunt wie die kleinen Schirmchen auf Cocktails entfaltet sich „Tales of High Fever“ von Zuco 103 mit der brasilianischen Sängerin Lilian Vieira. Das Trio aus Amsterdam verbindet die Rhythmen und Melodien vom Zuckerhut mit elektronisch-jazzigem Songwriting im Spannungsfeld von De-Phazz, Bebel Gilberto und den Brand New Heavies. Ein Hauch von Ethno ist politisch absolut korrekt und gesellt sich zum open-minded Charakter. Auf den Fahnen steht Fusion in Großbuchstaben. Dank der portugiesischen Texte ist exotisches Flair inklusive. Die Songs gehen ins Tanzbein („Tao Lonely“) und oft auch schnurstracks ins Ohr – ohne allerdings lange zu verweilen. Ob das an der Hitze liegt? 3/5

 

Diverse: Afrotronic 2 (Audiopharm/SPV)

Ein bewährtes Konzept schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Die Chance, ohne großes Risiko die Kassen klingeln zu lassen, nutzt nicht nur die Filmindustrie seit Jahrzehnten. Bei der zweiten Folge der Afrotronic-Reihe gibt es ein griffiges Thema (afro flavoured club tunes), eine stylish adrette Aufmachung und die kaufunterstützenden, bekannteren Namen (Minus 8, Mory Kante, Ursula Rucker, Janice). Die Doppel-CD ist unterteilt in eine ruhige, atmosphärische Scheibe fürs Sofa und eine eher beatlastige, die in Richtung Dancefloor schielt. Was Zürich oder Philadelphia mit dem schwarzen Kontinent gemein haben, bleibt weiterhin fraglich. Entscheidend ist aber wohl die musikalische Verbundenheit, die mit Abstrichen auch deutlich wird. 3/5

 

David Holmes: Come Get It I Got It (13Amp/Ministry Of Sound)

David Holmes ist ein schlauer Fuchs. Er kompiliert nicht nur tipptopp Soundtracks für „Out Of Sight“ oder „Ocean´s Eleven“. Ebenso nutzt er die Technik von heute und bedient sich aus der Plattenkiste mit dem Aufkleber „60/70er Funk, groovy R&B“ – ein simpler Trick (Overdubbing) verbindet die Songperlen letztendlich zu einem furiosen Mix. Doch nicht nur die Songauswahl zwischen Muddy Waters und Ray Bryant ist aller Ehren wert. Auch die selbstgebastelten Beats als überbindendes Element sind kein Fremdkörper, sondern geschmeidige Handarbeit, die sich gewaschen hat. Jeder, der schon einmal donnerstags glücklich aus dem Pumpenkeller geschwankt kam, sollte unbedingt zugreifen. Der bemitleidenswerte Rest darf jetzt einiges nachholen. 5/5

 

Die Sterne: Irres Licht (Virgin)

Neues Label, neuer Mann an den Tasten (Richard von der Schulenburg), neuer Spaß an druckvollen Rocksongs: Die Sterne sind zurück in der Spur. Nach dem elektronisch orientierten Geplänkel auf „Wo ist hier“ widmen sich die Hamburger mit „Irres Licht“ wieder dem geradlinigen Songwriting. Ein fulminanter Auftakt mit den knorken Rockern „Nur Flug“ und „Hängen hart“ verkündet Spielfreude, die sympathische Lässigkeit im Verhältnis von Text und Musik perfektioniert „Ich bringe euch beide um“. Die Anekdoten von Sänger/Gitarrist Frank Spilker regen dabei zum Nachdenken an, bereiten aber keine Kopfschmerzen (mehr). Die Coverversion von „Du hast die Welt in deiner Hand“ ist dagegen gar nicht so gut. Insgesamt aber eine richtig runde Sache. 4/5

 


Jazzanova: In Between (JCR/PP Sales Forces)

Die Messlatte lag fast unüberwindbar hoch vor „In Between“. Hochgeschraubt in sechs Jahren durch vorzügliche und genreprägende Remixes im Stil des NuJazz, einem Begriff, für den Jazzanova stellvertretend mit ihrem Namen stehen - ohne dafür ein eigenes Album veröffentlicht zu haben. Nun steht endlich das Erstlingswerk in den Regalen, das deutlich die Handschrift der sechs Berliner DJs und Produzenten erkennen lässt: eine facettenreiche und geschmeidige Melange aus HipHop, Jazz und Brasil auf gebrochenen Beats. Den Gesangspart übernehmen Studiogäste wie Ursula Rucker oder Vikter Duplaix, also Champions League. Angesichts der Erwartungen wird die Latte im ersten Versuch knapp gerissen, im zweiten jedoch elegant übersprungen. 4/5

 


Mardi Gras.bb: Zen Rodeo (Universal Jazz)

Ein Sound, als stünde eine TexMex-Band neben deinem Motelbett in New Orleans nach einer durchzechten Nacht. Dermaßen dröhnt und poltert sich der wilde Haufen um Jochen “Doc” Wenz durch das Dutzend kruder Songs, die von Blues und Jazzrock bis zu dreckigstem Country reichen. Die unvergleichliche Reibeisenstimme des Zeremonienmeisters („Black Devil“) gepaart mit krachigen und treibenden Bläsersätzen ist wahrlich einzigartig – zumal das Kollektiv dem Mannheimer Neckardelta entspringt, also nicht wirklich der Hauptstadt von Welt.

 

The Notwist: Neon Golden (City Slang/ Labels/ Virgin)

Nicht der Kick einer Achterbahnfahrt setzt bei Notwists „Neon Golden“ ein, sondern eher die kindliche Glückseligkeit auf dem Kettenkarussell. Das fünfte Album der Acher-Brüder und Martin Gretschmann (Console) paart schüchterne Nähe und heimelige Distanz. Ein ständiger Prozeß auf dem Fundament der sich entwickelnden Songstrukturen mit der eigenen Dynamik des Werdens. Den schmalen Grat zwischen analogen Instrumenten und digitalen Beatschnipseln bewandern die Weilheimer so zielsicher, dass es eine Freude ist. Banjo und Streicher erweitern die ohnehin gewagte Symbiose aus Rock, Elektronik und Jazz. Dabei wirkt alles so leicht. „Pilot“, „Pick up the phone“ und „Consequence“ sind regelrechte Hits. Es wächst, und wächst. 5/5

 


Fila Brazillia: Jump Leads (23 records/Zomba)

Seit zehn Jahren sind die Soundtüftler Steve Cobby und Dave McSherry aus dem englischen Hull dafür bekannt, in regelmäßigen Abständen hochwertige Alben zu produzieren, die gespickt sind mit verschachtelten, ungemein groovigen Tracks zwischen Sofa und Club. Allesamt instrumental. Anspruchsvolle Fahrstuhlmusik, könnte man meinen, wollte man ihnen Schlechtes. Nun sind die beiden für ihr achtes Werk „Jump Leads“ auf den Trichter gekommen, als Gastsänger Steve Edwards einzuladen. Nach dem Motto "Mehr Gewichtung auf Stimme - mehr Varietät" streifen Fila Brazillia neuerdings auch soulige Gefilde zwischen dezent schmachtend („Spill the Beans“) und südamerikanisch angehaucht („Mother Nature´s Spies“). Der knackige Groove ist geblieben. 4/5

 


Diverse: Neue Heimat (Ministry of Sound)

Electronic Music Made In Germany – ein neues Markenzeichen? Ein Gütesiegel, das (wieder) Qualität birgt und als Exportgut dienen kann? Zumindest bietet die Doppel-CD „Neue Heimat“ einen absolut repräsentativen Überblick über das gegenwärtige elektronische Schaffen aus deutschen Landen. Alte Bekannte stehen neben neuen Gesichtern und schütteln sich freundlich die Hände. Hände, die noch manchmal Instrumente, meist jedoch die Computermaus bedienen, um Tracks zwischen abstraktem Minimalismus (Lali Puna), rockigerer Ausrichtung (BeigeGT) und Tanzfläche (Tiefschwarz, Yamaha vs. Elétrico) entstehen zu lassen. Textverständnis kann dabei durchaus amüsieren („Ich glaub’ sie hatte Hasch geraucht/ und ist dann darin abgetaucht“). 4/5

 


Chemical Brothers: Come With Us (Virgin)

Ein neuer Sound muss schleunigst her! Was 1995 auf „Exit Planet Dust“ noch innovativ die Verquickung von Rockmusik und technoidem Dance einläutete, klingt 2002 bei Tom Rowlands und Ed Simons allmählich recht altbacken. Acid-Gewitter über pumpenden Bässen und straight stampfenden Drumbeats haben live und/oder auf Drogen durchaus noch ihren Reiz, in der heimischen Anlage steigt der Nervfaktor jedoch schnell in schwindelnde Höhen. Die Studiogäste Beth Orton und Richard Ashcroft bilden mit ihren Vocalparts zwar kleine Kontrapunkte im stumpfen Einerlei, den Mainstream bedienen jedoch die Singles „It Began In Africa“ (inklusive authentischer Synthie-Percussion...) und „Star Guitar“ mit der bewährten Chemicals-Rezeptur. 2/5

 

Vikter Duplaix: DJ Kicks (!K7/Zomba)

Herr Duplaix ist ganz dick im Geschäft. Egal, ob als Produzent, Remixer oder Songwriter (Erykah Badu, Jamiroquai, Jazzanova) – der 29-jährige aus Philadelphia hat überall seine Finger drin. „New Philly Soul Movement“ is ’round the corner. Für die aparte DJ Kicks-Reihe durfte er nun ein Set kompilieren, das den Spagat zwischen Deep House, R&B und HipHop wagt. Mancher Übergang gestaltet sich ein wenig abrupt, so dass der Flow zu stocken droht. Die Trackauswahl mit 4Hero, Herbert, De La Soul reicht jedoch von geschmackvoll bis aller Ehren wert, wie auch der obligatorische Eigenbeitrag („Sensuality“) nicht zu den unspektakulären Füllern des Albums gehört. Mal abwarten, wie sich Vikter Duplaix bei all seiner Präsenz entwickelt. 3/5

 

Diverse: Mojo Club, Vol.10 "Love Power" (Universal Jazz)

Obgleich die Zukunft des Mojo Clubs an der Reeperbahn 1 höchst ungewiss scheint, versprüht auch die zehnte Ausgabe der beliebten Compilation einen zeitlosen Charme. Auf der Doppel-CD treffen Soul, Jazz, Funk und Brasil der 60er/70er mit ungebremster Liebeskraft aufeinander - ein perfekter Soundtrack für jede Party. Das Titelstück von Souldiva Dusty Springfield ist nur der Beginn eines wilden Ritts, der von einigen Exoten des Dancefloor Jazz begleitet wird. Abzug nur dafür, daß die Reihe mittlerweile auf hohem Niveau stagniert. 4/5

 


Macy Gray: The Id (Epic/Sony)

Die Früchte eines gefeierten Debütalbums ("On How Life Is") erntet die Südstaatlerin Macy Gray auf ihrem neuesten Werk: illustre Gäste wie Erykah Badu, Angie Stone oder Mos Def ließen es sich nicht nehmen, an "The Id" mitzuwirken. Geblieben ist R&B at it´s best, der viele frische Song-Ideen vermittelt. Mal als pumpender P-Funk, mal lässig zurückgelehnt, garniert mit dem charismatischen Gesang von Mrs. Gray. Nicht ganz meine Tasse Tee, aber trotzdem empfehlenswert. Das freud´sche Es hat - natürlich unbewußt - entschieden. 3/5

 


Echt: Recorder (Motor/Universal)

Ist das jetzt echt? Goodbye Teenager-Band? Skepsis im Vorfeld, wo der Weg hinführen würde. Die Jungs von Echt haben diesmal mehr zum Songwriting beigetragen, dem Sound à la Selig sind sie treu geblieben ("Meisterwerk"). Für die anvisierte Zielgruppe (der Vergangenheit) darf die obligatorische - aber auch wirklich schöne - Ballade ("Stehengeblieben") nicht fehlen. Sie könnten frei aufspielen, wirken jedoch gehemmt. Sänger Kim konstatiert launisch-depressiv "Du bist nicht lässig. Du bist nicht echt". Stichwort Glaubwürdigkeit. 3/5

 

 

Ben Folds: Rockin' The Suburbs (Epic/Sony)

Was für ein fulminanter Neuanfang! Nach dem Ende von Ben Folds Five führt der Wahl-Australier auf Solopfaden nahtlos seine klaviergeschwängerte Rockmusik fort, um sie mit dem neuen Album noch zu toppen. Weiterhin (fast) ohne Gitarre, aber mit Songs voller Inbrunst und Dynamik, schwelgerischen Streicher-Arrangements, beschwingten Klavierakkorden und jeder Menge Pomp ("Fred Jones Pt.2"). Ohne dabei in kitschige Gefilde zu geraten. Sympathische Loser-Figuren werden in den Texten umkreist und der betörte Hörer glücklich gestimmt. 4/5

De La Soul: AOI - Bionix (Tommy Boy/eastwest)

Im zweiten Teil der “Art Official Intelligence”-Trilogie knüpft das New Yorker Trio von De La Soul nahtlos an den Vorgänger an. Als HipHop-Heroen haben es die Jungs nicht mehr nötig, der Welt etwas beweisen zu müssen. Für sie zählt jetzt der Spaß-Faktor mit reichlich Augenzwinkern. So darf bei “Pawn Star” lasziv gestöhnt werden, bis Pubertierenden der Schweiß ausbricht und Studiogast Slick Rick im Song “What We Do” zum quiekenden Spinett-Sound rappen. Ansonsten dominieren über kickenden Beats weiterhin die sehr geschmeidigen und melodischen Rhymes, als setze das Instrument der Stimme jede einzelne Silbe in Töne um. Mit kleinen Hörspielen zwischen den Tracks wird “AOI:Bionix” zu einem ganzheitlichen Werk, das sympathische Lebensfreude ausstrahlt. 4/5

 


Aphex Twin: Drukqs (Warp/Zomba)

Das kranke Hirn von Richard D. James hat nach langer Zeit wieder musikalische Brocken ausgebrütet, an denen sich der Fan laben, der Ersthörer jedoch die Zähne ausbeißen wird. Die zwei Gesichter des Aphex Twin zeigen auf der Doppel-CD “Drukqs” wieder ein Wechselbad zwischen fiesen elektronischen Frickeleien und verspielten, beinahe ambienten Klavierstücken (“Avril 14th“), so daß sich zwangsläufig eine Polarisierung vollzieht. Scheint die Harmonik noch so melodieverliebt und voll innerer Schönheit, bricht die Destruktivität der Beats und Soundschnipsel mit jeglicher musikalischen Etikette. Kryptische Songtitel komplettieren das Bild vom Mann der vielen Alter Egos, der auf einem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandelt. 4/5

 

Sand 11: Sand 11 (Ladomat/Zomba)

In der Einfachheit liegt bei dieser Scheibe der Reiz. Was Jimi Siebel (eine Hälfte von Egoexpress) und Pascal Fuhlbrügge (Gründungsmitglied des L´Age D´Or- Labels) mit knackendem Beat, Bass und dezenten Vocals anstellen, ist beeindruckend. Im Gegensatz zu ihrem letztjährigen Album "Around The Day In A World" stehen diesmal nicht die Samples im Vordergrund, sondern die minimalistische Reduktion auf das Nötigste. Daher scheint auch der Titel keine andere Möglichkeit als ein schlichtes "Sand 11" zuzulassen: musikalisches Programm statt einer Wie-nennen-wir-das-Kind-Verlegenheit. Sicher haben sich die beiden Tüftler in den heimischen Studioräumen an einigen Effekten ausgelassen, Samples zerhackt und an noisy Sounds rumgefrickelt, aber das Ergebnis klingt angenehm aufgeräumt und aktiviert sämtliche Körperregionen. Für Freunde des Lado- Labels und die sonstige Club- Crowd startet das Hamburger Duo einen allgemeinen Aufruf zum hedonistischen Treiben ("To get more satisfaction, give a little more party-action"), der deutlicher und amüsanter nicht ausfallen könnte. Laut Presse-Info sind die wahrsten Wahrheiten knapp & kurz, kickend & catchy. Was ist dem noch hinzuzufügen?

Jazzanova: The Remixes 1997-2000 (Compost/PP Sales Force)

Die Herren von Jazzanova konnten sich in den letzten Jahren wahrlich nicht über mangelhafte Beschäftigung beschweren. Neben ihren eigenen Kompositionen wurden auch sämtliche internationale Dance-Interpreten auf die famosen Remixkünste der sechs Berliner DJs und Produzenten aufmerksam. Nun ist eine Doppel-CD als eine Art komplette Retrospektive ihres Schaffens auf dem Markt, die wirklich uneingeschränkt zu empfehlen ist! Die schönsten Maxi- Veröffentlichungen von 1997 bis heute sind darauf enthalten, wobei die Namen der "bearbeiteten" Künstler die Crème de la crème des aktuellen Clubmusik- Lexikons darstellen: 4Hero, Trüby Trio, United Future Organization, Ian Pooley, Visit Venus, usw. Sie alle sind in den Remixen mit dem Jazzanova-Virus infiziert worden, dieser tückischen Form der absoluten jazzigen Tanzbarkeit, den fluffigen, aber prägnanten Beats, die aus dem Original noch einmal den Kick herauskitzeln. Dabei ist das Ganze nicht nur im Club, sondern auch bestens im heimischen Wohnzimmer einsetzbar. Es erhellt den grauen Novembertag und das unigeplagte Gemüt. Keine Frage, volle Punktzahl.

Commercial Breakup: Global Player (Ladomat/Zomba)

Elke besitzt jede Menge Flair und eine betörende Stimme. Aber das weiß der aufmerksame ALBRECHT-Leser ja bereits (Oktober-Ausgabe, Paula-Konzert). Denn Elke Brauweiler singt bei Paula. Deutsch. Elke singt aber auch bei Commercial Breakup, und zwar auf Englisch. Jeder Band also eine identitätsstiftende Sprache, welche kommt als nächste? Das führt jetzt wohl zu weit...also zur Sache: Vredeber Albrecht, der Mastermind bei CB, bastelt die Beats - eine Art gemachtes Bett - und Elke legt sich hinein. So weit, so gut. Leider lockt mich diese Metapher jedoch mehr als die CD, denn zu weiten Teilen kommt der Sound recht billig und abgeschmackt aus den Boxen. Manchmal zäh wie Kaugummi, gewollt artifiziell, Disneyland par excellence. Keine Seele, kein Groove. Wären da nicht die wohlgestalteten Melodien, die Elke mit quirlig-poppig-niedlichem Timbre über die große Einfältigkeit legt. Sie flötet und zwitschert "I hear birds sing all I love is green, trees and grass and hills and flowers make me dream" und der geneigte Hörer will ihrer guten Laune sofort Glauben schenken. Insgesamt eine zwiespältige Angelegenheit.

Bob Sinclar: Champs Elysées (edel)

Wer von den Studenten diesen Sommer auf der Balearen-Partyinsel Ibiza verbracht hat, wird sich wohl noch gut an die House-Hymne "I Feel For You" erinnern können. Bob Sinclar, 31-jähriger Franzose, ist verantwortlich für den eingängigen Ohrwurm und hat nach dem 98er-Album "Paradise" seine zweite Scheibe "Champs Elysées" veröffentlicht. Nachdem er in den vergangenen zehn Lenzen unter seinem Künstlernamen The Mighty Bop und als global aktiver DJ bereits große Erfolge feiern konnte (zu empfehlen: "Spin My Hits", 2000, Yellow Productions), steuert er nun als Lokführer den French House-Zug in die europäischen Metropolen, wo der Sound angesagter ist denn je. Wer fragt da schon nach Anspruch? Wer wundert sich noch, wenn selbst der altbackene NDR2 radiokompatiblen House ins Programm aufgenommen hat? Na also. Tut keinem weh, besitzt aber auch nicht annähernd die musikalische Tiefe beispielsweise der Jazzanova-Produktionen. Im nächsten Sommerurlaub auf Ibiza wird vielleicht schon keiner mehr an "I Feel For You" denken oder zu French House den sonnenverbrannten Körper bewegen. Der Kaiser würde sagen: Schau mer mal.

 

lotte ohm. : 17° (WEA)

Viele von Euch werden mit lotte ohm. wenig anfangen können. Doch nicht erst seit dem 98er Album "Das Ohmsche Gesetz" hat sich Vincent Wilkie in der deutschen Musikszene einen Namen gemacht. Ein Name, der nicht umsonst als physikalische Einheit für Widerstand steht. Mit der aktuellen Veröffentlichung "17°" führt lotte konsequent den ständigen Kampf gegen Sturheit und Geschmackslähmung fort, in dem er stets abseits des Mainstreams zwischen lockeren Grooves und kruden Rhythmen pendelt, ohne dabei den Blick für das musikalische Ganze zu verlieren. So steht die melancholische Ballade "Wege zur Glückseligkeit" einträchtig neben der HipHop-Nummer "Hinter diesen Mauern (4. Mose, 31)" in Zusammenarbeit mit Fischmobs Sven Franzisko. Eindeutiger Pluspunkt sind zudem lottes markante Texte, für die ein Nachschlagen im Booklet lohnt, wie bei "Ich erkläre Dir die Welt": Ich erklär Dir die Welt nicht so wie´s Dir gefällt, vielleicht ist es das, was Dich quält - Du hast es selbst so gewählt.

 

Kante: Zweilicht (Kitty-Yo/ EFA)


Kante sind nicht nur in guten Momenten mehr als "Die Summe der einzelnen Teile". Über dem Strich stehen sieben Elemente als Summanden, Gesamtspielzeit 51 Minuten und 16 Sekunden. Unterm Strich offenbart sich ein vollkommenes Meisterwerk. Selten kam mir Zeit so lang vor. Und selten so kurz. Für den Augenblick denkt man, eins zu sein mit der Musik. Es packt Dich, Du mußt Dich setzen, fühlst Dich benommen, das Auge vergißt zu fokussieren. Die Worte tragen Dich in menschliche Abgründe, Regen prasselt an die Scheibe, Du bist Mensch. Kante ist mehr als nur Indie. Kante sind Streicher, Jazz, minimalistische Elektronik, irgendwo im blumfeldschen Dunstkreis, den sie mit diesem Oeuvre jedoch hinter sich lassen, um in neue Sphären vorzudringen. Vergangenheit ist Zukunft ist Gegenwart. Die Welt liegt im Zweilicht.

 


Wu-Tang Clan: The W (Loud/Sony)

Der Clan ist wieder zusammengetreten, um der Saga ein weiteres Kapitel ihrer Vorreiterrolle im HipHop hinzuzufügen. Nachdem die Mitglieder der Wu-Family in den letzten Jahren eher durch mittelmäßige Soloalben auffielen (The RZA, Ol´Dirty Bastard, Method Man, Ghostface Killa, usw.), ist ihnen mit "The W" ein überzeugendes Werk gelungen, das neben den obligatorischen Gangsta-Rhymes inklusive Parental Advisory-Aufkleber auch erfreulich sanfte und soulige Töne offeriert. Mit den monströs protzenden Vorgängeralben wie "Wu-Tang Forever" hat das aktuelle Album nicht mehr viel am Hut. Keine Sorge, es ist keine LoFi-Produktion, aber die B-Boys gehen back to the roots, zurück zur Straße - hatte Westernhagen das nicht auch schon einmal vorgehabt? Als wenn die Familie nicht schon groß genug wäre, mischen HipHop-Größen wie Junior Reid, Snoop Dogg, Nas oder Busta Rhymes als Studiogäste mit unterschiedlichem Erfolg mit. Anspieltipp ist die Single-Auskopplung "Gravel Pit", die wirklich phat daherkommt.

 

Sven Väth: Retrospective 1990-97 (WEA)

Für Freunde des gepflegten Techno ist jetzt eine Werkschau der musikalischen Historie von Sven Väth auf dem Markt, die sein Schaffen aus den Jahren 1990 bis 1997 umfaßt. Prägend hierbei war die Zeit als DJ in den Clubs Harthouse, Eye-Q und besonders dem Omen, Väths "zweiten Wohnzimmer". Erstaunlich für einen Musiker in diesem schnellebigen Genre hat es der "Techno-Papst" verstanden, über eine Dekade lang der musikalischen Schublade seinen Stempel aufzudrücken, ohne sich den Gesetzen des Marktes anpassen zu müssen. Die meisten der 10 Songs des Albums sind mit den typisch-straighten Beats unterlegt. Hauptsache, es geht ordentlich nach vorne. Dann und wann legt sich eine dezente Melodiefigur über den pulsierenden Teppich. Einer der Väth-Klassiker, "L´Esperanza", darf natürlich nicht fehlen, genauso wie das Zwölfminuten-Ungetüm "The Beauty and the Beast" im Underworld Remix. Not my cup of tea, aber wer sich für Technokultur erwärmen kann, sei die Scheibe empfohlen.

 

Diverse: DrumRhythmNuphonicSoundcheck (PIAS/ Connected)

Das Label Nuphonic wußte schon immer durch exquisite Veröffentlichungen zu glänzen. In den Anfängen noch als Wegbereiter des NuHouse mit neuen Zutaten wie Live-Instrumenten und Streicherarrangements, entwickelte Nuphonic im Laufe der Jahre ein völlig autonomes Programm. Die Basis liegt nunmehr in einschmeichelnden, groovigen Rhythmen jeglicher Fasson. Die vorliegende Doppel-CD "DrumRhythmNuphonicSoundcheck" bietet auf der ersten CD beinahe sämtliche Nuphonic-Favourites im Original, d.h. perkussiven Disco-Sound von Faze Action, warmen House von Blaze oder Roy Davis Jr. mit funky Electro. Auf der zweiten Scheibe wird das Material der Interpreten durch den Groove Armada-Mixwolf gedreht, zu dem prima der Dancefloor gestürmt werden kann.

 


Fauna Flash: Fusion (Compost Records/PP Sales Forces)

Fusion ist im Bereich der Clubmusik das Gebot der Stunde: Verschmelzung, Vereinigung, so weit das Auge reicht. Genres wie Dub, Jazz, House, Brazil gehen händchenhaltend in ein neues Identitätslevel, eine bessere Musikwelt, in diesem Fall geprägt von Drum & Bass und urbaner Clubmusik. Das Compost-Label aus München hat ebenfalls diese promiskuitive Attitüde, denn Christian Prommer und Roland Appel sind nebenher noch beim Trüby Trio und dem Voom:Voom-Projekt beteiligt. Drei Jahre nach "Aquarius", dem letzten regulären Album, bekräftigen Fauna Flash ihren Versuch, dem dahinsiechenden D&B nicht nur neue Impulse zu geben, sondern ein völlig neues Fundament zu gießen, auf dem zukünftig ein flexibles, zeitunabhängiges Konstrukt entstehen kann. Insofern setzt "Fusion" Maßstäbe.

 


Solarscape: the slow, sad truth of other people´s lives (Rewika Records/Cargo)

Das Cover ist im schwermütigen Grau gehalten und der Titel läßt auch nicht wirklich auf lebensbejahenden Frohsinn schließen. Das Album der Wiesbadener Solarscape, "the slow, sad truth of other people´s lives", könnte also eine optimale Synthese mit dem Kieler Februarwetter eingehen. Aber erstens wollen wir nicht über Kiel meckern und zweitens ist die von Solarscape präsentierte Form der Melancholie auch bestens zu vertragen. Die deutsch-amerikanische Indie-Band in klassischer Drei-Mann-Besetzung (Voc/Git, Dr, B) schwelgt meist in ruhigen, gitarrenlastigen Tracks mit harmonischer Mehrstimmigkeit ("same morning, same day"), dreht aber in rockigeren Refrains auch auf. Solarscape machen neugierig auf einen Konzertbesuch und die Umsetzung des Albumkonzepts.

 


Diverse: Berlin macht Schule (V2/Zomba)

Berlin ist Hauptstadt, Berlin ist Metropole. Also braucht Berlin auch eine "Neue Berliner Schule". Das Problem ist, daß der Terminus keine Definition kennt und daher leicht sinnentleert dem mittlerweile stark auf Ablehnung stoßenden Hamburger Modell nachläuft. Zudem fehlt den Berlinern ein prominenter Gattungsvertreter, so daß der Sampler "Berlin macht Schule" größtenteils nur lokal bekannten Bands ein Forum bietet (ALBRECHT-Lesern sind immerhin Paula und Commercial Breakup ein Begriff). Da treffen dann Indie-Schrammelgitarren auf niedliche Mädchenstimmen und Elektronikhäppchen. Alles im Midtempo-Bereich, mit leichten NDW-Reminiszenzen und deutschen, teils abwegigen Texten. Es wird sich zeigen, ob das Modell Schule macht oder die Welt einfach noch nicht so weit ist.

 


Le Hammond Inferno: My First Political Dance Album (Bungalow/Labels/Virgin)

Nun besitze ich endlich mein erstes politisches Tanzalbum, und das ist in jeglicher Hinsicht völlig korrekt. Die verantwortlichen Macher Holger Beier und Marcus Liesenfeld machen nicht nur in Le Hammond Inferno, sondern auch in Label (Bungalow) und sogar in Werbung (Musik zu Nike-Spot, Video auf CD). Auf den Hörer wartet kein Dance-Album im herkömmlichen Sinne, obwohl es durchgängig tanzbar ist. Eher diese durchgeknallte Kurzweil ihrer Weggefährten Stereolab oder Pizzicato Five, mit Pop, mit Tiefe und dem nötigen Groove. Da pumpen keine einförmigen Beats, schwallt kein musikalischer Einheitsbrei. Nebenbei bekommt Bill Gates noch eins auf sein Fenster ("An apple A day keeps windows away"), ebenso der vorübergehende Geldgeber ("I guess it doesn´t matter when Nike pays yours bills").

 


Diverse: Mantra Mix (Narada/Virgin)

Seine Heiligkeit der Dalai Lama goes Pop. Zumindest tritt er als Schirmherr des "Tibetan Benefit Album" in Erscheinung, um auf das Leid der tibetanischen Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die auf der ersten CD vertretenen Musiker unterstützen somit eine gute Sache, so daß viele altbekannte Helfer wie Peter Gabriel, Ben Harper, R.E.M oder Sinead O´Connor mit von der Partie sind, genauso wie aktuelle Vertreter der Zunft (Fatboy Slim, Chemical Brothers, Moby). Eine zwangsläufig wilde Mischung, aber dadurch höchst unterhaltsam und der Zweck heiligt eh die Mittel. Zudem sind auf der Bonus Enhanced CD noch tibetanische Gebete des Dalai Lama, Gesänge und Videoclips zu sehen und hören, damit es besser mit den drei R´s klappt: Respect for self, Respect for others and Responsibility for all your actions.

 


Slut: Lookbook (Virgin)

Die Ingolstädter Slut, lange Jahre sogenannter Geheimtipp, haben keine Lust mehr auf Geheimtipp sein. Also wechselten sie zum Major-Label, damit durch verstärkte Promotions-Aktivitäten die Ware, sprich ihr drittes Album "Lookbook", auch unters Volk kommt. Das Quintett kann sich durchaus berechtigte Hoffnungen machen, mit "der Vertonung eines imaginären Tagebuchs" zumindest ihre lokale Fanbasis zu vergrößern. Höchst eingängiges Material, meist in getragener Atmosphäre durch schmachtende Streicher-/ Keyboardarrangements, zudem noch die melancholischen Texte ("There is nothing that will bring me down, ´cause I´m here on the ground"): der berühmte rote Faden und ein potenzieller Radiohit ("Easier") sind deutlich auszumachen.

 


Stephen Malkmus: Stephen Malkmus (Domino/Virgin)

Es gibt ein Leben nach Pavement. Deren Sänger, Gitarrist und Songwriter Malkmus personifizierte im Grunde die beliebte Indie-Band, um nun sein selbstbetiteltes Solodebüt zu veröffentlichen, auf den Tag sieben Jahre nach dem famosen Album "Crooked Rain, Crooked Rain". Somit ist auch der typisch pavementsche Sound erhalten geblieben, die Gitarren immer knapp an der wohltemperierten Stimmung vorbei und die charakteristische, unverwüstliche Stimme des Kapitäns über der verschrobenen Rhythmusgruppe. Einfach vierzehn gut arrangierte Songs im LoFi-Gewand, unterschwellig angereichert mit der verwegenen Lässigkeit und hörbaren Erfahrung als Bandleader. Zwar ist das Ganze nicht mehr auf dem musikalischen Stand der Dinge, aber vielleicht gerade deswegen so angenehm

 

Bush: Golden State (Atlantic/Warner)

Der Makel des Nirvana-Duplikats dürfte allmählich verjährt sein, so daß die Grunge-Rocker von Bush nun frei aufspielen können. Zumindest lassen es die Briten um Sänger und Frauenschwarm Gavin Rossdale auf ihrem vierten Album “Golden State” herzhaft krachen; ohne jedoch die momentan vorherrschende Melancholie von Kollegen wie Staind oder Creed zu übernehmen. Straff arrangierte Rocksongs ohne viel Schnörkel, hymnische Refrains (“Headful Of Ghosts”) mit fetten Gitarren-Riffs und eine transparente Produktion machen den Reiz dieser CD aus - gleichzeitig aber auch den faden Beigeschmack. Zu sehr geht alles von Festivalgröße in Richtung Stadion-Rock, zu eingängig kommen die zwölf Songs und deren Gesangslinien nach mehrmaligem Hören daher. 3/5

Kid Loco: Kill Your Darlings (Yellow/eastwest)

Aus dem Musiker und Produzenten Jean-Yves Prieur alias Kid Loco ist ein ernstzunehmender Songwriter geworden. Bislang eher durch geschmackvolle, downbeat-lastige Electronica und Remixes für Pulp oder Mogwai aufgefallen, zeigt der Franzose auf „Kill Your Darlings“ nun atmosphärische Popsongs auf Gitarrenbasis, die durch absolut ausgefeiltes Arrangement und adäquate Soundwahl bestechen. Nur noch selten blinzeln die saftigen Beats als Reminiszenz an „A Grand Love Story“-Zeiten aus dem Hintergrund hervor. Sie werden ersetzt durch Slide-Gitarre und Harp („Here Come The Munchies“), die mit einem schleppenden Groove harmonieren. Eines ist Kid Loco - dem Cover und Booklet nach zu urteilen - jedoch geblieben: die Freude am weiblichen Körper. 4/5

Herbie Hancock: Future 2 Future (Columbia/Sony)

In Zeiten, in denen die Anbindung von Jazz in der Elektronik-Szene zum guten Ton gehört, zäumt Herbie Hancock das Pferd von der anderen Seite auf. Der legendäre Pianist und Keyboarder – man denke an den Fusion-Meilenstein „Head Hunter“ Anfang der 70er – versucht auf „Future 2 Future“, sich fast zwanghaft der gegenwärtigen NuJazz-Euphorie anzupassen. Ohne allerdings dabei zu überzeugen. Trotz oder gerade wegen der Zusammenarbeit mit Bill Laswell und einer ellenlangen wie illustren Gästeliste (von Saxophonist Wayne Shorter bis Techno-DJ Carl Craig) gleicht das Album einem Experiment, das keines ist. Die Fülle der Ideen und Einflüsse schafft keine Homogenität, so daß weder Jazzpuristen noch Clubgänger daran ihre helle Freude haben werden. 2/5

 

Neil Young: Harvest (Reprise/WEA)

Ein würdiger Klassiker, Jahrgang 1972. In Nashville sammelt Gitarrist und Sänger Neil Young die Stray Gators (Jack Nitzsche: piano, Ben Keith: steel guitar, Tim Drummond: bass, Kenny Buttrey: drums) um sich und spielt das bestverkaufteste Album des Jahres ein. In diesem Fall spricht die Popularität einmal nicht gegen die Qualität, sondern unterstützt die Stellung dieses Meisterwerks: moderater Rock mit Blues/Country-Einflüssen. Neben der bekanntesten Single "Heart Of Gold" weisen auch Stücke wie "Old Man" oder "The Needle And The Damage Done" eine besondere musikalische Intensität auf, die unter die Haut geht und bei jedem weiteren Durchgang neue Eindrücke entwickelt. Deswegen vielleicht nicht gleich die Liebe beim ersten Hören, aber es lohnt, sich die Zeit zu nehmen. Die Texte befassen sich mit sozialkritischem oder tiefgründigen Gedanken über Gott & die Welt, sprich: es menschelt an allen Ecken. Der Begriff der zeitlosen Musik trifft hier - trotz der zunehmenden Abnutzung - besser denn je.

 


Massive Attack: Blue Lines (Wild Bunch)

1991. Das Geburtsjahr des TripHop oder auch Bristol-Sound, benannt nach dem Brutkasten dieser Musikrichtung im englischen Südwesten. Massive Attack (Mushroom, Daddy G, 3 D und Tricky Kid) legte mit dem Album "Blue Lines" das Fundament für elektronische Unterhaltungsmusik, wie man sie bis dahin nur von Coldcut oder Nightmares On Wax kannte. Die Computerbeats hatten jedoch nichts mehr gemein mit der technischen Kühle der deutschen Urväter Kraftwerk oder Can. Vielmehr verhalfen die Streicher/Piano-Flächen und insbesondere die Leadvocals von Shara Nelson und Horace Andy dem Ganzen zu einem stimmungsvoll-getragenen Appell für Love, Faith & Devotion. Die kompositorisch ausgefeilten Arrangements wurden von HipHop- bzw. Raggamuffin-Beats unterlegt, die zwar dezent im Gebrauch, aber sehr prägnant in der Wirkung waren ("Safe from harm", "Unfinished sympathy"). Die Vermutung liegt nahe, daß der momentane massenkompatible Erfolg von Air oder Moloko eine Entwicklung ist, die in Massive Attacks Debütalbum vor neun Jahren ihren Ursprung hatte. Musik für Samstagabend. Oder für den Sonntagmorgen. Allein. Oder in Zweisamkeit. Je nachdem.

 


Beck: Odelay (Geffen)

Herr Beck Hansen ist ein Künstler - im positiven Sinne. Für mich persönlich der Musikkünstler des vergangenen Jahrzehnts. Das Aushängeschild aller Slacker dieser Welt versteht es seit nunmehr sieben Jahren, beständig das zu tun, was man gerade nicht von ihm erwartet. Weder seine Fans noch die Labelchefs können sein jeweils nächstes Projekt vorausschauend einordnen. Warum auch? Zumindest die Befürchtung eines One-Hit-Wonders mit "Loser" - Hymne der Generation X - vom Erstling "Mellow Gold" widerlegte er 1996 mit dem Nachfolger "Odelay" eindrucksvoll. Die große, allumfassende Stilverschmelzung der Neunziger hatte ihren Prototyp gefunden. So stehen Rock und Folk, HipHop und Punk einträchtig nebeneinander, traditionelle Instrumentierungen treffen ungehindert auf modernes Rhythmusverständnis, abrupte Breaks und Disharmonien par excellence. Jedes der vierzehn Tracks fügt sich zu einem facettenreichen, kurzweiligen Crossover-Vergnügen zusammen, z.B. bei "Devils haircut" oder "Where it´s at". Daß Beck Hansen fast alle seiner Instrumente im Studio selbst eingespielt hat, spricht für sein musikalischen Können. Auf der Bühne wird Hansen in Begleitung seiner Live-Band zu einem Phänomen zwischen smokingtragenden Gentleman und durchgekalltem Derwisch, mit der für ihn typischen Ironie und ganz viel Charme. Die famosen Nachfolgealben von "Odelay" - "Mutations" von 1998 und das letztjährige "Midnite Vultures" - belegen, daß Herr Hansen weiterhin seiner Linie treu geblieben ist und für musikalische Überraschungen sorgen wird. Man darf gespannt sein.

 

Lou Reed: Retro (BMG)

Wer kennt nicht den Refrain von "Walk On The Wild Side": mehrstimmiger Frauengesang, ungefähr dupdudup-dudup-dupdudup...soweit alles in Ordnung. Doch wenn jemand wie Louis Firbank alias Lou Reed seit über 30 Jahren im Musikbiz aktiv ist, hat die Zeit und die damit verbundenen Stilwandlungen gewiß Spuren in seiner Persönlichkeitsstruktur hinterlassen. So wechselte Lou Reed einem Chamäleon gleich vom straighten Rock´n Roller zum furchteinflößenden Junkie, vom experimentierenden Avantgardisten zum Glamrocker. Vergleiche zu David Bowie kommen nicht von ungefähr, der bei Musik und Image wohl maßgeblich von Lou Reed inspiriert wurde. Dieser nutzte das Medium Musik, um statt des abgedroschenen Vokabulars des Rock´n Roll den literarischen Lyrics ein Forum zu bieten, und enttabuisierte dabei auch Themen wie Drogenmißbrauch, Transvestitismus oder Dekadenz. Seine private Verbindung zur Kulturszene der frühen 70er brachte ihn nicht nur mit Andy Warhol oder William S. Burroughs zusammen, sondern gab ihm auch Rückhalt und Reflexion für sein extraordinäres Schaffen. Vor seiner Solokarriere hatte Lou Reed bis zur Trennung 1970 als Sänger und Gitarrist mit Velvet Underground - eine der innovativsten Formationen seinerzeit - durchaus beachtenswerten Erfolg, z.B. mit der Bananen-LP "Andy Warhol", benannt nach dem Produzenten. Das "Retro"-Album umfaßt einige der Velvet Underground-Tracks und eine Zusammenstellung der besten (populärsten?) Solostücke, also neben "Walk On The Wild Side" und "Satellite Of Love" auch einen meiner Favoriten: Just a "Perfect Day", drink Sangria in the park, and then later when it gets dark we go home...


Goldie: Timeless (FFRR/Metalheads)

Nun zu einer Veröffentlichung jüngerer Herkunft. Ähnlich dem Trip-Hop, der von Massive Attack 1991 mit "Blue Lines" aus der Taufe gehoben wurde (MdP, Vol.II), erging es 1995 dem Drum´n Bass mit dem Album "Timeless" von Clifford Price, besser bekannt als Goldie . Wieder ein neuer Stil, wieder eine neue Schublade für Musikjournalisten, wieder ein bahnbrechender Meilenstein. Der Engländer, Jahrgang ´66, der mit seinen goldenen Zähnen und der Zahnspange schon optisch Aufsehen erregt, wurde zum Aushängeschild eines im Anschluß stark boomenden Musikgenres: Die britische Danceszene hatte einen Star zum Anfassen, der gegenüber dem gesichtlosen und persönlichkeitsarmen Techno in einer anderen Liga aufzuspielen schien. Inklusive der damit einhergehenden Breitenakzeptanz: Das in diesen Tagen "Liebe-Sünde"-Reportagen, Fußballsendungen und "Wunder-der-Erde"-Dokus mit den liebgewonnenen Breakbeats untermalt werden, mögen als einige schlechte Triebe der famos eingetopften und aufgegangenen Urpflanze verstanden werden. Allein der dreiteilige Opener entzieht sich mit seiner Länge von 21 Minuten jeglicher Norm und entfaltet bei jedem weiteren Durchlauf aufs Neue eine atmosphärische Dichte und innerliche Geschlossenheit, wie es sie bis dahin in dieser Form nicht gegeben hat. Die vertrackten Rhythmen und deepen Basslines über schwebenden Synthi-Flächen waren so spannend und kamen so unverbraucht daher, gleichzeitig aber auch fremdartig und auf eine eigene Art sehr musikalisch. Der Titel des Albums ist Programm: "Timeless" - Musik ohne jeglichen Bezug zu Zeit und Raum.

 

Michael Jackson: Thriller (Sony)

Er ist unbestritten der König des Pop. Jeden von uns hat er die Jugend über begleitet, ob nun gewollt oder nicht. Du hast ihn geliebt oder gehasst. Aber Michael Jackson steht auch als Person für zwei extreme Seiten: einerseits perfekt arrangierte Songs, tolle Choreographien (Moonwalk), innovative Musikvideos mit neuester Technik, weltweit begeisternde Konzerte in vollen Stadien, andererseits Stammkunde beim Plastischen Chirurgen, Mundschutz gegen "feindliche" Bakterien, kranke Auftritte bei Gottschalk ("I love you"), Vorwurf des Kindesmißbrauchs, fragwürdige Vaterschaften. Im Jahr 1982 entsteht das meistgekaufte Album aller Zeiten, "Thriller". Allein in den USA gehen 20 Millionen Einheiten über den Ladentisch. Zu der Zeit hatte Michael erst 24 Lenzen auf dem Buckel, doch schon einige Höhen und Tiefen als Musiker durchgemacht. Mit den Jackson Five, die sich später nur noch Jacksons nannten, begann er seine Karriere als elfjähriger Knirps und brachte es mit seinen älteren Brüdern auf immerhin vier #1-Hits, ging aber schon frühzeitig auf Solopfaden. Nach dem Debüt "Off The Wall" von 1979, auf dem bereits das Potenzial Jacksons offenkundig wurde, veröffentlichte er drei Jahre später die Hitfabrik "Thriller" (sieben Top Ten-Platzierungen). Auffällig erscheint beim Betrachten des Covers die noch erstaunlich dunkle Hautfarbe und die natürlichen Gesichtspartien des lasziv daliegenden "King of Pop". Das Heute-machen-wir-einen-drauf-Gefühl, das in den Texten des Vorgängers noch dominierte, hatte sich nun jedoch gewandelt: "They´re out to get you, better leave while you can/Don´t wanna be a you, you want to be a man" oder "She says I am the one/but the kid is not my son" zeigten, daß im Innern des Twenty-Somethings doch nicht alles so rosig zu sein schien, wie es noch auf "Off The Wall" anklang. Ein musikalischer Höhepunkt dieses Albums ist sicher die Zusammenarbeit mit Gitarrengott Eddie Van Halen bei "Beat It", bei dem Jacksons dominante Gesangslinie über dem mauerdicken Grundbeat steht und in den Gitarrenriffs Van Halens einen harmoniestärkenden Partner findet. Übrigens waren auch Michaels beiden Schwestern Janet und LaToya - solistisch ebenfalls weltweit erfolgreich - als Backgroundsängerinnen bei der Produktion dieses Meilensteins beteiligt. Eine Familie, die ihren Platz im Olymp des Pop schon reserviert zu haben scheint.

 

Tortoise: A Lazarus Taxon (Thrill Jockey/Rough Trade)

Tortoise ist und bleibt eine rätselhafte Band. Auch wenn sie auf der Bonnie „Prince“ Billy-Kollaboration „The Brave And The Bold“ aus dem vergangenen Jahr beinahe zugänglich klangen, verdeutlicht die 3-CD-Box „A Lazarus Taxon“, warum in der biologischen Systematik Taxon eine Gruppe von Individuen darstellt, die gegen andere Gruppen abgegrenzt ist. Mittlerweile steht die Band aus Chicago als Synonym für die verpönte Stilschublade „Post-Rock“: Blues, Jazz, Krautrock und Clicks & Cuts werden ineinander verwoben, während ruhige Melodiebögen und Instrumentalschleifen die Aufmerksamkeit des Hörers fordern. Mit der umfangreichen Zusammenstellung von Sampler-Beiträgen, raren Singles, Bonus-Tracks und Remixen von Steve Albini oder Jim O’Rourke beleuchten Tortoise eine bemerkenswerte Diskographie. Ihre frühen Veröffentlichungen („Gamera“) waren noch sehr karg, bestimmt von repetitiven, engmaschigen Bass- und Schlagzeugfiguren. Auf Alben wie „TNT“ von 1998 und „It’s All Around You“ arrangieren Douglas McCombs, John Herndon, John McEntire, Jeff Parker und Dan Bitney ihre Melodien opulenter („Madison Area“), bewahren sich jedoch den Ideenreichtum der Anfangstage. Die Neuinterpretation von „Cornprone Brunch“ durch Mike Watt (The Minutemen) beweist, wie effektiv mit dem Tortoise-Material gearbeitet werden kann. Wie die Band in verschiedenen Musikvideos und bei Live-Auftritten agiert, zeigt zudem eine beiliegende DVD - die ist jedoch nicht für Rezensenten im Vorfeld einzusehen.


Sofia Pettersson: Still Here (Ajabu/Mconnexion)

Brüchige Zartheit und Verwundbarkeit ist Programm auf Sofia Petterssons neuem Album. Es gleicht einer musikalischen Trauerarbeit, da sich die Songtexte größtenteils um den Verlust ihres Freundes drehen, der seit dem verheerenden Tsunami im Dezember 2004 als vermisst gilt. Dementsprechend erklingt ihr Vocal-Jazz oft in Balladenform, mit Einflüssen aus Soul, klassischer Songwriter-Tradition und einem Gespür für Popappeal. Nicht nur „Warm Dreams“ wurde in Watte gehüllt, zusätzlich emphatisch aufgeladen von einem Streicherquartett. Bei „Another Christmas” lässt das Akkordeon heimelige Adventsstimmung aufkommen - und das mitten im Sommer! Doch die anfängliche Skepsis weicht mit der Zeit einer wohlwollenden Zustimmung, bedingt durch liebliche Melodien und die wirkungsvolle Begleitung, beispielsweise der Koop-Musiker Martin Höper (Bass), Ola Bothzen (Percussion, Schlagzeug). Dank simpler Arrangements und einfacher Klavierakkorde („A Beautiful Story“) können die Songs atmen und sorgen bei „God Knows“ oder „Still Here“ für sehr persönliche Momente der Erinnerung. Rhythmische Lockerungsübungen beleben „Better Days“, Klarinette und Farfisa-Orgel brechen bei „For My Friends“ genüsslich aus. Und dass die Schwedin Pettersson mit keiner außergewöhnlichen, aber absolut eingängigen Stimme die Songs trägt, kann durchaus als ein Vorteil gewertet werden.


Diverse: Party-Keller Vol.2 (Compost/Groove Attack)

The Nova Dream Sequence: Interpretations (Compost/Groove Attack)

Zum zweiten Mal öffnet sich der Party-Keller, in den der Gastgeber alle scheuklappenfreien Gäste zum Tanz einlädt. Monostilisten haben hier nichts zu suchen: Wenn Florian Keller, anerkannte Rare Groove-Koryphäe, seine Block Party startet, dann rollen 70s Funk, Breaks, Boogie, Reggae und Old School-HipHop durch den Raum. Mit dieser Mischung gestaltet der Münchner auch eine Radioshow auf dem Tokioter Radiosender Samurai FM, eine Clubnacht und eben diese Compilation-Reihe. Soul-Klassiker wie Charmaine Burnettes „(Am I The) Same Girl” stehen einträchtig neben dem Afrobeat von Pnu Riff aus London, Travis Blaque alias Fabian Stephenson mit dem „Vowel Movement“ (im Keller-Mix) neben Jacksouls „Unconditional Love” als lieblichen Abschluss des Sets. Stellvertretend für die stilistische Offenheit platziert die Lefties Soul Connection aus Amsterdam ihre Version von „Organ Donor“: Mit hart groovendem Hammond-Funk und HipHop-kompatiblen Drum-Breaks gehören sie definitiv zur ersten Garde der internationalen Funk-Szene, und bedienen sich an dem Giorgio Moroder-Sample, das schon DJ Shadow für sein „Endtroducing“-Album einsetzte. Eine Partynacht in Stilkunde, unten im Keller, mit unkontrollierbaren Auswirkungen auf Beine und Herzen.

Auch King Britt, Produzent und DJ aus Philadelphia, macht sich nicht viel aus Genregrenzen. Bei HipHop (Digable Planets), Soul und Deep House konnte er sich bereits als Experte beweisen, unter dem Pseudonym Nova Dream Sequence widmet er sich nun SexyTech, also der Aggressivität des Techno in Kombination mit der Sinnlichkeit seiner sonstigen Veröffentlichungen. Alles steht unter dem Motto „Träume“ und deren musikalischer Interpretation. Beeinflusst wurde King Britt von Juan Atkins und Derrick May, den beiden wichtigsten Vertretern des Detroit Techno in der Mitte der Achtziger. Zu der Zeit begann auch Britt damit, Keyboards zu sammeln und elektronische Musik zu kreieren. Die simpel durchnummerierten Tracks (hervorzuheben: „Dream 2“, „Dream 7“, „Dream 10“) geben einen Eindruck von dem Reiz des stetig fließenden Stroms an Beats, instrumentaler Aggressivität und feinen Sound-Modulierungen.


Mummer: Soul Organism State (Klein/Rough Trade)

Schon als Stefan Jungmair gemeinsam mit Paul Schneider unter dem Namen MUM klassischen Jazz, britischen Big Beat und Wiener Downbeat in eine passende Form goss, wirbelte er damit einigen Staub auf. Verblüfft registrierte man als Hörer das Gefühl, zwischen den Stühlen und Genres zu sitzen, und es doch sehr bequem zu haben. Dieser Zustand bleibt auch bei Mummer bestehen; ein Projekt, hinter dem sich Jazz-Saxophonist und Produzent Jungmair sowie die Sängerin Betty Semper wortwörtlich verbergen, lässt sich „Mummer“ doch mit „Vermummter“ oder „Maskierter“ übersetzen. Ihr Debütalbum verströmt eine ganz spezielle Note mit scheinbar gegensätzlichen Ausformungen: mal zurückhaltend und pastellfarben, dann wieder sehr expressiv und mit grellen Farben arbeitend. Hochinteressante, unregelmäßig gebrochene Beats rauen den Boden auf und bilden einen nervösen Untergrund, den die GastsängerInnen balsamieren. Semper, geboren in Antigua und aufgewachsen in London, wurde schon früh vom musikalischen Umfeld ihrer Mutter, einer Gospel-Sängerin, geprägt. Mittlerweile verkörpert sie von Wien aus den Soul des 21. Jahrhunderts, erinnert stark an Alice Russell und deren Kooperation mit Will Holland alias Quantic. „Willoweep” steht beispielhaft für diesen Stilmix, indem Melodiereichtum und Groove den Song nach vorne treiben. Der Berliner Blues-Barde Wayne Martin (bereits bei Boozou Bajou und Dublex Inc. aktiv) bereichert „Seven Doctors“, und Angela Reisinger aka Angel Rice komplettiert den hohen Gesangsanteil. Die Bläser bei „Hey, You Did“ erinnern an die filigrane Einbettung eines DJ Food oder anderer Ninja Tune-Künstler, die bedächtig schlurfenden Beats und vernebelten Soundflächen von „Inside My Shell“ an die Labelkollegen Sofa Surfers. Ein ausgesprochen schöner Sommersong ist „Love To Be“ mit Percussion und Streichern, überzeugend wie das gesamte Album.


Michael Franti & Spearhead: Yell Fire (Anti/SPV)
Michael Franti & Spearhead: Live in Sydney (Pias/Rough Trade)

Viele Charakteristika vereint Michael Franti in seiner Person: politischer Aktivist, konsequenter Barfußläufer, Prediger mit starkem Sendungsbewusstsein und freizügiger Stilwandler von Punk über HipHop bis hin zu Reggae. Auch mit dem vierten Album bleibt der Sänger und Gitarrist dieser Vielfalt treu, indem sich die Gewichtung zwischen Texten, Inhalt und Ideologie sowie Arrangements und musikalischer Finesse in etwa die Waage halten. Unbeschwert rockende Singalongs wie „I Know I’m Not Alone” oder „East To The West” wechseln sich mit Sonnenschein-Balladen („Sweet Little Lies“) und Reggae-Tracks („Time To Go Home”, „Everybody On The Move”) ab. Mit den Erfahrungen einer Reise in den Mittleren Osten, die der eindringliche Film „I Know I’m Not Alone“ wiedergibt, nahm Franti in seiner Heimatstadt San Francisco und in Kingston auf Jamaika die neuen Songs auf. Studiogäste wie Sly & Robbie, Percussionist Sticky Thomson sowie die Spearhead-Musiker Carl Young und Dave Shul halfen bei der Umsetzung seines großen Ziels. Nicht von ungefähr fragt Gutmensch Franti beim letzten Song gemeinsam mit Gentleman: „Is Love Enough?“.

Wie er es weltweit schafft, das Publikum mitzureißen, beweist der Konzertmitschnitt aus dem Hordern Pavillion in Sydney. Franti ist - nicht nur wegen seiner hünenhaften Statur - ein Mann mit überragendem Charisma. Wesentlich greifbarer als auf den Studioalben gibt die
Dual-Disc (auf einer Seite CD, auf der anderen DVD) „Live in Sydney“ einen ganzheitlichen Eindruck seines Schaffens. Klar, Abstriche sind beim Gesang zu machen, aber gerade die Lebendigkeit im Vortrag lassen Songs wie „What I Be“ zu unzweifelhaften Höhepunkten werden.


Marsmobil: Minx (G-Stone/Compost/Groove Attack)

Geschickt umkurvt Roberto Di Gioia am Steuer seines Marsmobils die Felsbrocken, die ihm auf der Spritztour den Weg versperren. Zur Not hätte er auch die Laser-Gun, um Kieselsteine aus ihnen zu machen. Auf dem Kopfhörer: Space-Pop aus München, der in die Ferne schweift und doch sehr erdverbunden bleibt. Di Gioia, der schon Keyboard in Klaus Doldingers Passport-Band spielte, vereint auf „Minx“ Retro und Zukunft: Einerseits bestimmen ein entspannter Groove und prägnante Bassläufe die Songs, die ebenso von Air oder Bertrand Burgalat stammen könnten; auch die Burt Bacharach-artige Orchestrierung erinnert an selige Pop-Zeiten der Sechziger und Siebziger. Doch andererseits lassen die schwerelosen Synthie-Flächen und die verhallte Stimme von Martine Rojina eine futuristische Atmosphäre entstehen, die in der Kombination einen ganz eigenen, homogenen Reiz versprüht. Erfahrene Helfer beim Soundbasteln - Peter Kruder (Peace Orchestra, Voom Voom) und Christian Prommer (Fauna Flash, Trüby Trio, Voom Voom) - unterstützen den Songwriter und Multiinstrumentalisten. Eine Querflöte bereichert „Magnetizing”, frankophil erklingt „Je Suis Lache“ mit den typisch weichen Backgroundlinien. Und obwohl „Call Me“ musikalisch etwas uninspiriert bleibt, wirkt der Marsmobil-Sound auf Albumlänge in sich absolut schlüssig.


Malente: How Can You Still Stand To Stand Still? (Unique/Groove Attack)

Für einen Klangästheten sind Malente-Veröffentlichungen wahrscheinlich nicht die beste Wahl. Christoph Göttsch spricht ein anderes Publikum an, konzentriert sich eher auf ungehobelte Basslinien, Slogan-Refrains und den Drang zur hitzigen Tanzfläche. „Like A Freek” steht symptomatisch für diesen Electro-Funk, mit dem Griff nach hinten in die Siebziger und den Blick nach vorne. „Throw your hands in the sky“ fordert der Track „In The Sky”, bei dem Lars Moston seine Finger mit im Spiel hatte und der schon unaufhaltsam die Clubcharts stürmte. Hier wird die Nähe zu Moonbootica und deren Hamburger Moonbootique-Label besonders deutlich. Die zweite Single „For The Revolution” kommt etwas entspannter, während „Fucked“ beinahe klassischen Soul/Funk anbietet, knackige Bläsersätze und Gitarrenlicks inklusive. Gemeinsam mit den Stuttgartern von Dublex Inc. erweitert der Londoner MC Travis Blaque, der gerade mit „The Many Facets Of” sein Unique-Debüt herausbringt, bei „They Want You To Fail” den Malente-Schmelztiegel mit urbanem HipHop-Flair. Denn neben Humor stimmt auch seine politische Attitüde, wenn Kriegen der Krieg erklärt wird: „We kill for peace, shoot for life, this is war on war“. Wie kann man es da noch aushalten, stillzustehen?


International Pony: Mit Dir sind wir vier (SonyBMG)

Warum die drei Herren von International Pony einen so ausgezeichneten Leumund in verschiedensten Szenen genießen, mag viele Gründe haben. Zum einen ihre ehemaligen und aktuellen Bands (Fischmob, Adolf Noise, Erobique), sicherlich Kozes DJ-Skills, zum anderen aber auch die Attitüde, mit der sie ihr Pony-Ding durchziehen. Ein Trademark-Sound, der beispielsweise „Solid Gold“ sofort den Hamburgern zuordnen lässt - und einen raffinierten Refrain fallen lässt, den Pharrell auf seinem aktuellen Album gerne zur Verfügung gehabt hätte. Electro-Funk mit House-Beschlag, gezaubert aus der Experimentalküche des Grooves, versetzt mit Wärme, Charme und Humor in Großbuchstaben. Durch die Kunst der Reduktion bilden sich Lücken, in denen der Funk geborgen liegt und seine Kraft bezieht. Weniger direkt als auf dem Debüt „We Love Music“, zündet der schräge Funken eher im schwebenden Zustand. So verharrt „Still So Much“ ungewohnt bedächtig, als ein sich zäh entwickelnder, melodiöser Soundteppich, ebenso das zuckrige „Gravity” (mit Rica Blunck als Studio-Gast), „Gonzos Grillparty” inklusive Vibraphon-Solo oder die vorab veröffentlichte Maxi „Our House“ in der etwas raueren Papa-Version. Nicht nur Titel wie „Vodka Biene“ oder „The Royal Pennekaums“ zeugen vom Frohsinn-Faktor auf dem Ponyhof, sondern vor allem der Text von „Gothic Girl“, wenn Vocoder-Stimmen das Spannungsverhältnis zwischen schwarzer Musik in der Gothic/DarkWave-Variante und des Black Music-Originals besingen: „I like black music too / I like a different kind / I said 'Baby, I don’t care, you know the freaks come out at night’”. Was auch immer sie anpacken, es wird reines Gold daraus.


Diverse: Focus Jazz (Sonar Kollektiv/Rough Trade)

Dem Workaholic Hans Wewerka ist es zu verdanken, dass im Anschluss an „Forum West” (2004) erneut in den Münchener Archiven des Musikverlages Wewerka nach Jazz-Dokumenten gestöbert werden konnte. Der gebürtige Wiener blickt als Produzent und Verleger immerhin auf über 20.000 Aufnahme-Sessions zurück, die zum Teil noch niemals auf CD erschienen sind. Folglich eine wahre Fundgrube für das Berliner DJ-Kollektiv Jazzanova und Stephan „Mister MPS“ Steigleder, die diesmal die Zeit von 1966 bis 1969 genauer unter die Lupe nahmen. Während der Zeitgeist und „Summer of love“ starken Einfluss auf die damalige Popkultur hatten, bleibt der Experimentalcharakter der ausgewählten Modern Jazz-Songs moderat. Swing, Latin und kurzweilige Grooves dominieren bei den 15 Stücken, von denen gerade einmal fünf bereits käuflich zu erwerben waren. Es sind hauptsächlich die Melodieinstrumente, die jeweils Akzente setzen: Querflöte und Vibraphon bei Joe Haiders „Colours Of Sea”, Heinz Sauers Tenorsaxofon („Plakate”) oder der dezent arrangierte Bläsersatz von „Down Town” (Peter Korinek). Weitere Höhepunkte dieser vielseitig zusammengestellten Compilation kommen von Dusko Goykovich („Saga se Karame”) oder den Beiträgen des Filmmusik-Komponisten Erich Ferstl.

 

Diverse: Brazilectro 8 (Audiopharm/SPV)

Die Brazilectro-Reihe bringt sie alle zusammen. Da ist zum einen der US-amerikanische Singer/Songwriter Josh Rouse, der mit seiner Gitarre von Nashville ans südspanische Mittelmeer zog, um dort elegant-funkige Songs wie „His Majesty Rides“ zu komponieren; zum anderen Dan „The Automator“ Nakamura, der schon mit den Gorillaz oder Handsome Boy Modeling School reüssierte und nun das altehrwürdige „Watermelon Man” in der Version von Poncho Sanchez zusätzlich mit Beats aufgemöbelt hat. Charakteristisch für den Brazilectro-Spirit steht jedoch „Valeu“: Auf der ersten CD von „Brazilectro 8“ noch in der Original-Version von Marcos Valle und Joyce, kommt der aktuelle Abgleich prompt auf CD 2 im 4hero-Remix. Beide stilistische Seiten gehören zum Konzept von „Latin Flavoured Club Tunes“, mit denen auch dieser Extrem-Sommer beschallt werden kann. Die Strandtankstelle auf dem Cover bietet frischen Kraftstoff für die Party: 26 Songs, sieben davon bisher unveröffentlicht, zwischen brasilianischen Interpreten (Valle, Jorge Ben oder Azymuth) und modernen Latin-Sounds weltweiter Produzenten-Größen pendelnd. Hervorzuheben sind Fort Knox Five mit „El Barrio“ im Mo’Horizons-Remix oder auch „Killer“ von Boozoo Bajou feat. Top Cat, das mit Ragga-Vocals für Abwechslung auf der Tanzfläche oder Hängematte sorgt.

Ammoncontact: With Voices (Ninja Tune/Rough Trade)

Der Albumtitel gibt unmissverständlich die Richtung vor: „With Voices”, folglich mit vielen Stimmen. Egal, ob Gesangsstimmen, instrumentale Stimmen, Stimmen des musikalischen Ausdrucks - bei Ammoncontact, dem Projekt von Carlos Nino und Fabian Ammon aus Los Angeles, kommt alles zusammen. Und als wenn Ninja Tune nicht schon ohnehin für innovative und nachhaltige Veröffentlichungen stehen würde, wird auch dieser Studio-Clash von einem Dutzend Musikern, MCs und Mixern den hochgesteckten Erwartungen absolut gerecht. Aus dem Jazz melden sich Yusef Lateef, Kamau Daaood oder Dwight Trible zu Wort, aus dem HipHop-Genre sind es Lil Sci (MF Doom-Umfeld), Abstract Rude (Big Dada), Sach, Brother J und Prince Po. Auflistungen sind das eine, die Songs an sich jedoch das wichtigere Kriterium. Kamau Daaood bereichert „A Zillion Tambourines” mit seinem prägnanten Bass, Abstract Rude steppt vokal durch „Worth It“, und auch „Beautiful Flowers“ erstrahlt im satten Groove von Prince Po, Yusef Lateef und Dwight Trible. Selbst die Tracks ohne Gastbeitrag, „Elevation” und „One For Ayler“, würden auf vergleichbaren Alben heraus stechen. Jazziger HipHop in Reinform und Höchstform.


Diverse: Brazilution - Edicao 5.4 (Stereo Deluxe/edel)

Der Sommer kommt, und in diesem Jahr ein ganz besonderer: die Welt zu Gast bei Freunden, Fußball-WM, kollektiver Ausnahmezustand. Dieser Umstand macht auch vor der neuen Ausgabe der Brazilution-Reihe nicht Halt, weil die Selecao-Kicker erwiesenermaßen am besten mit dem runden Leder umgehen können. Die Siegesfeiern könnten dementsprechend mit dieser Doppel-CD beschallt werden, die in eine ruhige Sol Side und die tanzbarere Luna Side unterteilt ist. Arndt Kielstropp zeigt sich diesmal verantwortlich für die Zusammenstellung, die südamerikanische Rhythmen und temperamentvolle Lebenslust atmet. Tagsüber dominieren noch die analogen, eher traditionellen Fernwehpillen, beispielsweise Joyce mit Dori Caymmi („Rio Bahia“), Marcos Valle („Nao Tem Nada Nao“) oder Bebel Gilberto. Keine Überraschungen dabei, aber auch keine Enttäuschungen. Die CD von der Mondseite vertont die nächtlichen Aktivitäten in einer imaginären Strand-Bar: Italiens Produzenten-Maestro Nicola Conte präsentiert Rosalia de Sousa mit ihrem süßlichen „Canto de Ossanha“, Sabrina Malheiros’ „Estacao Verao“ erklingt im Kenny Dope Original Twist. Weltmeisterlich tanzen lässt sich zum Spiritual South Remix von „Jazz Room“ (Paul Murphy & Marc Woolford Project) und den üblichen Verdächtigen Boozoo Bajou oder Ian Pooley.


GeniLon: Dong Dong Gaaf (Jazzland/Universal)

The Mungolian Jet Set: Beauty Came To Us In Stone (Jazzland/Universal)

Die etwas ausgereizten Allgemeinplätze 'Kopfkino’ und 'Klanglandschaften’ müssen einmal mehr herhalten, um bei der Rezension der beiden Veröffentlichungen auf Bugge Wesseltofts Jazzland-Label dem musikalischen Ereignis sprachlich gerecht zu werden. Die beiden Schweden Rikard Gensollen und Jonas Lonna stehen mit ihrem guten Namen hinter dem Projekt Gen:Lon; der eine als Perkussionist, der andere als DJ. Auf einer konstant pumpenden Rhythmusbasis dehnen sich kleine Ideen und Akkordwechsel über Minuten hin aus. Wesseltoft selbst bedient auch bei einem Song die Tasten. Die darin reifenden Steigerungen und minimalen Veränderungen der Patterns nimmt man nur wahr, wenn man sich ganz der Musik widmet - beziehungsweise sich völlig von ihr einnehmen und auf eine sphärische Reise schicken lässt. Explizite Anspieltipps gibt es nicht, da das Album eher als Ganzes wirkt, als eine in sich geschlossene Einheit.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt The Mungolian Jet Set, ein vielköpfiges Kollektiv aus dem Atomic/New Conception of Jazz-Umfeld. Der wilde Ritt durch Jahrzehnte, Einflüsse (Jean Michel Jarre, Brian Eno, Miles Davis) und Galaxien strahlt jedoch einen heterogeneren Charakter aus, vor allem wegen der vielfältigen Vocal-Samples. Zwischen Synthieflächen und Störgeräuschen („The Ancient And The Innocent“) wird das Album zu einem zwiespältigen Vergnügen, das vor allem scheuklappenfreie Sicht beim Hörer voraussetzt.


Kyoto Jazz Massive: 10th Anniversary (Compost/Groove Attack)

Ein schöner Anlass, eine simple Idee und eine absolut überzeugende Umsetzung: Das Kyoto Jazz Massive nutzt sein zehnjähriges Bestehen, um auf zwei CDs Werk und Wirken vorzustellen. Doch es geht auch darum, vor den beiden Protagonisten der weltweiten Acid Jazz-Szene in Form von Neuinterpretationen und Coverversionen den Hut zu ziehen. Shuya und Yoshihiro Okino, die als DJ- und Produzentenduo hinter KJM stehen, konnten im Laufe dieser Dekade zahlreiche Musiker und Produzenten mit ihren Veröffentlichungen inspirieren und Impulse für die globale elektronische Tanzmusik sowie allgemein den Club-Sound der 90er Jahre geben. Ihre „Jazzy Vibes“ leben von der Leidenschaft (beim Plattensammeln und Auflegen) und der Arbeitsfreude (beim Produzieren und Songwriting), mit der die Fusion von Broken Beats, Brazil, House und Jazz-Funk-Elementen angegangen wird. „The Brightness of these Days“ mit dem souligen Gesang von Vanessa Freeman gewinnt noch zusätzlich im Quantic Remix, ebenso die „Time to Fly“-Bearbeitung von Restless Soul. Dass ihre Remixes (für UFO, Nicola Conte, Jazzanova) den eigenen Produktionen in nichts nachstehen, beweisen Kyoto Jazz Massive mit „Where Love Shines“ von Incognito. Mehr Freistil verkörpert die zweite CD, auf der sich Sleep Walker mit fliegenden Tasten „Eclipse“ annimmt, während der Kreativitätszeiger bei den musikalischen Danksagungen von Jazztronik („Shine“) und Monday Michiru („A Calamaria“) gehörig ausschlägt. Shine on, you japanese diamond!


Leafcutter John: The Forest And The Sea (Staubgold/Indigo)

„The Forest And The Sea” erzählt die Geschichte zweier Menschen, die sich im Wald verlaufen. Wegen der einbrechenden Dämmerung verbringen sie die Nacht vor Ort, mit all den Eichhörnchen, Rehen und Vögeln. Statt am nächsten Morgen den Heimweg anzutreten, macht sich das Paar in die entgegen gesetzte Richtung auf - ans Meer. So spülen beim letzten Song „Now“ auch die seichten Wellen an den Strand. Verständlich, oder? John Burton aka Leafcutter John wird sich schon was dabei gedacht haben, als er seinem elektronisch verfremdeten Singer/Songwriter-Folk diese märchenhafte Metaebene zuteil werden ließ. Es ist Burtons erste Veröffentlichung auf dem Berliner Staubgold-Label, die ebenso spannend wie abenteuerlich klingt - und auch ein wenig anstrengend. Auf dem Grat zwischen Songwriting und Electronica wirken die musikalischen Brüche, Sample-Skizzen und Zerfaserungen in Slow-Motion teilweise zu gewollt und artifiziell. Fast so, als fände man den Song vor lauter Bäumen nicht. Klagender Gesang durchzieht „Dream I“, wobei die zusätzlichen Stimmen von Leo Chadburn aka Simon Bookish und Alice Grant kommen. Hingegen wunderschön: die Intimität von „Dream III“ in dunkler Nacht, zwischen den Waldbewohnern.


RinneRadio: Plus (Westpark Music/Indigo)

Finnlands führender Elektronik-Act RinneRadio schlägt wieder zu, mittlerweile zum 19. Mal. Namensgeber und Bandleader Tapani Rinne überrascht seit 1988 mit jeder seiner Veröffentlichungen, die zwischen progressivem Jazz, anregendem Ambient und technoiden Klängen einen weiten Bogen spannen. Auf „Plus“ erweitert das Trio mit Verneri Lumi (Electronics) und Juuso Haanukainen (Percussion) den experimentellen Bandsound um eine Industrial-Note, besonders eindrucksvoll bei „Krump“. Ansonsten kreuzen sich fast orchestrale Passagen mit angerauten, atonalen Klangcollagen, die wiederum mit Rinnes diffus schwebendem Sopransaxofonspiel kontrastieren. Oft sind es kleinteilige Songschnipsel, die zusätzlich eine skandinavische Kühle ausstrahlen, ähnlich den Künstlern auf Wesseltofts Jazzland-Label. Dagegen versöhnen „Mel“ oder „Sella The Dog“ diejenigen, die konventionellen Jazz-Grooves näher stehen. Als Studiogast verhilft Tommy Lindgren, Kopf der finnischen Don Johnson BigBand, dem Spoken Word-Song „Bird Tower” zu einer geheimnisvollen Stimmung, die durch Cello, Bass-Klarinette und Slide-Gitarre noch gesteigert wird. Die DVD der DualDisc zeigt neben Bonus-Material einen halbstündigen Konzertmitschnitt vom Leigo Lake Open Air Festival 2004 in Estland. Bilderreich und viel Stoff fürs Kopfkino. Eine Herausforderung, die vom Hörer angenommen werden muss, aber letztendlich reich belohnt.


ROOT 70: Heaps Dub (Nonplace/Groove Attack)

Ein simples, aber überaus fruchtbares Konzept liegt „Heaps Dub” zugrunde: Die Neuverortung von Burnt Friedman-Songs zwischen 2000 und 2004, worunter sowohl seine Solowerke als auch die Zusammenarbeit mit The Nu Dub Players und das Flanger-Projekt fallen. Das internationale Quartett ROOT 70 nahm sich dieser zeitlos schönen Kompositionen an und überführte sie in ihren Bandsound. Mit Esprit und Verstand, für Herz und Hirn, mit rhythmischer Finesse und ausgeklügelten Arrangements. Angesichts der Besetzung Nils Wogram (Posaune), Hayden Chisholm (Saxofon, Klarinette), Matt Penman (Bass) und Jochen Rückert am Schlagzeug ist es jedoch kaum verwunderlich, dass die Lieblingssongs derart brillant umgesetzt wurden. Bis auf eine Ausnahme, dem Spoken word-Song „Revivitator“ mit den beschwörenden Worten von Black Sifichi, behielt Arrangeur Chisholm die instrumentale Transformation bei. Jazz bleibt die Grundlage, doch ROOT 70 verarbeiten darüber hinaus Einflüsse aus aktuellen Strömungen aller Musikstile - vergleichbar mit dem letzten Album „Getting Rooted“ von 2003. Jazz, Dub, Reggae und Latin Jazz finden unverkrampft zueinander, was in der Kombination an Fat Freddys Drop erinnert - und deren Debüt war nicht von ungefähr für viele die Entdeckung des vergangenen Jahres.


Silent Poets: Sun (Pouzzez!/Nocturne/Rough Trade)

Wenn das Album „Sun“ mit seinen elf Downbeat-Tracks der Soundtrack zu einem Film sein sollte, dann würde der Großteil des Publikums wohl bereits vor dem Abspann eingeschlafen sein. Obwohl ein gewisses Cinemascope-Gefühl aufkommt, fehlen grundsätzlich die zündenden und zwingenden Ideen, um aus der unaufdringlichen Klangtapete individuelle Songs herauszuhören. Dabei haben die 1991 von Michiharu Shimoda und Takahiro Haruno gegründeten Silent Poets zuvor schon sechs eigene Alben und sieben Remix-Platten produziert, wissen also, wo sich Lounge-Dub und Ambient am besten zu einem Stelldichein treffen. Haruno verließ das Projekt nach dem letzten Album „To Come“ und wurde ersetzt durch Alain Ho alias DJ Yellow. Und eben auf dessen Pariser Plattenfirma Yellow Productions, die er 1993 mit Chris LeFriant aka Bob Sinclar aufbaute, kam 1997 ein umso nachhaltigeres Werk auf den Markt: „A Grand Love Story“ von Kid Loco. Den konventionellen Ambient-Klängen bei „Sun“ helfen auch nicht Studiogast Shawn Lee („Rock Star“) oder andere Vocal-Samples. Der „Sleeping Tiger“ wird hiermit nicht geweckt.


Diverse: Stereo 150 (Stereo Deluxe/edel)

Der Werdegang von Jazz thing muss auch immer im Spiegel der Label-Historie von Stereo Deluxe betrachtet werden. Sämtliche Protagonisten, die jetzt auf der Jubiläums-Compilation „Stereo 150“ versammelt wurden, prägten mit ihren Veröffentlichungen maßgeblich die Entwicklung des Modern Urban Sound. Jazzige Clubmusik, die vermeintliche Grenzen zwischen analog und digital, Tradition und Zukunft, Song und Track sowie Instrument und PC in einem weiten Feld spielend überwand. Boozoo Bajou, Trio Elétrico, The Strike Boys, The Funky Lowlives oder Bobby Hughes Combination stehen stellvertretend für die zurückliegenden 150 Veröffentlichungen - und selbstredend auch Mo’Horizons (Mark „Foh“ Wetzler und Ralf Droesemeyer), die obendrein die Zusammenstellung und den Mix übernahmen. Wohl einer ihrer größten Hits auf Stereo Deluxe, „Foto Viva“, bekommt durch die Nicola Conte-Bearbeitung mehr Querflöte, mehr Percussion und weniger Gesang auf den Weg. Beschwingt meistert Trio Elétrico den „Echo Parcours“ im Quantic-Remix, Butti 49 legt bei EMOs „Relief For Free“ Hand an, während Bobby Hughes Combination vor allem mit „Clive The Runner“ die Feierstimmung hochhalten. Glückwunsch nach Berlin!


Thievery Corporation: Versions (ESL Music/Soulfood)

Sie gehören zu den Königen im Remix-Reich. Sie sind die Meisterdiebe, wenn es darum geht, fremdes Songmaterial mit dem Thievery Corporation-Gen zu bestücken: Eric Hilton und Rob Garza aus Washington D.C., die wohl keiner weiteren Vorstellung benötigen. Tausende von Compilations aus dem einstmals boomenden Lounge-Bereich zier(t)en sich mit ihren Beiträgen, und auch ihre eigenen Zusammenstellungen von Remixen auf Eighteenth Street Lounge - Heimstätte des Labels und des gleichnamigen Clubs - unterstreichen dieses Gespür. Nach „Abductions and Reconstructions“ von 1999 bündelt „Versions“ erneut entspannte und entspannende Downbeat-Tracks, im Original von The Doors, Sarah McLachlan, Bebel Gilberto oder Transglobal Underground. Ein weites Feld, das durch die TC-Kur ungeahnte Parallelen bekommt. Prototypisch klingt Astrud Gilbertos „Who Needs Forever“: sanfte Streicher, pluckernde Beats, weiblicher Weichzeichnergesang. Auch „This Is Not a Love Song“, selbst bei Nouvelle Vague im Vergleich zu PIL schon entschärft, erfährt hier noch einmal eine weitere Entschleunigung. Zwischen diese Neubearbeitungen schummelt sich „Originality“ als eigener Thievery Corporation-Song: ein Dub-Reggae-Track mit hallenden Trompeten und Gaststar Sister Nancy, die auf Patois toastend den Jamaika-Faktor hochhält.

 

Tied & Tickled Trio: A.r.c. (Morr Music/Indigo)

The Year Of: Slow Days (Morr Music/Indigo)

Wenn Musik intellektuell herausfordern oder aber durch ihre Intensität beeindrucken soll, findet der Hörer beim Tied & Tickled Trio eine geeignete Plattform zum Stöbern und Entdecken. Auf der CD befindet sich nur ein Song, doch der steht repräsentativ für das gesamte Schaffen der Weilheimer. Das Kollektiv um die Brüder Markus und Micha Acher (beide auch bei The Notwist aktiv), Caspar Brandner und Andreas Gerth definiert in knapp 20 Minuten wieder einmal musikalische Abenteuerlust: Komplex verschachtelte Rhythmusschichten werden kombiniert mit stringenten Bläserarrangements à la Gil Evans, Jazz trifft auf Electronica und Dub, fragile Songbruchstücke wabern im organischen Spiel der Musiker. Live lassen die Gastmusiker (Johannes Enders, Ulrich Wangenheim, Carlo Oesterheld) den Bandsound noch fülliger klingen, vor allem dank der großartigen Bläser. Das beweist der DVD-Konzertfilm „Observing Systems“, der unter anderem den Mitschnitt aus der Münchener Registratur vom 20.April 2004 zeigt. Eine multimediale Bestandsaufnahme einer schwer zu kategorisierbaren und dabei so erfüllenden Band.
Songorientierter arbeitet B. Fleischmann mit seinem Projekt The Year Of - auch begünstigt durch den brüchigen Gesang von Christoph Kurzmann, der Halt und Struktur gibt. Sehr ausgeruht und atmosphärisch, teilweise stark entschleunigt („Mantra“, „Calling Sky“), aber auch mit Pop-Appeal („Stephen Hawking“). Lapsteel-Gitarre und Vibraphon rauen auf, bevor Monotonie entsteht. Eine Empfehlung, nicht nur als hochwertiges Gegenmittel zur allgemeinen Schnelllebigkeit.


Wise In Time: The Ballad Of Den The Men (Crammed/Indigo)

Es ist schon erstaunlich, nach vier Jahren Veröffentlichungspause wieder von Ian Simmonds zu hören, der vor allem mit „Return To X” (auf dem !K7-Label) und „Escape To Where“ als Juryman prägende Alben hervorbrachte. Noch erstaunlicher allerdings, dass sich der britische Produzent, DJ und Bassist nun aus Jena zurückmeldet. Dort entstand „The Ballad Of Den The Men“ mit vier jungen Musikern, die allesamt Studenten an der Dresdener Jazzschule sind: Lars Mäurer (E-Piano und Orgel), Krishan Zeigner (Schlagzeug), Felix Jakobi (Bass) und Matthias Grote (Gitarre). Als Wise In Time loten sie das Spannungsfeld zwischen minimalen Jazz-Arrangements und Simmonds’ stoischen Gesangsmelodien aus. In seinem eindringlichen Sprachstil erinnert „Ballad“ sogar an Tricky, beziehungsweise wie ein männliches Pendant zu Ursula Rucker. Leichte Folk-Anleihen durchziehen die sparsam ausgeschmückten Songs, die eher von der Arbeit des Quartetts mit dem reduzierten Material leben. „Back From Somehow“ verliert sich zwar etwas im nebulösen Niemandsland, doch nicht nur „Firing Line” oder „The Well“ zeugen von der schöpferischen Qualität dieser deutsch-britischen Konstellation.

 

Zimpala: Honeymoon (Légère/Our Distribution)

Schon das Vorgängeralbum „Breeze Is Black“ umgarnte mit Zuckerguss-Lounge den Hörer und hätte einem frisch verheirateten Paar die passende Musikuntermalung geboten. Diesmal nehmen Zimpala diese Steilvorlage auf: „Honeymoon“ schnürt das pralle Paket an Jazz-Electro-Pop mit der gewissen lasziven Note. Frédéric Beneix alias DJ BNX steht als künstlerischer Leiter hinter dem lockeren Kollektiv von Nachwuchsmusikern aus Bordeaux. Es ist aber Noémie Brossets Stimme, die Zimpala ein charakteristisches Moment verleiht. Durch ihr gehauchtes Timbre gewinnen vor allem die französischsprachigen Songs „Trop Méchante“ und „Le Pays d’Alice“ an authentischem Flair, während die spanische Gitarre bei „Hast La Vista“ (feat. Jonathan Pisa) das Rhythmusfeuer lodern lässt. Reichlich Sexappeal versprüht „Fall In The Water“, das nicht nur wegen des Titels an „Underwater Love“ von Smoke City erinnert. Lebensfrohe Holzbläser laden auf die Tanzfläche „For A Waltz”, bevor auf die süßesten „Honeymoon“-Zeiten ein Ende nehmen.

 

Wechsel Garland: Easy (Karaoke Kalk/Indigo/Hausmusik)

Es ist alles so 'easy' bei Wechsel Garland. Das unbeschwerte Moment scheint sich nicht nur auf den Albumtitel, sondern vor allem auf die Songs ausgewirkt zu haben. Eine sehr angenehme Unaufgeregtheit durchflutet das Album - ohne dabei in irgendeiner Art beliebig oder banal zu klingen. Hinter dem Alter Ego steckt Jörg Follert, der sich bisher als Elektroniker mit starken Japan-Affinitäten einen Namen machen konnte. Weiterhin bestimmen federleichte, zarte Miniaturen voller Melancholie und Verspieltheit sein Schaffen, doch auf „Easy“ steht der Song an sich im Mittelpunkt. „Corona Loco (Look At Me)“ entführt mit swingendem Kontrabass und Piano in einen eleganten Jazzclub, bevor der Song immer stärker in repetitiven Schleifen kreist und Züge von Minimal Music annimmt. Luftige Beats umspielen „White Circle“, wobei der Argentinier Gustavo Cerati an Gitarre und Bass den Klangraum füllt. Ein für Follerts Verhältnisse erstaunlich hoher Gesangsanteil fördert zudem den kompositorischen Halt zwischen den Arrangements. Neben Natalie Beridze alias tba begeistert besonders Yvonne Cornelius (Niobe) bei „Swim”: Im rührenden Duett mit Follert schlängeln sich Mundharmonika und Streicher um die Textzeile „After I had it all / All I needed was you”, und es schließt nach zwei Minuten mit der Aufforderung „Let’s go swimming“. Wie gesagt: Es ist alles so 'easy' bei Wechsel Garland.

 

Diverse: The Celluloid Years (Collision/Groove Attack)

Die Compilation „The Celluloid Years“ zeichnet die Ursprünge des Genres nach, das sich 1979 aufmachte, die Welt zu revolutionieren: HipHop. „Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang als erster Hit, Herbie Hancocks „Rock It“ als innovativer Meilenstein, Kool Herc als DJ-Legende. Ein Umbruch nicht nur in musikalischer Hinsicht, denn HipHop ist ein Lebensgefühl, das sich auf Freestyle-Rap, Breakdance und Graffiti erstreckt(e). Der damalige A&R des New Yorker Celluloid-Labels, Bill Laswell, bewies ein Händchen für verschiedene Einflüsse und Künstlerinteressen: Rapper Afrika Bambaataa, Saxofonist Manu Dibango und selbst Jimi Hendrix oder John Lydon (Sex Pistols) bekamen hier die Chance, einer neuen Epoche musikalisch Ausdruck zu verleihen. Die zwei CDs bündeln konsequent OldSchool-HipHop mit originalen Aufnahmen, etlichen Remixes oder unbekannten B-Seiten. „Change The Beat“ von Fab Five Freddy, „Get Movin“ der Last Poets oder „Crazy Cuts“ des Grandmixers D.ST zünden auch heute noch auf jedem Tanzflur. Eine lehrreiche Einführung für den Einsteiger, eine spannende Vervollständigung für den fortgeschrittenen Homie. HipHop, you don’t stop!

 

Monsieur Dubois: Ruff (Challenge/SunnyMoon)

Die sechsköpfige Band Monsieur Dubois schickt sich an, eine der großen Überraschungen des noch jungen Veröffentlichungsjahres zu werden. Was die Rotterdamer mit ihrem selbsternannten „Danceable HardJazz” an Leidenschaft und Spielfreude, an Coolness und hitzigem Groove ausstrahlen, zieht jeden Hörer in den Bann. Bereits seit 1999 spielen Monsieur Dubois zusammen, nahmen auch 2002 am North Sea Jazz Festival teil, doch so richtig in Erscheinung getreten sind sie noch nicht. Nun also das Debütalbum „Ruff”: Unnachgiebig wirbelt die Rhythmusfraktion (Rudi Sanders: Schlagzeug, Udo Demandt: Percussion, Kasper Kalf: Kontrabass) Staub auf, Maarten Meddens legt am Fender Rhodes meist einen satten Akkordteppich darüber, so dass Bart Wirtz (Saxofon) und Dirk Beets (Trompete) die thematische Arbeit zusteht. Freche Einwürfe, virtuose Läufe oder spannende Soli - alles dabei. Stilistisch werden Junglebeats („Multiball”), Funk („Spy’s Metaphor“), Souljazz („Monsieur Dubois s’Amuse”) and Afrogrooves zu einem instrumentalen Hybrid vermengt, die Dynamikkurve bis in ihre jeweiligen Extreme ausgelotet. Ein überzeugendes, fast furioses Debüt aus den Niederlanden.

 

Diverse: Miedzy Nami Café (Audiopharm/SPV)

Die polnische Szene Berlins lebt in diesen Tagen auf: Während das russische Pendant mit dem „Café Burger“ und Wladimir Kaminers „Russendisko“ in Berlin-Mitte längst sein Zentrum gefunden hat, war das Nachbarland im Osten nur durch den kleinen „Club der polnischen Versager“ vertreten. Das soll sich jetzt mit der neuen Filiale des „Miedzy Nami“-Cafés ändern - tatkräftig unterstützt von der gleichnamigen Compilation, mit der lässig die musikalische Visitenkarte vorgezeigt wird. In Warschau gilt das Café seit 1994 als ein beliebter Treffpunkt der Boheme, die bei geschmackvoller Loungemusik, Ausstellungen und bestem Essen zusammenkommt, um dem Müßiggang zu frönen. Entsprechend die Songauswahl: In niedrigen Drehzahlen bewegen sich Ikon, Micatone (immer wieder bezaubernd mit „You’ve Taken All“) oder Tosca, während Parov Stelar bei „For All We Know“ einen leichten Jazzhauch atmet. One Million Dollars und Herbaliser feat. Jean Grae öffnen mit ihren Songs behutsam HipHop-Türen, bevor uns Stina Nordenstam in Traumwelten säuselt. Ein bisschen Berlin in Warschau, ein bisschen Warschau in Berlin, und immer Musik „miedzy nami“ - unter uns.

 

Mary J. Blige: The Breakthrough (Geffen/Universal)

Man kann von poliertem SoulPop in Perfektion halten, was man möchte - aber „The Breakthrough“ ist schon sehr clever gemacht. Mary J. Blige schafft mit ihren wohltemperierten Songs - und den entsprechenden Konsequenzen - eine immens hohe Hitdichte, die sie weiterhin vor ihre Kolleginnen positioniert. Denn auch dem siebten Studioalbum fehlen fast jegliche Kanten, doch dafür glitzern und leuchten die Produktionen wie Bordelltüren. Blige lässt altbewährte Samples (Nina Simones Klassiker „Feeling Good“ bei „About You“, „Champ“ von The Mohawks bei „Gonna Breakthrough“) neu aufbereiten beziehungsweise das komplette Original („Hate It Or Love It“ von The Game feat. 50 Cent) auf sich zuschneiden - so dass es hier Mary J. Blige ist, die sich als „MVP, I’m a Soul/HipHop-Queen“ vorstellt. Mit Hilfe der prominenten Gäste konnte zudem viel zusätzliches Glamour ins Studio geholt werden: Will.I.Am von den Black Eyed Peas produzierte „About You“ nicht nur, sondern übernahm auch einen Part in dem Song. Jay-Z bereichert den bouncenden R’n’B-Track „Can’t Hide From Luv“, und fordert: „Turn the music up loud!” Zu guter letzt singt die New Yorkerin Blige ein Duett mit Bono, auch wenn der U2-Hit „One“ in diesem Kontext etwas fehl am Platz wirkt. Viele Faktoren, die die Sonderstellung von MJB auch nach 14 Jahren im Musikbusiness weiter stärken werden.

 

Curse: Sinnflut (Sony BMG)

Während in Berlin die Flammen hochschlagen und neue Fehden zwischen ehemals verbrüderten Rappern die Schlagzeilen bestimmen, nimmt Michael S. Kurth alias Curse die Rolle des objektiven Beobachters ein. Minden ist nicht das Zentrum der Welt. Er verkörpert so etwas wie die weise Stimme des Deutsch-HipHop. Curse bleibt Individualist, ein Suchender, der sich mitteilen muss. Statt Öl ins Feuer zu gießen, verteilt er bei „Gangsta Rap“ eifrig Komplimente (Hookline: „Ich hab nichts gegen Gangsta Rap/ Ich hab nichts gegen Gangster, die rappen/ im Gegenteil, ich lieb’ den Scheiß/ doch zu viele von den Jungs glorifizieren den Scheiß“) - und erntet dafür den Respekt der Szene. „Broken Language Reloaded“ feat. Samy Deluxe ist sicherlich die repräsentative Single des Albums, doch „Sinnflut“ überzeugt als homogenes Gesamtwerk: Zum einen durch die Tracks, die jede Party rocken, zum anderen durch nachdenkliche Stücke, die sich zu wahren Soul-Hymnen entwickeln. Esoterische Themen und fernöstliche Lebensphilosophie gehören in seinen Texten immer dazu. Experimentierte Curse mit dem Vorgänger „Innere Sicherheit“ noch in verschiedene stilistische Richtungen, klingt er nun weniger verschnörkelt, wieder mehr auf puren Rap fokussiert. Selbst Roots-Rapper Black Thought und Pete Rock ordnen sich als namhafte Studiogäste dieser bewussten Reduzierung unter. Curse hat neue Erfahrungen gemacht, die er einordnet und hinterfragt. Eine durchaus differenzierte und intelligente Bestandsaufnahme des deutschen Rap im Jahre 2005.

 

Diverse: Bar Lounge Classics - Winter Edition (Sony BMG)

Es geht immer weiter, es hört scheinbar niemals auf. Zu einer „Latin Edition“ passt eine „Oriental Edition“, und das Pendant zur „Summer Edition“ ist dementsprechend eine „Winter Edition“. Die Bar Lounge Classics-Reihe spuckt erneut zwei CDs mit 32 Songs in den winterlichen Schnee, der Hörer räkelt sich dazu auf dem Bärenfell vor dem flackernden Kamin. Alles so gemütlich, heimelig, loungig. Die meisten musikalischen Auserwählten wissen genau um ihre Funktion, machen unauffällige Miene zum harmonischen Downbeat-Spiel. Alte Bekannte, beispielsweise The Funky Lowlives, Minus 8 oder Mo’Horizons sind dabei; aber auch Nachrücker wie der Däne Emil Jonathan Soegaard alias EMO („Can’t Take No More“ vs. Boozoo Bajou) oder Parov Stelar mit dem besten Mittel gegen Unterkühlung, „Warm Inside”. Auf der zweiten CD gefallen Jazzamor, Sabrina Malheiros’ südamerikanische Leichtigkeit bei „Saudade Rio“ oder die raue Jazz-Orgel von Les Gammas’ „Outra Vida“ (DJ Patife Remix). Hervorzuheben ist allerdings DJ Krush, der japanische Produzenten-Genius. Sein Beitrag „Stormy Cloud” vom „Jaku“-Album bündelt die Klavier-Arrangements von Ken Shima und subtile Streicher im Brian Eno-Stil mit seiner eigenen Spezialität: melancholischen, schleppenden Drum-Beats. Eine perfekte Kombination, die dramatisch anschwillt, dem Piano freien Lauf lässt und sich zu einem Mini-Cinemascope-Epos entwickelt.

 

Nils Petter Molvaer: ER (Emarcy/Universal)

Irgendwie ist es wieder ein typisches Molvaer-Album. Und doch ist auch diesmal alles anders: Der norwegische Trompeter, Komponist und Produzent reizt auf „ER“ den Kontrast zwischen ambienten Flächen, seiner Weichzeichner-Trompete und der rhythmisch-abstrakten Struktur geradezu erschöpfend aus. Auf dem Grat zwischen kommerziellem und künstlerischem Anspruch entstand ein Konzeptalbum, gemessen an konsequent betitelten Songs wie „Hover“, „Softer“, „Water“ oder „Darker“. So wird der Hörer auf einen Klangtrip geschickt, dessen hypnotischer Kosmos aus tranceartiger Atmosphäre, Melancholie und Kontemplation geschaffen zu sein scheint. Fließende tonale Bewegungen wie in Zeitlupe erinnern an den Soundtrack eines Unterwasserfilms, angereichert mit asiatisch anmutender Percussion, bizarren Samples und aufgerauten Klangbeigaben. „Sober“ beispielweise thematisiert nur einen schwebenden Grundton, über dem Molvaers elegische Trompetenmelodien pulsieren. Studiogäste wie Gitarrist Eivind Aarset oder Magne Furuholmen am Klavier fügen sich diesem reduzierten Songwriting. Allein Sidsel Endresen verhilft am Mikro „Only These Things Count“ zu etwas Halt in dieser kargen, instrumentalen Landschaft. Kalt und schön.


Madita: Madita (Couch/Soulfood)

Bei Astrid Lindgren verkörpert Madita ein Mädchen, das gerne auf Bäume und Hausdächer klettert. Beim Wiener Musikprojekt ist Madita eine Sängerin, die Gefühle und Poesie im Großformat vertont. Ihr zur Seite steht der aus Sarajevo stammende Vlado Dzihan, der mit dem gebürtigen Schweizer Mario Kamien auch das erfolgreiche DJ/Produzenten-Duo dZihan & Kamien bildet. Auf deren Album „Gran Riserva“ von 2002 gab bereits eine Kollaboration mit Madita - das schwermütige Ergebnis „Drophere“ wurde seiner Zeit als Single ausgekoppelt. Nun die Albumlänge unter ihrem eigenen Namen: avantgardistische Clubmusik, getragen von der Symbiose aus live gespielten und programmierten Sounds. „Monotony“ ist eine fröhlich-verwegene Tanznummer, bei „Pushing“ hängt der Himmel voller Geigen, Schlagzeug und Beats drücken „Wannabe“ nach vorne, während die Ballade „Mood“ dezent groovt. Über dem Songwriting schwebt jedoch der Gesang der Protagonistin, die sämtliche Nuancen auskostet, um den bilderreichen Texten möglichst viel Ausdruck zu verleihen. Sehr stark und intensiv. So klingt Madita mal wie eine gemäßigte Björk, wie Roisin Murphy oder auch Louise Rhodes (Lamb). Ein schönes Album auf der Schwelle zwischen Pop, Downtempo-Electronica und Jazz.

 

Diverse: Jazzflora 2 (DNM/MConnexion)

Andreas Agdestein und Jakob Lusensky, beide als Dealers of Nordic Music unterwegs, wissen sehr wohl, wie neue Kunden gewonnen werden können. Mit dem zweiten Teil der Jazzflora-Serie ist ihnen erneut ein hervorragender Einblick in die skandinavische Musikbewegung gelungen, die elektronische Rhythmen und Strukturen mit Einflüssen des Jazz scheuklappenfrei bündelt. Sozusagen das Beste beider Welten, in der junge Produzenten und aufgeschlossene Musiker sich gegenseitig bereichern. Existiert dabei ein nordischer Ton, wie ihn die klassische Musik kennt? Zumindest überwiegen bei dem Dutzend Songs elegante und melancholische Klangcharaktere. Hird, Teddy Rok Seven und The Five Corners Quintett stehen als namhafteste Vertreter in der Verantwortung - und erfüllen ihre Aufgabe jeweils auf ihre eigene Art, entweder mit HipHop-Elementen und Club-Impulsen oder mit Trompete und Vibraphon. Sehr geschmackvoll. „Things We Do“ von Soular Sound kombiniert den akzentuierten Gesang und das weiche Timbre von Anni Egecioglu, während bei dem Selbstportrait „We Are Povo” von Anders Andreasen und Lars Vissing die handgespielten House-Beats sowie das sonore Saxofon hervorstechen. Die skandinavische Blume des modernen Jazz gedeiht prächtig!


Diverse: Motown Remixed (Motown/Universal)

In Detroit, Michigan, steht die Wiege zahlloser Soulhits der 1960er und 70er Jahre, aufgenommen von Diana Ross, Marvin Gaye oder Stevie Wonder in den Studios des legendären Motown-Labels. Dort hat man nun seinen Katalog zum Remixen freigegeben - in trauter Gesellschaft von Verve, Blue Note, MPS und Impulse, die bereits Ähnliches realisierten oder für die nahe Zukunft planen. Und es stellt sich auch hier die Frage, warum diese Neubearbeitungen geordert werden, wenn man die Originale immer noch Nacht für Nacht ohne große Abnutzungserscheinungen im Club spielen kann. Sicher ist: Wer den Basslauf von „Papa Was A Rollin’ Stone“ als Vorlage nutzen darf und über etwas musikalisches Gespür verfügt, kann nur noch wenig verkehrt machen. Insofern betreiben die illustren Produzenten und DJs (Ben Human, DJ Spinna, Kenny Dope, Jazzy Jeff) höchstens Denkmalpflege, indem sie Klassiker wie „Ain’t No Mountain High Enough“ oder „ABC“ (Jackson 5) mit höherer Beats-Dichte an heutige Hörgewohnheiten anpassen, das Grundgerüst aber unangetastet lassen. Sehr gelungen: der Remix von Gladys Knight & The Pips’ Version des Marvin Gaye-Hits „I Heard It Through The Grapevine”, den Ahmir „?uestlove“ Thompson und James Poyser respektvoll aufmotzten.


Lemongrass: Ikebana (Lemongrassmusic/Nova Media)

Ikebana, die traditionelle japanische Kunst des Blumensteckens, verlangt Hingabe, Phantasie und vor allem Liebe zum Material und schafft eine Harmonie aus Form, Rhythmik und Farbe. Klar, dass bei solch blumiger Definition eine inhaltliche Verknüpfung zwischen dem Albumtitel und der Musik von Roland Voss alias Lemongrass erstellt werden soll. Zur Untermauerung seiner Affinität zum Land der aufgehenden Sonne engagierte Voss mit Mayu Kawata und Yuko Matsuyama zwei japanische Sängerinnen, die die unterschiedlichsten musikalischen Elemente und Stilrichtungen kunstvoll miteinander verflechten. Lemongrass’ mittlerweile siebtes Album atmet erneut ein durchgehendes Wohlgefühl auf einem in sich absolut stimmigen Klangteppich. Sorgfältig produziert, perfekt arrangiert und homogen bei aller Vielfalt. Von Disco- und Popsongs der 1970er Jahre über French House und Breakbeats bis hin zu orchestralen Balladen ist alles dabei, der zarte und anmutige Gesang dabei nicht nur durch den sprachlichen Exoten-Bonus eine hilfreiche Stütze. Obwohl auf große Reibungsflächen verzichtet wurde und instrumentale Songs wie „Akari“ oder „Farewell“ etwas schwülstigen Ambientsound verbreiten, kommt keine Langeweile auf. Unbeschwert springt der „Beach Ball“ auf der Brandung, stoppt „Le Coup“ mit Zeitlupenbeats und jazziger Gitarre das Tempo ab, während auf der französischen Strandpromenade ein abendliches „Rendez-Vous“ verabredet wird.


Jan Jelinek: Kosmischer Pitch (Scape/Indigo)

Diese Musik beansprucht Aufmerksamkeit, diese Platte benötigt Zeit. Zeit, um die feinen Mikroverschiebungen orten zu können und im vordergründig Wiederkehrenden doch eine Entwicklung und Struktur der Schwingungen zu erkennen. Beinahe ein Widerspruch, liegt der Reiz bei Jan Jelineks Werk doch gerade im Nebulösen, in der musikalischen Unschärfe. Die Loops wurden geschichtet und geschoben, und fügen sich trotzdem nahtlos zu einem Gesamtbild, bei dem sich analoge und digitale Töne synergetisch durchdringen. Es sind subtile Versatzstücke aus der Zeit von Can und Tangerine Dream - nicht von ungefähr nutzte Jelinek bei den Titeln „Lemminge und Lurchen Inc.“ und „Planeten in Halbtrauer“ den Verweis auf Amon Düül („Tanz der Lemminge“) und Arno Schmidt („Kühe in Halbtrauer“). Jedoch nicht im nostalgischen Blick zurück, sondern als Möglichkeit des musikalischen Ausdrucks, indem sich die Schaffenden von formalen Zwängen lösen. Die Soundpartikel rauschen, klicken und mäandern so wunderbar, dass man sich sofort tief im dichten Gewebe aus fein verästelten Geräuschmustern verliert: Das Eröffnungsstück „Universal Band Silhouette“ beispielsweise thematisiert lediglich die Tonfolge c-h-c-a, auf einer Länge von sieben Minuten. Ist die Versunkenheit im Klang erst einmal vollzogen, spielt Zeit ohnehin keine Rolle mehr.


Die Fantastischen Vier: Viel Live - DVD (Four Music/SonyBMG)

Im vergangenen Herbst erschien das Platin-Album „Viel“ der Fantastischen Vier. Anschließend ging es für die Herren Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon auf große Tour: 16 Städte, 160.000 Besucher, „Viel Live“. Die Doppel-DVD dokumentiert im ersten Teil das Konzert in der Hamburger Color Line Arena, mit den alten Hits „Der Picknicker“, „Was Geht“ oder „Sie Ist Weg“, sowie den aktuellen Nummern „Troy“ oder „Geboren“. Auf der vorliegenden Promotion-DVD sind jedoch nur drei („Sommerregen“, „MFG“ und „Troy“) der insgesamt 26 Songs einzusehen - da bleibt ein fundierter Eindruck auf der Strecke. Ein Appetizer, mehr nicht. Der zweite Teil bietet einen intimen und umfassenden Einblick in das Tourleben der Fantas. Viele Backstage-Impressionen und Interview-Strecken dokumentieren die vielfältigen Herausforderungen, die an Band, Musiker und die begleitende Crew gestellt werden. Eine wahre Bilderflut, die weit über das hinausgeht, was für gewöhnlich als Bonusmaterial dem Hauptfilm angehängt ist. Für den Fan sicher ein Genuss, sich den Vieren so nah zu fühlen und exklusive Ansichten einer sympathischen, aber teilweise auch eigensinnigen Band zu bekommen.


Triband: No Sleep (Minor Music/in-akustik)

Der Bandname mag noch nicht geläufig sein, doch die Mitglieder von Triband spielen seit Jahren in diversen Formationen - und bei 4 Your Soul teilweise auch bereits miteinander: Trompeter und Keyboarder Sebastian Studnitzky (Joy Denalane, Rebekka Bakken), Sängerin Sandie Wollasch (Tab Two, Hattler) und Schlagzeuger Tommy Baldu (Laith Al Deen, Edo Zanki) verkörpern ein frisch geformtes All-Star-Team mit experimentierfreudigem Songwriting. Sämtliche Stile werden dabei aufs Kreuz gelegt, seien es Bläser geschwängerte Rare Grooves mit Funk- und Soulunterbau bei „Big Wave“, an dessen Ende Joo Kraus auf seine unnachahmliche Art rappt; oder Rhythm & Blues bei „Sweeter Than Honey“; oder die süßlichen Balladen „Sleep Little Child“ und Edo Zankis „Schweben”; oder der seelenvolle Pop von „If You Ever“, bei dem Wollasch ihr sanft-sinnliches Timbre ausleben darf; oder der tolle Titelsong „No Sleep“, der mit interessanten Keyboard- und Rhythmus-Spuren einen der zahlreichen Höhepunkte ausmacht. Auf der Bühne lassen Triband sicher die Kuh fliegen!

 

The Superimposers: The Superimposers (Stereo Deluxe/edel)

„Wir sorgen für mehr Romantik in der Welt - echte Romantik!“ Zwei Blumenkindern gleich tollen Dan Warden und Miles Copeland alias The Superimposers durch ihr gleichnamiges Debütalbum. Es ist erstaunlich, wie natürlich und unbeschwert die beiden Produzenten aus den englischen Midlands ihren psychedelischen Easy Listening-Sound perfektionieren konnten, ohne in der betreffenden Ära der späten 60er gelebt zu haben. Unterfüttert sind die Gitarren, das Vibraphon und das Klavier mit beatlesken Vokalharmonien von Warden, signifikant sowohl in den Arrangements als auch den Melodien. Alles plätschert unaufdringlich und entspannend dahin, als stünde die Zeit still. „Chasing The Tide“ und „Trust Me“ sind derart nebulös verschwommen, dass es dem Hörer schwer fällt, die dynamische Spannung zu halten. Doch zwei andere Songs stechen hervor: „Would It Be Impossible“ (bereits der Opener auf der jüngsten Jazzanova-Compilation „Secret Love”) sowie der wunderschöne Groover „Seeing Is Believing“. Besonders diese beiden Pop-Kleinode machen Lust auf mehr Zukünftiges aus zeitlos Vergangenem.

 

Nylon: Die Liebe kommt (Boutique/Universal)

„Auf die Dauer, lieber Schatz, ist mein Herz kein Ankerplatz“ - ganz im Stile der Comedian Harmonists gehen Nylon auf ihrem zweiten Album der Liebe der Matrosen nach. Kapitän Lisa Bassenge kann sich der Verehrung ihrer getreuen Mannschaft (Paul Kleber, Hagen Demmin, Arnold Kasar und DJ Stefan Rogall) jedoch sicher sein: Dank des samtenen und zugleich druckvollen Gesangs gewinnt der Crossover aus elektronischen Sounds, Chanson-Anleihen und Pop-Appeal deutlich an Ausdruck. Alles erklingt vereint in einem Bandkontext, denn das Berliner Quintett spielt auf den Punkt zusammen - verständlich, wo doch bis auf Kasar alle Mitglieder bereits durch Micatone jahrelange Erfahrung miteinander teilen und die Winter-Tour weitere Schweißnähte setzte. Hauptsächlich Eigenkompositionen sind es, deren Küsse nach Salz und der weiten Welt schmecken, auch und besonders bei „Wannsee Ahoi“.
„Unter den Sternen“ thematisiert Abschied, Sehnsucht und Wiedersehensfreude. Viele weise Lebenserkenntnisse mit Augenzwinkern, angenehm frei von Pathos, musikalisch kongenial umgesetzt.

 

Mei Tei Sho: Lo Ba
High Tone: Wave Digger
(beide Jarring Effects/Pias)

Im Japanischen beschreibt Mei Tei Sho den tranceähnlichen Zustand durch exzessiven Gärungsprozess von Reis im Körper - ein Prozess mit toxischen Auswirkungen, die bis zu einem milden Rauschzustand führen können. Auch die Musik des gleichnamigen Quintetts aus Lyon lebt von der Gratwanderung, sehr vielfältig Afro-Beat, Jazz, HipHop und Dub im Freistil zu kombinieren. Jeder Song ist eine neue Welt, umspannt einen neuen Soundkosmos. Sänger Jean Gomis skandiert teilweise recht aggressiv die sozialkritischen Texte, mal in Englisch, mal in Mandjak oder Wolof aus seiner senegalesischen Heimat. Schlagzeug und Bass schaffen das Fundament, auf dem sich sphärische Gitarrentexturen (Kostia Delaunay), Loops aus der Maschine und ein kantiges Saxofon (Jacques Ponthus) ausbreiten können.
„Lo Ba“ ist berauschende Weltmusik mit einem schier unersättlichen Ideenfundus!
Ebenfalls aus der ostfranzösischen Großstadt kommen die fünf Jungs von High Tone, die auf „Wave Digger“ 70’s Dub im Stile von King Tubby und Lee Perry, elektronische Musik und orientalische Klangelemente vereinen. Der Song „On The Roof“ steht mit kräftig flirrenden Delay-Schleifen beispielhaft für dieses brodelnde Gemisch. Zwar bilden auch hier organische Instrumente das Songwriting-Gerüst, doch die Arrangements zielen wesentlich mehr in Richtung Club als bei Mei Tei Sho. Exotische Sprach-Samples begünstigen die clusterhafte Atmosphäre, während rasante Jungle-Beats bei „9 Bass Channels“ oder „Hangar 94/05“ ein energetisches Feuerwerk versprühen.

 

Diverse: Lounge Couture (SonyBMG)

Über Name und Verkaufspolitik, Gehalt und Verwendungszweck von Lounge-Compilations ist schon genug geschrieben, spekuliert und gelästert worden. Kümmern wir uns ausschließlich um die Sache an sich, also die Musik und Künstler. Kurz die schnöden Fakten: „Lounge Couture“, zwei CDs, 28 Songs, 15 davon als Remix. Micatone erfüllen mit „You’ve Taken All“ sämtliche Anforderungen aufs Beste, indem sie nicht vom Lounge-Sessel hochschrecken lassen, aber auch sofortiges Eindösen verhindern. Handgemachte Produktion, tolle Stimme…so chillt es sich bequem. Überdurchschnittliches auf der ersten Scheibe kommt auch von Tosca, Minus 8, Boozoo Bajou und Jazzanova feat. Vikter Duplaix. Mit insgesamt mehr Tempo geht es durch CD 2. Aus Sandboy’s „Viver“ machen Butti 49 eine Re-Fusion, „The In Samba“ von Nicola Conte erklingt im Kyoto Jazz Remix und auch „Universal Love“ des Trüby Trios wurde einer Neubearbeitung unterzogen. Die Compost-Acts Ben Mono und Wei-Chi wissen ohnehin, wie geschmackvoll abgehangene Clubmusik produziert wird. Wenn schon Lounge, dann mit so einer Beschallung.

 

King Britt: Sister Gertrude Morgan (Rykodisc/Rough Trade)

Ein Album hat Sister Gertrude Morgan aufgenommen, in den Sechzigern. Nur ihr Gesang in Begleitung eines Tamburins. Die Aufnahmen verschwanden in den Archiven und wurden 2003 wieder ausgegraben. Als nächsten Schritt beauftragte die Plattenfirma Rykodisc, mittlerweile Inhaber der Albumrechte, Produzent und DJ King Britt aus Philadelphia, den Songs neues Leben einzuhauchen. Er rekrutierte eine Backing Band, die den Black Gospel-Sound des Originals aufgreifen und ins Hier und Jetzt transportieren sollte. Eine Herausforderung, die King Britt größtenteils feinsinnig umsetzte. So erstrahlen die geistigen Ergüsse aus New Orleans in neuem Glanz, dezent aufgemotzt mit Funk- und Soul-Elementen, mit Bläsern, Streichern und Beats. Aus „Precious Lord Lead Me On“ entstand ein folkiger HipHop-Track, während besonders bei „Let’s Make A Record“ die perkussiven Beats perfekt in den repetitiven Gesang greifen. Morgan, die 1980 verstarb, hätte der Frischzellen-Kur ihrer Songs sicherlich ein freudiges „Hallelujah“ zugerufen.

 

Keepintime: A Live Recording (Ninja Tune/Rough Trade)

Ein Tributzollen der besonderen Art schuf Fotograf und Filmemacher Brian Cross mit dem Projekt Keepintime. Er führte die drei in Los Angeles ansässigen Schlagzeuger Earl Palmer, Paul Humphrey und James Gadson zusammen, die mit ihrem Spiel großen Einfluss auf die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts und vor allem die gesamte HipHop-Bewegung hatten. Aber nicht nur das: Durch die Begegnung mit verschiedensten Produzenten und DJs kommt es zu einem Brückenschlag der Rhythmuskulturen, zu einem Verschmelzen im Zeichen des Groove: Zum einen durch die DVD-Dokumentation „Talking Drum And Whispering Vinyl” (Roy Porter gewidmet, der während der Planungsphase verstarb), die eindrucksvoll untermauert, wie ungezwungen und selbstverständlich der Beat Ausdruck von Körperlichkeit und Ideenreichtum ist, beispielsweise im faszinierenden Frage-Antwort-Spiel von Turntables und Schlagzeug zwischen Cut Chemist und Humphrey; zum anderen durch die Live-Show vom 29. Dezember 2002 aus dem El Rey Theatre in Los Angeles mit allen Beteiligten plus Madlib und NuMark (Jurassic 5). Auf der beiliegenden CD bearbeiten schließlich namhafte Beatbastler die Mastertracks dieses Konzertmitschnitts. Dabei stechen besonders DJ Shadow („Roy’s Theme”), Quantic Soul Orchestra alias Will Holland oder J Rocc hervor. Outstanding!

 

Kate McGarry: Mercy Streets (Palmetto/Alive)

Den Studienabschluss in African American Music und Jazz hat sie in der Tasche. Doch eine ihrer besonderen Stärken trägt die Sängerin Kate McGarry wohl schon immer in sich: Songs eine persönliche, heimelige Stimmung anhaften zu lassen. Nach dem Debüt „Show Me“ auf Palmetto zeigt sich McGarry auch auf „Mercy Streets“ als Transporteurin von Gefühlen, verpackt in jazzige Popsongs. In eklektischer Herangehensweise drückt sie so verschiedenen Songgruppen ihren Stempel auf: Standards wie „Whatever Lola Wants, Lola Gets” belebt sie mit Flamenco-Appeal, die Gershwin-Komposition „But Not For Me” mit Scat-Gesang. Neuinterpretationen kommen von Björk’s „Joga (State of Emergency)”, Peter Gabriel’s „Mercy Street” oder „Chelsea Morning“ von Joni Mitchell. Hier behält sie das poetische Wortspiel des Originals bei, thematisiert darüber hinaus jedoch noch ein stärker rhythmisch geprägtes Musikverständnis. Auch in den komplett durcharrangierten Eigenkompositionen sorgen Akustikgitarre (Keith Ganz), Kontrabass (Sean Smith) und dezentes Schlagzeug (Kenny Wollesen) für ruhiges, wenn auch nicht sonderlich spannendes Songwriting.

 

Jazzkantine: 10 Jahre Live: Das Jubiläumskonzert - DVD (Black Hill/Warner)

Eigentlich sollte die Jazzkantine nur vorübergehend geöffnet sein, als temporärer Zeitvertreib für scheuklappenfreie Musiker. Doch Mitte der 90er Jahre zündete die Fusion von deutschsprachigem HipHop und Groove Jazz derart, dass mittlerweile bereits das zehnjährige Jubiläum mit einer DVD gefeiert werden kann. Klar, der siebzigminütige Konzertmitschnitt
kommt aus der Heimatstadt Braunschweig, vor begeisterten Fans, die jede Zeile von „55555“, „Respekt“ und „Es ist Jazz“ mitsingen können. Inklusive der alten Hits, langjährigen Weggefährten (Pat Appleton, Nils Wogram, Aleksey) und jeder Menge Nostalgie. Cappuccino und Tachiles übernehmen sowohl die Rolle der Rapper als auch der Entertainer, die um kein Wort verlegen sind. Über Songtexte wie bei „Krankenhaus“ mag man heutzutage lächeln, doch brillant dagegen ist das Saxofonduell von Pee Wee Ellis und George Bishop in der „Take Five“-Interpretation. Auch sonst heißt das Motto: „Geht ab“. Mit Biographie, Bandchronik und teilweise entblößenden Backstage-Aufnahmen macht das Bonus-Material zudem seinem Namen alle Ehre. Glückwunsch, Jazzkantine!

 

Diverse: Blue Notes - The Finest Voices In Jazz (SonyBMG)

Fünf Jahrzehnte des Jazzgesangs bündelt die Doppel-CD „Blue Notes - The Finest Voices In Jazz“. Dabei beschränkt sich die Auswahl der Künstler trotz des aktuellen Trends nicht ausschließlich auf Sängerinnen, sondern versucht, ein Gleichgewicht der Geschlechter herzustellen. Aber keine Sorge: Norah Jones ist dabei, gleich als Opener mit Joel Harrison beim „Tennessee Waltz“. Eine Chronologie innerhalb der Compilation gibt es nicht - stattdessen stehen ehrwürdige Klassiker einträchtig neben Songs jüngeren Datums. Etliche Jahresringe können Tony Bennett mit der Jobim-Komposition „Quiet Night Of Quiet Stars” von 1962, Aretha Franklin mit Bacharach’s „Walk On By“ oder „Be Thankful For What You Got“ von William De Vaughn aus dem Jahr ’74 für sich beanspruchen. Jedoch ohne Ansatz von Patina, der allmählich „Agua De Beber“ (Gilberto & Jobim) überzieht. Erwähnenswerte Neueinspielungen haben Paul Carrack (mit einer der zahllosen Versionen von „Sunny”) und Nils Landgren (mit Stings „Fragile“) vorgenommen. Erfrischend: Lisa Ekdahls „Rivers Of Love“, Ausreißer nach unten: Brenda Russell und ihr „Piano In The Dark”.

 

Ensemble Du Verre: Sing Me Something (Fante/SPV)

Nach bisher ausschließlich instrumentalen Veröffentlichungen geht Sönke Düwer, der Kopf hinter Ensemble Du Verre, nun einen neuen Weg: die menschliche Stimme als musikalische Herausforderung. In dem gleichen Maße, wie ansonsten die Instrumente in Bastelarbeit am Computer durch Verschiebung und Verfremdung eine Neuordnung erfuhren, geschah es diesmal mit dem Gesang der Studiogäste. Ein freundliches „Sing me something!“ zur Begrüßung - anschließend jedoch sezierte Düwer die Aufnahmen von Sidsel Endresen, Torun Eriksen, Ursula Rucker, Michael Schiefer oder Britta-Ann Flechsenhar (Flexkögel), legte Partikel frei und erzielte somit ein Konglomerat aus entrückten und transzendenten Sounds. Als Schlagzeuger von Groove Galaxi könnte er die Beats in den Vordergrund stellen, da qualitativ gewohnt hochwertig, doch sie wurden gegenüber den Stimmen dezent in die zweite Reihe gerückt. An der Schwelle zwischen akustischen und elektronischen Klangelementen sorgen Bassist Daniel Cordes und Trompeter Claas Überschär (mit eingängigem Thema bei „Faute De Mieux“) für analogen Halt. Der Abschluss „Annalizer“ im Remix von Bugge Wesseltoft bringt schließlich einen stilistisch Gleichgesinnten ins Spiel.

 

Diverse: Brazilution, Edicao 5.3 (Ministry of Sound/edel)

Wie beim Ying und Yang des Lebens wird auch die „Brazilution“-Compilation durch zwei sich ergänzende Sichtweisen verkörpert: die Sol Side und die Luna Side, zusammengestellt und gemixt vom Mainzer Produzenten und DJ Ian Pooley. Auf ersten CD kommt - wie sollte es anders sein - verstärkt der Soundtrack des Tages zur Geltung. Südamerikanische Rhythmen, von analoger Natur und der musikalischen Sonnenseite: Klassiker wie Jorge Ben und „Take It Easy My Brother Charles“ stehen einträchtig bei modernen Vertretern wie Troubleman feat. Nina Miranda bei „Paz” oder Nouvelle Vague’s „In A Manner Of Speaking“. Daneben haben aber auch einige Exoten wie Tim Hutton’s „Been A Fool” oder Yello mit „Distant Solution“ ihren Platz auf der ungemixten Scheibe bekommen. Die CD von der Mondseite vertont die nächtlichen Aktivitäten in einer imaginären Strand-Bar. Pooley bringt sich hier mit zwei eigenen Beiträgen - „Por Do Sol” und „Bony Batucada” von seiner aktuellen Platte „Souvenirs“ - ein und mischt alles zu einem stimmigen, aber keineswegs überraschenden Set. Die leichtfüßigen Latin House-Beats pulsieren unter den Sohlen der Tanzenden, Los Ladrones säuseln mit „Go Bianco“ durch die flirrende Luft bis zum Höhepunkt, „Valldemossa“ von Richard Dorfmeisters Projekt Madrid de los Austrias.

 

Diverse: Brazilectro - Session 7 (Audiopharm/SPV)

Das Cover von „Brazilectro - Session 7” steht sinnbildlich für den Inhalt der Doppel-CD: Monumental thront das Metropolitan Museum of Modern Art vor der Zuckerhut-Kulisse von Rio de Janeiro, wodurch der Bogen gespannt wird vom futuristischen Niemeyer-Design hin zu einfachen Behausungen, von elektronischen Klängen des 21. Jahrhunderts zurück zu den Anfängen des Bossa Nova in den späten 50ern. Brazilectro ist Brazilectro ist Brazilectro - und das verspricht auch in der siebten Ausgabe eine geschmackvolle Balance zwischen Jazz-Grooves, Electro-Beats und Latin-Vibes. Elia Kazans Jazz-Klassiker „Feeling Good“ wird von Will Hollands elfköpfigem Quantic Soul Orchestra behutsam modernisiert, ebenso „Yellow Daisies“ von Fertile Ground in der Bearbeitung von Nicola Conte. Die Kollaboration von Dee Dee Bridgewater mit dem italienischen Produzenten-Duo Gabin drängt auf die Tanzfläche, während der exklusive Beitrag „Voar“ von Attic Tree elegant die Hüften wackeln lässt. CD 2 vereint mit Azymuth und Katia B zwei Generationen brasilianischer Musikgeschichte: Pioniere des Bossa Nova und eine junge, neue Stimme von Rio, vor denen Mark Pritchard beziehungsweise Mo’Horizons durch ihre Remixe den Hut ziehen.

 

Diverse: Bar Lounge Classics - Oriental Edition (SonyBMG)

Die Welt ist ein Dorf, und auf dem Marktplatz ertönen fremde Klänge jeglicher Couleur. Die Bar Lounge Classics-Reihe begibt sich daher in der aktuellen Ausgabe in Richtung Orient. Prädestiniert für die Aufgabe der Zusammenstellung scheint Mykel Angel zu sein, der aus Indien stammt, in Deutschland lebt und als Resident-DJ die SunSea-Bar auf Ibiza beschallt. Angel führt die musikalischen Eigenheiten der Kontinente zusammen, indem er mit fernöstlichen Instrumenten oder Rhythmen anreicherte Clubtracks auswählte: perkussive Elemente der Tabla-Trommel, Sitar-Klänge und der melismatische Gesang. Trotz aller ambienten Flächen und hypnotischen Beats entsteht dadurch ein typisch-orientalisches Moment. Der Großteil der 30 Songs eignet sich eher fürs Sofa als für die Tanzfläche, bündelt jedoch viele namhafte okzidentale Musiker und Produzenten, die sich mit asiatischen Federn schmücken (Thievery Corporation, Mo`Horizons, Tosca). Der Bollywood-Fraktion wird vertreten durch Don Shiva, Natacha Atlas oder Nitin Sawhney.

 

DJ Spooky vs. Dave Lombardo: Drums Of Death (Thirsty Ear/Rough Trade)


Erinnert sich noch jemand? Zu Beginn der Neunziger kam es zum Brückenschlag zwischen HipHop und Metal, fanden Bands wie Body Count oder der Soundtrack zu „Judgment Night” viele Anhänger, besonders unter Jugendlichen auf Konfrontationskurs. Die Heavy Metal-Band Slayer spielte auf dem Crossover-Meilenstein gemeinsam mit Rapper Ice-T - zwölf Jahre später trifft deren Schlagzeuger Dave Lombardo auf den Electro/HipHop-Produzenten DJ Spooky. Lombardo, der auch beim Projekt Fant?mas mit Mike Patton seine progressive Natur zeigt, untermauert auf Albumlänge seine technischen Fähigkeiten und den martialischen Titel „Drums Of Death”: absolute Präzision in wahnwitziger Geschwindigkeit, instrumentale Urgewalt und bei „Terrus Nullius” sein Markenzeichen, die erbarmungslose Double-Bass-Attacke. DJ Spooky legt Samples und Scratches darüber, unterstützt von der illustren Gästeliste: Public Enemy-Frontmann Chuck D kommt bei drei Tracks zum Einsatz, ebenso Vernon Reid (Living Colour) an der Gitarre. Eine Mischung aus Respektzollen, Nostalgie und Kopfschütteln.

 

George Duke: Duke (Dome/Rough Trade)

Lange Zeit bewegte sich der Jazz/Funk-Pianist George Duke in erster Linie hinter den Kulissen und produzierte Erfolgsalben der Kollegen, beispielsweise „The Calling“ von Dianne Reeves. Unter seinem Namen gibt es jedoch erst seit „Face The Music“ wieder hörbares. Den smoothen Funksound behält der Altmeister auch auf „Duke“ bei, wie gewohnt dominiert vom perlenden Klavier oder knackigen Fender Rhodes. Zu glatt geraten die herzerweichende Ballade „No One“ mit dem Gesang von Rachelle Ferrell und die Überarbeitung von Stevie Wonder’s „Superwoman“. Doch Duke kann noch anders: An vergangene Clarke/Duke-Tage erinnert am ehesten „Hybrid“, bei dem sich die Gastmusiker frei entfalten können. Mit „Sausalito“ schrieb Duke eine Hommage an brasilianische Musik und die Region nördlich von San Francisco, in der Duke aufwuchs. Der„T-Jam“ nimmt Fahrt auf und bringt instrumentale Abwechslung durch die schöne Querflöte von Hubert Laws. Ein solides Duke-Werk.

 

Hacienda: Skip And His Elephant (Ministry Of Sound/edel)

„Wir haben bei unseren Live-Gigs gespürt, dass unsere Fans es lieben, wenn wir richtig abgehen. Und genau das tun wir mit unserem Album.“ Jürgen Kadel und Marcus Finger alias Hacienda haben anscheinend genug von Latin-Lounge und Wohlfühllotion. Auf ihrem fünften Langspieler „Skip And His Elephant“ geht es stattdessen mit Vollgas in die Welt der digitalen Emotionen und raueren Clubnächte. Die Abkehr erfolgte nicht strikt, wie „Sempre Em Moviemento“ beweist, doch mit dem Electro-Pop von „Skip’s Friend Elephant” oder den Dub-Elementen von „Crazy Jason Kills My Song“ wirbeln sie den sonst so geordneten Haushalt der Hacienda-Ranch kräftig durcheinander. Da stört nicht einmal das plumpe Daft Punk-Plagiat „Makin’ Luv“ mit absolut sinnfreiem Text. Als Mikrogäste ließen sich Eva Padberg - genau, das Model -, MC Ronin und Caitlin Devlin (ansonsten bei Elektrochemie LK) von der neuen Experimentierfreude anstecken. Keinesfalls sperrig, sondern durchgehend tanzbar!

 

Moodorama: Mystery In A Cup Of Tea (Audiopharm/SPV)

Kaum ein Projekt landete so oft auf den einschlägigen Lounge-Compilations („Café del Mar“, „Brazilectro“) wie das Regensburger Projekt Moodorama. Auszeichnung auf der einen, Spiegelbild ihres Sounds auf der anderen Seite: Auch „Mystery In A Cup Of Tea“ ist derart gefällig produziert, dass es knapp an Funktionsmusik entlang schrammt. Martin Senneborgen und Mario Malzer, die Köpfe hinter Moodorama, stützen ihren Stilmix auf die Pfeiler Latin, Breakbeat, Dub, Reggae und Jazz, so dass der Hörer gleichermaßen abhängen oder tanzen kann. Nach bislang drei Veröffentlichungen - „Basement Music” (1998), Music For Collapsing People” (2000) und “Listen“ (2003) - verfeinert sich die Melange immer weiter. Kein buntes Patchwork, sondern raffiniert ausgeklügelte Erweiterungen. Kerstin Huber bereichert mit ihrer weichen, zurückhaltenden Stimme Songs wie „Southward Delight“, während „The Bushoong“ die obligatorische Bossa-Quote erfüllt. Ein beispielhaftes Sommeralbum: lieblich, verspielt, sorgenfrei.

Jazz thing-Review #59 auf Amazon.de

 

Diverse: Puppet Jazz (Sonorama/Groove Attack)

Mit „Puppet Jazz“ startet das Sonorama-Label eine neue Compilation-Reihe, deren Ziel es ist, raren Funk & Soul-Instrumentals aus deutschen Landen ein würdiges Podium zu bieten – über 30 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung. Längst vergessen geglaubte Archivschätze kommen dabei zum Vorschein, die meist nur für kommerzielle Einsätze im Radio, TV oder in der Werbung aufgenommen wurden. Denn während sich die großen Plattenfirmen und Presseorgane auf neue Namen aus Amerika stürzten, etablierte sich im Westdeutschland der Spätsechziger und Anfangsiebziger eine beachtliche Szene von Jazzmusikern. Die 14 Songs wechseln zwischen Dancefloor Jazz, Easy Listening und psychedelischem Funk mit dem typischen Instrumentarium der damaligen Zeit: Wah Wah-Gitarre, Moog-Synthie, Hammond-Orgel oder quietschfidele Bläser. Immer inklusive: der authentische Retro-Charme. Neben den Beiträgen von Ambros Seelos oder Ady Zehnpfennig gefällt vor allem Klaus Weiss’ „Don’t Play That Game 1“. Lasst die Puppen tanzen!

 

Diverse: Soulsearching – The Compost Radio Show Vol. 1 (Compost/Groove Attack)

Fight fire with fire! Das beste Mittel gegen Radioverdruss ist eine Radiosendung namens Soulsearching. Jazz thing-Autor Michael Rütten, nebenbei noch DJ und Remixer, macht wöchentlich seinem Produzentenname Soulpatrol alle Ehre, indem er zahllose Fundstücke seelenvoller Musik erspäht, vorstellt und dabei weit über Soul hinausgeht. Rütten selbst nennt das Konglomerat aus House, Broken Beats, Funk, Downtempo und Offbeat Grooves schlicht Freestyle. So auch auf der ersten „Compost Radio Show“-CD, die eines seiner Sets perfekt widerspiegelt: topaktuelle oder unveröffentlichte Ware, die aber gleichzeitig eine enorme Halbwertszeit aufweist. Bestes Beispiel ist das fast neunminütige „Into The Sun“ (Sleep Walker feat. Bémbé Ségué) mit Stil, Eleganz und Lebensfreude. Auch sperrigere Songs (Build An Ark’s „You’ve Gotta Have Freedom“ im 2 Bank Of 4 Remix) bindet Rütten mit ein, doch das hat Methode. Die Entdeckungsreise bleibt dadurch immer spannend, immer erfüllend. Pflichtkauf für Radioprogrammgestalter und Internetuser, die keine schnelle Verbindung haben!

 

The Free Association: Code 46 - O.S.T. (Commotion/Ryko/Rough Trade)

Michael Winterbottom, Regisseur des Sci-Fi-Thrillers „Code 46“ (2003), zeichnet ein düsteres Zukunftsbild über die Verlorenheit in einer von automatisierten Kontrollmechanismen regulierten Welt. Aber er lässt sich eine Hintertür offen, durch die er menschliche Wärme und Liebe in die neue, sterile Welt schmuggelt. Genau so verhält es sich auch mit dem Film-Score von David Holmes und Steve Hilton: Als The Free Association
setzen die beiden erneut die emotionale Kraft von Bildern kongenial in Töne um. Zwischen Ambient und dem Sound von Sigur Rós entwickeln die schwer tropfenden Klavierakkorde, Streicher-Tremoli, Gitarren-Feedbacks und spärlichen Beats eine ambivalente Stimmung: einerseits düster und unnahbar, andererseits mit wärmenden Melodien und Geborgenheit. Songs wie in Zeitlupe, mit breitwandiger, kontemplativer Atmosphäre. Im Zusammenspiel mit dem Film wirkt der Score sicher noch intensiver, doch auch so packt er den Hörer.

 

The Herbaliser: Take London (Ninja Tune/Rough Trade)

Jake Wherry und Ollie Teeba, Hauptfiguren bei The Herbaliser auf dem geschmackssicheren Ninja Tune-Label, stehen für zwei sich ergänzende Stilrichtungen: erdfarbenen UK-HipHop und eine locker-humorvolle Mischung aus Turntablism, Rare Grooves, Funk und Jazz. Nicht von ungefähr sind sie willkommene Gäste bei Jazz-Festivals wie Montreal oder Montreux. Denn für die meisten HipHop-Crews wäre es undenkbar, fette Bläser- und Streichersätze oder Xylophon („Song For Mary“) auf der Bühne und im Studio live spielen zu lassen. Nicht so beim Kräuter-Kollektiv aus dem Londoner Umland, das trotz der Vielschichtigkeit mit einer Geschlossenheit innerhalb der einzelnen Arrangements begeistert. Sowohl die instrumentalen Songs („8 Men Strong“), die teilweise an DJ Food erinnern, als auch die Beiträge der wiederkehrenden Gast-MCs Jean Grae (fantastisch: „Close Your Eyes“), Cappo und Label-Kollege Roots Manuva transportieren einen unglaublichen Flow. Eine Großtat von Album!

 

Xaver Fischer Trio: Visit From A Goddess (Content/edel)

Wunderbare Tastenmelodien, agile Beats, dezent pumpender Bass: Seit 1998 geht das nun schon so – und es gibt keinen Grund, warum es für das Xaver Fischer Trio nicht auch in dieser Form weitergehen sollte. Das Trio um den Düsseldorfer Pianisten und Songwriter als Namensgeber setzt seinen geschmackvollen Weg im leichtgängigen Clubsound fort. Elektronischer Jazz, der althergebrachte Strukturen aufgreift und entstaubt, angenehm unaufgeregt Seventies-Fusion ins Jetzt transformiert und mit einer tänzerischen Leichtigkeit versieht. Zusätzliche Elemente - Vocoder bei „Better Times“ oder Latin-Feeling mit „Tumbao“ - beleben die Stilsicherheit. Doch exemplarisch klingt der Titelsong „Visit From A Goddess“ auf dem vierten Album, wenn Xaver Fischer über der Keyboardfläche am Rhodes brilliert, Hannes Vesper tief tönt und Eric Harings am Schlagzeug schiebt, drängelt und ausbremst. Voller Leben, voller Wärme und über alle Maßen elegant.

Jazz thing-Review #58

 

13 & God: 13 & God (Alien Transistor/Hausmusik/Indigo)

13 & God steht für die Kollaboration von The Notwist (Acher-Brüder Markus und Micha sowie Martin „Console“ Gretschmann) und Themselves (Adam „Doseone“ Drucker, Jeffery „Jel“ Logan und Dax Pierson). Sechs Musiker, die sich zusammentaten, um aus dem Nichts etwas Großes entstehen zu lassen. Zwei Gedankenschulen, die bei einer gemeinsamen US-Tour aufeinander prallten, anschließend Ideen durch transatlantisches Ping-Pong austauschten und in knapp drei Wochen im oberbayrischen Weilheim das Debüt schufen. Grundprinzip: alles bisherige über den Haufen werfen und sich doch treu bleiben. Das Themselves-Trio vom amerikanischen Label Anticon, bekannt für abstrakten HipHop, behält bei „Soft Atlas“ und „Tin Strong“ die Oberhand, „If“ oder „Men On Station“ zeigt die warme Melancholie und kompositorische Tiefe der Notwist-Arrangements. „Superman On Ice“ führt als Cello-getragenen Höhepunkt schließlich beide Seiten gleichberechtigt zusammen. Ein erfüllendes Album.

 


Alex Gunia: Remakes (JazzSick Records/edel Contraire)

Zunächst sollte es nur ein Experiment sein, das sich allmählich verselbstständigte. Es reizte den Kölner Gitarristen Alex Gunia, einen anderen Blickwinkel seiner Songs kennen zu lernen. Also machten sich Produzenten wie Rob Acid oder Dr. Walker (Air Liquide) daran, die Tracks der Alben „9866“ und „Jazz Is Dead Since ´69“ zu sezieren und die Essenzen freizulegen. Wo die Originale - aufgenommen in illustrer Runde (Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvaer, Randy Brecker oder Matthias Vogt) - noch eine jazzige Ausrichtung erkennen ließen, bekommen die Remakes eine wesentlich elektronischere Grundtendenz. Mit Breakbeats und zischelnder Hihat, Gitarren-Feedbacks und Synthie-Flächen pendeln die Interpretationen zwischen Ambient und Tanzfläche. Während Andi Toma (Mouse On Mars) nach bewährter Art das Urmaterial von „Below Zero“ dekonstruierte, formte Motorcity Soul aus „Say Grace“ einen treibenden Clubmix.

Jazz thing-Review #58

 

 

Dynamoe: Coming Home (Content/edel)

Eine angenehme Überraschung kommt von dem dänischen Produzenten-Duo Dynamoe. Das, was Giovanni Campagna und Dennis Lee aus Kopenhagen auf ihrer zweiten Langspielplatte nach „Jump Start“ (2001) ins Spiel bringen, besticht durch feinste urbane Poesie und instrumentalen Laidback-Groove. Immer retrospektiv, aber nie dem derzeitigen Trend folgend oder aufgesetzt. „Mistress Of Spices“ - mit Liz Wilson am Mikro - steht stellvertretend für ihren unangestrengten, elektronischen Jazz. Das Titelstück „Comin’ Home“ bildet in zwei verschiedenen Versionen die Klammer des Albums: Als Opener noch ausdrucksstark von Gastsänger Adrian Wilding vertont, entlässt es den Hörer am Ende mit opulentem Streichersatz aus dem bedächtig dahinfließenden Soundstrom. Tastenmann Massimo Fiorentino besorgt an Hammond, Wurlitzer und Rhodes den akkordischen Unterbau, den Fabrizio Mandolini bei seinen unaufdringlichen Saxofoneinsätzen („Smooth Driver“) nutzt. Die sehr präsente und direkte Produktion unterstreicht den positiven Eindruck.


Diverse: Globalibre Vol.1 (Audiopharm/SPV)

Nach den erfolgreichen Compilations-Reihen „Brazilectro“, „Afrotronic“ und „Asia Lounge“ folgt beim Audiopharm-Label nun die alles umspannende Zusammenstellung von World Club Culture. Und so gibt der Opener „Worldwide“ vom ungarischen Pluto Project auch gleich die Ausrichtung an: Das hier ist ein ganz globales Ding! Sidestepper bringen mit „Mas Papaya“ Dancehall aus Uruguay/UK, Afro-Beats kommen von Unknown Cases („Masimbabele“ im Razoof’s Remix), während !DelaDap mit „Amaro Shavo“ das Latin-Feuer entfachen. Verträumten, russischen HipHop bietet der Cosmos Sound Club („Les Chrysanthèmes“) und noch weiter östlich ins Reich der Mitte geht es mit Chang Loo bei „All The Stars In The Sky“ (Ian Widgery Remix). Doch so heterogen die Auswahl auch klingen mag – die Sounds sind allesamt vertraut und Teil unserer europäischen Popkultur. Was aber „Sex Machine“ - interpretiert von Readymade aus Tokio - als Bonus-Track auf der CD zu suchen hat, soll mal einer erklären. Wirklich etwas deplaziert, trotz der internationalen Sprache der Liebe.

Jazz thing-Review #58

 

Jaga Jazzist: What We Must (Ninja Tune/Rough Trade)

Eine Klasse für sich, diese zehnköpfige Band aus Norwegen. Sie tragen den Jazz im Namen, und doch erscheint ihre Musik vollkommen durchstrukturiert. Er steht vielmehr für die Freiheit, mit Gitarren, Bläsern (besonders die durchdringenden Trompeten) und Klavier vielschichtige Song-Ungetüme entstehen zu lassen. Voller Dynamik, voller Leben! Darin liegt auch die Verknüpfung zu ihren Landsmännern von Motorpsycho, mit denen sie 2003 gemeinsam das „In The Fishtank“-Album aufnahmen. Im krassen Gegensatz zum unbeschwerten „For All You Happy People“ wuchern bei „Oslo Skyline“ oder „Swedenborgske Rom“ die Dutzenden von Spuren und türmen sich zu einer mächtigen „Wall of Sound“ auf. Ein Chor schichtet sich in fast neun Minuten zur vollen Breitseite, verdichtet das Arrangement und entlädt sich mit dramatischen Steigerungen. Durchschnittsware würde die Plattenfirma Ninja Tune ohnehin nicht durchgehen lassen – aber das hier ist außergewöhnlich!

 

Kammerflimmer Kollektief: Absencen (Staubgold/Indigo)

Der Schönheit des Geräuschhaften widmet sich das Kammerflimmer Kollektief, die
Gruppe von Musikern um den Karlsruher Multi-Instrumentalisten Thomas Weber. Im Kontrast von kopflastigen und zugänglichen sowie offenen und strukturierten Passagen entsteht ein Auf und Ab von Spannung: Anspannung, wenn die Störgeräusche nicht nur bis an die Grenze des Erträglichen, sondern auch darüber hinaus gehen („Shibboleth“). Sich allmählich auseinander schälende Muster münden dann in bewusster Kakophonie und fordern den Hörer. Entspannung folgt, wenn sich die schwebenden, hymnischen Klangminiaturen lichten und die ganze virtuose Kraft freilegen. Über allem stehen Absencen, die Abwesenheit von Geist. Oder von Greifbarem. Tieftraurige Legato-Streicher erweitern die ohnehin vielschichtigen Sounds inmitten raumgreifender Improvisationen, fördern den repetierenden Charakter im Songfundament. Der musikalische Ansatz des Kammerflimmer Kollektiefs ist ähnlich wie beim Tied & Tickled Trio, wenn die Frage „Ist das Jazz?“ nicht mit einem Ja oder Nein beantworten werden kann.

Jazz thing-Review #58


Kosma: New Aspects (INFRACom/Sony)

In 80 Minuten um die Welt? Für Kosma aka Roskow Kretschmann kein Problem. Der Berliner HipHop-Produzent, als ein Mitglied bei Jazzanova erprobt im Bündeln von weltweiten Jazz-Samples und anderen Kuriositäten, schickt den Hörer auf einen fulminanten Musik-Trip. Genug Material für den Nachfolger von „Universal“ sollte er jedenfalls gesammelt haben - liegt sein Debüt doch schon acht Jahre zurück. Die Reise beginnt mit „Kioku Kouka“ in Fernost: japanische Introvertiertheit, Percussion und weiche Klangflächen. „Odessa“ im Anschluss offenbart orchestrale Fülle, „Flow“ die sanfte Melodieseligkeit von Air. Über „Small Swinging Istanbul“ mit orientalischem Einschlag zieht das Tempo an und steuert schnurstracks in Clubs der Spree-Metropole; „Heliocentric“, entstanden in Kooperation mit Jazzanova-Kollege Alexander Barck, sowie ein achtminütiger Soundtrack aus der „Effatholar City“ sprengen die Dynamikkurve. Schwerelos, mannigfaltig, erfüllend.

 

Malente: Rip It Up (Unique/Groove Attack)

Vielleicht ist es die Textaussage im neuen Song „Dancefloor Whore“, die Christoph Göttsch alias Malente so beliebt macht – bei Gästen seiner DJ-Sets ebenso wie bei Kollegen: „I act, play, shine and freak for the people on the dancefloor“. Es spiegelt die absolute Hingabe wider, mit der Göttsch seine Wochenendaktivität lebt. Ohne Sicherheitsnetz oder Bremsschirm, zwischen debil grinsenden Breakbeats, Future Funk und Ragga-Elementen. Befreundete Produzenten und DJs schlitzten für das Remix-Album „Rit It Up“ Material vom Vorgänger „No Risk No Funk“ auf und machten daraus zwei Hände voll Neubearbeitungen. Acht davon wurden exklusiv für diese Zusammenstellung erstellt, plus drei Pfund frischem Partymett aus Malentes Münsteraner Houseschlachterei. Die Qualität der Remixe ist nicht durchgehend hoch, wenn etwas uninspiriert eine Idee überstrapaziert wird oder die Soundwahl misslang. Aber Dr. Rubberfunk, All Good Funk Alliance („The Law Is Wrong“ im pumpenden Funk), Boca 45, The Strike Boys oder Dublex Inc. wissen genau, was zu tun ist.

 

Mo’Horizons: Some More Horizons (Stereo Deluxe/edel)

Der Untertitel bringt es auf den Punkt: „Roots, Inspirations and Remixes by Mo’Horizons“. Mit 19 Beispielen klärt die Compilation darüber auf, an welchen Quellen sich Mark „Foh“ Wetzler und Ralf Droesemeyer bei ihrer Identitätssuche orientierten, was ihre charakteristischen Merkmale heute ausmacht und wohin es dank der Interpretationen von Kollegen zukünftig führen kann. Dementsprechend vielfältig gestaltet sich „Some More Horizons“: von Gilberto Gil und dem Bossa „Chiclete Com Banana“ über Howard Tate’s Soul-Hit „Stop“ bis hin zum Easy Listening von Caterina Valente bei „Die Sprache des Regens“; alles seit über 30 Jahren rotierend und – besonders in diesem Kontext – noch absolut frisch. Die Verbindung zu Mo’Horizons-Songs ist fließend und legt stilsichere Neuentdeckungen (Soul Surfer Rmx von „Quando Te Veo“) frei. Gleichgesinnte Projekte wie La Taverne Du Lac („Magic Single Barrel“) werden in den Händen der Hannoveraner nicht zu Füllern, sondern eröffnen einige weitere Horizonte.

 

Rebekka Bakken: Is That You? (Boutique/Universal)


„Ich forciere nichts, lasse es einfach geschehen. Die Dinge kommen zu mir, und ich singe sie.“ So einfach geht das, wenn man eine begnadete Sängerin wie Rebekka Bakken ist. Die 34-jährige, mittlerweile in Wien lebende Norwegerin, verfolgt weiter die Singer/Songwriter-Tradition mit hohem Pop-Anteil. Nach dem Erfolgsalbum „The Art Of How To Fall“ schrieb sie alle elf Songs von „Is That You?“ selbst. Auch die Texte stammen aus ihrer Feder, in denen sie Liebe, Leid und Beziehungskonflikte besingt; fragil, melancholisch und trotzdem voller Würde („Even If You Buy Me Thousand Cars“). In den Höhen gleicht ihr Timbre dem von Céline Dion („Didn’t I“), ist also Geschmackssache. Aber dank ihrer Wandlungsfähigkeit beherrscht Bakken sämtliche Schattierungen und somit bei „Why Do All The Good Guys Get The Dragons?“ auch die kecke - in Anführungsstrichen - Rockröhre. Studio-Gitarrist Eivind Aarset unterstreicht die balladeske Grundstimmung mit elegischem Streicheln der Akustiksaiten.

Jazz thing-Review #58

 

Rivera Rotation: Sunrise & Rainbow (Lounge Records/SiB Distr.)

„Sunrise & Rainbow“ stimmt mit Vorfreude auf die kommende Sommersaison ein. Das Meeresrauschen im Intro gibt den gewünschten Ort vor, es riecht nach After Sun-Lotion und ein warmer Abendwind streicht um die leichten Kleider der Tanzenden. Produzent und Remixer Pete Rivera, der als musikalischer Direktor des Hamburger Lounge-Clubs auch für die Zusammenstellung der „For Adults Only“- und „Music For Modern Living“-Reihe verantwortlich ist, lässt als Rivera Rotation deutlich seine Handschrift erkennen: ein vor Hedonismus strotzender Sound, der musikalisch nicht allzu sehr in die Tiefe geht und beinahe einen funktionalen Charakter aufweist. Mit kontrollierter Offensive verbindet er locker geschnürte House-Beats und weiblichen Gesang. Unaufdringlich, atmosphärisch und stimmig. Perlende Pianoklänge bereichern „Weledi“, die mediterran anmutende Akustikgitarre „Can You Feel It“, während die lebensbejahende Refrain-Melodie von „On The Beach“ durch die Nacht führt. Am Strand, selbstredend.

 

The Porter Project: The Porter Project (edel)

Vor kurzem lief der Kinofilm „De-Lovely - Die Cole Porter Story“ an. Eine Lebensgeschichte über den Musical-Komponisten und Genius der American Popular Music, von der Kritik als Nummernrevue abgetan. Über The Porter Project gibt es nicht viel Besseres zu berichten: Arrangeur Billy Paul Williams trimmte den Schöpfer von „Night and day“ aufs 21. Jahrhundert und lässt lediglich ein krampfhaftes Bemühen um Originalität erkennen. Womöglich meinen er und seine Kollegen es gut mit ihrer Hommage an Porter, aber das Resultat klingt wie ein schwacher Aufguss von ehrwürdigen Song-Klassikern. „Love For Sale“ beispielsweise verkommt als Lounge-Beschallung mit weichen Synthie-Streichern und dem artifiziell gehauchten Timbre von Charlotte McKinnon. „Gigolo“ oder die gedämpfte Trompete bei „Blow, Gabriel Blow“ versuchen, das Grauen beim Hörer in Grenzen zu halten - doch die Standard-Beats aus der Konserve und orientalischen Zutaten von „How could we be wrong“ oder die lieblose Version von „Night and day“ bestätigen den unerfreulichen Eindruck.


Troubleman: The First Phase (Far Out/Soulfood)

Mark Pritchard fühlt sich anscheinend in allen Genres zwischen Reggae, Easy Listening und Detroit Techno wohl - gemessen an der Stilsicherheit seiner Tracks, die oftmals sogar eher Songs als Tracks sind. Das Vorgängeralbum „Time Out Of Mind“ brachte ihm unter dem Pseudonym Troubleman euphorische Kritiken und Fans wie Gilles Peterson ein, so dass nun Kompositionen und Produktionen aus Pritchards Frühphase ausgegraben wurden. Zusätzlich zu vier neuen Tracks sowie drei Remixen zeigen sie die Entwicklungen auf, bei denen der Brite stets ästhetische und geschmackvolle Soundgefilde elektronischer Musik durchlief. Der Soul-Funk beispielsweise von „Intergalactic You, Intergalactic Me“ oder „The Otherness“ mit weich rollenden Beats bringt ansteckenden Tanzspaß und sorgsam ausgemalte Stimmungsbilder. „The First Phase“ entspricht zwar keinem kompletten Studioalbum, doch die Vorfreude auf Zukünftiges bleibt erhalten.


Urbs: Toujours Le Même Film (G-Stone/Soulfood)

Wie ein Soundtrack zu einem skurril-charmanten Kurzfilm klingt „Toujours Le Même Film“. Paul Nawrata alias Urbs bestückt dabei jeden Song mit einem Thema, das so simpel wie eingängig ist: mal ein Klavier wie beim 3/4-Takter „So weit“ mit Chanson-Anleihen, mal ein Cembalo wie bei „Operation W“. Zwangsläufig ergeben sich kompositorische Parallelen zu Ennio Morricone, der mit diesem Prinzip Filmmusikgeschichte schrieb. Co-Produzent Peter Kruder, Experte für zurückgelehntes Songwriting (Kruder&Dorfmeister, Peace Orchestra), perfektionierte den Downbeat mit majestätischen Streichern von „Nothing’s Gonna Change His Way“, während Label-Kollege Rodney Hunter die instrumentale Coverversion des Duran Duran-Songs „The Chauffeur“ unterstützte. Eine Produktion, die durchaus in der Label-Tradition von G-Stone steht, aber mit frischen Neuansätzen überrascht und ihren Reiz bezieht.

Jazz thing-Review #58

 

Diverse: Verve Unmixed 3 / Remixed 3 (beide Verve/Universal Jazz)

Der Doppelpack „Verve Unmixed/Remixed“ geht in die dritte Runde und verliert dabei nichts von seiner anfänglichen Faszination beim Debüt 2002. Das Konzept ist so schlüssig wie erfolgreich, gleichsam musikalisch gehaltvoll und spannend: 13 exemplarischen Blaupausen der Jazzgeschichte werden 13 Bearbeitungen namhafter Produzenten und DJs entgegengesetzt.
Was ist zu den Originalen noch zu sagen? Es sind Klassiker, die sich ihren Status allesamt verdient haben. Allein der Künstlername reicht oft aus, um mit der Zunge zu schnalzen. Oder der Songtitel. Oder beides. Swing von Billie Holiday, Balladen von Nina Simone, „Sing, Sing, Sing“, „Gentle Rain“, „Fever“ (Sarah Vaughan) oder „Stay Loose“ (Jimmy Smith). Unbestreitbar großartig, als Bonus in einer gelungenen Zusammenstellung.
Wesentlich differenzierter fällt das Urteil über die Interpretationen aus: Wer schafft den Grat zwischen Respektzollen und eigener Handschrift, wer wagt am meisten, ohne sich dabei zu verrennen? Erfreulich: alle Remixe spannen einen abwechslungsreichen Rahmen ohne größere Ausfälle. Sugardaddy bringen House in „Come Dance With Me“ (Shirley Horn), The Album Leaf und Postal Service versetzten „Lilac Wine“ und „Little Girl Blue“ mit introvertiertem Indietronic, während RSL wuchtiger Latin/Big Band-Sound perfekt zu Anita O’Days Meisterstück passt. Zeitgemäße Eleganz bei aller zeitlosen Schönheit!

Jazz thing-Review #58

 

 

Phoneheads: Buddy Language (Content/edel)

Die Phoneheads schalten einen Gang runter - und starten gleichzeitig voll durch! Wer Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter bisher als Drum&Bass-Pioniere in Deutschland kannte, wird sich über die Entwicklung wundern, die auf “Buddy Language” deutlich zu hören ist: mehr Instrumente, dominantere Gesangsparts, Melodienreichtum und stilistische Vielfalt prägen das Bild. Mark Klemens bringt am Fender Rhodes akkordischen Halt, während die Vokalkräfte Cleveland Watkiss, MC Glacius und Nina ungewohnten Spielraum genießen. Nein, es ist kein Sing/Songwriter-Album mit akustischer Gitarre geworden – dafür drücken die Beats bei “Roll That Stone” oder “Bliss” zu sehr nach vorne und ziehen unnachahmlich auf die Tanzfläche. Doch der neue Sound bei “Phantoms” und die Einflüsse aus HipHop (“Glam”) oder Brazil (“Buscapé”) sprechen eine faszinierende Sprache.

 

Lyambiko: Lyambiko (Sony Classical)

Ob das nun zur „New School of Cool“ zu zählen ist, mag angezweifelt werden. Doch eines scheint sicher: Lyambiko steht eine vielversprechende Zukunft bevor - gemessen an der momentanen Nachfrage nach Vocal Jazz und der Qualität des aktuellen Albums. „Lyambiko“, auch der Name der attraktiven Sängerin aus deutsch-tansanischer Verbindung, zeigt ein musikalisch ausgereiftes und internationales Quartett, das sich in Berlin zusammengefunden hat. Marque Lowenthal (Klavier), Robin Draganic (Bass) und Torsten Zwingenberger am Schlagzeug umtänzeln ihre Frontfrau mit leichtfüßiger Begleitung, die ebenfalls samtpfotig ins Mikrofon haucht. Lateinamerikanische Rhythmen („Summer Samba“), Swing („Love Me or Leave Me“) und Soul Jazz geben sich in den meist originalgetreuen Interpretationen der Jazz-Standards einträchtig die Hand. Verziert werden die Stücke durch Lyambikos warmes Alt-Timbre, das den Eindruck vermittelt, als fühle sich die Sängerin in allen Stilen zu Hause.

Jazz thing-Review #57

 

Laurent Garnier: The Cloud Making Machine (F Communications/Pias/Rough Trade)

Wer bei Garniers neuestem Werk ein tanzbares Club- oder gar Techno-Album erwartet hatte, befindet sich auf dem Holzweg. Keine bolzende 4/4-Bassdrum oder sich euphorisch hochschraubende Synth-Arpeggios, sondern ambient schwelgende Streicher in Moll machen „The Cloud Making Machine“ zu großen Teilen aus. Der Franzose, der acht Jahre in Manchester lebte und arbeitete, gilt neben Jeff Mills als technisch perfektester DJ der Welt. Diesen Ruhm nutzt er auch als Produzent, um mit anderen Musikern verschiedenster Couleur in Kontakt zu treten und gemeinsam in seinem Studio „The Kub“ an Songs zu tüfteln. Bugge Wesseltoft beispielweise, der ihn schon beim Montreux Jazz Festival begleitete, ist ebenso beteiligt wie der Tunesier Dhafer Youssef. Beim Gang durch die musikalische Finsternis der zehn Songs, die Garnier innerhalb der letzten vier Jahre schrieb, dominieren dunkle Farben und schwermütige Gedanken. Nur „Controlling The House Pt.2“ und „(I Wanna Be) Waiting For My Plane) werden geprägt von durchgehenden Beats im Stile seiner DJ-Sets. Den Höhepunkt markiert der sechsminütige „Barbiturik Blues“, der sich erst allmählich strukturiert und dann mit tollem Fundament und Melodie des E-Piano fasziniert.

Jazz thing-Review #57


Diverse: Jazz Moods – Sounds Of Winter (Concord/in-akustik)
Diverse: Jazz Moods – Twilight In Rio (Concord/in-akustik)

Es ist immer gefährlich, wenn Musik zu sehr funktionalisiert wird. Die Folge: Statt des individuellen Werts eines Kunstwerks dominiert das Mittel zum Zweck. Jazz sollte aber nicht zur Verstärkung einer gewünschten Atmosphäre herhalten müssen, gepresst in ein limitierendes Formschema. Concord Records veröffentlichte bereits 26 verschiedene Compilations dieser Art, zu jedem Anlass die passende Jazz-CD – selbst eine mit „Jazz At The North Pole“ existiert. Bei „Sounds Of Winter“ klingt die Songauswahl entsprechend gedämpft, als lägen die Kompositionen unter einer feinen Schneedecke. „Come Rain Or Come Shine“ (Arlen/Mercer) betört leicht swingend mit Saxofon, ebenso der ausdrucksstarke Gesang im bedächtigen „Stormy Weather (Keeps Rainin’ All The Time)“ oder „Isn’t This A Lovely Day (To Be Caught In The Rain)“. Ziemlich viel Regen, wo doch eigentlich „Snowfall“ (Thornhill) in diese Jahreszeit gehört. Ortswechsel: In Rio ist gerade die Sonne untergegangen, während Bossa Nova und Samba-Rhythmen aus kleinen Bars ertönt. Unter sternenklarem Himmel erkennt man sofort „Triste“ (Byrd), „Desafinado“ in einer flotten Version von Manfredo Fest oder das instrumental gehaltene „Samba De Una Nota (One Note Samba)“. Die Nacht bricht herein und im angezogenen Tempo von Trio Da Paz’ „Aquaerela Do Brasil“ scheint alles möglich – mit der CD „Twilight In Rio“ selbst in Castrop-Rauxel.

 

Gilda Razani: Bazaar (Traumton/Indigo)

„Bazaar“, das zweite Album von Gilda Razani und ihrem Band-Projekt sub.vision, gleicht einem Marktplatz der Kulturen und Sinneswahrnehmungen. Protagonisten und Songschreiber sind zum einen die Saxofonistin Razani, zum anderen Pianist Hans Wanning. Gleich der Opener „Newrusi Cats“ entführt mit atmosphärischem Fusion Jazz in das Gebiet zwischen Okzident und Orient. Grenzen verschwimmen ebenso wie die eingebrachten Stile, wenn hypnotische und flirrende Klänge der Iranerin den Kopf vernebeln. Die instrumentalen Kompositionen in Quintett-Besetzung bieten zahllose Möglichkeiten an Impressionen, indem sie mit elektronischen Effekten und Samples experimentieren, aber immer einen virtuosen Anspruch wahren. In manchen Passagen wirkt dieser Soundclash etwas gewollt, wodurch der Hörer den Zugang und Anschluss verliert. Doch die Fülle an innovativen Ideen wie in „Loretta’s Sinfonia“ und der bewusste Schritt zum Freistil sind beeindruckend!

Jazz thing-Review #57

De Vibroluxe: Cracq Magic International (Couch Records)

Diverse: Musik Is The Best #1
(Couch Records)

Nenad Stankov, ursprünglich aus Novi Sad, hat in Wien und beim dortigen Label Couch Records eine neue Bleibe gefunden. Unter seinem Pseudonym De Vibroluxe lässt Stankov auf seinem Debütalbum „Cracq Magic International“ Disco, Funk und Latin zu einem eklektischen Potpourri verschmelzen. Ein Klang gewordenes Experiment aus dem Stilmixer, das auch beim Sound den Spagat zwischen digitalen Beats und analogen Instrumenten wagt. Denn die Songs sollen tanzbar sein und sowohl im Club als auch im Wohnzimmer funktionieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei W.B. Ayer am Fender Rhodes und anderen Tasten: Er gibt den Songs harmonischen Halt, wenn der Rhythmus wieder durchs Gelände jagt wie beim Speed-Latin „Mucho Traffic“. Eine Funk-Gitarre und Bläser beleben „Electric Shampoo“, während „Love Bubbles“ oder „Intermezzo“ mit Xiao Ling und John Whitfield am Mikro zur Regeneration einladen. Ein wilder Parforceritt, der nach mehrmaligem Hören immer mehr Spaß macht!
Mit „Intermezzo“ ist De Vibroluxe auch auf der Label-Compilation von Couch Records vertreten. Sechs Jahre nach Gründung spannt der Katalog neben oben beschriebenem Mix einen Bogen von jazzigem Downbeat (Cay Taylan) über Broken Beats (dZihan & Kamien), bis zu Electro Ambient (Menu B). Die Stringenz innerhalb der ausgewählten Songs zeigt, wie sehr die Label-Macher an einer übergeordnete Handschrift arbeiten – und dabei trotzdem die individuelle Note jedes Einzelnen respektieren. Die Zusammenstellung dient als Dankeschön an die Fans und als Würdigung des Titels, denn Musik ist wirklich das Beste.

Diverse: Testament of House – The Second Prophecy (Ministry Of Sound/edel)

Ganz selbstbewusst verkündet der Untertitel von Testament of House die zweite Prophezeiung. Analog zum Buch der Bücher soll hiermit die Compilation der Compilations initiiert werden, erneut zusammengestellt von Knee Deep. Das Hamburger DJ-, Produzenten- und Remixteam versammelt auf der Doppel-CD 26 Tracks als neuen Standard im Vocal House. Entweder als Original oder in der Remix-Version versprühen alle Beiträge den besonderen Reiz der Monotonie: Einerseits überkommt den Hörer das Gefühl, als sei die Beatspur in den Songpausen nur kurzzeitig unterbrochen worden, andererseits punktet die Gleichförmigkeit mit bester Tanzbarkeit – selbst mit Piccolo-Glas auf einer After Work-Party. Herauszuheben aus dem Strom sind Bob Sinclar, Seawind Project und auch Knee Deep feat. Brooke Russel mit „Won’t Let You Down“.

 

Terranova: Digital Tenderness (Ministry Of Sound/edel)

Fetisch, Gründungsmitglied von Terranova, legt mit „Digital Tenderness“ anscheinend eine Verschnaufpause bis zum nächsten Klangextrem ein. Zumindest weicht die düstere Stimmung der Vorgänger einer wesentlich songorientierteren Produktion, die laut dem Berliner DJ ‚for the ladies’ gedacht ist. Das Cover zeigt dementsprechend eine Handgranate auf rosafarbenem Grund, die zwar durch ein goldenes Herz am Ring etwas entschärft wirkt, aber immer noch durchschlagende Kraft besitzt. Die Gesangsspuren aller Songs kommen von Jayney Klimek, einer australischen Neu-Berlinerin, die mit harmonischem Timbre die Höhepunkte bereichert: „Hush“ mit catchy Beats oder “Ground Of Original Nature” mit Terranova-untypischem Pop-Einschlag. Neben den digitalen Sounds sind die Gitarren von Xaver Naudascher und Shapemod ein wichtiger Faktor im gemäßigten Gesamtsound. Der Infotext deutet es an: „Digital Tenderness“ könne beim Anziehen, Ausziehen, Vögeln, Rauchen, Trinken, Fahren und Bügeln gehört werden – fordert also nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit des Hörers.

 

StraSax: Vol 2 (Caramella D’Oro/Caramella Media)

Wesentlich mehr Kreativität als bei der Wahl des Bandnamens bewiesen StraSax bei den Kompositionen zu “Vol 2”: Virtuosität und Verrücktheit gehen bei dem seit 1998 bestehenden Straßburger Saxofon-Ensemble eine geglückte Symbiose ein, wenn komplex durchkomponierter Satz und expressive Improvisationen aufeinander prallen. Die Saxofonisten Michaël Alizon, Laurent Wolf, Christophe Fourmaux und Franck Wolf bekommen zudem seit kurzem Unterstützung von Francesco Rees am Schlagzeug, der rhythmischen Halt für Musiker und Hörer gibt. Eine Orientierung ist besonders in den Free Jazz-Attacken vonnöten, bei denen sich StraSax im spielerischen Freiland treiben lassen. Mit vielen feinen Nuancen und Dynamikwechseln bereichern sie die instrumentalen Möglichkeiten und reizen vor allem die verschiedenen Klangfarben von Sopran, Alt, Tenor und Bariton erschöpfend aus.

 

Slum Dunk: Presents Funk Carioca (Mr. Bongo/Cargo)

Die erste europaweite Compilation rund ums Thema Funk Carioca kommt von Slum Dunk, einer wöchentlichen Radiosendung in London und gleichzeitig der Name einer Veranstaltungsreihe im Guanabara-Club. Mit Funk Carioca wird der Sound aus den brasilianischen Slums umschrieben, der mit basslastigem und grobem Electro/Disco-Punk vor allem in den Bailes von Rio de Janeiro momentan schwer angesagt ist. Gemixt wurde die Zusammenstellung von Tetine, bestehend aus Eliete Mejorado und Bruno Verner, die 1995 in São Paulo anfingen, die aufkommende Radikalität in der Bevölkerung künstlerisch umzusetzen. Vorgestellt werden auf der CD die eher unbekannten Tati Quebra Barraco, Bonde do Tigrão (auch auf der „Rio Baile Funk“-Compilation), Deise Tigrona oder Os Salientes, deren Songs eine Gemeinsamkeit aufweisen: aggressive, portugiesische Rap-Vocals, eine Schweiß treibende Tanzbarkeit und ungeheure Energieschübe.

 

Diverse: MPS Jazz Works - The Original MPS Sessions, MPS Jazz Reworks - The New MPS Sessions (beide Universal Jazz/Universal)

Über vier Jahrzehnte sind vergangen, seit Hans Georg Brunner-Schwer das SABA-Label in MPS Records (Musik Produktion Schwarzwald) umbenannte und fortan von Villingen aus den europäischen Jazzmarkt mit hochwertigen sowie abwechslungsreichen Veröffentlichungen verwöhnte. Nach der Wiederentdeckung des MPS-Katalogs zu Beginn der 90er sind nun zeitgleich zwei CDs auf dem Markt, die sowohl die Originalaufnahmen als auch zeitgemäße Interpretationen durch Produzentenhand würdigen – ähnlich den Label-Werkschauen bei Verve („Remixed“) und Blue Note („Revisited“).
Der „The Original MPS Sessions” ist selbsterklärend, ebenso wie die Qualität der beteiligten Musiker und Big Bands: groovigen Piano-Jazz von Horst Jankowski („Speech Craft“) oder mit lateinamerikanischem Flair beim Fritz Pauer Trio („Terra Samba“), Fusion von George Duke („Feel“) oder „Mathar“, dem Hit von Dave Pike. Wunderschöne Songs - immer noch, immer wieder.
MPS Jazz Reworks unterzieht das Originalmaterial einer respektvollen, aber schonungslosen Neubearbeitung. Der Schwede Eric Wahlforss aka Forss feiert mit „Speech Craft“ eine ‚cut-and-paste’-Orgie, Volker Kriegels „Zoom“ wird von Malente sofort auf die Tanzfläche geschickt, während Michael Rütten und Max Schneider als Soulpatrol noch einmal Bassdruck und Partylaune bei „Terra Samba“ verstärken. Mancher Remix wirkt zwar etwas uninspiriert, aber für den Großteil gilt: Bip up – und Dank an MPS!

 

Liquid Loop: Reset (Perfect Toy/Groove Attack)

Mit dem Soundtrack zum Doris Dörrie-Film „Nackt“ machten sich Liquid Loop erstmals einen Namen. Doch die Münchner sind im Grunde keine Filmmusiker, sondern ein Quartett, das sich der jazzigen Clubmusik verschrieben hat. Erst jetzt – nach sechs Jahren - verlassen Liquid Loop mit ihrem Debütalbum „Reset“ endgültig den Status einer Newcomer-Band. An der Schnittstelle von Jazz und Elektronik schaffen es Florian Riedl (Saxofon und Mac), Sinisa Horn (Keyboard), Florian Schmidt (Bass) und Martin Kolb (Schlagzeug), mit überraschenden dynamischen Wendungen die Aufmerksamkeit zu erhalten – bei gleichzeitig beständiger Tanzbarkeit, stringenten Arrangements und stilvollem Einsatz der eklektischen Sounds. Geschmackssicher auch die Auswahl der Gastmusiker: Sänger Philipp Weiss schwebt weich über dem unruhigen Rhythmusfundament von „Silverstar“, während Saxofonist Johannes Enders “Mrs McCoy” mit seinen Soli bereichert. Ein ausgesprochen überzeugendes Album!

 

I-Wolf: I-Wolf and Burdy Meet The Babylonians (Klein Records/Rough Trade)

Zwei zentrale Themen durchziehen “I-Wolf and Burdy Meet The Babylonians”, das Album von I-Wolf alias Wolfgang Schlögl und Burdy (eine Hälfte von Baby Mammoth): zum einen das Reisen und die Bekanntschaft mit neuen Leuten, zum anderen die Erkenntnis, überall Menschen mit der gleichen Wellenlänge anzutreffen – in den Augen des Sofa Surfers-Mitglieds Schlögl sind dies die Babylonians. Das kosmopolitische Duo perfektioniert Weltmusik, ohne in World Music-Kitsch abzudriften. Teilweise wirkt es wie ein Flickenteppich oder ein Mixtape, bestehend aus verschiedensten Elementen rund um den Globus: Sounds vom Balkan, Raggamuffin, Breakbeats; Songs auf französisch, deutsch oder englisch; aufgenommen in L.A., Perth, Wien und Hull; mit Gästen wie Shaun Ryder (Ex-Happy Mondays), der Karandila Brass Band aus Bulgarien oder MC Aladin. Doch in der großen Klammer bekommen die 14 interkulturellen Berührungen durchaus ihren Sinn!

Jazz thing-Review #56

General Electrics: Cliquety Kliqk (Compost/Universal)

Keine Sorge: „Cliquety Kliqk” liest sich zwar maschinell unterkühlt, doch die Ein-Mann-Band General Electrics entpuppt sich als organisch-vitale Überraschungstüte eines Tasten-Wizzards. RV alias Hervé Salters, momentan beheimatet in San Francisco, paart den Retro-Charme der 60/70er-Instrumentierung mit zeitgemäßen HipHop-Beats, Vocal-Samples und elektronischen Gimmicks. Egal, ob an Clavinet, Hammond-Orgel oder Fender Rhodes: Hervé liebkost und malträtiert die Tasten, strotzt nur so vor lauter Ideen und bleibt trotz eines leichten Hangs zur Verspieltheit („Brain Collage“) immer eigenständig und erfrischend. Nur zwei der zahlreichen Höhepunkte: der dezente Funk von “Take You Out Tonight” sowie der melodiöse Groove bei „F’acing That Void“, jeweils mit Mikrogästen aus der Quannum-Crew (Lateef The Truth Speaker, Maroons). Eine Neuveröffentlichung auf Compost, die stilistisch zwischen Money Mark und DJ Shadow den Labelkatalog angenehm erweitert.

Jazz thing-Review #56

 

Diverse: Comfort Sounds: Erotic Lounge – Sensual Passion (Sony)

Musik als Aphrodisiakum? Sicher ist es zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ein Mittel zur Steigerung der sexuellen Begierde und des Lustempfindens. Die Erotic Lounge-Reihe bietet in der mittlerweile vierten Ausgabe mit dem Untertitel „Sensual Passion“ den Soundtrack für Stunden zu zweit (oder je nach Geschmack). Auf der Doppel-CD tummeln sich die üblichen Verdächtigen, die auch einen Chill-Out/Café-Bar-Sampler schmücken könnten: Zero 7, Moodorama, Dublex Inc. feat. Alice Russel, Micatone oder Jazzamor (mit Bill Withers’ “Ain’t No Sunshine”) bieten hauptsächlich weibliche Gesangsparts, gedrosselte Midtempo-Beats und weiche Keyboard-Flächen. Als Einzelinterpreten absolut respektabel, macht hier die penetrante Dosis des Schönklangs das Gift und ermüdet eher, als das es anstachelt. Oder will die Wirkung nur nachmittags am Schreibtisch nicht so richtig zur Geltung kommen?

Jazz thing-Review #56

 

Elsie Bianchi Trio: Atlantis Blues (Sonorama/Groove Attack)

Im Zuge der MPS-Renaissance kommt auch die Schweizerin Elsa Bianchi (Pianistin und Sängerin) zu späten Ehren: 42 Jahre nach den Live-Aufnahmen von „Atlantis Blues“ aus dem Atlantis Club in Basel werden die Originalbänder (plus zwei vergessen geglaubter Songs einer weiteren Session) nun erstmals für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Mit dem Elsie Bianchi Trio - ihr Mann Siro an Bass und Klarinette, Hans-Joerg Schmidt am Schlagzeug – swingt sich die USA-Emigrantin mit leichtem Blues-Touch durch das American Songbook. Hierbei zeugt das herrlich muffige Flair ohne einen kalten Technikglanz von viel Seele, mit der das Trio zu Werke ging. Besonders die instrumentale Eigenkomposition „Baron Lazar“ mit Akkordeon-Begleitung und der leidenschaftlich-klagende Gesang bei „Stormy Weather“ (Arlen/Koehler) versprühen eine faszinierende Stimmung. Ein Fluch für Raritäten-Sammler, aber ein Segen für jeden Musikinteressierten.

 

Dynamo Productions: Get It Together (Unique/Soulfood)

Einen gekonnten Spagat zwischen Remix- und Studioalbum legen Dynamo Productions mit „Get It Together“ aufs Parkett. Hinter dem Duo aus Bristol verbergen sich der langjährige Portishead-DJ Andy Smith und sein Jugendfreund Scott Hendy, der auch unter Boca 45 oder Purple Penguin firmiert. Nach dem Debüt „Analogue“ lassen die beiden - neben eigenem Material - zahlreiche Kollegen an Songs wie „Back To Basics“, „Slip Inn“ oder „Message From The King“, um sie einer Neubearbeitung zu unterziehen. Trotz der musikalischen Vielfalt ihrer Heimatstadt klingt der Langspieler wie aus einem Guss und setzt dabei vor allem auf die Dreiheiligkeit von Beats, Cuts und Scratches – in einer Hülle und Fülle, dass dem Hörer ganz schwindlig wird. Klavier- und Trompeten-Samples lockern den UK-Oldschool-Flow mit Hilfe von Mikro-Gast MC Profile zusätzlich auf. Kein Album zum Zungeschnalzen oder mit inhaltlichem Tiefgang, dafür aber inklusive Party-Garantie und Street-Attitüde der diesjährigen UK HipHop-Szene. You better hit the floor!

Jazz thing-Review #56

 

Beverley Knight: Affirmation (Parlophone/EMI)

Für Beverley Ann Smith beinhaltet „Affirmation“ nicht nur eine musikalische Ebene: Ihr engster Freund starb vor kurzem an Aids, so dass das vierte Album auch als eine Art Trauerarbeit und Neuanfang zu sehen ist. Seit acht Jahren müht sich die Britin mit dem ritterlichen Alter Ego, um endlich den Erfolg zu bekommen, den sie sich redlich verdient hat. Dabei muss sich die 31-Jährige im stadtinternen Duell mit Jamelia um das Amt der „R’n’B-Königin von Wolverhampton“ behaupten und engagierte höchste Produzentenkompetenz. Guy Chambers, Songschreiber bei Robbie Williams, nahm sich ihrer an und verpasste den 15 Songs ein Soundkostüm, nach dem sich Radio-Stationen die Finger lecken werden: klar strukturierte Arrangements mit dezenter Instrumentalbegleitung, eingängige Refrains und Melodien sowie eine attraktive Protagonistin mit ausgewiesen schöner Stimme. Die vermag sanft zu schnurren in den souligen Balladen, aber auch mal mächtig grollen in Funk- und R’n’B-Stücken wie bei „Supasonic” oder der Single “Come As You Are”.

 

Bent: Ariels (Ministry Of Sound/edel)

Ähnlich wie ihre Landsmänner von Zero 7 gelten Bent als die britische Antwort auf Air, denn auch sie streben nach Melodie, Harmonie und wohligen Tongebilden. Simon Mills und Nail Tolliday aus Nottingham verabschieden sich auf ihrem dritten Album vom Sampling-Gebrauch der vorherigen Veröffentlichungen und luden für „Ariels“ sogar ein Streichquartett ins Studio. Passend zur Atmosphäre wurden die Songs in einer alten Kapelle im verschlafenen Lincolnshire aufgenommen und bieten Clubmusik mit sehr hohem Pop-Appeal – und den entsprechenden Elementen: liebliches Hauchen der Gastsängerinnen, Querflöte, Steelgitarre, Harfe und ebenso perlende Klaviertöne. „Sunday 29th“ klingt wie ein Morcheeba-Verschnitt, während die Kosheen-Stimme Sian Evans bei „I Can’t Believe It’s Over“ und „Sunday Boy“ den Wiedererkennungswert steigert. Trotz oder wegen des Schönklangs droht „Ariels“ an manchen Stellen im Ambientsumpf zu versinken.

 

Alessandroni, Paul & Honesty: Tridem (Crippled Dick Hot Wax/Alive)

Wieder einmal zeigt eine generationsübergreifende Zusammenarbeit, wie wenig die Altersspanne der Protagonisten über das Resultat aussagt. Crooner Louie Austen machte es 2003 mit den Produzenten Patrick Pulsinger und Mario Neugebauer vor, jetzt kooperieren mit dem Gitarristen Alessandro Alessandroni sowie Daniel Paul und DJ Honesty (ansonsten gemeinsam als Slope aktiv) erneut Musikbegeisterte aus zwei völlig unterschiedlichen Lagern. Alessandroni, der für das berühmte Pfeifen in Morricones Spaghetti-Western verantwortlich war und auch eigene Filme drehte, lud die beiden Berliner auf sein Gut nördlich von Rom ein, um die klassische Instrumentierung von zeitgemäßen Beats und dem Gesang von Gianna Spagnulo unterlegen zu lassen. Volker Meitz am Rhodes und Kontrabassist Paul Kleber komplettieren den sonnengetränkten Hörspaß mit den lässigen Höhepunkten „Equilibrium“ und „Angel“.

Jazz thing-Review #55

 

Diverse: Bar Lounge Classics – Latin Edition (Sony)

Immer ausgefeilter wird die Zusammenstellung der „Bar Lounge Classics“-Serie. Schon der Vorgänger, der sich um den Soundtrack eines Wochenendes kümmerte, deutete die Tendenz an, doch die aktuelle „Latin Edition“ stellt mit der Mischung aus bekannten Namen und interessanten Aufsteigern den bisherigen Höhepunkt dar.
In rund zweieinhalb Stunden streifen die beiden CDs sämtliche lateinamerikanischen Einflüsse in der Downbeat- und Electronic-Szene: Thievery Corporation, Ian Pooley (mit Marcos Valle-Beitrag bei „Sentimento“), Trüby Trio, Dublex Inc. und Mo’Horizons bringen frische Sound-Ideen ins Spiel, die auch gestandenen Musikern wie Ennio Morricone und Astrud Gilberto ein modernes Gewand verpassen. Aber warum nur muss das Artwork so lieblos die gängigen Klischees bedienen? Eine leichtbekleidete Schöne lässt auf Cover und Booklet gedankenverloren die Blicke schweifen, ein Artikel aus einem Lifestyle-Magazin bestärkt das Bild von der zu erwartenden Käuferschicht, schwächt aber etwas den gewonnenen musikalischen Eindruck.

 

Courtney Pine: Devotion (Telarc/in-akustik)

Einst als traditionalistischer Coltrane-Erbe aufgebaut, kombiniert Saxofonist Courtney Pine nach Ausflügen zu seinen jamaikanischen Roots, dem Aufbruch zu jazzigen HipHop-Ufern (Guru’s Jazzmatazz) und Soul Jazz der 60er Jahre mittlerweile sämtliche Stile über Kreuz - scheinbar nach Lust und Laune: einen Dialog mit Sitar bei „Translusance“, straighten Soul bei „U.K.“ oder Drum&Bass-Beats bei „When The World Turns Blue“. Wo andere Musiker versuchen, möglichst sauber und perfekt zu klingen, sucht Pine den menschlichen Fehlerfaktor ebenso wie Spontaneität und auf den Moment bezogene Interaktion mit den anderen Instrumenten. In seiner scheuklappenfreien Herangehensweise erinnert „Devotion“ stark an Branford Marsalis’ Projekt Buckshot LeFonque: Auf einem simplen Thema und Groove-Fundament basierend, sucht Courtney Pine solistische Extreme auf, um mit spielerischer Leichtigkeit schließlich im eingängigen Refrain zu münden. Musik mit dem Geist des Alten und der Kraft der Jugend.

Jazz thing-Review #55

Earth, Wind & Fire: The Promise (Charly/edel)

Mit Songs wie „Boogie Wonderland“, „September“ oder „Fantasy“ entwickelten sich Earth, Wind & Fire in den 70er/80er Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten und etabliertesten Funk&Soulbands. Doch die kreativen Hochzeiten von Arrangeur Maurice White und Sänger Philip Bailey scheinen der Vergangenheit anzugehören, gemessen an den letzten Veröffentlichungen. Zwar dominiert auch auf „The Promise“ eine tadellose Produktion mit geschmeidigen Bläsersätzen und elegant hingetupften Percussion-Einlagen, doch auf Dauer wirkt der Sound zu steril. Weitere Konstanten sind das typische Falsett von Bailey - im Refrain oftmals gedoppelt - sowie das spirituell-esoterisch angehauchte Cover-Artwork. EW & F standen noch nie für Improvisationsfeuer, doch es ist bezeichnend, dass ausgerechnet der beste Song des Albums, „Dirty“, von den Aufnahmen zu „I Am“ aus dem Jahr 1978 stammt. Da können auch Gastsängerin Angie Stone („Wonderland“) oder Altsaxofonist Gerald Albright („Why“) das Ruder der Belanglosigkeit nicht mehr herumreißen.

 

Michael Franti: Songs From The Front Porch (I-Music/Rough Trade)

Die Trennungslinien zwischen Politik und Spiritualität, Körper und Geist sowie Verstand und Emotionen waren bei Michael Franti schon immer aufgehoben. Mit missionarischem Eifer lebt der Spearhead-Vordenker aus San Fransisco sein gesellschaftspolitisches Engagement aus und benutzt dabei Musik als Medium – ohne jedoch Zweckentfremdung zu betreiben.
“Songs From The Front Porch“ umfasst zehn Akustik-Versionen seiner Solo- bzw. Spearhead-Songs, die durch das spärliche Arrangement noch mehr Licht auf die sendungsbewussten Texte freigeben. Schon in den Bands „Disposable Heroes of Hiphoprisy“ und „Beatnigs“ kämpfte der Sänger mit der markanten Stimme gegen die Leiden der Menschheit, bevor er 1994 Spearhead gründete. Vom Funk, Soul und HipHop der Originale bleibt bis auf Ausnahmen - „Firefly“ oder „Love Invincible“ - oft nicht viel übrig, wenn Gitarre und Percussion eine Lagerfeuer-Atmosphäre entstehen lassen. Aber die Botschaft zählt – und die kommt definitiv an.

 

Oleta Adams: I Can’t Live A Day Without You (Wave Music/Warner)

Die Karriere von Oleta Adams begann, als die Herren von Tears for Fears die farbige Sängerin 1985 in einer Hotelbar entdeckten und für das Erfolgsalbum „The Seeds Of Love“ als Background-Sängerin engagierten. Doch erst als Solistin konnte die Tochter eines Geistlichen ihre eindrucksvolle Stimme voll auskosten, zumal sie nicht nur Pianistin ist, sondern auch teilweise die Rolle der Komponistin und Texterin übernimmt. Nach einer kreativen Pause bleibt sich Adams auf „I Can’t Live A Day Without You“ stilistisch treu, indem sie Soul mit R’n’B und Gospelfeeling - meist in seichten Tempi und Stimmungen - vereint. Die Fähigkeiten ihrer voluminösen Stimmbandakrobatik sind unbestritten, doch die Befürchtung, ihr Überhang an schmuseweichen Balladen mache aus ihr eine farbige Mariah Carey, kommt nicht von ungefähr. Besonders der Titelsong verdeutlicht die aalglatte Produktion, die zielstrebig Radioformat anvisiert und Oleta Adams unter Wert verkauft.

 

Thomas Siffling: Change (JAZZ’n’ARTS)

Ein wirklich überzeugendes Album aus dem Bereich „Melodic Groove Jazz“ kommt von Thomas Siffling. Gleich im Opener „Aufbäumen der Gefühle“ zeigt der Trompeter, Jahrgang `72, zu welchen musikalischen Mitteln er und seine Trio-Begleitung Jens Loh (Kontrabass) und Markus Faller (Schlagwerk) in der Lage sind: Ein druckvoll akzentuierter und verfremdeter Bass treibt den Song nach vorne, Siffling improvisiert anfangs ruhig darüber, bis abrupt ein nervöser Mittelpart mit elektronischen Effekten hereinbricht. Sehr experimentell, sehr spielfreudig – Erik Truffaz lässt grüßen! Doch Siffling vermag auch ambiente Passagen in „Endlos“ und „Einsamkeit“ mit herrlichem Ton und dem nötigen Gespür für die Stimmung wiederzugeben. Produziert wurde „Change“ von Matthias Dörsam, der als Saxofonist schon bei Aufnahmen von De-Phazz und Mardi Gras.bb beteiligt war und hier gekonnt die wechselnde Atmosphäre der Eigenkompositionen (plus Sting’s „Walking on the moon“) einfängt.

Jazz thing-Review #55

 

Xploding Plastix: Amateur Girlfriends (Palm Beats/Rough Trade)

Diverse: Jazzflora – Scandinavian Aspects of Jazz (DNM/PP Sales)

Das exzellente Album von Xploding Plastix bekommt eine zweite Chance: Im Juni 2001 wurde „Amateur Girlfriends Go Proskirt Agents“ erstmals auf dem innovativen Beatservice-Label veröffentlicht, nun folgt die Neuauflage mit abgespecktem Titel. Doch am famosen Inhalt hat sich nichts geändert: Hallvard Wennersberg Hagen und Jens Petter Nilsen aus Oslo basteln an ihrem Future Sound of Jazz, hauptsächlich elektronisch, aber auch mit Pianoklängen, Bläser- und Kontrabass-Samples. Oft suggeriert die Atmosphäre durch schleppende Drums, Klanglandschaften und Brüche eine perfekte Hintergrundmusik für einen Film Noir. Doch dann wiederum beschleunigt das Tempo - wie bei „Treat Me Mean, I Need The Reputation“ - unwiderstehlich und man möchte dem Norwegen-Duo danken.

Deren Song „Comatose Luck“ trägt auch zur nordischen „Jazzflora“ bei, einer Compilation, die skandinavische Jazz-Aspekte bündeln möchte: Ein Forum für junge Künstler aus Schweden, Norwegen und Finnland, die sich entweder international schon einen Namen machen konnten (Koop, Hird, Xploding Plastix) oder noch darauf warten (Anspieltipp: Povo „Good & Bad“). Allen gemein ist die Mischung aus warmer Electronica mit Wurzeln im Jazz, ohne dabei beliebig oder zu loungig zu klingen. Gelungen!

 

Diverse: Everything I Do Gonna Be Funky - The Manifesto of Groove Vol.7 (Brown Sugar/ZYX)

Wirklich erstaunlich, wie schnell sich Brown Sugar einen Namen machen konnte: Erst 1999 ins Leben gerufen, steht das Label fünf Jahre später mit seinen bisherigen Veröffentlichung stellvertretend für allerfeinsten Rare Groove, Jazz, Soul, Funk und Latin. So wird auch die „The Manifesto of Groove“-Serie mit viel Liebe und Sorgfalt von Musikjournalist Michael Möhring zusammengestellt, in der aktuellen Ausgabe mit dem Untertitel „Everything I Do Gonna Be Funky“. Erneut gelingt eine geschmackssichere Auswahl aus raren Stücken und Klassikern aus den Archiven legendärer Plattenfirmen wie Stax, Fantasy, Vangard, Milestone und Prestige. Der musikalische Trip führt den Hörer zurück in die frühen Siebziger, direkt in die Blaxploitation-Ära mit Protagonisten wie Isaac Hayes, Archie Shepp, Rufus Thomas oder Sonny Rollins. Die Suche nach Sample-Quellen geht weiter, ebenso der Respekt vor dem „Black attitude“ dieser Zeit.

 

Razoof: Soul Aquarium (Nesta/Neuton/Rough Trade)

Die Stärke von „Soul Aquarium“ liegt wohl an dessen musikalischer Vielfältigkeit bei gleichzeitiger Homogenität zwischen den Tracks. Mühelos verknüpft der Kölner DJ und Produzent Uwe Lehr alias Razoof weiche Dubschleifen, Reggae, House und Elektronik zu einem spannenden Schmelztiegel, ohne dabei den Überblick im Stildschungel zu verlieren. Besonders ist die Detailliebe bei den Drum-Spuren zu hören, die alles andere als lieblos am Computer zusammengeklickt wurden – kein Wunder, wo Lehr doch schon bei Gentleman, Patrice und Reggae-Crooner Don Abi die knackigen Beats am Schlagzeug einspielte. Letzterer übernimmt auf Razoof’s zweitem Longplayer nach „Montego Bay“ auch den Part als kongenialer Gastsänger. Weitere Vokalakrobaten sind Sunnie, Amé Toki, Sonia Brex oder Jennifer Schwed, die allesamt den Hörer von Jamaica über Brasilien und London bis nach Köln führen. Aber von Jetlag keine Spur! Ein wunderbares Sommeralbum voller entspannter und positiver Vibes.

 

Mark Wyand Quartet: Lucid Dream (Mons/SunnyMoon)

Der gebürtige Brite Mark Wyand, Jahrgang 1974, nutzt in seiner Quartettformation das musikalische Potenzial der Improvisation erschöpfend aus. Kaum eine Stimmung, die auf „Lucid Dream“ nicht fesselnd wiedergegeben wird: Von ruhig dahinfließender Melancholie bei „Darkness“ bis zu forscher Lebensfreude beim Opener „Sister Sister“ mäandert der Sound zwischen den Extremen des Modern Jazz. Saxofonist Wyand, der seit dem Abschluss an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ an der Spree lebt, steht mit Carsten Daerr ein vorzüglicher Pianist zur Seite, der in seinen Soli die Töne nervöse Haken schlagen lässt, um im nächsten Augenblick abrupt auf weiche Akkordschwelgereien abzubremsen. Neben den harmonischen Wendungen und Ausflügen in atonale Gefilde beeindrucken besonders diese Dynamikwechsel, die Bassist Pepe Berns und Sebastian Merk am Schlagzeug mit viel Drive und Gespür für den Moment rhythmisieren. Ein überzeugendes Album des Wahl-Berliners.

 

Diverse: The Finest in Female Vocal Jazz Vol.2 (edel Contraire/edel)

Keine Frage: Nicht erst seit Norah Jones steigen Angebot und Nachfrage im jazzigen Pop-Segment enorm. Wöchentlich rücken neue Namen meist attraktiver Musikerinnen ins Rampenlicht der Medien und schließen dadurch Lücken im internationalen Wettkampf um die Gunst der Hörer. Nach dem Erfolg der ersten Ausgabe von „The Finest in Female Vocal Jazz“ kommt da der Nachfolger gerade recht, eine illustre Zusammenstellung namhafter Sängerinnen, die klassische und zeitgenössische Jazz-Klassiker interpretieren. Schön, wie Malia gemeinsam mit Erik Truffaz „Yellow Daffodils“ angeht oder Rigmor Gustafsson sich an der Seite von Nils Landgren „The Moon Is A Harsh Mistress“ (Jimmy Webbs) einverleibt. Doch man wird den Eindruck nicht los, dass sämtliche Mikro-Künstlerinnen nur ein begrenztes Ausdrucksvermögen abliefern sollen und die Plattenfirmen nach empirischen Kundenbefragungen nur eines verlangen: ein zart gehauchtes, leicht melancholisches Timbre im Kuschel-Arrangement, das auf der Compilation über beinahe die gesamte Spielzeit von über einer Stunde dominiert. D’Sound bieten wohl etwas mehr Biss im Songwriting, auch wenn sich ihr Song sehr dem Pop verschrieben hat.

 

Federico Aubele: Gran Hotel Buenos Aires (ESL Music/Soulfood)

Es klingt beinahe, als hätten sich mit Thievery Corporation und Federico Aubele drei Seelenverwandte gesucht und gefunden. Die beiden Label-Betreiber von Eighteenth Street Lounge, Rob Garza und Eric Hilton, waren sofort begeistert von den Demo-Songs des Argentiniers, nahmen ihn unter Vertrag und produzierten obendrein noch dessen Debütalbum „Gran Hotel Buenos Aires“. Der 26-jährige Vinyl-Junkie und Multiinstrumentalist, dessen Liebe definitiv der Gitarre gilt, führt in den zwölf Kompositionen gedrosselte Beats, Dub-Rhythmen und spanische Gesangstexte zusammen. Alles ganz relaxt und einschmeichelnd! Als tönendes Sahnehäubchen bekommen die Soundcollagen noch charakteristische Klänge der Sechssaitigen oder Trompete aus Aubeles Heimat verpasst. Der Lockenkopf lebt zwar mittlerweile in Barcelona, doch er kann und will seine Herkunft nicht verleugnen. Warum auch? Das Gran Hotel Buenos Aires wird ihm immer einen Platz in der Lounge reservieren.

 

Dublex Inc.: Eight Ears (Pulver/SIB Distribution)

Sämtliche Lauscher werfen die vier Herren von Dublex Inc. in die Waagschale ihres Debütalbums, um die bestmögliche Umsetzung ihres Sounds zu gewährleisten. Felix Stecher, Rino Spadavecchia, Flo Pflüger und Robin Hofmann aus Stuttgart sind alle gleichermaßen involviert und Stützen der tanzbaren wie musikalischen Hybride. Das DJ- und Produzententeam, das seit 2000 mit zwei EPs, zahlreichen Remixes und Compilation-Beiträgen für Aufsehen sorgte, beweist auch auf „Eight Ears“ sein sicheres Händchen bei der Auswahl von Beats, Samples und Studiogästen. Geschmackvoll atmen die Songs südamerikanische Lebensfreude, leben Soul, versprühen Funk und wirken dank der homogenen Mischung absolut organisch. Der omnipräsente Hit „Tango Forte“ findet seinen würdigen Nachfolger in „Tócame“ mit Barbara Padron Hernandez’ Gesang, doch auch „Nifty Night“ oder „Don’t Make Me Want You“ (Alice Russel am Mikro) werden hoffentlich noch unzählige Ohren verwöhnen.

 

Diverse: Brazilectro 6 (Audiopharm/SPV)

Ein weiteres Jahr, ein weiterer Sommer – und beinahe zwangsläufig eine weitere Zusammenstellung von „Latin Flavoured Club Tunes“. Mittlerweile ist die erfolgreiche „Brazilectro“-Compilation bei Session 6 angelangt, denn das Konzept, bei aller heterogenen Vielfalt die Beteiligten unter einen Sonnenhut zu bekommen, zahlt sich aus. Mit 26 Songs sichert sich die Doppel-CD stilistisch nach allen Seiten ab und bedient somit sämtliche Geschmäcker, die bei einem Soundclash wie Brazilectro zusammenkommen: vom Clubgänger oder Café-Bar-Abhänger bis zum chronisch Fernwehgeplagten. Abonnenten für einen begehrten Platz auf der Trackliste sind Mo’Horizons, Marcos Valle, Moodorama oder S-Tone Inc, die gewohnt solide Beiträge abliefern. Hervorzuheben sind dagegen der Züricher Robert Jan Meyer alias Minus 8 mit dem geschmackvoll produzierten Hüftschwinger „White“ (in der New Vocal Version) oder der Rephill-Remix von „Vai E Vem“ des britischen Duos Ikon.

Jazz thing-Review #54

 

Zabriskie Point: Mantra (ZeroZero)

Fernab jeglicher vertrauter Hörerfahrungen ist das Quartett Zabriskie Point anzusiedeln. In Michelangelo Antonioni’s gleichnamigem Film von 1970 symbolisiert er einen mythischen Ort der Indianer in der Wüste Nevadas, und auch bei dem Kölner Vibrafonisten Rupert Stamm und seinem musikalischen Partner Jochen Krämer (Schlaginstrumente) stehen exotische und experimentelle Klangwelten im Vordergrund. Seit 1991 verarbeiten Zabriskie Point in ihren groben Songstrukturen Einflüsse aus allen Teilen des Globus: Rhythmik aus Burkina Faso oder Marokko, orientalische Rufe wie von einem Muezzin (Gesang: Daniel Mattar), südamerikanische Perkussion und eine Ballade aus China geben nur einen geographischen Eindruck, ohne dabei die improvisierte Vielfalt zwischen World Music und Jazz widerspiegeln zu können. Ruhig schwebende Vibrafonklänge, erdige Marimbasounds und absolut eigenwillige Harmoniken fordern auf „Mantra“ den Ersthörer, belohnen aber mit spannenden Impressionen.

 

Taxi: The Accessory (Infracom/Soulfood)

Auf den ersten Blick sieht es wie eines der zahllosen „Produzent(en) + Sängerin“-Projekte aus, doch Taxi bieten mehr als nur Einheitsware. Zu sehr überwiegt Song gegenüber Track, zu sehr dominieren feine Nuancen im Arrangement gegenüber kaltem Festplattencharme. Paul Cullen und Simon Lovejoy arbeiten seit 1996 und zwei Alben mit der Sängerin Joel Laundy zusammen. Nicht nur durch die große Präsenz auf den allzu florierenden Downtempo-Compilations spielen Taxi in einer Liga mit Zero 7 oder Mo’Horizons. Auch der dritte Langspieler, „The Accessory“, zeigt das Trio aus dem englischen Norwich weiterhin im untertourigen Beat-Bereich mit Rhodes-Piano oder sämigen Streichern. Obendrein verbreitet Laundy’s Stimme - im Opener „Sunshine Suburban Dream“ der Lamb-Sängerin Louise Rhodes frappierend ähnlich – eine angenehme Intimität. Obwohl die Spannung nicht auf Albumlänge gehalten werden kann, gelingt es Songs wie „Ain’t Going Back“, den Hörer unbeschwert durch den Schönklang zu führen.

 

Rosen & Gomorrha: Die Besten von den Letzten (Roof/Indigo)

Rosen & Gomorrah: Ein ganzheitliches Kunstprojekt voller verrückter Ideen! Martin Meinschäfer, Arnsberger Kopf der Bande, versammelte gemeinsam mit Tastenmann Toett illustre Musiker um sich, damit das Werk zwischen Rock, Big Band, Kleinkunst, Film und Comedy in die Tat umgesetzt werden konnte – „eine Reise durch das zubetonierte Gefühlsuniversum“, wie Meinschäfer es formuliert. Bei Stammgästen wie Joo Kraus, Saxofonist Mattel Dörsam (u.a. De-Phazz), Ralf Gustke (Schlagzeug) und Willy Wagner am Kontrabass muss man sich um die Ausarbeitung der Songideen keine Sorgen machen. Mal regiert Reggae, mal swingt es oder pumpt aufmüpfiger Ska aus den Boxen. Die deutschsprachigen Texte mit spöttischen Alltagsbeobachtungen und selbstironischen Bezügen („Die Besten“) sind allerdings abhängig von der eigenen Tagesform, also nicht in jeder Lebenslage goutierbar. In der Live-Situation sicher eine Bank!

 

Kabuki: Signal To Noise (Combination/PP Sales)

Jan Hennig gilt als einer der dienstältesten Drum&Bass-DJ’s aus Deutschland und rockte unter seinem Alter Ego Kabuki gemeinsam mit MC Glacius nicht nur erfolgreich die japanischen Tanzflächen. Doch von Füße hochlegen keine Spur: Auf „Signal To Noise“ bündelt er ältere und aktuelle Ergüsse von verschiedenen Labels und Formaten zu einem Album. Zeitlos, energiegeladen, musikalisch. Denn neben den Projekten Makai und Megashira wandelt Hennig lässig auf dem schmalen Grat zwischen funktionalem Dancefloor-Track und komponiertem Pop-Song, schraubt das Tempo mal auf 170 bpm hoch, um bei „After The Fire“ (mit Cleveland Watkiss am Mikro) in zurückgelehnten Dub-Klängen zu verharren. Trotz des Zeitraumes von vier Jahren, auf den Kabuki zurückgreifen konnte, wirkt das Album in sich geschlossen und integriert problemlos weitere Gastsänger wie Vikter Duplaix oder Fat Jon. Ein Garant für gute Laune!

 

Funk D’Void: Volume Freak (Soma/Labels/EMI)

Die Basis seiner Tracks sind weiterhin technoider Natur und stehen stellvertretend für 15 Jahre Maschinenmusik aus Detroit. Bei flüchtigem Hören hinterlässt auch „Volume Freak“ einen seelenlosen, von stampfenden Beats durchzogenen Eindruck. Doch das dritte Album von Lars Sandberg alias Funk D’Void entpuppt sich wieder einmal als feingliedriges Werk, dessen Soundebenen erst erkundet werden müssen. Von Glasgow aus - der Heimat seines famosen Soma-Labels - zog es Sandberg mit der Familie nach Barcelona. Das mediterrane Klima und die dortige Mentalität scheinen sich sehr positiv auf das Songwriting des 32-jährigen Produzenten und DJ ausgewirkt zu haben: der Anteil an Vocal-Parts wurde erhöht, warme Synthieflächen umspülen die versteckten Melodieschätze, während die treibenden Drumschläge (besonders über Kopfhörer) selbst beim achtminütigen Opener „Emotional Content“ nie langweilen. Schicht für Schicht setzen sich so imposante Gebilde zusammen, die, wie bei „Electrix 313“, unterschwelligen Funk in sich tragen.

 

Diverse: French Do It Better Vol. II (Serial/Intergroove)

Was ist „es“ denn, das unsere Nachbarn im Westen besser machen? Fußballspielen wird nicht gemeint sein, oder? Um eventuelle Zweideutigkeiten von vornherein auszuschließen, konzentrieren wir uns nur auf French House. Denn in einem Bereich der Clubmusik spielen meist französische Produzenten und DJ’s eine gewichtige Rolle, wenn es um bestimmte Parameter im Songwriting geht: Filter-Einstellungen, Vocoder-Einsatz und das Verhältnis von Wort und Ton. Im Laufe der letzten zehn Jahre entwickelte sich so ein eigenständiger Stil mit genreprägenden Künstlern wie Etienne de Crécy, Alex Gopher, Daft Punk oder Bob Sinclar. Mathieu Bouthier aus Paris mixt beim zweiten Teil der „French Do It Better“-Reihe verschiedene Acts vom Serial-Label (Herald, Demon Ritchie, Muttonheads) in ein homogenes Set, ohne allerdings das nächste große Ding aus dem Ärmel zu schütteln. Dafür orientieren sich die Sounds zu sehr am bewährten Muster und verharren zu oft auf seichtem Niveau.

 

Chris Joss: You’ve Been Spiked (Cristal/PP Sales)

Bestens aufgehoben war Chris Joss auf der 2000er-Ausgabe von “The New Testament Of Funk“. Inmitten gleichgesinnter Retro-Futuristen lebte der Multiinstrumentalist sein Faible für die Sechziger und Siebziger aus, das auch auf seinem dritten Album „You’ve Been Spiked“ konsequent fortgesetzt wird. Mit modernen Produktionsmitteln schafft Joss eine Atmosphäre wie in einem Blaxploitation-Film: Style, Coolness, Erotik, Gefahr – all dies spiegelt sich in den elf Songs wider. Die Kombination aus den charakteristischen Elementen (prägnante Bassläufe, Wah-Wah Gitarre, Hammond-Orgel), obskuren Samples und Scratches zieht den Hörer unwiderstehlich auf die Tanzfläche, und sei es das heimische Wohnzimmer. Mit dem diffusen Gesang von Cosmika (besonders bei „Waves Of Love“) bekommt der Sound noch einen leicht psychedelischen Touch. Um eine Plattitüde zu bedienen: Maximal funky, maximal groovy!

 

Kirk Whalum: Into My Soul (Wave Music/Warner)

Brian Culbertson: Come On Up (Wave Music/Warner)

Dave Koz: Saxophonic (Capitol/EMI)

Auf der anderen Seite des großen Teiches spielt Smoove Jazz weiterhin eine gewichtige Rolle im Kampf um Verkaufszahlen und Marktanteile. Erstaunlich ist allein die Tatsache, dass sich die Konkurrenten gegenseitig auf ihren Alben unterstützen und ein scheinbar intaktes Netzwerk einrichten konnten.
Auf Rick Braun’s „Esperanto“ (s. Jazz thing #51) verhalfen Kirk Whalum und Norman Brown dem Opener zu etwas Glanz. Nun also die Revanche: Trompeter Braun und Gitarrist Brown tragen beim Song „Hoddamile (Hot or Mild)“ tatkräftig dazu bei, dass „Into My Soul“ von Kollege Whalum nicht zu einem faden Einheitsbrei verkommt. Denn der Grammy-nominierte Saxofonist aus Memphis bedient sich ansonsten aller Komponenten, die charakteristisch für dieses Genre stehen: seichte Beats und romantische Klangteppiche mit oft schwülstigen Soli. Auch weitere illustre Namen (Stax-Produzent David Porter an den Reglern, Isaac Hayes und Maurice White am Mikro) können oder wollen nicht gegensteuern.
Einen frischeren Wind entfacht „Come On Up“, das Zweitwerk von Tastenmann Brian Culbertson: Das Tempo wird leicht angezogen, während der prägnante Slap-Bass von Marcus Miller („Midnight“) das vitalere Flair der Arrangements noch unterstreicht. Weitere Namen der Gästeliste gefällig? Selbstredend Braun, Brown, White, Saxofonist Steve Cole und Dave Koz.
Letzterer macht aus seiner Inspirationsquelle keinen Hehl: „Saxophonic“ ist Trumpf – in allen Größen, Stimmungen und Stilrichtungen! Zwischen Funk-Pop und Balladen scheint für jede US-Radiostation etwas für die Rotation dabei zu sein. Aus der Smoove Jazz-Familie beteiligten sich Brian Culbertson, Chris Botti und ein weiteres Mal Norman Brown.

 

Diverse: Superstition – Songs In The Key Of Jazz (Fantasy/ZYX)

Stevie Wonder hinterließ seine Spuren im Soul, im Rock – und selbstverständlich auch im Jazz. Besonders die Songs seiner drei herausragenden Alben „Talking Books“, „Innervisions“ und „Songs In The Key Of Life“ zu Beginn der Siebziger inspirierten zahlreiche Jazzmusiker zu einer subjektiven Umsetzung seiner Arrangements. Musikjournalist Michael Möhring stellt auf „Superstition – Songs In The Key Of Jazz” ein homogenes Dutzend dieser Neuinterpretationen zusammen, die trotz eines Aufnahmezeitraumes von einem Vierteljahrhundert keineswegs den gemeinschaftlichen Geist vermissen lassen. So stammt die gefühlvolle „You And I“-Version von Tenorsaxofonist Ron Holloway aus dem Jahr 1996, während Gary Bartz „Black Maybe“ (Vocals: Andy Bey) bereits 1972 einspielte. Zwischen Latin Jazz und Straight Ahead schaffen es Joe Henderson, Ella Fitzgerald (mit „You Are The Sunshine Of My Life“ vom „Montreux `77“-Album), Art Pepper oder Joe Pass, das Phänomen Stevie Wonder von der jazzigen Perspektive aus würdig zu beleuchten.

 

Sebastien Tellier: Politics (Record Makers/Source/Labels)

Erfrischend neue Hörerfahrungen bietet „Politics“, das zweite Album von Sebastien Tellier. Vor drei Jahren tourte der Pariser noch mit den Landsleuten von Air, doch spätestens seit der aktuellen Veröffentlichung trennen ihn musikalische Welten von den Herren Godin und Dunckel, auf deren Label dieses bahnbrechende Werk erscheint. Als Arrangeur beinahe zappa-esker Klangkompositionen gibt sich der 27-jährige Exzentriker zwar wesentlich zugänglicher als noch beim Debüt „L’Incroyable Vérité“ – von gewöhnlichem Einerlei kann jedoch überhaupt keine Rede sein. Die Mischung aus elektronischen Beats, hüpfenden Bässen und Streicherbombast bei „Wonderafrica“ erinnert an Zoot Woman, das anschließende „Broadway“ als Kontrast an Badly Drawn Boy oder Spookey Ruben. Produzent Philippe Zdar musste ganze Arbeit leisten, die teilweise grotesken Ideen in die Songs zu integrieren. Mit den Worten des Erschaffers: Kauft „Politics“ und die Welt wird frei sein!

 

Diverse: Ennio Morricone Remixes Vol.2 (Compost Records/PP Sales)

Die Morr-Ikone wird um ein weiteres Element ausgeschmückt: den zweiten Teil von Remixen seiner Kompositionen. Was sich gegenüber dem Erstling vom vergangenen Oktober verändert hat? Die Zahl der CDs verdoppelte sich genauso wie die Zahl der bereitwilligen Produzenten und DJ’s, die an dem Tribut-Werk zu Ehren Ennio Morricones teilnehmen wollten. Ansonsten das gleiche Bild: Mal wird ein Songthema originalgetreu bearbeitet, mal ist nur ein Melodiefragment wiederzuerkennen oder die Vorlage komplett auf links gedreht. Zwischen House, Downbeat oder Drum’n’Bass decken die modernen Versionen ein breites Spektrum elektronischer Stilrichtungen ab, zollen jedoch immer Respekt vor dem jeweiligen Original des Filmmusikers. Highlights: Fussible, eine Band aus Tijuana, nimmt sich „Allegretto Per Signora“ vor, während „Il Mio Nome E Nessuno“ bei Daniel Klein aka Gucciman im gutgelaunten „Wilde Horden Duell Mix“ erstrahlt.

 

Diverse: German Nights (Universal Jazz)

Ein erfolgreiches Konzept schrie auch bei der Compilation “German Nights” nach einer Fortsetzung. Nachdem bereits norwegische und afrikanische Nächte musikalisch unter die Lupe genommen wurden, steht der Berliner Funkturm bei der dritten Ausgabe stellvertretend für die Metropole und das gesamte Musikschaffen in diesem Lande – oder zumindest im Bereich „soulful german electronics“. DJ Salut bleibt bei einem derart weiten Feld nur die Möglichkeit, einen Einstieg für Interessierte statt eines Überblicks für Fans zu bieten: 17 Künstler zwischen Alexander Kowalski und Marvin Gaye (mit „Wie schön das ist“, der kurios eingedeutschten Version von „How sweet it is“), zwischen Shantel’s „Bucovina“ und „Was auch immer“ von Joy Denalane. Einige angenehm Unerwartete kompensieren zumindest einige erwartet Unangenehme in dieser groben Sammlung aus Jazz, Elektronik, Reggae, HipHop und Minimal-House.

 

George Benson: Irreplaceable (Universal Jazz)

Mit „Irreplaceable“ reizt George Benson in bisher unerreichter Konsequenz den Spagat zwischen dem einstigen HardBop-Gitarristen und dem jetzigen Schmusesänger aus. Zwar hatte sich der mittlerweile 60-Jährige nie ganz als Jazzmusiker gesehen, und auch zu seiner erfolgreichsten Zeit Ende der Siebziger bereits Einflüsse von SoulPop und Funk in die Songs integriert, doch das aktuelle Album trieft vor R&B-Ergüssen. Produzent Joshua Thompson setzte absolute Priorität beim Gesang und den wohlgefälligen Arrangements: Monothematisch dreht sich alles um die Liebe und deren musikalischen Umsetzung, entweder allein oder im Duett mit Andrea Simmons. Die Gitarre bleibt dagegen – wenn überhaupt – nur noch dezent im Hintergrund und beschränkt sich auf nette Spielereien. Einzig „Missing You“ (als letzter Song!) lässt noch erahnen, mit welchem Instrument Benson wirklich unersetzlich klingen könnte.

 

Dani Siciliano: Likes…. (!K7/Zomba)

Bei der Zusammenarbeit mit Matthew Herbert stand Dani Siciliano immer etwas im Schatten ihres kongenialen (Ehe)-Partners, dessen kreativer Output keine Kompromisse duldete. Nun durfte die Sängerin aus London ihre Ideen in Eigenregie umsetzen und ebenfalls auf !K7 debütieren. Die Songs auf „Likes….“ entstanden in den vergangenen vier Jahren im eigenen Studio und vereinen moderne Sampling-Technik und analoge Instrumentierung (Waldhorn von Gabriel Olegavich oder Ornelius Mugison’s Gitarre), ohne künstlich zusammengesetzt zu wirken. Wie eine dünne Schneedecke liegt die zarte Stimme der charmanten Siciliano über dem futuristischen Sound und bekommt durch den Dopplereffekt eine ganz prägnante Note. Die Melodien graben sich erst nach einigen Hördurchgängen ins Bewusstsein, verweilen dort aber um so länger und intensiver. Ein ruhiges Listening-Album voller Schätze.

 

Capoeira Twins: Reansville Heights (Audiopharm/SPV)

Die Capoeira Twins tragen ihren Namen völlig zu Recht. Tim Hancock und Ian Stratford aus Wolverhampton bei Birmingham benannten sich nach der brasilianischen Kampfsportart, die von afrikanischen Sklaven eingeführt und ursprünglich als ritueller Tanz getarnt wurde. Und eben diese Mischung aus aggressiven Breakbeats und südamerikanischer Leichtigkeit macht das Debütalbum „Reansville Heights“ der DJs und Remixer aus. Neben der erfolgreichen Single „Four (4x3)“ - einer Miles Davis-Komposition - ziehen besonders die martialisch knarzenden Bässe von „Flick The Switch“ oder „Lose Control“ den Hörer auf den Tanzflur. Für den Heimgebrauch wirkt das Album auf Dauer zu rappelig und es mangelt an virtuoser Tiefe – trotz der Gastsängerinnen Jennifer Wallace, Helen Marcia McDonald und Kae Dee, die etwas Wärme in den britischen Garage-Sound bringen.

 

Zona Sul: Pure Love – Um Amor Tão Puro (Nagel Heyer/edel Contraire)

Wahre Liebe – um diesen abstrakten Gefühlszustand ranken unzählige Mythen und Schicksale. Sophie Wegener, Sängerin der fünfköpfigen Band Zona Sul (nicht von ungefähr der Name des südlichen Stadtgebiets von Rio mit Ipanema und Copacabana), verspürt diese absolute Zuneigung zum Bossa Nova. Dementsprechend kreist das Songmaterial auch hauptsächlich um die Klassiker von Antonio Carlos Jobim, erklingen wohl bekannte Melodien von „The Waters of March“ oder „Dreamer“. Egal, ob auf Portugiesisch, Englisch, Französisch (Henri Salvador’s „Dans mon île“) oder Italienisch („Estate“): Wegener schafft es in jeder Sprache, den Hörer mit ihrem süßen Klagen den Kopf zu verdrehen. Charakteristisch für diese hoffnungsvolle Melancholie steht sie auf dem Coverfoto geheimnisvoll blickend hinter verregneter Scheibe (abgelichtet von Kollege Ssirus W. Pakzad). Unterstützt von der dezent, aber wirkungsvoll agierenden Band wird die perfekte Illusion vollendet.

 

Diverse: Swatch Together (George V/SPV)

Wozu eine Firma für Zeitmesser und ähnliches eine musikalische Identität benötigt, steht wahrscheinlich auf einem anderen (Ziffern)Blatt. Sei es drum: Swatch hat eine Compilation in Auftrag gegeben, die mit vier verschiedenen Cover-Artworks für die Qualität und Präzision der Schweizer Uhrmacher stehen soll. Verantwortlich für die Zusammenstellung der Tracks auf „Swatch Together“ zeichnet sich DJ Eva Gardner, bezeichnenderweise eine Eidgenossin, die bisher auch die „Aphrodisiac“-Compilations mixte. Ohne große Überraschungen einzustreuen, beweist sie trotz einiger Lückenfüller ein feines Händchen: Neben Joseph Malik („I Don’t Want“) und der United Future Organization feat. Dee Dee Bridgewater („Flying Saucer“) gefällt vor allem „Tree Of Life“ des New Yorkers Osunlade mit jazzigem Funk. Für solche Tracks ist es nie zu spät!

 

Sonntagsfahrer: V1 (Warner Jazz/WEA)

Bei Sonntagsfahrern kommen mir als Verkehrsteilnehmer alles andere als positive Assoziationen. Zumindest nicht die, mit denen Tom Bennecke und Christian Eitner – Mitglieder der einstmals innovativen Jazzkantine – ihr Projekt geschmückt sehen möchten. Vielleicht wollten die beiden auch das Stilmittel der Ironie einsetzen, um dadurch Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn ja, würde es auch gleich meine Probleme mit ihrem Album erklären. „V1“ offenbart eine knappe Stunde Souljazz der belanglosen Art, so lieblos inszeniert, dass trotz der illustren Beteiligung die Enttäuschung recht massiv ausfällt. Sängerin Sam Leigh Brown (mit „Hip Teens Don’t Wear Blue Jeans“ des Frank Popp Ensembles gerade in aller Ohr) vermag die unglücklichen Cover-Versionen - Bill Withers’ „Ain’t No Sunshine“ und „Sunday Morning“ (Velvet Underground) - ebenso wenig retten wie Joo Kraus und Nils Wogram an den Blechbläsern die übrigen Reißbrettsongs zwischen Lounge-Ecke und Café-Bar.

 

Rick Braun: Esperanto (Warner)

Rick Braun wird sich wohl nicht mehr von der einmal eingeschlagenen Fährte des Smoove Jazz verabschieden. Fluch oder Segen? Entscheiden Sie selbst! Nach zahlreichen Alben und Auszeichnungen in zehn Jahren bedient Braun auch auf „Esperanto“ (merke: Musik ist die einzige universelle Sprache) die bewährten Klischees dieses Jazzablegers: Über einem flauschigen Keyboardteppich legt der Trompeter seine zarten Melodiegänge, selten mit überraschenden oder bewusst dissonanten Momenten. Dazu gesellt sich der oft ärgerlich stoische und blutarme Beat des Schlagzeug, im schlimmsten Fall wie bei „Zona Rosa“. Dabei beginnt das Album mit „Green Tomatoes“ und feinen Gastbeiträgen von Norman Brown (Gitarre) und Kirk Whalum (Saxofon) verheißungsvoll. Guter Start, schwaches Finish: Erst “Turqoise” mit lähmendem Streicherapparat, abschließend die Süßholzraspelei „Mother’s Day“ – ohne Worte.

 

Diverse: Nova Soul 2 (Audiopharm/SPV)

Die zweite Ausgabe der Compilation “Nova Soul“ wirbt mit Vielfalt – und punktet obendrein noch mit Qualität. Während bei der Auswahl der ersten Runde ein verstärkter Club-Bezug gesucht wurde, begnügt sich der Nachfolger mit dem Untertitel „Collection of contemporary Soulmusic“: 25 Songs auf zwei Scheiben, pendelnd zwischen illustren Interpreten und Material sowie unbekannten Schönheiten. Inwieweit diese von Marvin Gaye oder Stevie Wonder beseelt worden sind, sei einmal dahingestellt. Zumindest bietet „Nova Soul 2“ einige Höhepunkte: Der sympathische Will Holland verwandelt als Quantic Soul Orchestra den 4Hero-Track “Hold It Down” in ganz großen Soul-Funk und „Speak Softly“ von James Hardway erstrahlt im lässigen Minus 8-Remix; momentan wohl unvermeidlich kommt auch das Frank Popp Ensemble mit „You’ve Been Gone Too Long“ (entschärft durch den Maria Ghoerls-Remix) zu Soul-Ehren, ebenso The Limp Twins (erneut mit Will Holland!) und dem schicken Motto „Movin Closer To The Sofa“.

 

N.O.H.A.: Next Plateau (Unique/PP Sales)

Auch auf dem dritten Album „Next Plateau“ setzt der Prager Saxofonist und Produzent Philip Noha seine Version von Dancefloor Jazz beim Projekt N.O.H.A. (Noise Of Human Art) fort. Mittlerweile beheimatet bei Unique, gliedert sich der Stil perfekt in das Label-Programm ein, zumal die omnipräsente Sam Leigh-Brown noch weiteren Veröffentlichungen der Düsseldorfer ihre Stimme leiht. Die Songs verknüpfen klassisches Songwriting und modernen Clubsound, auch wenn es bei aller Vielfalt etwas am kompositorischen Leitfaden hapert. Zudem fallen Songs wie „We Glide On“ oder das nervöse „Perilin“ eher durch Belanglosigkeit auf. Bei aller Kritik: Auf der Habenseite stehen sicherlich die Abtanznummern auf unterschiedlichem Parkett, entweder positiv antreibend („Tonight Alive“), relaxt perkussiv („Chillin“) oder auch mit druckvollem Charme („Peking Express“). Ebenfalls im Plus liegt „Balkan Hot-Step“, das mit quengelnden Bläsern wie ein clubtauglicher Soundtrack eines Kusturica-Films klingt.

 

Lea DeLaria: Double Standards (Warner)

Es scheint, als fühle sich Lea DeLaria in ihrer Zweitkarriere als Jazzsängerin pudelwohl. Bekannt geworden als Comedienne und Schauspielerin, bringt die Amerikanerin zwei Jahre nach ihrem Debüt „Play It Cool“ nun den Nachfolger auf den Markt. Und der hat es in sich: „Double Standards“ versammelt elf Fremdkompositionen, deren Auswahl eindeutig von DeLarias Nonkonformität zeugen. Grunge-Rock von Soundgarden („Back Hole Sun“) oder Jane’s Addiction, The Doors mit „People Are Strange“ oder Neil Young’s „Philadelphia“ – DeLaria kennt keine musikalischen Grenzen. Mit Hilfe der gleichsam brillant besetzten wie agierenden Begleitung (Christian McBride, Bill Stewart und Arrangeur Gil Goldstein) gibt sie - auch dank ihres variablen Stimmrepertoires vom gehauchten Timbre bis zu überschwänglichen Klangfarben - jedem Song eine ganz persönliche Note. Frecher Bar Jazz der besten Sorte.

 

Largo: Fables Of Lost Time (Warner Jazz/WEA)

Im Konzert des europäischen Jazz spielt Luxemburg nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Dass sich dieser Zustand zumindest in Ansätzen verbessern könnte, wäre wohl auch Largo zu verdanken. Die sechsköpfige Band um den Trompeter und Komponisten Gast Waltzing, der auch die Jazzabteilung der Musikhochschule leitet, liefert auf „Fables Of Lost Time“ ein respektables Ergebnis ab, das den Vergleich mit europäischen Nachbarn nicht zu scheuen braucht. Zwei Versionen von „Riders On The Storm“ - mit 94 und flotten 136 bpm - zeigen die Wandlungsfähigkeit der Musiker, „Three Steps To Miles“ (Waltzing zählt Miles Davis zu seinen Vorbildern) mit Rap-Einlagen von DJ Chi die Freude an New Age und Fusion Jazz; das treibende „Turn Around“ dagegen könnte ebenso auf einem jazzig angehauchten Album eines Club-Produzenten zu finden sein. Manko: Die Trompete wurde teilweise zu dominant abgemischt, so dass Fender Rhodes oder Saxofon im Gesamtsound etwas untergehen.

 

Katja Riemann Oktett: Favourites (SPV)

Katja Riemann tanzt auf allen Hochzeiten. Frisch ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen für die Hauptrolle in „Rosenstraße“, findet die Schauspielerin, Kinderbuchautorin und Hörbuchsprecherin auch noch Zeit für eine weitere Leidenschaft: das Musizieren. Nach dem Soundtrack zu „Bandits“ und dem TripHop-Album „Nachtblende“ von 2000 geht es mit dem Oktett in jazzigere Gefilde. Eines wird bei „Favourites“ klar: Riemann nennt sich zurecht nicht Jazzsängerin und sicher hilft ihre Popularität, beispielsweise zum diesjährigen JazzBaltica-Festival eingeladen zu werden. Die selbsternannte Geschmackspolizei wird weiterhin die Nase rümpfen, aber positiv stimmt die Entwicklung. Der Hörer bekommt zwischen gefälligen Popsongs, Balladen und Jazz-Soli mit Handbremse den Eindruck vermittelt, dass die Leadsängerin keinem Image entsprechen muss, sondern diesmal ihre eigenen Gedanken in - mittlerweile englische – Texten vertont. Ein kleiner Schritt für dieses Album, vielleicht ein großer für die kommenden musikalischen Projekte.

 

Groove Galaxi: Back On Deck (Fante Records/SPV)

Ein kurioses Bild, Anfang Juli im Kieler Schloss: Als Vorband von Pat Metheny spielt ein Trio aus Lübeck unbekümmert mit Jazz-Traditionen, Elektronik und Zuschauererwartungen. Drum & Bass schallt aus Lautsprecherboxen, die normalerweise klassische Orchesterstimmen übertragen. Und: Trotz zahlreicher Anzugträger fällt der Schlussapplaus mehr als nur höflich aus. Jetzt sind Groove Galaxi - im Zentrum dabei Sönke Düwer/Schlagzeug und Markus Kuczewski/Keyboards - mit ihrem dritten Album auf dem neugegründeten Fante-Label „Back On Deck“. Ausgehend von einer guten Portion Groove verbinden sie Laptop-Sequenzen, Bläser-Hooks und eingestreute weibliche Vocals zu einer spannenden Mixtur. Ist das Future Jazz, wie im Info verkündet? Zumindest absolut auf der Höhe der Zeit zwischen Ambient, Electronica und einem traditionellen Orgel-Trio. Charakteristisch für diesen angenehmen Soundteppich steht das quirlige „On My Trip To Myself“.

 

Trance Groove: Meant To Be Like This (Intuition/SunnyMoon)

Es ist schon eine einzigartige Wirkung, die vom aktuellen Trance Groove-Album ausgeht. Als Hörer fühlt man sich nach einigen Songs in Paralleluniversen gebeamt, driftet ziellos zwischen Asteroidennebeln und Roten Riesen umher. Wie es dazu kommt? Diese unglaublich treibende Rhythmusfraktion (Stefan Krachten/Dal Martino), die immer präsent im Vordergrund steht und trotz analoger Instrumentierung präzise wie eine Maschine arbeitet. Darüber legen sich dann die gedämpfte Trompete von Reiner Winterschladen, wabernde Orgelschwaden von Schmidt’s Hofkapellmeister Helmut Zerlett oder französisch säuselnder Gesang (Elfie-Esther Steitz). Egal, ob das Tempo zum Chillen auf die Couch oder zum ekstatischen Tanzen einlädt: Der Sound ist König und fasziniert! Nach zehn Jahren gemeinsamen Schaffens sind Trance Groove auf dem Gipfel der quicklebendigen Monotonie angelangt.

 

The Isley Brothers: Body Kiss (Dreamworks/Universal)

Ihre Hits wie „Summer Breeze“ oder „That Lady“ füllen weiterhin jede Partytanzfläche zu später Stunde. Und scheinbar unbeirrt setzen die Isley-Brüder Ronald und Ernie ihre über vierzigjährige Erfolgsstory des Schmuse-Souls fort. Was die heutige Popularität ausmacht? Keine Berührungsängste vor aktuellen Sounds, so dass die Isley Brothers immer zeitgemäß klingen. Die Zusammenarbeit mit R. Kelly beim letzten Album „Eternal“ war wohl derart fruchtbar, dass sich dieser nun bei sämtlichen Songs als Schreiber, Arrangeur und Produzent verdient gemacht hat. Dementsprechend eingängig gestaltet sich die Mischung aus Midtempo-Soul, schmachtendem R&B und Schlafzimmer-Funk, die Gäste wie Lil`Kim und Snoop Dogg bereichern. Fingerschnippen ist angesagt, allerdings kein Zungeschnalzen! Denn “Body Kiss” lässt ein wenig vermissen, was das Genre im Namen trägt: Seele.

 

Terranova: Peace Is Tough (!K7/Zomba)

Gerade hatte der Hörer den Koloss von letztem Album verdaut und dessen Energien in die richtigen Bahnen gelenkt, da schlägt Fetisch einem bereits den Nachschlag um die Ohren. Und dann dieser Titel: Peace Is Tough! So lakonisch und zynisch kann es nur der Berliner Deejay und Produzent in Worte fassen. Das Album bringt neben sechs neuen Versionen von raren Terranova-Nummern vor allem fünf neue Tracks. Fazit: TripHop war vorgestern, jetzt ist knallharter EBM angesagt, der mit peitschenden Beats, grummelnden Bässen und kreischenden Gitarrensoli den Sound des Vorgängers „Hitchhiking, Non-Stop With No Particular Destination“ nahtlos fortführt. Die rotzige, punkrockige Unfertigkeit verleiht „Rockmongril“ eine Kraft, die durch gewöhnliches Tanzen kaum zu bändigen ist. Gäste am Mikro: Cath Coffey (Stereo MC’s), Ex-Slits Ari-Up und der Hamburger Performancekünstler Jake. Dunkel, zerstörerisch, großartig!

 

Diverse: The Get Easy! Sunshine Pop Collection (Boutique/Universal Jazz)

Von der kalifornischen Sonne geradezu durchtränkt sind die 40 Songs auf dieser Compilation. Hervorgegangen aus dem zuckersüßen Pop der Beach Boys entwickelte sich Mitte der Sechziger ein musikalisches Gegengewicht zum aufkommenden Psychedelic-Rock. Charakteristisch für den Sunshine Pop sind neben den prägnanten Hooklines vor allem die penetrant harmonischen Gesangslinien sowie die Leichtigkeit der Arrangements – trotz der schmachtenden Streicher- und Bläserkaskaden. Zwischen knallbunt und euphorisch überdreht sind alle Kategorien vertreten, wenn die Lennon Sisters ihr „Green Tambourine“ besingen oder The Peppermint Rainbow forsch fragen: „Will You Be Staying After Sunday“. Eines der Highlights, „Barefoot In Baltimore“ von Strawberry Alarm Clock (!), schlägt mit Vibraphon eine glücklich stimmende Brücke zum heutigen Sound der High Llamas und Sean O’Hagan.

 

Stone Jazz: Stone Jazz (Lightyear/in-akustik)

An wen ist eine Jazz-CD gerichtet, die einzig und allein Songs der Rolling Stones bearbeitet? Eher eine Sache für Stones-Fans, die ihre Lieblinge in sämtlichen Musikvariationen hören möchten, oder für Jazzfreunde, die sich an der Kunst der Interpretation und Improvisation erfreuen? Das Trio Stone Jazz (Mulgrew Miller – Piano, Charles Fambrough – Bass, Lenny White – Drums) zumindest möchte der „größten Rock’n’Roll-Band aller Zeiten” ein würdiges Denkmal setzen und beleuchtet die frühen Hits von Jagger/Richards von einer ganz neuen Seite: „Satisfaction“ oder „Ruby Tuesday“ im Jazz-Gewand, mit Soli und rhythmischen Verschachtelungen. Mal ist die Melodie des Refrains sofort zu erkennen („Paint It Black“, „As Tears Goes By“) und zwingt zum Mitsingen, mal verstecken sich die Gassenhauer hinter dem Vorhang der Neubearbeitung. Trotz der witzigen Idee: Gerade der Single „As Tears Goes By“ haftet ein etwas biederer Charakter an.

 

Rosa Passos & Ron Carter: Entre Amigos (Chesky/in-akustik)
Morello And Barth: Fim De Semana Em Eldorado (In+Out/in-akustik)

Vielleicht nur eine weitere Einspielung der omnipräsenten Bossa-Klassiker, aber was für Protagonisten! Rosa Passos aus dem brasilianischen Salvador tritt am Gesang (und Gitarre) die Nachfolge der legendären Astrud Gilberto an, während Bassist Ron Carter aus Michigan wohl keiner näheren Erläuterung bedarf. Mit feinem Gespür für Atmosphäre und reduziertem Arrangement widmet sich das Duo mit zurückhaltender Begleitung von Paulo Braga (Percussion), Billy Drewes (Saxofon/Klarinette) und Lula (Gitarrensoli) zum Großteil Stücken aus der Feder von Antonio Carlos Jobim - darunter selbstredend auch „Desafinado“ und „Garota de Ipanema“.
Auf „Fim De Semana Em Eldorado“ des Duos Paulo Morello (Gitarre) und Kim Barth (Saxofon, Querflöte) ist mit „Outra Vez“ ebenfalls ein Jobim-Song enthalten. Ansonsten frönen auch sie den südamerikanischen Musikstilen, wobei mit Alaíde Costa und Johnny Alf noch zwei brasilianische Bossa Nova-Pioniere für den Gesang verpflichtet werden konnten. Durch das Schlagzeug gewinnen die Kompositionen an Stringenz. Das Video als Bonustrack verdeutlicht: Eine Liebe zu diesem Land, eine Liebe zu dessen Tönen.

 

Nitin Sawhney: Human (V2/Zomba)

Es ist Nitin Sawhney hoch anzurechnen, dass er nicht schamlos auf den massiv gehypten Indien-Zug aufspringt. Dafür bevorzugt der in London geborene Multiinstrumentalist zu sehr den Status eines Künstlers gegenüber dem Rausch als kurzzeitiger Popstar. Auf seinem sechsten Album „Human“ wird man keinen Bhangra-HipHop eines Panjabi MC hören, sondern weiterhin Sawhney’s eigene Vorstellungen von globalen Soundverbindungen. So trifft klassische indische Musik auf europäische Dancebeats, auf Jazz und Electronica, jedoch als dezente und fein arrangierte Verwebung. Die zahlreichen Percussion-Instrumente und der klagende Gesang in Hindi („Heer“) zeugen noch von den musikalischen Traditionen des Halbkontinents, doch Sawhney möchte kulturelle Grenzen überwinden und die scheinbar gegensätzlichen Einflüsse in Einklang bringen. Eine in der Theorie schwer zu lösende Aufgabe, die aber sowohl für Kopf als auch Tanzbein erstaunlich wohlklingend erfüllt wurde.

 

Luther Vandross: Dance With My Father (J Records/BMG Ariola)

Der Mann mit der Samtstimme stellt sein Können erneut unter Beweis. Seit über 20 Jahren schon sammelt Luther Vandross Hit um Hit, meist mit den Eckpfeilern Soul, R&B und Pop. Doch es gibt wichtigeres: „Dance With My Father“ ist seinem verstorbenen Vater gewidmet - so ist auch die übertriebene Rührseligkeit des Titelsongs zu verzeihen. Die Zusammenarbeit mit HipHop-SängerInnen brachte unterschiedliche Resultate: Während Foxy Brown bei „If it ain’t one thing“ reichlich deplaziert wirkt, überzeugt das Duett mit Beyoncé Knowles und die Beiträge von Busta Rhymes (Bill Withers’ „Lovely Day“) und Queen Latifah umso mehr. Die perfekt arrangierten Balladen passen nicht zu jeder Lebenslage – wenn, dann bereichern sie diese Momente jedoch ungemein. Vandross, der während der Aufnahmen einen Schlaganfall erlitt, wird hoffentlich noch lange Gelegenheit bekommen, der Welt seine Songs zu schenken.

 

Diverse: Coffeeshop Vol.5 (edel)
Diverse: Bar Lounge Classics – Summer Edition (Sony Music)
Diverse: Smoove Moves (Lounge Records/PP Sales)

Das Rad dreht sich weiter, unaufhaltsam weiter. Denn der Markt wird solange mit Compilations dieser Art überschwemmt, bis auch das letzte Dorf seine Café-Bar bekommen hat und letztendlich alle mit Koffeinschock flach liegen. Definitiv zu den besseren Vertretern der leidigen Hintergrundbeschallung gehören diese drei Zusammenstellungen, trotz der unglücklichen Namen.
Bei der fünften Folge der „Coffeeshop“-Reihe steht dubbiger Downbeat im Vordergrund: Tosca, Zimpala, Wondabraa mit „Lately“ im Terranova-Remix oder „Humble“ von Nightmares On Wax. Dessen Mastermind George Evelyn hat sich auch an Ian Brown’s „Grave Train“ gemacht und dem Song einen frischen Antlitz verpasst.
Die „Bar Lounge Classics“ bringt gleich 29 übliche Verdächtige ins Rennen. Summer Edition, klar. Jeder denkt an Pool und Cocktails (Rezepte im Booklet), wenn groovig Relaxtes von Thievery Corporation, Kid Loco, Minus 8 oder Kyoto Jazz Massive erklingen. Jazzamor mixen ihr „Je t’aime“ exklusiv für die Compilation und Marcus Darius gleich die komplette zweite CD (Jazzanova, Micatone, etc.).
Den Sound von Lounge Records verspricht „Smoove Moves“ – und soll damit Recht behalten. Sechs bisher unveröffentlichte Titel punkten bei der ersten Label-Compilation, bringen den Mo`Horizons-Chillmix von „Magic Single Barrel“ (La Taverne Du Lac) oder Seductive Souls mit dem vergleichsweise treibenden „Prisonera De Tu Amor“; ansonsten lädt Pete Rivera dreimal zum gepflegten Tanztee.

 

Kool Aid Acid Test: Geraldine Penny (Hazelwood/Soulfood)

Bereits zum dritten Mal schaffen es die Herren von Kool Aid Acid Test, ein Album mit unschlagbar großartigen Songs einzuspielen. Und wieder klingt es, als hätten sie zum Nachtisch immer eine Extraportion Durchgeknalltheit serviert bekommen. Steven Gaeta und Steve Moss (zusammen schon bei der SST-Band Universal Congress Of aktiv) bilden die Basis der fünfköpfigen Combo, die leidenschaftlich in die Welt der Geraldine Penny einführt. Zu rumpelnder Begleitung und kruder Instrumentierung näselt sich Gaeta zu Höhepunkten wie „Birdy in a papersack“ mit seinem unterschwelligen Funk-Groove oder dem Bluestrack „Wranglin’“. Freunde der Mardi Gras.bb werden die elf betörenden Geschichten lieben: Gordon Friedrich tritt auch hier als Produzent in Erscheinung, während vier Mardi Grass-Mitglieder als Studiogäste die verrückte Bande ergänzen.

 

Diverse: Fever – The One Song Compilation & Summertime – The One Song Compilation (beide Roof/Indigo)

Zur Erinnerung: Im letzten Jahr gab es bereits zwei Zusammenstellungen dieser Art, sogenannte One-Song-Compilations. In zwei Etappen brachten die Interpretationen des Bobby Hebb-Klassikers „Sunny“ von allen Seiten positive Reaktionen ein. Jetzt folgt der doppelte Nachschlag.
Dem Rhythm’n’Blues-Sänger Little Willie John war es 1956 vergönnt, „Fever“ mit dem Text von Otis Blackwell/Eddie Cooley in die Welt zu setzen. Peggy Lee, Quincy Jones, James Brown und so viele weitere Interpreten führten daraufhin den Siegeszug des Evergreens um die ganze Welt an. Ebenso interessant wie die populären Versionen sind jedoch die schrägen Nummern, die neben Soul und Funk auch Beat (The Hassles) oder Easy Listening (Caterina Valente, Emile Ford & Checkmates Ltd.) bedienen und gerade wegen ihrer Heterogenität begeistern.
In derselben Liga spielen auch die Bearbeitungen von „Summertime“ aus der „Porgy and Bess“-Oper von George Gershwin. Seit der Urfassung aus dem Jahr 1935 kamen etwa 2.600 Aufnahmen hinzu, mit mehr und weniger Erfolg. Egal, ob als Blues (Sydney Bechet), in der Fassung von Miles Davis, als Standard im Latin (Mongo Santamaria) und World Music (Rosinha de Valenca): „Summertime“ versprüht Lebensfreude und zwingt auf die Tanzfläche.

 

Doctor Jazz’s Universal Remedy: Doctor Jazz’s Universal Remedy (Wellington&Sons/Efa)

Dass aus Italien nicht nur harte Töne wie die eines Stefano Stefani kommen, verdeutlicht das Wundermittel aus einer Arztpraxis in Turin. Dort kurieren die Jazzdoktoren Dr. Marcus an den Keyboards, Dr. Delavie am Laptop und der Saxofon spielende Dr. Blade von den Strapazen des Alltags. Mit Sprechstundenhilfe Miss Loulou wird ein musikalischer Tranquilizer angerührt, dessen Folgen beeindruckend sind und Nebenwirkungen der Landsleute von The Dining Room oder auch De-Phazz aufweist. Die bewährte Rezeptur (halb Instrumente, halb Rechner) beinhaltet kontrolliert abgefederte Breakbeats, jazzigen Downbeat ohne große Reibefläche, säuselnde Gesangsparts („Because of you“) - bisweilen glatt wie die Adria bei absoluter Windstille. Doch wenn das lässige „First man then machine“ mit feiner Gitarre (Max Carletti) dieses milde mediterrane Klima versprüht, steigt ganz unterbewusst das Fernweh.

 

Diverse: Cinemix (Emarcy/Universal)

Die Regale mit dem Kürzel O.S.T. bekommen in den Plattenläden einen immer größeren Platz zugesprochen, so dass Filmsoundtracks mittlerweile für ein eigenständiges Genre stehen. Angefangen hatte es mit Ennio Morricone, John Barry oder Nino Rota, den Urvätern der cinematografischen Kompositionen. Die Compilation „Cinemix“ sieht sich als Überlieferer von übergegangenem Material: aktuelle Produzenten greifen dank Sample-Technik eine beliebige Sequenz auf, interpretieren sie neu und transportieren sie in die Jetztzeit – immer mit Respekt vor dem Original. Die Wiener Sofa Surfers formen eine Stelle aus „La Horse“ (Serge Gainsbourg/Jean-Claude Vannier) zu einem treibenden Breakbeat-Kracher, Gonzales & Taylor Savvy würdigen drei Kompositionen von Francois de Roubaix mit einem irrwitzigen Medley, während Antoine Duhamel’s „Pierrot le Fou“ durch Sporto Kantes eine gemächlich swingende Frischzellenkur erhält.

 

Benny Bailey: I Remember Love (Laika/Zomba)

Die Stationen in der Biographie des Trompeters Benny Bailey, Jahrgang `25, lesen sich wie ein Geschichtsbuch des Jazz: Dizzy Gillespie, Duke Ellington, Count Basie, später Quincy Jones oder Max Greger – er hat mit ihnen allen zusammen gespielt. Zudem prägte der seit 1982 in Europa sesshafte Amerikaner einen ganz eigenen Bebop-Stil, der auch auf „I Remember Love“ zum Vorschein kommt. Mit seiner Band (u.a. Kirk Lightsey am Piano) und dem Prager Petrasek Epoque String Orchestra nahm Bailey im Juni letzten Jahres in der tschechischen Hauptstadt diese neun Songs auf, die deutlich seine musikalische Persönlichkeit wiedergeben: technisch bemerkenswert und stilistisch mit wunderschönen dynamischen Kontrasten. Angenehm dezent agieren Band und Orchester, so dass viel Raum für die variable Solo-Trompete Bailey`s bleibt. Neben dem selbstkomponierten „Peruvian Nights“ begeistern auch Stücke von Tad Dameron und Charles Mingus.

 

Alexkid: Mint (F Com/Pias/Zomba)

Alexis Mauri hat beim Pariser Label F Communications genau die richtige Adresse für seine musikalischen Entwürfe gefunden. Ähnlich wie die Kollegen Llorca oder St. Germain verbindet der 28-jährige Franzose als Alexkid auch auf „Mint“, dem zweiten Album nach „Bienvenida“, analoge Instrumente mit dem unverzichtbaren Laptop. Gitarre, Fender Rhodes und Percussion haben Freunde im Studio eingespielt, der Rechner zeichnet sich für die elektronischen Beats verantwortlich - in der Summe geschmackvoll zwischen jazzigem House und Downbeat anzusiedeln. Lissette Alea bezirzt den Hörer bei „Come With Me“ mit sinnlichem Gesang, Hanifah Walidah aus Oakland setzt ihr rauchiges Timbre im treibenden „Pick It Up“ ein. Doch es funktioniert auch instrumental: So legt Stockhausen-Schüler Jon Hassell beim Titeltrack eine ambiente Trompetenlinie über den gemächlichen Rhythmus und erzeugt eine experimentelle Atmosphäre.

 

Vienna DC: Analogue (Columbia/Sony)

Nach einigen Beiträgen zu Downbeat-Compilations bringen Gregor Ugovsek (Greg „G“ La Motta) und Michael Konrad (Mickey Moog) als Vienna DC endlich ihr Debütalbum raus. „Analogue“ klingt, wie es das Klischee von Wiener Musikern so will: entspannte Chill-Out-Tracks, Lounge-Pop und Downbeat mit jeder Menge Dubschleifen, Hall und Delay. Dazu gesellen sich sparsame Vocaleinsätze und das ein oder andere Melodieinstrument (Querflöte beim über neunminütigen Opener „Low end“, Trompete bei „The way you“), ohne dass der Hörer aus dem weichen Sessel im Kaffeehaus hochschrecken muss. Eine kurzweilige Rundfahrt im House unternimmt zwar „Six o nine“, anschließend wird das Tempo aber wieder gedrosselt. Folgende Textpassagen bedürfen keiner weiteren Worte: „Kracht der Walfisch gegen ein Riff, ist er völlig zugekifft; wenn die Hunde zuviel wedeln, sind sie zu bedröhnt im Schädel; verliert das Zebra seine Streifen, nuckelt’s an der Haschischpfeifen“.

 

Tommy Guerrero: Soul Food Taqueria (Mo’Wax/Beggars Group/Zomba)

In den Linernotes zu seinem dritten Album zitiert Tommy Guerrero den alten Haudegen Iggy Pop: “I gotta lust for life”. Es ist jedoch mehr als nur ein Zitat, denn genau diese dankbare Lebensfreude versprüht auch jeder Song und beinahe jeder Ton auf „Soul Food Taqueria“. Inspiriert von seiner Heimatstadt San Francisco, entfaltet der ehemalige Skateboard-Profi einen herrlichen Stilmix aus HipHop, Jazz, Blues und Funk, über dem eines thront: absolute Entspannung. Guerrero komponiert alle seine Songs selbst und spielt sie auch beinahe komplett ein, nur beim Schlagzeug und am Mikro (Lyrics Born und Gresham Taylor) ließ er sich von Kollegen helfen. „Organism“ glänzt mit Mo’Wax-typischen, gut abgehangenen Beats, „Gettin’ it together“ führt den Blues lässig ins 21. Jahrhundert und Zwischenspiele verknüpfen die in Liedform gepressten Beruhigungstabletten.

 

Diverse: Space Night Vol.9 (electrolux/Warner)
Diverse: Martini Mood Vol.2 (Royal Earforce/SPV)

Zu Beginn der Space Night-Reihe vor acht Jahren gab es noch den Exotenbonus. Statt zu schlafen, verfolgte eine stetig wachsende Fangemeinde das Nachtprogramm im Bayerischen Fernsehen. Mutter Erde, vom All aus betrachtet, mit einem Soundtrack aus ambienten Klängen und sanft treibenden Beats – die Idee war neu und gut. Mittlerweile hat sich die Hintergrundbeschallung emanzipiert. Alles chillt, relaxt oder loungt, so dass die neunte Runde der Compilation auch mit imaginären Bildern funktioniert. Erwartungsgemäß daher auch die Songauswahl von „Chill Out-Experte“ Alex Azary auf zwei CD’s: „Invisible Things“ von Warp-Veteran Black Dog, Waldeck, The Orb, und – namentlich passend - Röyksopp’s „In Space“.
Eine ähnliche musikalische Richtung schlägt auch „Martini Mood Vol.2“ ein. Vom All direkt in die nächste Café-Bar oder Club. Etwas gehauchter Gesang über den elektronisch inspirierten Tracks, die zwischen Lounge, jazzigem Funk und Brasil pendeln. Bernd Rösler (Stereo Deluxe) stellt mit U.F.O., Mo’Horizons, Kyoto Jazz Massive und Nicola Conte einen flüssigen Ablauf ohne große Durchhänger zusammen, wenngleich Sinn und Zweck solcher Compilations allmählich zu hinterfragen sind.

 

Diverse: Fräuleinwunder – Phazz-a-delic Uppercuts Vol.1

Berger: Sounds of Science (beide Phazz-a-delic/Universal)

Zwei Veröffentlichungen aus dem Hause Phazz-a-delic, die trotz teilweise derselben beteiligten Musiker (Pit Baumgartner, Adax Dörsam, Biber Gullatz und Eckes Malz) unterschiedlicher nicht sein könnten. Baumgartner, Kopf bei De-Phazz, startet mit „Fräuleinwunder“ die Phazz-a-delic Uppercuts-Reihe, in der die Universal-Bestände nach recyclebarem Songmaterial durchforstet werden. Die Zeitreise der ersten Ausgabe geht in die 60er, dem Ursprung des Begriffs „Deutsches Fräuleinwunder“ mit freizügigen Blondinen wie Elke Sommer. Ein schicker Ghia auf dem Cover und Neo-Schlager aus den Boxen - fertig ist die Illusion vom vergangenen Glück. Sämtliche Songs sind durchtränkt von der Leichtigkeit und Verspieltheit des Bossa Nova, des Chanson und leichten Dub-Elementen, den Gesangspart übernehmen Barbara Lahr, Pat Appleton oder Rosanna Tavares.
Nicht zurück in die Zukunft, sondern in den Mikrokosmos von Klängen führt Soundbotaniker Lutz Berger. Skurrile Samples (Honky-Tonk-Klavier, Mozart-Auszüge) und O-Töne von Astronauten über schwebenden Ambientflächen machen „Sounds of Science“ zu einem recht abstrakten Vergnügen. Nicht nur aufgrund des akademischen Aspekts, sondern auch wegen der fehlenden Entwicklung innerhalb der Klangcollagen.

 

Novecento: Featuring... (MCC/Sony)

Beim Aufeinandertreffen von Novecento mit einem Jazz-All-Star-Team begegnen sich zwei musikalische Welten: Auf der einen Seite die Nicolosi-Brüder Lino und Pino, die sich unter Mitwirkung von Gattin Dora und Rossana ganz der an Ausdruck armen Form des Pop verschrieben haben. Auf der anderen Seite bringen die Gäste wie Billy Cobham, Michael Brecker oder Billy Preston – um nur einige zu nennen – eine geballte Ladung an Jazz-Referenz ins Studio. Dann die Kernschmelze, ein lauter Knall, und...große Ernüchterung. Ein Großteil der Kreativität scheint verpufft zu sein oder sich gegenseitig aufgehoben zu haben, als der sanfte Sound und Doras weichzeichnender Gesang über die Produktion gestülpt wurden. Hoffnung keimt auf bei „Flying on the sky“ (Gitarre: Stanley Jordan, Trompete: Guy Barker) und „Visions“ (Danny Gottlieb an Drums), doch letztendlich bleibt es nur ein Strohfeuer angesichts der illustren Besetzung.

 

Mindi Abair: It Just Happens That Way (GRP Records/Universal)

“Ich möchte dem Genre etwas von dem Glamour verleihen, das es normalerweise nicht ausstrahlt.“ Ziemlich kecke Worte einer blonden Saxofonistin, die gerade ihr Debüt veröffentlicht. Oder ist das Strategie? Mindi Abair, Tochter eines Jazzmusikers und Berklee-
Absolventin, macht zumindest keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für Pop - nicht von ungefähr füllte sie gemeinsam mit den Backstreet Boys Stadien: Sowohl Melodien und Songwriting als auch Begleitung auf „It Just Happens That Way“ triefen nur so vor seichten Spielereien. Beim Eagle-Eye Cherry -Cover “Save Tonight” versucht sich Abair auch als Sängerin und bekommt zudem Unterstützung von John Taylor (Duran Duran). Schöner klingt es, wenn das Rhodes den Sound aufraut, das Schlagzeug den Einheitsrhythmus verlässt und gefälliger Pop-Jazz erstrahlt. Bei „Salt and Lime“ oder „Flirt“ passiert es einfach.

 

Lisa Ekdahl: Heaven, Earth and Beyond (BMG France)

Die attraktive Schwedin Lisa Ekdahl wickelt den Hörer von „Heaven, Earth and Beyond“ genüsslich um den Finger. Ihre Waffen im ungleichen Kampf: eine kindlich-naive Stimme, die trotzdem eine gewisse Reife versprüht; ein klares Timbre, das aber auch samtig weich einzulullen vermag; und dieser leichte schwedische Akzent, der die Texte so sexy klingen lässt. Die Songs ihres Mannes Salvadore Poe (Gitarre) haben starken Bossa-Touch und blicken zurück in die goldenen 60er dieses Genres. Angenehm dezent agiert die Rhythmusbegleitung, das Piano harmoniert mit Trompete und Saxofon, und selbst die Streicher ordnen sich der allumfassenden Leichtigkeit unter. Beim Lewis/Holiday-Klassiker „Now Or Never“ schmunzelt Lisa Ekdahl hörbar ins Mikro, betont aber anschließend „My Heart Belongs To Daddy“. Das hat Stil und fasziniert.

 

Götz Alsmann: Tabu (Boutique/Universal)

Götz Alsmann kennt wirklich keine Geschmacksgrenzen oder Tabus. Die 17 neuen spannenden Abenteuer, die er aus verborgenen Kellerarchiven gekramt hat, heißen ähnlich verrückt wie sie klingen: „Küss mich, tatarisches Mädchen!“, „Kommst du mit auf einen Mokka?“ oder „Ein kleiner Bär mit großen Ohren“ zeigen den Entertainer und „Zimmer Frei“-Gastgeber weiterhin als musikalisches Chamäleon. An Mikro, Klavier und Mandoline verpasst er mit 20 Studiomusikern den bizarren Kompositionen zwischen Swing, kompletter Schnulze und Easy Listening einen frischen Schliff, schenkt ihnen neues Leben und eine Extraportion Charme. Alsmann gelingt die Gratwanderung, das Songmaterial so professionell und respektvoll einzuspielen, dass der Hörer gerade dadurch den subtilen Humor des Crooners genießen kann.

 

Diverse: Brazilectro, Session 5 (Audiopharm/SPV)

Was gibt es zur Mutter aller Brazil-Compilations noch zu schreiben? Jeder Hinterhofkneipier pappt sich mittlerweile „Latin Flavoured Club Tunes“ ans Revers, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben – doch laut Infoblatt „glänzt die neue Ausgabe wie ein Diamant in einem Geröllfeld“. Das mag maßlos übertrieben klingen, aber Übertreibung macht bekanntlich anschaulich. Auf der fünften Zusammenstellung in Form einer Doppel-CD tummeln sich wieder einmal alte Bekannte und willkommene Neulinge: Tricatel Inc. und Eli Goulart e Banda do Mato (mit herrlicher Version von „Sunny“) waren schon auf dem Vorgänger zu hören, während Marcos Valle, Nicola Conte (einmal mit Rosalia de Souza, einmal im Micatone-Remix), Zimpala oder Moodorama hervorragend die Verknüpfung von brasilianischem JazzPop und cluborientiertem Latinogroove vertreten. Bisher unveröffentlichtes Material und das schicke Booklet sind ein weiterer Anreiz, sich an das Original zu halten.

 

Zimpala: The Breeze is Black (Lounge Records/PP Sales)

Eine musikalische Revolution starten BNX und David Walters alias Zimpala mit „The Breeze is Black“ nicht – was vielleicht auch gar nicht beabsichtigt ist. Nach „Almaviva“ von 2000 verknüpfen die beiden DJ’s aus Bordeaux auch auf dem zweiten Album verschiedenste Genres. Sorgfältig produziert, macht dieses vielfältige Potpourri auch Sinn: „Sugar“ entpuppt sich als kalorienreicher Lounge-Leckerbissen – so sweet. Noémi Brosset’s gehauchter Gesang legt sich wie Zuckerguss darüber, genau wie beim leidenschaftlichen Bossa „Adios“. Mit jazziger Avantgarde und pompösen Trompeten überrascht „Kush“, bevor der letzte Song „Crazy Girl“ den genüsslich umgarnten Hörer mit House-Beats vom Sofa reißt. Für die Statistik: Gut, dass Zimpala die Pariser Endloskette von französischen Veröffentlichungen unterbrechen – Monopole sind immer gefährlich.

 

Moloko: Statues (Roadrunner/Universal)

Roisin Murphy und Mark Brydon sind alles andere als Rabeneltern. Obwohl es mit der Partnerschaft vorbei ist, bleiben die beiden in Freundschaft verbunden, denn sie wollen nur das Beste für ihr gemeinsames Kind. Das hört auf den Namen Moloko und erlebt mit sieben Jahren sein viertes großes Abenteuer „Statues“. Die Single „Familiar Feelings“ knüpft mit dem bewährten Mitteln nahtlos an die Chartserfolge „Sing It Back“ oder „The Time Is Now“ an: Brydon bastelt einen lässigen Uptempo-Beat und Murphy legt ihre einzigartig facettenreiche Stimme darüber – fertig ist der Hit! Doch das Album hat mit 35-köpfigem Streicherensemble, Live-Percussions und herrlichen Refrains erheblich mehr zu bieten als nur vorhersehbaren Einheitsbrei. Was soll bloß noch folgen, wenn der kleine Moloko den Kinderschuhen entschlüpft?

 

Martin Sasse Trio: A Groovy Affair (Nagel Heyer)

Da haben sich scheinbar zwei Musiker gesucht und gefunden. Pianist Martin Sasse, Namensgeber des Trios mit Henning Gailing (Bass) und Hendrick Smock (Schlagzeug), harmonisiert mit Studiogast Peter Bernstein an der Gitarre, als hätten die beiden schon immer zusammen gearbeitet. Die neun Songs auf „A Groovy Affair“ erstrahlen in klaren, weil bewusst reduzierten Arrangements, so dass den Beteiligten genügend Freiraum für virtuose Soli bleibt. Besonders angenehm: Bei aller Zurückhaltung swingt und groovt das Quartett wie eine kongeniale Einheit, sei es bei „Blues for H & H“ oder dem John Green-Klassiker „Body and Soul“ in einer tempoverschärften Version. Selbst im schwulstigen Hotelbar-Stil von „There’s a Small Hotel“ duellieren sich Tasten und Saiten in einem Kampf ohne Waffen, dass es eine Freude ist.

 

Macy Gray: The Trouble With Being Myself (Epic/Sony)

Was für ein Problem Macy Gray mit sich hat, bleibt unklar. Es läuft doch alles nach Plan, zumindest mit der Karriere: Das Debütalbum „On How Life Is“ verkaufte sich millionenfach, für „I try“ gab es einen Grammy und der Nachfolger „The Id“ von 2001 festigte ihre Position auf dem umkämpften Terrain des R’n’B. Allein die aktuellen Titel „She ain’t right for you“ und „She don’t write songs about you“ könnten andeuten, dass es Komplikationen im Zwischenmenschlichen gibt - jedoch ohne Auswirkungen auf das Songwriting. Weiterhin erklingt der Sound in gefälligem, radiokompatiblem Soul, mal mit Funk oder Pop angereichert. Nichts Neues, keine Experimente - höchstens Beck als Gastsänger. Zumindest bringt die charismatisch-raue Stimme von Macy etwas Farbe ins Spiel. „Happiness“ zeigt schließlich, dass es so schlimm mit ihrem Befinden nicht sein kann.

 

Lil’ Kim: La Bella Mafia (Atlantic/Warner)

Wer gedacht hatte, dass Lil’ Kim ihr schlüpfriges Image mit dem dritten Album ablegen würde, wird eines Besseren belehrt. Sex sells, nach wie vor. Schon das Cover schmerzt im Auge, und mit dem Wortschatz in ihren anzüglichen Texten hat sich Kimberly Jones den „parental advisory“-Aufkleber redlich verdient. Aber hey, das ist die Sprache der Straße, das ist Brooklyn, New York! Mit Timbaland, Swizz Beatz und Full Force hat sich Lil’ Kim einige Starproduzenten ins Haus geholt, um dem erwartungsgemäßen Mix aus HipHop und R&B den richtigen Schliff zu verpassen. Als Studiogast ist Missy Elliott beim Song „(When Kim Say) Can You Hear Me Now?“ beteiligt, der aber genauso wie “Get In Touch With Us” mit den momentan penetrant eingesetzten Fernost-Spielereien nervt. Erstaunlich gut klappt die Zusammenarbeit mit Newcomer 50 Cent bei „Magic Stick“ - ein richtiger Kracher!

 

Leni Stern: Finally The Rain Has Come (LSR/EFA)

Die Jazz-Wurzeln von Leni Stern geraten zunehmend in Vergessenheit. Mit jedem weiteren Album, mit dem sich die Exil-Münchnerin von ihrem einst instrumentalen Songwriting entfernt, verliert der Stern an Strahlkraft. Dünnstimmiger Gesang und die Botschaft, dass ihre CD das Leben feiere, ersetzt keine innovative Melodie auf der Sechssaitigen. Nur noch rudimentär blitzen helle Momente durch das beliebige Folk-Pop-Gemisch, mit dem sich die emsige New Yorkerin deutlich unter Wert verkauft. Seichte Midtempo-Songs bestimmen „Finally The Rain Has Come“, von denen der Opener „By The Stars Above“ und das fernöstliche „For Peace To Come“ mit Zakir Hussain an den Tablas noch hervorzuheben sind. Schon erstaunlich, dass selbst hochrangige Gästen wie die Gitarristen John McLaughlin und Bill Frisell oder Saxofonist Michael Brecker nicht mehr viel retten konnten.

 

Lemongrass: Skydiver (Mole/edel)

Vor so einem Fallschirmsprung muss wirklich niemand Angst haben! Schon der Flug verläuft völlig ruhig und stressfrei, denn Kapitän Roland Voss aka Lemongrass bedient seine Bordinstrumente mit der Erfahrung von zehn Berufsjahren. Auch das vierte Album auf Mole verkörpert durch tragende Soundflächen und Beats in gedrosseltem Tempo vollkommenen Wohlklang. Betörende Flöten, sanft gehauchte Gesangspartien und die zarten Melodien graben sich so unaufdringlich in den Gehörgang, dass beinahe der Absprung verpasst wird. Draußen wartet „Beautiful Blue“ mit heftiger Adrenalinausschüttung und freiem Fall. In der Ferne sind französische Landschaften zu erkennen, „La Musique“ klingt im Ohr. Der Schirm öffnet sich - purer Genuss der Elemente. Am Boden schließlich „Le Contact“ mit Mutter Erde in einem flauschigen Watteberg. Nochmal!

 

Jay Alansky: Les Yeux Crevés (F Communications/PIAS)

Ins Auge springen zumindest die Edding-Zeichnungen, mit denen Jay Alansky das Booklet zu „Les Yeux Crevés“ verziert. Farbenfrohe Kreise und Punkte umlagern fröhliche Strichmännchen und erwecken die Aufmerksamkeit des Hörers. Im Gegensatz zur Musik von Alansky, der auch für das Projekt A Reminiscent Drive verantwortlich ist: In seinem Pariser Studio wurden den Songs sämtliche Ecken und Kanten weggeschliffen – mit ganz feinem Schmirgelpapier. So wirkt die charmante Mixtur aus den Elementen Pop, Ambient, House und Elektronik absolut beruhigend und sanftmütig, kriegt aber nur mit Mühe die Kurve vor der Kitschklippe. Gedankenverloren betritt der Passagier das französische Traumschiff, wirft alle Sorgen über Bord und macht dem zurückgelehnten Sound zwischen Air und Laurent Garnier ein schickes Plätzchen auf dem Oberdeck frei.

 

Gerry Mulligan: Midas Touch (Concord/edel)

Ein Konzertmitschnitt der letzten Europa-Tournee macht noch einmal deutlich, warum Gerry Mulligan stellvertretend für den West Coast Jazz steht und dem Bariton-Saxofon zu Ruhm verholfen hat. In der Besetzung Ted Rosenthal (Piano), Dean Johnson (Bass) und Ron Vincent (Drums) füllten die Quartettklänge im Mai 1995 das Berliner Konzerthaus. Den „Midas Touch“, das besondere Händchen, kann Mulligan wirklich für sich beanspruchen: Intensiv und ausdrucksstark ist sein Spiel, und doch bleibt der Ton perlend und ohne eine bedrückende Schwere. „Sun on the Stairs“ versprüht eine Überdosis sommerlicher Unbeschwertheit, während die Begleitung angenehm dezent das Fundament für den Bandleader legt. Beim Abschluss „These Foolish Things” sitzt schließlich kein Geringerer als Dave Brubeck an den Tasten, um mit seinem langjährigen Weggefährten als Duo zu brillieren.

 

Diverse: Future Sounds Of Jazz, Vol.9 (Compost/PP Sales) & Playlist (JCR/PP Sales)

Aus München kommen zwei Compilations, die eines verdeutlichen: Das Compost/JCR-Label gibt im NuJazz und den benachbarten Spielarten weiterhin den Ton an. Der Vorsprung aus konsequentem Labelprogramm, akribischem Stöbern in Plattenkisten und internationaler Referenz vereint „Future Sounds Of Jazz, Vol.9“ und „Playlist“ trotz unterschiedlicher Herangehensweise.
Die FSOJ-Reihe geht mittlerweile in die neunte Runde, ohne jedoch zu stagnieren. Michael Reinboth, Mastermind bei Compost, hat erneut in der Undergroundszene gebuddelt und einige Schätze gehoben: jazzigen Downbeat von Hird mit „Keep You Kimi“, Foremost Poets’ Vocal-House auf „Open Season“ oder Neuentdeckung Julius Kammerl. Sieben bisher unveröffentlichte Songs auf der CD punkten zusätzlich. Insgesamt recht elektronisch gehalten - es geht schließlich um visionäre Sounds.
Die „Playlist“ haben die Herren von Jazzanova erstellt und sie als Werkschau zweckentfremdet. Unter den Top 15 finden sich die üblichen Verdächtigen wie Koop, The Underwolves, Victor Davies, Nuspirit Helsinki und selbstverständlich auch Jazzanova wieder.

 

E-Z Rollers: Titles of the Unexpected (Moving Shadow/EFA)

Ohne große Vorlaufzeit starten E-Z Rollers gleich mit dem Opener „Back to Love“ durch, als wollten sie nach der längeren Pause seit dem letzten Album „Weekend World“ von 1998 beweisen, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist. Eine CD reicht da nicht aus: Neben dem regulären Album enthält „Titles of the Unexpected“ auch eine zweite, live eingespielte Mix-Session-CD. Ungeachtet der Halbwertszeit von Drum’n Bass frönen die Briten Alex Banks und Jays Hurren weiterhin dem Beatgewitter mit rollenden Bässen in rasantem Tempo. Doch es geht auch anders: „You’ll Never Know“ und „Rhyme and Punishment“ kommen aus der jazzigen HipHop-Ecke, „Lady Jam“ überzeugt mit Dub-Breakbeats und die weiblichen Vocals bringen zusätzlich Pop-Appeal. Der Sound orientiert sich an den Kollegen vom Moving Shadow-Label, klingt aber unverkennbar nach E-Z Rollers.

 

Django Reinhardt: L’Or de Django (Dreyfus/Sony)

Im Mai jährt sich Django Reinhardt’s Ableben zum fünfzigsten Mal. Wohl auch zu diesem Anlass wurden jetzt die Reference-Alben „Souvenirs“ und „Echoes of France“ auf einer Doppel-CD vereint. Zusammen mit drei Bonustracks stellt die Compilation „L’Or de Django“ wahrlich das Goldstück in der unübersichtlichen Discographie des Gypsy-Gitarristen dar - besonders dank der hochwertigen 24bit Mastering-Technik, die von der Soundqualität her alle anderen Reinhardt-Aufnahmen hinter sich lässt. Insgesamt 43 Stücke, die das Repertoire und die Bandbreite des eigenwilligen Musikers komplett umreißen. Staubiger Blues, Swing mit der herrlich lebendigen Geige bei „Django’s Tiger“ oder „In a sentimental mood“ von Duke Ellington, den Reinhardt auch auf Tour begleitete. Zeitlos schön und mit einer Lebensfreude gesegnet, die ihres Gleichen sucht.

 

DJ Muggs: Dust (Anti/SPV)

Das war wirklich nicht zu erwarten: DJ Muggs dreht dem HipHop auf seinem Solodebüt den Rücken zu und veröffentlicht ein Konzeptalbum, das von Pink Floyd beeinflusst ist! Lawrence Muggerud, bekannt als DJ bei Cypress Hill und zweier Soul Assassins-Alben, verzichtet komplett auf die vertrauten MC’s und bringt stattdessen psychedelische Gitarren und Beats zwischen Rock und Ambient ins Spiel. Geblieben ist dagegen die vernebelt-getragene Stimmung durch düstere Samples und dem gehauchten Gesang von Amy Trujillo und Josh Todd. Songs wie „I know“ und „Tears“ geben die neue Richtung an - einzig „Gone for Food“ mit Everlast am Mikro zeugt von den HipHop-Wurzeln. Das Experiment, mit dem Muggs seine Grenzen auszuloten versucht und in Bereiche der Filmmusik vorstößt, ist durchaus gelungen – wenn auch erst nach mehreren Hördurchgängen.

 

Quite Sane: The Child of Troubled Times (Rykodisc/Zomba)

Fünf lange Jahre dauerte es bis zur Veröffentlichung von „The Child of Troubled Times“, obwohl Anthony Tidd - Schlüsselfigur des Projekts Quite Sane - die zehn Songs bereits 1997 zu Papier gebracht hatte. Was lange währt, wird endlich gut? Teils...teils. Dem Album ist anzuhören, dass der Londoner schon bei The Roots, Me’shell N’Degeocello oder Zap Mama den Bass gezupft hat: Durchaus gekonnt mischt er Jazz mit verschrobenem Funk und handgemachtem HipHop. Die Beats vom Schlagzeug liegen bewusst neben der Spur, zu der sich Piano und Saxofon gesellen. Erfrischend unkonventionell klingen die Gesangslinien, und erzählen glaubwürdige Geschichten, frei von klebriger Ghetto-Attitüde. Doch die Songs bleiben nicht im Gehör. So mangelt es oft am Spannungsbogen oder an Melodien mit Wiedererkennungswert.

 

Diverse: Snow – The Get Easy! Christmas Collection (Universal)

Ja, is` denn heut` schon Weihnachten? Zumindest ist der musikalische Adventskalender bereits mit 24 Songs der CD “Snow – The Get Easy! Christmas Collection” gefüllt. Direkt aus den Sixties kommt diese Zusammenstellung von Weihnachtsliedern, die es bislang auf keine der konventionellen Weihnachts-CD geschafft haben. Die wilde Mischung vereint Funk, Soul, Jazz, Easy Listening und Swing mit namhaften Vertretern wie Stevie Wonder, James Brown, Jimmy Smith, Burt Bacharach, den Beach Boys oder Marvin Gaye mit dem bisher unveröffentlichten „Purple Snowflakes“. Zusammen sprengen sie das Korsett falscher Sentimentalitäten unterm Tannenbaum durch Skurriles, Witziges und Ausgelassenes. Für alle, die mit gutem Gewissen auf das leidige „Last Christmas“ verzichten können.

 

Paquito D`Rivera: Brazilian Dreams (MCG/in-akustik)

Im Grunde vereint das neue Album des Saxofonisten Paquito D´Rivera nur die üblichen Verdächtigen der brasilianischen Standards, die ein weiteres Mal für eine Neubearbeitung herhalten müssen. Antonio Carlos Jobim ist selbstverständlich dabei, und gerne auch Luiz Bonfa oder Claudio Roditi. Aber „Brazilian Dreams“ setzt sich erfrischend vom sonstigen Einheitsbrei ab: Mit feinem Gespür für die Balance zwischen dezenter Zurückhaltung und temperamentvollem Ausbruch schmiegen sich etwa „Desafinado“ oder „Manha De Carnival/Gentle Rain“ lustvoll in die Gehörgänge. Das Quartett der New York Voices bereichert mit mehrstimmigem Gesang die lebendigen Arrangements, bei denen die Liebe zur brasilianischen Musik beinahe zu fühlen ist.

 

Diverse: Music For Modern Living Six (Lounge Records/PP Sales)

Die “Music For Modern Living”-Reihe geht nun schon in die sechste Runde und ist weiterhin eine Wohltat in der unübersichtlichen Schwemme von Lounge-Compilations! Wo die Konkurrenz mit meist ein bis zwei verkaufsstarken Namen, ansonsten aber überflüssigem Füllstoff glänzt, achten die beiden Schatzsucher Mellow & Rivera bei ihrer Zusammenstellung auf eine stimmige und durchweg hochklassige Songauswahl. Nicht nur die bekannteren Acts wie Beats International, das Frank Popp Ensemble oder Corduroy überzeugen im regen Treiben, sondern auch vielversprechende Newcomer. Der brasilianische Zauber von Passenger bei „Cabin Fever“ oder das ungemein groovige „Two Minutes“ des Wiener Duos Dzihan & Kamien sind eine absolute Hörfreude.

 

Monty Alexander: My America (Telarc/in-akustik)

Der neuentflammte amerikanische Patriotismus dieser Tage treibt auch musikalisch sein Unwesen. Anders sind der Albumtitel, die einführenden Worte von Monty Alexander im Booklet und Songs wie „Battle Hymn of the Republic“ wohl nicht zu deuten. Der erfahrene Jazzpianist, gebürtiger Jamaikaner, greift auf „My America“ scheinbar wahllos in die Songkiste und zwängt mit Hilfe zahlreicher Gastmusiker Duke Ellington, Brecht/Weill, James Brown und Marvin Gaye in ein passendes Swing-Korsett. So unterschiedlich die Songauswahl, so unterschiedlich die Qualität der Bearbeitungen: Neben einigen Totalausfällen gefallen die elfminütige Version von „Sex Machine“ oder Nat King Coles „Straighten Up and Fly Right“ mit Freddy Cole am Gesang umso besser. Insgesamt eine recht zwiespältige Angelegenheit.

 

KRS-One: The Mix Tape (Motor Music/Universal)

Wenn sich ein MC den Titel “God of HipHop” verleiht, dann hat er entweder ein gesundes Selbstbewusstsein oder jede Menge Credits von Fans und Kollegen im Laufe der Jahre eingeheimst. Bei Kris Parker alias KRS-One scheint es die Mischung aus beidem zu sein. Auch Album #11 ist ein weiterer Baustein für den HipHop-Olymp, allerdings ohne großem Hitpotenzial oder spektakulären Innovationen. Nach dem unerwartet gospeligen „Spiritual Minded“ punktet auf „The Mix Tape“ wieder die Souveränität aus knapp 18 Jahren verbaler Schwerstarbeit im Business. Die pumpenden Beats unterlegen die typisch monotonen Ergüsse des Edutainers, Philosophen und Rap-Teachers – wenn auch nicht so wütend wie einst. Die Tracks „Womanology“ und das soulige „I Remember“ mit weiblichen Vocals stechen dabei angenehm hervor.

 

Jazzamor: Lazy Sunday Afternoon (Blue Flame/Zomba)

Ähnlich entspannend wie ein Sonntagnachmittag bei trauter Zweisamkeit oder dem Neusortieren der Plattensammlung perlt das Album von Jazzamor aus den Boxen. Für diesen Seelenbalsam verantwortlich sind Roland Grosch und Betina Mischke, die sich schon Mitte der 90er mit der Band „4 to the bar“ dem Bossa Nova widmeten. Nun versuchen sie, mit den bewährten musikalischen Mitteln auf den Latin Lounge-Zug aufzuspringen: sanft schwebende Harmonien auf weich pluckernden Beats und weiblicher Gesang mit teilweise portugiesischen Texten für das authentische Flair. Ob sich mit „Lazy Sunday Afternoon“ der erhoffte Erfolg einstellt, bleibt abzuwarten. Zumindest wertet Mischkes wohlig samtene Stimme Songs wie „Save the Night“ oder „Mar de Paixao“ eindeutig auf.

 

Carmen Cuesta-Loeb: Dreams (Skip/edel Contraire)

Familie Loeb hat sich wieder einmal zu geselliger Hausmusik mit Freunden in New York zusammengefunden. Auf der aktuellen Veröffentlichung „Dreams“ übernimmt die Madrilenin Carmen Cuesta-Loeb das Songwriting und den Gesang, ihr Gatte Chuck die instrumentalen Arrangements und auch Tochter Lizzy darf bei Jobims „Corcovado“ ihre Stimme erheben. Beachtlich erscheint die große und illustre Runde der Gäste mit Michael Brecker, Till Brönner, John Patitucci oder Bob James. Doch auch die können aus den schwülstigen Songs à la „My Romance“ mit Streicher-Synthies und in Hall erstickenden Gitarrenläufen nicht mehr alles herausholen - der Weichzeichnerstil von Cover und Booklet findet beim Sound seine Fortsetzung. Am ehesten gefällt noch „The Shadow of your Smile“ mit feiner Melodie und Perkussion.

 

Bootsy Collins: Play With Bootsy – A Tribute To The Funk (eastwest/Warner)

Der Titel des ersten Songs ist Programm: “Allstar Funk”. Bei den Aufnahmen für des Meisters neuestes Werk müssen sich big player wie Bobby Womack, George Clinton, Snoop Dogg oder Sly & Robbie die Klinke in die Hand gegeben haben – „Play With Bootsy“ war die Devise. Einziges Problem dürfte gewesen sein, sämtliche musikalischen Ideen und Einflüsse in einen homogenen Kontext zu bringen. Doch Funkateer Bootsy Collins hat mit 50 Jahren genau die nötige Routine, um housige Disconummern neben Ragga („A Life For Da Sweet Thing“) und souligen HipHop auf einem Album zu vereinen, ohne dabei seinen Liebling P-Funk zu vernachlässigen. Der schimmert – wegen der bisweilen etwas glatten Produktion vom gröbsten Dreck befreit – in jedem der 13 knackigen Songs durch.

 

Andy Winter Group: Delicate Move (Village/ZYX)

Andy Winter hat für sein neues Album “Delicate Move” nicht nur absolut versierte Musiker ins Studio geholt. Nein, dieser zusammengewürfelte Haufen spielt auch beängstigend perfekt zusammen. So muss der in Berlin lebende Winter an den Drums nicht den Kasper machen, sondern kann die virtuosen Soli seiner Mitstreiter synergetisch nutzen. Hiram Bullock an der Gitarre oder Pianist Jesse Milliner geben den instrumentalen Arrangements zwischen Funk, 70`s Fusion, Jazz und lateinamerikanischen Elementen den letzten Schliff. Zum Höhepunkt dieser abwechslungsreichen Leistungsschau entwickelt sich „Multi-Rhythmoculose“, bei dem Hans Peter Salentins Trompetensolo wunderbar über dem knackpräzisen Schlagzeug glänzt.

 

Caribbean Jazz Project: The Gathering (Concord/edel Contraire)

Das Caribbean Jazz Project hat seine verlorenen Söhne Dario Eskenazi und Paquito D`Rivera zurück ins Boot geholt und das fünfte Album „The Gathering“ beinahe in Originalbesetzung eingespielt. Weiterhin bestimmt die Mischung aus Neubearbeitungen von Jazzstandards und Eigenkompositionen das Geschehen – das Projekt um Dave Samuels und Dave Valentin zieht stets entlang der Route Mambo-Joropo-Songo. Typisch für den Stil des Latin Jazz dominieren die zahlreichen Percussion mit wirbelnden Rhythmusfinessen als Grundgerüst für die Improvisationen. Diese verlieren sich teilweise in einer musikalischen Sackgasse, wenn zu ambitioniert zu Werke gegangen wird. Perfekt umgesetzt wurde Oliver Nelson`s „Stolen Moments“: Im Cha-Cha-Gewand mit Vibraphon und erfrischender Querflöte bekommt der Klassiker eine ganz neue Note.

 

Dave Brubeck: Live With The LSO (London Symphony Orchestra)

Einer Jazzlegende wie Dave Brubeck sollte es gegönnt sein, im Alter von 80 Jahren zusammen mit dem London Symphony Orchestra einige seiner Hits in orchestralen Arrangements auf die Bühne zu bringen. Die Aufnahmen vom Dezember 2000 aus dem Londoner Barbican Centre verdeutlichen den Grat, auf dem Brubeck als Pianist stets wandelte: gerühmt als Innovator des Jazz, belächelt für seine Nähe zur Cocktail-Bar-Pianistik. So beginnt das Konzert mit dem beschwingten „Summer Music“ im Easy Listening-Stil, bei dem feine Nuancen im Pomp des Orchesterapparats untergehen. Die intensiven Momente sind eher die Passagen, in denen sich die Streicher zurücknehmen und Brubeck mit seinem typisch akkordischen Tastenspiel glänzen kann - insbesondere bei den Klassikern der Variationsmetrik wie „Blue Rondo à la Turk“ oder „Take Five“.

 

Le Peuple De L`Herbe: P.H. Test / Two (PIAS/Connected)

Mangelnde Vielseitigkeit ist Le Peuple De L`Herbe wahrlich nicht vorzuwerfen. In einen großen Topf werden alle Genres geworfen, die zum gepflegten Abhängen und Kopfnicken geeignet sind: HipHop, Jungle, Ragga, Breakbeats, Dub oder Reggae. Hauptsache, es groovt! Das Quartett aus Lyon tritt mit seinem Zweitwerk den Beweis an, dass es dank Spielfreude und reichlich Augenzwinkern in den Texten zum Besten gehört, was derzeit aus Frankreich zu Ohren kommt. Studiogast UK Apache bereichert das Beatgewitter bei „No Escape“ mit seinen flinken Vocals, während „1 Rythme 2 Chiens“ mit akzentuierter Trompete und weichem Flow überzeugt. Auffällig erscheint die Intensität, mit der bis auf einige Verschnaufpausen durch die Klanglandschaften gejagt wird - bei einem Volk des Rauchkrautes nicht unbedingt zu erwarten.

 

Malente: No Risk No Funk (Unique/PP Sales Forces)

Dieser Mann scheut wirklich kein Risiko, um den Funkateer aus dem Partysack zu lassen. Im Schein der Discokugel setzt Christoph Göttsch alias Malente alle Jetons auf das Feld „dreckiger 70`s Funk mit modernem Sound“, erinnert sich an den ersten großen Gewinn mit „The Spirit Of Malente“ von 2000 und schmunzelt siegessicher. Kurz nach Chekov also erneut ein Münsteraner, der mit „No Risk No Funk“ seine Trumpfkarte zieht. Und Malente weiß sich im stadtinternen Duell zu behaupten: Mit geschmackvollen Samples, pumpendem Bass, knackigen Bläsern und einem hohen Spaßfaktor spielt er seine Stärken aus, die „Funk The Rich“ am besten widerspiegelt. Bei den Kooperationen lässt der Ragga-Track „Listen Up“ mit K-Ross an den Vocals den Strike Boys-Track leicht hinter sich. „We Came To Party“ ist letztendlich, was zählt.

 

Nightmares On Wax: Mind Elevation (Warp/Zomba)

George Evelyn nimmt den Hörer wieder einmal mit auf eine Reise vor dem geistigen Auge. Im Gepäck hat der DJ aus Leeds, der schon seit über zehn Jahren als Nightmares on Wax veröffentlicht, sein viertes Album „Mind Elevation“. Zum Titel passt die Covergestaltung mit einem verwunschenen Märchenwald und fantastischen Farbspielen. Auf einer Lichtung im Gras hockend sinnieren Evelyn und die neue Teilzeitsängerin Melanie Blamforth über die Erbauung der Seele und lassen die Blicke schweifen. Dem Sound des Vorgängers „Carboot Soul“ von 1999 bleibt Evelyn weitestgehend treu: Geschmeidige HipHop-Beats in gemäßigtem Tempo, satte Bässe und opulente Streicher-Arrangements wie im siebenminütigen Opener „Mind Eye“ sind das prägende Labsal im NoW-Kosmos. Die energische und verführerische Stimme von Blamforth bereichert nicht nur das flockige „Environment“ und rechtfertigt vollkommen den verstärkten Vocal-Einsatz. Auch in den Instrumentalstücken haben die fein gesponnenen Melodien über den Beatschleifen angenehm balsamierende Wirkung. Mit zunehmender Dauer kann sich der Hörer genüsslich seinen Tagträumen hingeben. Dafür sorgt schon das Delay, Delay, Delay.

 

Richard Howell: Outlyer (R.C.Howell Music) & A Perfect Night In San Francisco (R.C.Howell Music/a.s.c.a.p.)

Outlyer werden diejenigen afrikanischen Sklaven genannt, denen bei ihrer Ankunft in Nordamerika die Flucht gelang und die fortan in Höhlen und Wäldern in Freiheit vor den Sklavengesetzen lebten. Saxophonist Richard Howell will mit Hilfe seiner Musik den Geist des Widerstandes auffrischen. Zur reduzierten und rhythmisch geprägten Begleitung von Bass, Schlagzeug und diversen afrikanischen Trommeln durchzieht das freie Spiel von Howell das gesamte Album. Ein expressiver, aber auch sehnsüchtiger Ton zeichnet seine minutenlangen Improvisationen aus - mal enger an ein simples Thema gebunden, mal bis in atonale Gefilde vorstoßend. Bei „A Perfect Night In San Francisco“, einem Livekonzert aus dem Herbst Theater, erweitert sich die Besetzung zu einem Sextett. Eine wichtige Rolle nimmt hierbei der kubanische Pianozauberer Omar Sosa ein, der neben Howell songtragende Akzente setzt. Der homogene Gesamtklang trägt zum erfreulichen Hörgenuss bei, den die sechs weitschweifigen Arrangements zwischen getragenen Passagen und temperamentvollen Ausbrüchen bieten.

 

Diverse: Soul Sessions (Giant Step/Groove Attack)

Das angesehene Label Giant Step hat sich zur Aufgabe gemacht, die Fahnen der Soul Music hochzuhalten. Mit „Soul Sessions“ starten die New Yorker eine Compilation-Reihe, mit der sowohl etablierte Größen als auch Neuentdeckungen vereint werden - Hand in Hand, denn wir sind eine Familie. Beim Plündern des eigenen Archivs kamen etliche Songperlen zum Vorschein: „The Essence“ (Herbie Hancock feat. Chaka Khan) überwindet im 14-minütigen Mix von Joe Claussell spielerisch die Grenze zwischen Jazz und moderner Klangästhetik; N`Dambi - die schon bei Erykah Badu sang – unterstreicht mit dem eindringlichen „Call Me“ ihren Weg zur Solokarriere; „Happiness“ von Shawn Lee serviert flotten Easy Listening und pure Freude. Die Zukunft der Soul Music ist gesichert – dank Veröffentlichungen wie „Soul Sessions“.